Archiv: Texte

In unserem Textarchiv finden Sie alle Artikel aus der deutschen Ausgabe seit 1995. Ausgenommen sind die Artikel der letzten drei Ausgaben.
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Ausgabe vom 15.02.2002


  • Der US-Multi Pfizer hat kapituliert. Der größte Pharmakonzern der Welt überließ dem General Accounting Office des Kongresses (GAO) seine Geschäftsunterlagen, um eine Nachkalkulation seiner Arzneimittelpreise zu ermöglichen. Nach Pfizer haben zehn weitere Unternehmen ihren Widerstand aufgegeben. Unterdessen wächst in Europa wie in den USA die Empörung über die immensen Gewinne der Arzneimittelbranche. Die armen Länder können sich die meisten Arzneimittel ohnehin nicht leisten. Die Geschichte von Zerit spricht Bände: Der erfolgreiche Anti-Aids-Wirkstoff wurde von Forschern der Yale-Universität entwickelt. Die Exklusivlizenz für die Produktion des Präparats ging an den Pharmakonzern Bristol-Myers-Squibb. Damit wurde der Erwerb für die Länder, die von HIV und Aids am stärksten betroffen sind, nahezu unmöglich gemacht.
  • Von IGNACIO RAMONET
  • Von NIELS KADRITZKE
  • Der französische Soziologe Pierre Bourdieu ist am 24. Januar im Alter von 71 Jahren gestorben. Buchtitel wie „Der Einzige und sein Eigenheim“ belegen, dass Pierre Bourdieu mehr und anderes als die rein theoretische Neugier getrieben hat. Er war der Vordenker einer wachsenden gesellschaftskritischen Bewegung und das Vorbild des engagierten Intellektuellen – engagiert nicht nur auf seinem Forschungsgebiet, sondern vor allem auch im Kampf für eine gerechtere Welt, die dem Raubbau an ihren natürlichen Ressourcen ein Ende setzt. Auf einer Konferenz mit griechischen Wissenschaftlern und Gewerkschaftsvertretern im Mai 2001 in Athen plädierte Bourdieu in seiner letzten Rede dafür, dass die Wissenschaft ihre Verantwortung für die Entwicklung einer neuen Gesellschaft begreifen und wahrnehmen muss. Wir drucken den Text dieser Rede.
  • AUCH nach dem 11. September verursacht das hohe Verkehrsaufkommen in der Flugindustrie umweltbelastende Emissionen. Die ökonomische Stabilität der Luftfahrt beruht hauptsächlich auf besonderen steuerlichen Privilegien. Diese Bevorzugung gegenüber anderen Transportmitteln hat dazu geführt, dass der Flugverkehr sich zu einem weltweit steuerlich entlasteten Wirtschaftssektor entwickelt hat, was eine globale gegenüber einer regionalen Ökonomie begünstigt. Zwar diskutiert man die Möglichkeit einer besseren Auslastung auf innereuropäischen Flügen sowie die teilweise Verlagerung des Personenverkehrs auf die Schiene. Doch ökologische Schutzmaßnahmen müssen sich in jedem Fall eindeutig wirtschaftlichen Richtlinien unterordnen.
  • DER mutmaßliche Selbstmord eines ehemaligen Enron-Managers und die Aussageverweigerung des früheren Enron-Chefs Kenneth Lay vor einem Kongressausschuss sind die jüngsten Episoden in der größten Firmenpleite der US-Geschichte. Durch den Enron-Bankratt haben die Beschäftigten nicht nur ihre Arbeitsplätze, sondern auch großenteils ihre Altersvorsorge eingebüßt. Der Fall des Energieriesen mit den tönernen Füssen macht deutlich, mit welchem Zynismus die Manager eines Unternehmens sich noch durch einen Ruin sanieren können, wie eng in den USA die Bande zwischen Multis und politisch Verantwortlichen sind, welche dubiosen Praktiken manche Wirtschaftsprüfer anwenden. Kurz: was ein dereguliertes, neoliberales Marktmodell so alles möglich macht.
