Archiv: Texte

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Ausgabe vom 17.05.2002


  • In Miraflores, dem Präsidentenpalast von Caracas, sitzt Hugo Chávez wieder fest im Sattel, wiewohl die Opposition weiterhin gegen ihn mobil macht. Der Versuch, den linken Caudillo zu stürzen, ist an der breiten Unterstützung gescheitert, die der populäre Präsident in der Bevölkerung genießt. Hinter dem Umsturzversuch stecken die mächtigen Interessengruppen der Hochfinanz und der Mittelschicht. Aber auch Teile des Militärs, auf das sich Chávez fest verlassen zu können glaubte, zeigten sich mit seinem Regime unzufrieden. Eine undurchsichtige Rolle spielen offensichtlich die „Bolivarischen Zirkel“, die auf Stadtteilbasis organisierten Unterstützergruppen des Präsidenten.
  • Über fast zwei Jahrhunderte erstreckt sich die Geschichte der blutigen Diktaturen Lateinamerikas. Die gehasste, bewunderte und mythologisierte Gestalt des despotischen Patriarchen hat ein eigenes literarisches Genre hervorgebracht – den Diktatorenroman. Dabei entstanden Meisterwerke der Weltliteratur.
  • SEIT dem Attentat auf das World Trade Center sei alles anders, behaupten Politiker und Publizisten in aller Welt. Für die USA ist damit die Frage aufgeworfen, wie die beste alle Welten ganz anders werden kann, ohne dass alles schlechter wird. Die Bush-Regierung predigt deshalb die noch intensivere Pflege patriotischer Werte. Die Krise erfüllt die konservative Sehnsucht nach dem „heilsamen Schock“, der die Angst vor dem sozialen Zerfall widerspiegelt. Aber die Wirkung des Schocks wird nicht ewig anhalten. Die Widersprüche der Politik, mit der die Regierung Bush die neue Realität bändigen will, zeigen sich als Erstes im Nahen Osten. Und sie werden sich auch auf das Verhältnis USA/Europa auswirken.
  • OB gentechnisch veränderte Organismen (GVO) unschädlich sind oder nicht, vermag derzeit kein Wissenschaftler mit Sicherheit zu sagen. Und doch verlangt die US-Regierung von der Europäischen Union, dass sie das seit 1998 wirksame Handelsmoratorium lockert und die Einfuhr von „Genfood“ erlaubt. Die Europäische Kommission wird sich dem Druck, den die Nahrungsmittelindustrie und Washington gemeinsam ausüben, nicht mehr lange widersetzen können – auch weil der zuständige EU-Kommissar Pascal Lamy nicht bereit zu sein scheint, das so genannte Vorsichtsprinzip zur Leitlinie seiner Politik zu machen.
  • DER Erfolg des Front National bei den französischen Präsidentschaftswahlen ist keine isolierte Erscheinung. In fast allen Ländern der Europäischen Union – und auch in Ländern des ehemaligen Ostblocks, wie etwa in Ungarn – haben rechtsextreme Parteien Rückenwind. Dabei haben die Nachfolger der Faschisten fast überall einen Modernisierungsschub durchgemacht. Sie haben gelernt, gleichzeitig wirtschaftlichen Ultraliberalismus zu predigen und soziale Maßnahmen anzukündigen, und sie halten sich formal an die Grundregeln der Demokratie. Aber wie ihre Vorgänger setzen sie beharrlich auf „nationale Werte“ wie auf die Autoritätshörigkeit verunsicherter Bürger – und schüren die Xenophobie.
  • ARIEL Scharon war lange Zeit in den USA Persona non grata, und auch nach dem 11. September sahen die Amerikaner die israelische Regierung nicht automatisch als Verbündeten im Kampf gegen den Terror. Während Scharons Stern seit dem Ende des Afghanistankriegs steigt, ist der von Arafat längst gesunken, auch wenn Bush derzeit gegenüber Scharon auf Arafat als Verhandlungsperson besteht. Da Scharon mit seinem Einmarsch in die Autonomiegebiete die Nachbarstaaten auf den Plan brachte, haben die Amerikaner in den letzten Monaten ihr zurückhaltendes Wohlwollen zugunsten intensiver diplomatischer Bemühungen aufgeben müssen.
