Archiv: Texte

In unserem Textarchiv finden Sie alle Artikel aus der deutschen Ausgabe seit 1995. Ausgenommen sind die Artikel der letzten drei Ausgaben.
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Ausgabe vom 16.04.1999


  • VON IGNACIO RAMONET
  • Während die Regierungen in den Vereinigten Staaten und in Europa gleichgültig zuschauen, wie im Industrie- und Finanzsektor riesige Unternehmensgruppen entstehen, zeigen die Verantwortlichen bei der Verbrechensbekämpfung großen Einfallsreichtum und überbieten einander mit immer neuen Projekten. Handelt es sich hierbei um eine zufällige Gleichzeitigkeit? Die großen Medien wiederum übersehen nur zu oft, daß die „städtische Gewalt“ auch eine Folge der wachsenden sozialen Unsicherheit ist, und tragen ih Teilzu jener , die Gefahren zu definieren, die der Gesellschaft angeblich drohen. Einige der gängigen Rezepte gegen das Übel (“Null-Toleranz“, Ausgangssperre, Streichung der Familienbeihilfe für Eltern straffälliger Jugendlicher, schärfere Strafen für Minderjährige) stammen aus den Vereinigten Staaten. Sie bergen dort – wie auch in Europa – die Gefahr, daß die soziale Kontrolle ausgeweitet wird und die Zahl der Häftlinge sprunghaft ansteigt.
  • Die Pflicht zur Faulheit
  • DER in den industrialisierten Ländern vorherrschende Gesundheitswahn hat pathologische Züge entwickelt. Die Gesundheitsversorgung schafft unablässig neue Behandlungsbedürfnisse. Aber mit wachsendem Angebot entwickeln die Menschen auch immer mehr neue Probleme, Nöte und Krankheiten. Man verlangt vom Fortschritt, dem körperlichen Leiden ein Ende zu setzen, den Erhalt jugendlicher Frische zu garantieren und das Leben ins Endlose zu verlängern. Dabei übersehen die Menschen beinahe, daß Alter, Schmerz un Tod zur condition humaine dazugehören.
  • DER Krieg, den die Nato gegen Serbien begonnen hat – ein Krieg, den Rußland und China verurteilen und der außerhalb des Rahmens der Vereinten Nationen geführt wird – bestätigt die neue Rolle der Atlantischen Allianz. Exakt zum Zeitpunkt ihrer Osterweiterung greift die Organisation erstmals in ihrer Geschichte direkt in die inneren Angelegenheiten eines souveränen Staates ein. Nachdem sich ihre ursprüngliche Aufgabe, der „sowjetischen Bedrohung“ entgegenzutreten, überlebt hat, ist die Atlantische Allanz he mehr denn je ein Instrument, das die amerikanische Hegemonie in Europa umsetzen soll.
  • Von GILBERT ACHCAR *
  • Fürs erste haben die Nato-Bombardements den serbischen Nationalismus angeheizt, denn über die Frage des Kosovo – der „historischen Wiege“ der Nation – herrscht Einmütigkeit im Lande. Folglich hat Präsident Milosevic sich den Verbleib des Kosovo bei Serbien zum Sprungbrett seiner Macht erkoren. Doch schon vor den Nato- Bombardements befand sich das Land in einer schweren Krise. Die diplomatische Isolation ist begleitet von wachsender Armut, Korruption und Vetternwirtschaft. Daß die Regierung gleichwol überdauert, liegt am taktischen Geschick Milosevic', dem es gelungen ist, die Opposition entweder zum Verbündeten zu machen oder in der Öffentlichkeit in Mißkredit zu bringen. Diese Reportage stammt aus der Zeit vor dem Krieg. Am 11. April erfuhren wir, daß der Herausgeber der oppositionellen Zeitung Dnevni Telegraf, Slavko Curuvija, in Belgrad von Unbekannten erschossen wurde.
  • Von MIGUEL ANGEL MORATINOS *
  • WAS mag geschehen am 4. Mai 1999, wenn die Autonomieperiode in den palästinensischen Gebieten endet? PLO-Chef Arafat wird die Ausrufung eines unabhängigen Staates möglicherweise verschieben, doch die Probleme, für die bereits in den Verträgen keine Lösung gefunden wurde, bleiben weiter bestehen. Israel hat sich einiger Lasten der Besatzung entledigt; eine Instanz, um wegen Nichterfüllung der Verträge Klage zu führen, gibt es nicht.
  • AUCH nachdem der ehemalige Kommunist Massimo D'Alema am 21. Oktober 1998 die Regierung gebildet hat, setzt die italienische Linke ihre politischen Spiele mit alter Vehemenz fort. Nach zahlreichen Regierungsauflösungen und –umbildungen verfügt D'Alema heute nur noch über eine Scheinmehrheit. Das Land steht vor einem Wahlkampfmarathon. Doch die ständigen Veränderungen in der Regierungszusammensetzung sowie die fortgesetzte Wirtschaftskrise demobilisieren die linken Stammwähler.
  • WENN gesellschaftliche Gewalt immer mehr Menschen ausgrenzt, gewinnt das Problem der Straftaten, gerade in den besonders betroffenen Wohngebieten, eine bedrohlich konkrete Gestalt. Aber es kann gelingen, die Spannungen abzubauen – durch geeignete kommunale Maßnahmen, durch entschlossene Initiativen und die Bereitschaft zum Dialog. In der französischen Stadt Trappes ist die Arbeitslosenquote hoch, viele Einwohner leben von der Sozialhilfe. In den Medien wird die Stadt oft als hoffnungsloser Fall darestellt – doch in dieser Stadt tut sich was. Seit Anfang der neunziger Jahre bieten Theatergruppen, Sportvereine und andere Institutionen die Möglichkeit, der Sinnlosigkeit eines gleichförmigen Alltags und der allgegenwärtigen Gewalt zu entfliehen.