  • DER Ausbruch des Vulkans Nyiragongo im Osten der Demokratischen Republik Kongo am 17. Januar 2002 und die Zerstörung großer Teile der Stadt Goma haben ein Schlaglicht auf die schwierigen Lebensumstände im Afrika der Großen Seen geworfen, das in den letzten Jahren immer wieder von Kriegen und Krisen heimgesucht wurde. Daraus ergibt sich zugleich die Chance, mit internationaler Hilfe den Wiederaufbau einer verwüsteten Region in Gang zu bringen. Dabei sind die grundlegenden sozialen Veränderungen der letzten Jahrzehnte zu berücksichtigen: wie etwa die Flucht in die Städte, die Aufweichung tribaler Loyalitäten und die Entwicklung grenzüberschreitender Handelsströme.
  • DER chinesischen Führung macht neben Tibet eine weitere Region große Sorgen: die überwiegend von Muslimen bewohnte Nordwestprovinz Xinjiang. Um den Einfluss islamischer Fundamentalisten zurückzudrängen und dem Turkvolk der Uiguren seine separatistischen Ambitionen auszutreiben, greift Peking neuerdings zu drastischen Maßnahmen. Dabei kann die Regierung auf das Verständnis der internationalen Gemeinschaft rechnen, indem sie behauptet, auch hier gehe es um den Kampf gegen den Terrorismus. In den Städten von Xinjiang sind heute im Straßenbild tatsächlich mehr verschleierte Frauen und vollbärtige Männer zu sehen. Doch in Peking begreift man nicht, dass die Uiguren erst recht radikalisiert werden, wenn die Zentralregierung eine Politik der Härte und Abschreckung, der Gängelung und Kriminalisierung unbequemer Gegner betreibt.
  • Von AMNON KAPELIOUK *
  • EINEINHALB Jahre nach dem Gipfel von Camp David im Juli 2000 stellen auch israelische Stimmen in Frage, was seither immer wieder behauptet wurde. Weder lässt sich der Vorwurf aufrechterhalten, Jassir Arafat habe die „großzügigen Vorschläge“ von Ehud Barak zurückgewiesen, noch ist Arafat aus der Logik der Oslo-Verträge ausgebrochen. Arafat bleibt unentbehrlich, wenn Israel überhaupt noch einen Friedensprozess will, argumentiert Jossi Beilin, ehemals Justizminister in der Regierung Barak. Doch um Arafats Autorität zu retten, muss es einen Palästinenserstaat geben. Damit widerspricht Beilin der Regierung Scharon, die Arafat mit ihrer Belagerungspolitik politisch erdrosseln will.
  • SEIT Beginn der Militärdiktatur 1976 hat Argentinien ein Vierteljahrhundert lang seine Staatsverschuldung vorangetrieben. In dieser ganzen Zeit sind die Einnahmen vorzugsweise in privilegierte Wirtschaftszweige geflossen, der Staat hat mehr und mehr abgedankt, die Industrieproduktion schrumpfte – bis im Dezember des letzten Jahres die Bevölkerung auf die Barrikaden ging. Die beiden verfeindeten großen Traditionsparteien Argentiniens – die Peronisten und die rechtsbürgerliche Radikale Partei – einigten sich in Windeseile auf einen Konsenskandidaten, und am 1. Januar wurde der Peronist Eduardo Duhalde zum neuen Staatspräsidenten gekürt. Doch die Bürgerproteste zeigen, dass gerade auch die beiden großen Parteien an Vertrauen eingebüßt haben. Die politische Klasse mit ihrer Arroganz und ihrer Vetternwirtschaft hat den Bogen überspannt.