  • DIE UN-Untersuchungskommission zu den Vorgängen bei der Besetzung des Flüchtlingslagers Dschenin durch israelische Truppen kam nicht zustande, weil die Regierung Scharon unhaltbare Bedingungen stellte. Es sollten nur Soldaten interviewt werden, denen Israel die Aussage genehmigt. Die Aussagen sollten für ein internationales Gericht nicht verwendbar sein. Und die Kommission sollte aus ihren Ermittlungen keine Schlüsse ziehen. Die Torpedierung der UN-Untersuchung stärkt den Verdacht, dass sich unter den Ruinen von Dschenin etwas verbirgt, was dem Ansehen Israels schaden könnte. Umso wichtiger sind Berichte, die sich auf israelische und palästinensische Augenzeugen stützen.
  • VOM 24. bis 29. März 2002 besuchte eine Delegation des Internationalen Schriftstellerparlaments Israel und die besetzten Gebiete. Teilnehmer der Mission waren Russell Banks (USA), Bei Dao (China), Breyten Breytenbach (Südafrika), Vincenzo Consolo (Italien), Juan Goytisolo (Spanien), José Saramago (Portugal), Wole Soyinka (Nigeria) und Christian Salmon (Frankreich). Dessen Bericht redet von den Planierraupen, die in den besetzten Gebieten am Straßenrand stehen, von der zerstörten Landschaft und von der Architektur der Siedlungen, die mehr Bollwerke denn Lebensräume sind. Ein klammheimliches elftes Gebot scheint über das Land verhängt: „Du sollst nicht wohnen.“
  • IN allen Ländern der Welt findet die Ausbildung von Ärzten und medizinischem Personal in unkoordinierten Schüben statt, sodass es mal im einen, mal im anderen Land zu einem drastischen Fachkräftemangel kommt. Der Westen ist mit seinem Lebensstandard und der Ausstattung von Kliniken und Forschungseinrichtungen noch immer attraktiv genug, um seinen Bedarf an qualifizierten Ärzten und Pflegekräften zu decken, wenn nötig eben im fernen Ausland: Jeder fünfte praktische Arzt in Großbritannien stammt aus Asien, fast jeder vierte Mediziner in den USA hat seine Ausbildung im Ausland absolviert. Für das Gesundheitswesen in den Herkunftsländern hat das fatale Folgen.
  • Im März wurde Robert Mugabe erneut zum Staatspräsidenten Simbabwes gewählt. Trotz unzweifelhafter Manipulationen haben die beiden wichtigsten afrikanischen Länder, Südafrika und Nigeria, seine Wiederwahl begrüßt. Die Kritik der internationalen Gemeinschaft hat aus afrikanischer Sicht eine heuchlerische Seite. Denn viele der Kritiker sehen Mugabes „Verbrechen“ nicht in der Wahlmanipulation, sondern in der Umverteilung von Land, das die weißen Farmer seit Kolonialzeiten monopolisieren. Hier tickt eine Zeitbombe, die auch in anderen Ländern Afrikas hochgehen könnte.
  • Der Überraschungserfolg von Jean-Marie Le Pen bei der französischen Präsidentschaftswahl hat seine Ursache zum Teil in sozialen Missständen und in einer weit verbreiteten Angst vor „Unsicherheit“. Dabei beschränkten sich die französischen Medien ebenso wie die Vertreter der großen Parteien darauf, die Straßenkriminalität zu beschwören, während die Unsicherheit am Arbeitsplatz und die Angst der Menschen vor dem sozialen Absturz kaum erörtert wurden. In fast allen Ländern Europas wird in puncto Sicherheit auf die angeblichen Erfolge in Amerika, insbesondere in New York, verwiesen. Aber: Sind Straßen und Plätze in den großen Städten wirklich so unsicher geworden? Was sagt die Kriminalitätsstatistik? Und vor allem: Was taugen die amerikanischen Erfolgsmeldungen?
