Archiv: Texte

In unserem Textarchiv finden Sie alle Artikel aus der deutschen Ausgabe seit 1995. Ausgenommen sind die Artikel der letzten drei Ausgaben.
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Ausgabe vom 17.10.1997


  • Im algerischen Bürgerkrieg werden die Fronten immer undeutlicher. Während manche Stimmen von einem baldigen Ende des seit 1992 dauernden Konflikts sprechen, ist die grundlegende Auseinandersetzung zwischen den Islamisten und der Ordnungsmacht inzwischen überlagert von nicht minder gewaltsamen Kämpfen innerhalb der feindlichen Lager. Die bewaffneten Islamisten haben sich gespalten: Die Anhänger der Islamischen Heilsfront (FIS), die in der Islamischen Armee des Heils organisiert sind, treten für eine politische Lösung des Konflikts ein und halten seit dem 1. Oktober einen Waffenstillstand. Die Anhänger der Bewaffneten Islamischen Gruppen (GIA) hingegen wollen eine Fortsetzung des Volkskriegs. Im Lager der Machthaber verschärfen sich die Gegensätze zwischen den Militärs, die für eine politische Verständigung mit den Islamisten eintreten, und jenen, die auf vollständiger Vernichtung des Gegners beharren. Angesichts dieser Spannungen sind wieder einmal Putschgerüchte im Umlauf.
  • Von IGNACIO RAMONET
  • Das Attentat vom 4. September in Jerusalem hat acht Todesopfer gefordert. Darunter Smadar Elhanan, eine Jugendliche im Alter von vierzehn Jahren. Ein grausames Paradox: Ihr Großvater, General Mattityahu Peled, einer der Strategen des Blitzsiegs Israels im Jahr 1967, war danach zum Pazifisten geworden und zählte zu den Pionieren des israelisch-palästinensischen Dialogs. Ihre Mutter, Nurit Peled-Elhanan, bleibt dem Engagement ihres Vaters treu und klagt an: nicht die Palästinenser, sondern die Regierungspolitik von Benjamin Netanjahu.
  • AM 9. Oktober 1967 wurde in einem kleinen Schulraum im bolivianischen La Higuera Ernesto Che Guevara, der am Abend zuvor gefangengenommen worden war, erschossen. So endete das Leben des Revolutionärs, den Jean- Paul Sartre als das „vollkommenste menschliche Wesen unserer Zeit“ bezeichnet hatte, nachdem ihn seine Laufbahn in dem edlen Bemühen, das Leiden der Armen zu mindern, von Argentinien nach Guatemala, von Kuba in den Kongo und schließlich nach Bolivien geführt hatte. Der algerische Präsident Ahmed Ben Bella hat ihn in den Jahren 1962 bis 1965 oft in Algier getroffen, das damals allen Antiimperialisten der Welt als Zufluchtsort diente.
  • Von SERGE DEPAQUIT *
  • Von RICK FANTASIA *
  • Zwanzig Jahre nach der Krise im Stahlsektor stellt Lothringen ein Musterbeispiel dar: Nachdem die traditionelle Industrie verschwunden ist, wird nun japanische Billigware hergestellt. Wie andere europäische Regionen leidet auch Lothringen unter der „Jagd nach Vergünstigungen“. Die Unternehmen werden zunächst angezogen und verlegen ihren Standort ins Ausland, sobald die finanziellen Bedingungen dort günstiger sind. Daß dadurch das Leben vieler zerstört wird, spielt keine Rolle. Dabei war diese Region der Austragungsort einer der härtesten Schlachten der französischen Arbeiterbewegung, und die Erinnerung daran ist noch immer lebendig. Wenn neuerliche Firmenschließungen angekündigt werden, spornt diese Erinnerung zu neuem Widerstand an.
  • Der Republik Somaliland, die sich von der ehemaligen britischen Kolonie Somalia abgetrennt und 1991 ihre Unabhängigkeit proklamiert hat, mangelt es an jeglicher internationalen Anerkennung und Unterstützung. Doch trotz großer Armut und Isolation gelingt es ihr, auf friedliche Weise Demokratie und kulturelle Traditionen miteinander zu verbinden, und sie ist dabei so erfolgreich wie kaum eines der Länder Afrikas, die internationale Unterstützung erhalten.
  • SEIT mehreren Monaten propagieren die internationalen Finanzinstitutionen die Behauptung, der Schwarze Kontinent sei auf dem Weg zum Wohlstand. Eine Welle von Berichten bestätigte in den letzten Wochen diese These und berief sich dabei auf zweifelhafte Statistiken. Da wurden Wachstumsrate und Entwicklung miteinander verwechselt und die Last des Schuldenbergs ignoriert. Diese Manipulation verschleiert die Tatsache, daß die afrikanischen Völker die sichtbaren Opfer der Vertiefung der Ungleichheiten sind.