  • Von DIANA QUATTROCCHI-WOISSON *
  • DIE Peso-Dollar-Parität ist wieder aufgehoben, der argentinische Präsident Eduardo Duhalde spricht gebetsmühlenartig von einem neuen Wirtschaftsmodell, von mehr sozialer Gerechtigkeit und dem Ende der neoliberalen Ära in Argentinien. Der IWF hat seine Verantwortung für die Wirtschaftskrise Argentiniens eingestanden – um gleich darauf Duhalde an seine Pflicht zu erinnern: Es gebe keinen Ausweg aus der Krise, der nicht schmerzen würde. Doch diese Schmerzen hat in Lateinamerika noch immer die breite Bevölkerung zu spüren bekommen, während die privaten ausländischen Gläubiger auf ihre Kosten kommen und auch der IWF seine Bilanz immer wieder ausgleichen kann.
  • Von ERIC TOUSSAINT *
  • DIE argentinische Mittelschicht rebelliert, in Bolivien gibt es gewalttätige Konflikte, die Menschenleben kosten, in Brasilien eskaliert der Kampf um Land und Boden, in Kolumbien werden Gewerkschafter ermordet, Chiapas wird vom mexikanischen Militär und paramilitärischen Gruppierungen unterdrückt, Venezuela von einem Generalstreik gegen die Landreform des Präsidenten Hugo Chávez lahm gelegt. Nach zwei Jahrzehnten einer ultraliberalen Politik ist Lateinamerika am Ende. Und die Bevölkerung hält nicht länger still. Doch zugleich können es sich die USA unter dem Vorwand „Kampf gegen den Terrorismus“ erlauben, auf die militärische Karte zu setzen, um die sozialen Protestbewegungen unter Kontrolle zu bekommen.
  • Die EU vereint sich ohne Harmonisierung. Der europäische Haft- und Auslieferungsbefehl ermöglicht es, Gesuchte auch dann zu verhaften, wenn das jeweilige Delikt im ausliefernden Land nicht strafbar ist. Die EU-Partner müssen ihre Strafgesetze also nicht vereinheitlichen. Und unter „Terrorismus“ darf jeder verstehen, was er will.
  • Drei Personen treten auf: Junis, ein Palästinenser, der in den Libanon geflohen ist und mit einem Blutgerinsel im Gehirn im Krankenhaus im Koma liegt; seine Frau Nahila, die in Galiläa geblieben ist; schließlich der Ich-Erzähler, ein junger Krankenpfleger, der dem väterlichen Freund Junis dessen Lebens- und Liebesgeschichte in Erinnerung zu rufen versucht. Der Widerstandskämpfer Junis hatte immer wieder heimlich die Grenze überschritten und in der Höhle Bab Al Shams (dt. „das Sonnentor“) seine Frau besucht. Eines Nachts hatte sie ihm die Unerträglichkeit ihrer Lage vorgehalten – das Leben einer verlassenen Frau, ein Schicksal, das sie mit so vielen Palästinenserinnen in Israel teilt. Davon erzählt der folgende Auszug.
  • Der türkische Schriftsteller Nâzim Hikmet engagierte sich schon mit 17 Jahren in der Linken und musste 1921 außer Landes gehen. 1937 wurde er in einem Schauprozess zu 29 Jahren Haft verurteilt, viele seiner bedeutendsten Werke – Prosa, Lyrik, Dramen – entstanden im Gefängnis. Nach seiner Freilassung 1950 emigrierte Hikmet in die UdSSR, wo er 1963 starb.
  • AM 11. Juli 2001 unterzeichnete Präsident Wladimir Putin drei Gesetzesänderungen, die eine Genehmigung für die Einfuhr atomarer Abfälle beinhalten. Zuvor hatte das russische Unterhaus im Hauruckverfahren den umstrittenen Gesetzentwurf zum Import strahlender Abfälle verabschiedet. Eine Rücknahmeverpflichtung ist darin nicht vorgesehen. Doch wie Umfragen zeigen, lehnt die Bevölkerung diese Importe mit überwältigender Mehrheit ab. Denn die Menschen wissen sehr wohl, wie bedenklich der Zustand der russischen Atomanlagen ist – und wollen nicht recht glauben, dass der Geldsegen, der angeblich bevorsteht, den Menschen im Land zugute kommen könnte.