  • SEIT im März bei einem Brand in einer Mädchenschule 14 Jugendliche umkamen, sind in Saudi-Arabien die Missstände in den Mädchenschulen ins Zentrum der Auseinandersetzungen gerückt. Prinz Abdallah sah sich gezwungen, die Unterstellung der Mädchenschulen unter eine besondere religiöse Instanz aufzuheben. Das Kräfteverhältnis zwischen weltlicher und religiöser Macht (sprich zwischen Königshaus und Ulemas) ist nach wie vor ungeklärt. Dabei hat in letzter Zeit – entgegen der vorherrschenden Wahrnehmung im Westen – eine vorsichtige politische Öffnung stattgefunden, mit der sich eine immer selbstbewusstere zivile Öffentlichkeit als ernsthafte Konkurrenz zur religiösen Öffentlichkeit herausbildet. Mögliche Reformen zeichnen sich ab, die allerdings die Unterordnung des Regimes unter die US-amerikanische Vormacht in Frage stellen dürften.
  • IM Juni soll der aus dem Exil zurückgekehrte afghanische Exkönig Sahir Schah in Kabul die Große Ratsversammlung, die „Loja Dschirga“, eröffnen, um eine neue Übergangsregierung auf breiter Basis zu bilden. Aber das Land ist alles andere als befriedet, und mancher „weise Führer“ ist hauptberuflich nach wie vor als Warlord tätig. In der Provinz Paktia etwa liefern sich die Clans von Khan Sadran und Mohammed Mustafa einen unerbittlichen Machtkampf. Attentate sind an der Tagesordnung. Unterdessen setzen US-Truppen und ihre Verbündeten die Jagd auf Taliban- und Al-Qaida-Kämpfer fort. Wenn es keinen großen gemeinsamen Aufbruch und keine substanzielle Auslandshilfe für eine politische und wirtschaftliche Konsolidierung gibt, wird Afghanistan wieder im Chaos versinken.
  • Anfangs ging es um Wasser und öffentliche Versorgungsbetriebe, und zwar nur in einem einzigen Land: Frankreich. Dann bekam das Unternehmen einen anderen Namen: Vivendi Universal. Und es wuchs. Wenn der weltweit zweitgrößte Medienkonzern und größte private Arbeitgeber Frankreichs, Vivendi-Universal, jetzt kränkelt, ist nicht nur die Medienbranche betroffen. Die Vertrauenskrise droht auch die Finanzmärkte insgesamt zu erfassen.
  • Von FRÉDÉRIC LEBARON *
  • Von FRANCK POUPEAU *
  • Die Digitaltechnik ist auf dem Vormarsch. Der Druck auf Hersteller und Konsumenten, sich in die Welt aus Nullen und Einsen einzufügen, wächst. Damit künftig via Multimedia-Handy ein bestimmter Aktienkurs abgefragt werden kann, damit über die Telefonleitung Fotos gefunkt und über High-Tech-Geräte Musikdateien heruntergeladen werden können und damit, nicht zuletzt, die Kommunikationstechnologie-Unternehmen bei all diesen Prozeduren ihren Profit abschöpfen können, konzentriert sich derzeit alles auf die Frage der „Konvergenz“, auf die Vereinheitlichung an den Schnittstellen von Inhalt, Programmen und Technologien.
  • Konzernchef: Jean-Marie Messier
  • WAS wird aus den Mördern, wenn sie erst einmal im Knast sitzen, fragte sich der US-amerikanische Drehbuchautor Tom Fontana, als er Anfang der Neunzigerjahre die Fernsehserie „Homicide“ produzierte. Fontana ist einer, der seine Ideen verfolgt – und so entstand fernab von Hollywood und dessen Soap-Diktat in den letzten Jahren die erfolgreiche Fernsehserie „Oz“, die mit hartem Realismus die Insassen eines Gefängnisses porträtiert. Schonungslos konfrontiert sie den Zuschauer mit all dem Hass und den Machenschaften, mit denen die Häftlinge sich gegenseitig malträtieren, erniedrigen oder aus dem Weg räumen.