  • Von ÉRIC TOUSSAINT *
  • ALGERIEN und die Frauen, das ist eine lange Geschichte der Mißverständnisse. Während des Befreiungskampfes in den fünfziger und sechziger Jahren standen sie in vorderster Reihe; man rühmte die „Schwestern“ dafür, daß sie „wie Männer gekämpft“ hatten. Aber mit ihrer relativen Freiheit war es bald vorbei. Bereits 1972 wurden die Schotten wieder dicht gemacht: Im Familienrecht drohte die Bevormundung durch die Männer festgeschrieben zu werden. Erst nach massiven Protesten der Frauen rückte der Revolutionsrat zunächst von seinen Positionen ab. Seit Anfang der achtziger Jahre haben die Befürworter einer patriarchalischen Gesellschaft nun kräftige Unterstützung von seiten der islamistischen Bewegungen erhalten. Und die Auseinandersetzung ist blutig geworden. Malika berichtet.
  • VON den großen Hoffnungen, die am 16. Dezember 1990 durch die Wahl von Jean-Bertrand Aristide zum Präsidenten Haitis geweckt worden waren, ist wenig übriggeblieben. Zum einen haben die drei Jahre Militärdiktatur, die auf den Putsch vom September 1991 folgten, die bereits vorher instabile Wirtschaft regelrecht zerstört. Zum anderen haben sich mit der Rückkehr zur Demokratie im Oktober 1994 die Lebensbedingungen der Bevölkerung keinen Deut gebessert. Anstatt mit vereinten Kräften aufzutreten, zerfleischen sich die verschiedenen Gruppierungen des ehemaligen Lavalas-Bündnisses gegenseitig im Kampf um eine „Macht“, die de facto nichts ausrichten kann.
  • Von CHRISTOPHE WARGNY *
  • LANGE Zeit galt die tschechische Regierung als Musterbeispiel dafür, wie man wirtschaftliche Stabilität und sozialen Frieden erreicht, doch in diesem Jahr geriet sie ökonomisch wie politisch in die Krise. Es fehlte nicht viel, und der Kursverfall der Krone hätte zum Sturz der Regierung geführt. Paradoxerweise hat es Premierminister Václav Klaus nun den katastrophalen Überschwemmungen des letzten Sommers – und der dadurch ausgelösten Welle der Solidarität – zu verdanken, daß er mit halbwegs heiler Haut davongekommen ist. Die Krise indes hält an.
  • RUSSLAND und Tschetschenien haben sich am 9. September 1997 vertraglich geeinigt, daß Erdöl aus Aserbaidschan künftig über den russischen Hafen Noworossijsk auf den Weltmarkt gelangen darf. Weitere Erdöltrassen, davon eine zu einem georgischen, eine andere zu einem türkischen Hafen, sind geplant. In der Kaukasusregion, Schauplatz zahlloser Konflikte, haben also die weitreichenden Hoffnungen auf Reichtum durch Öl zu einer relativen Ruhe beigetragen. Allerdings bleibt fraglich, ob das schwarze Gold eine verläßliche Grundlage für regionale Stabilität bilden kann. Es steht eine Menge auf dem Spiel, nicht nur für die Anrainerstaaten am Kaspischen und am Schwarzen Meer, sondern auch für Rußland und die Vereinigten Staaten.
  • DIE neuen Kommunikationstechnologien werden sich einschneidend auf die journalistische Praxis auswirken. Insbesondere der Sprung von den bisherigen Printmedien zu den „Webjournalen“ auf dem Internet ist riesig, und es wird nicht nur darum gehen, bisherige Praxis auf ein neues Medium zu übertragen. Vielfalt, Gemeinschaft und Bewegung sind die Stichworte, um die es in einem neuen journalistischen Berufsverständnis geht.
  • WICHTIGSTES Ergebnis des XV. Parteitags der Kommunistischen Partei Chinas war, neben der Stärkung der Macht von Generalsekretär Jiang Zemin, ein neuer Anlauf zur „Reform“. Der Generaldirektor des Internationalen Währungsfonds, Michel Camdessus, erklärte, es sei „ermutigend“, daß die Führung in Peking „die in den nächsten Jahren entscheidende Aufgabe anpacken wird: die Umwandlung der Staatsbetriebe in effizient geführte Unternehmen“. Privatisierungen also, die zweifellos dazu beitragen werden, die bestehenden Ungleichheiten weiter zu verschärfen. Wie das China der Armut aussieht, von dem auf dem Parteitag nicht die Rede war, zeigt das Beispiel der Provinz Guizhou.
  • Angesichts all der Massaker könnte man glauben, daß ganz Algerien in einem Blutbad versinkt. Doch das ist keineswegs so. Manche Städte und Regionen sind bislang vom Schlimmsten verschont geblieben. Ein Beispiel ist Annaba, auch wenn Präsident Mohammed Boudiaf dort 1992 ermordet worden ist.