  • DER Rücktritt der Europäischen Kommission in der Nacht vom 15. auf den 16. März hat die funktionalen Schwächen der europäischen Institutionen deutlich gemacht. Aber das allerorten beschworene „Demokratiedefizit“ erklärt sich weniger aus der mangelnden Kontrolle durch das Europäische Parlament als aus der tiefen Kluft zwischen den Bürgern der Mitgliedstaaten und den europäischen Institutionen bzw. der Europäischen Zentralbank. Zu bekämpfen ist dieses Defizit nur durch eine stärkere Einbeziehung der ntionaen Parlamente.
  • SEIT dem Zweiten Weltkrieg war für die Vereinigten Staaten das Wirtschaftswachstum und die Stabilität Japans ein entscheidender Faktor im weltweiten Kampf gegen den Kommunismus. Obwohl sich die japanischen Politiker dieses Drucks von außen immer bewußt waren, haben sie die amerikanischen Störmanöver gegen ihr „staatliches“ Entwicklungsmodell in den letzten zehn Jahren als Anmaßung empfunden. Heute hat es keine andere Wahl, als die marktwirtschaftliche Doktrin der Amerikaner zu übernehmen – auch auf die Gefahr hin, daß der gesellschaftliche Zusammenhalt des Landes darüber zerbricht.
  • U PHILIP S. GOLUB *
  • MIT Hilfe von Mikrokrediten konnten Millionen Arme den Teufelskreis der Armut durchbrechen. Die ungewöhnlich hohe Rückzahlungsquote hat dazu beigetragen, daß dieses System, das Anfang der achtziger Jahre in Bangladesch erfunden wurde, sich auf alle Kontinente ausweiten konnte. Heute soll es der Bevölkerung von Polarkreisregionen ebenso angedient werden wie den Bewohnern der Ghettos von Chicago. Absehbar war auch, daß die Privatbanken ihr Interesse an Mikrokrediten entdecken würden, nachdem sie sich unächst eher skeptisch bis feindselig verhalten hatten. Der Mikrokredit und seine punktuellen Erfolge werden nunmehr zum Alibi, das die programmatischen Entwicklungen der Welthandels- und Entwicklungskonferenz der Vereinten Nationen (Unctad) rechtfertigen soll, die darauf hinauslaufen, die öffentlichen Finanzhilfeprogramme zugunsten eines Engagements des privaten Sektors zu kürzen.
  • ZUM hundertsten Mal jährte sich 1998 der Beginn der US-amerikanischen Kolonialherrschaft über Puerto Rico. Vor 47 Jahren erlangte die Insel den Status eines assoziierten Freistaates (Estado Libre Associado, ELA), eine Form begrenzter Autonomie innerhalb der verfassungsmäßigen Ordnung der Vereinigten Staaten. Einige Abgeordnete des amerikanischen Kongresses betrachten diesen Modus als eine zu kostspielige Zwitterform und fordern einen neuen Status für Puerto Rico. Die Diskussion über diese Frage bewet aber auch die politischen Kräfte auf der Insel. Am 13. Dezember 1998 haben die Puertoricaner in einem Referendum die Unabhängigkeit klar abgelehnt, einem vollen Anschluß an die Vereinigten Staaten aber den umstrittenen Status quo vorgezogen.
  • SEIT über einem Jahr besteht im scherifischen Königreich Marokko eine politische Situation, die in der arabischen Welt höchst ungewöhnlich, wenn nicht einzigartig ist: Als Ergebnis der Parlamentswahlen vom Winter 1997 steht ein sozialistischer Ministerpräsident, Abderrahmane Youssoufi, an der Spitze einer Koalitionsregierung, in der, neben einigen Ministern, die von König Hassan II. ernannt wurden, die wichtigsten Kräfte der Linken vertreten sind. Die neue Regierungsmannschaft hat in dem Land, das nch wie vor von großer sozialer Ungleichheit geprägt ist, wichtige Reformen auf den Weg gebracht, und zwar auf wirtschaftlichem, sozialem und kulturellem Gebiet, aber auch hinsichtlich der Pressefreiheit und der Achtung der Menschenrechte.
  • ALLERORTEN rühmt man die vielfältigen Vorzüge des Internet: Das Netz fördere Solidarität und Entwicklung, es könne die weltweite soziale Ungleichheit abbauen. Ob diese Technologie aber tatsächlich der Demokratie dient, ist äußerst zweifelhaft. Denn Freiheit wird als Freiheit des Zugangs verstanden, was angesichts der Kosten für den Server Theorie bleibt, und Gleichheit als die Gleichheit der Nutzer, ohne Rücksicht auf Unterschiede im Ausbildungsniveau. Die Funktion des Internet, die Vermittlung, wir zu seiner Substanz. Die Kommunikation per e-mail ist nicht nur eine Zwischenform von schriftlicher und mündlicher Verständigung, hier vermischen sich auch Öffentlichkeit und privater Bereich. Virtualität heißt das neue Zauberwort, und wo das Politische zum Anhängsel des Technischen wird, spielen auch ökonomische Fragen keine Rolle mehr.