Archiv: Texte

In unserem Textarchiv finden Sie alle Artikel aus der deutschen Ausgabe seit 1995. Ausgenommen sind die Artikel der letzten drei Ausgaben.
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Ausgabe vom 11.09.1998


  • FÜR die Befreiungsarmee des Kosovo (UCK) haben die Kämpfe dieses Sommers eine klare Niederlage gebracht. Die serbischen Truppen kontrollieren wieder weite Teile der Provinz, die zu 90 Prozent von Albanern bewohnt ist. Neben dem militärischen Sieg kann Slobodan Milošević auch einen politischen Sieg verbuchen: Sanktionen der Europäer oder der internationalen Gemeinschaft sind ausgeblieben. Doch die unerbittliche serbische Repression hat die Mehrheit der Albaner radikalisiert. Inzwischen sind mehr als 200000 Menschen entwurzelt. Hunger, Durst und die serbische Politik der verbrannte Erde haben etwa 70000 Flüchtlinge über die Grenzen getrieben, unter anderem nach Makedonien, wo eine weitere Destabilisierung dieser Republik mit ihrer unruhigen albanischen Minderheit droht. Auch die Entwicklung in Bosnien ist wenig ermutigend: die Dayton-Abkommen haben die Probleme, die dem Aufbau eines multiethnischen Bosnien im Wege stehen, nicht gelöst. Auch nicht das dringlichste: Noch immer wollen oder können die Flüchtlinge nicht in ihre Häuser zurück.
  • Von ALAIN GRESH
  • In der Männerwelt des afrikanischen Filmschaffens gewinnen Frauen seit zwanzig Jahren an Terrain. Mit ihrem Blick durch die Kamera dokumentieren sie ihre Welt, ertasten Ort und Zeit der aktuellen afrikanischen Wirklichkeit zwischen Tradition und Moderne.
  • IN Burkina Faso hat die Regierung vor zwei Jahren einen entschiedenen Kampf gegen den Brauch der Frauenbeschneidung aufgenommen. Nach jahrelangen Bemühungen ist das Thema nun nicht mehr tabu, und die Einstellung dazu beginnt sich zu ändern, wenn auch erst langsam: 66 Prozent der Frauen sind angeblich nach wie vor beschnitten, vor zwanzig Jahren waren es noch 70 Prozent. Wenn die Familien ihre Töchter weiterhin operieren lassen, tun sie das heimlich, und bei immer kleineren Kindern. Für Komplikationen wird „Hexerei“ verantwortlich gemacht. Es wird jedoch noch einige Zeit dauern, bis eine Praxis tiefgreifend ausgerottet ist, die jede Gemeinschaft mit ihren Ahnen verbindet und den Kern der sexuellen Identität berührt.
  • DIE Geburtsstunde der Berliner Republik schlug am 3. Oktober 1990, dem Datum der Vereinigung der Bundesrepublik mit der DDR. Damals wußten Enthusiasten wie Skeptiker der Einheit ziemlich genau, was von dem neuen Staat zu erwarten wäre. Erstere erinnerten sich Thomas Manns und statuierten: „Für ein europäisches Deutschland, und nicht für ein deutsches Europa“. Letztere sahen die Gefahr einer neuen deutschen Großmacht heraufziehen, die an die alte Hegemonialpolitik des Deutschen Reiches anknüpfen würde. Heute, im Wahlsommer 1998, weiß niemand mehr so genau, wofür die neue „Berliner Republik“ eigentlich steht. Doch jenseits des starren Blicks auf das Nationalgefüge fehlt es auch an zivilgesellschaftlichen Visionen – vom Standort Europa hinaus in die Welt.
  • Die neue Regierung Indonesiens hat Verhandlungen mit Portugal über die Zukunft Osttimors aufgenommen. Die Vereinten Nationen sehen die ehemalige Kolonialmacht Portugal als legitimen Verwalter Osttimors. Schlüsselfrage der Gespräche ist die timoresische Forderung nach einer Volksabstimmung über den künftigen Status des Landes. Sie ist der Stein des Anstoßes für Indonesiens Präsident Jusuf Habibie, der das Auseinanderfallen des Inselstaates befürchtet. Für Indonesien bedeutet die Unabhängigkeit Osttimors ein Risiko, das mit dem Angebot einer Teilautonomie abgewendet werden soll.
  • Der jüngste nordkoreanische Raketentest und Japans harsche Reaktion darauf belegen, wie gespannt die Lage in diesem Teil Asiens ist. Das Regime von Pjöngjang droht damit, sein Atomprogramm wiederaufzugreifen, die Hungersnot verheert die Lage, doch aus dem Zentrum der Macht dringen kaum Informationen nach außen. Die Äußerungen des Überläufers Hwang Jang Yop, der im Februar 1997 in der südkoreanischen Botschaft in Peking Asyl suchte, gewähren hingegen einen Blick hinter die Fassade des Regimes. Hwang Jang Yop äußerte sich im Gespräch mit Selig S. Harrison erstmals gegenüber einem westlichen Journalisten.
  • OBWOHL der Ölpreis weiter fällt, erwartet die algerische Wirtschaft für 1998 ein Wachstum von 4 Prozent. Die Regierung hat also unbestreitbare ökonomische Erfolge vorzuweisen. Weniger erfolgreich sind ihre Bemühungen, den zunehmenden Einfluß privater Interessen auf die Wirtschaft des Landes einzudämmen. „Verdeckte Interessengruppen“ – wie die algerischen Medien sie nennen – versuchen, Handelsmonopole zu schaffen und gleichzeitig die Regierung zur baldigen Privatisierung oder Auflösung der besonders profitablen Staatsunternehmen zu zwingen.
  • Von DJILLALI HADJADJ *
  • DIE Freigabe des Rubelkurses, die am 17. August angekündigt wurde, trägt zur Ausbreitung der weltweiten Wirtschaftskrise bei. Folge dieser faktischen Abwertung ist der Zusammenbruch von Banken, was wiederum den Niedergang der russischen Wirtschaft zu beschleunigen droht. Jelzins Entscheidung unterminiert seine eigene Glaubwürdigkeit, aber auch die des Internationalen Währungsfonds (IWF), der Rußland einen Kredit gewährt hat, dessen extrem milde Bedingungen in krassem Gegensatz zu der Brutalität stehen, mit welcher der IWF die asiatischen Länder behandelt hat. Die internationale Krise rückt auch Europa immer näher. Rußlands Wirtschaftsbeziehungen mit den Ländern der EU, vor allem mit Deutschland, sind sehr eng. Dennoch liegt das Epizentrum dieser Finanzkrise mehr denn je in den Vereinigten Staaten, von deren Aktienmärkten alle anderen abhängen.
  • SEIT einigen Monaten wird in Paris ein Thema diskutiert, das zu einem „Ruandagate“ werden könnte. Linke wie rechte französische Regierungen hatten zwischen 1990 und 1994 in Ruanda ein Regime unterstützt, auf dessen Konto in der Folgezeit einer der vier Völkermorde des 20. Jahrhunderts gehen sollte. Seit März 1998 arbeitet ein parlamentarischer Informationsausschuß an der Aufarbeitung dieser Politik. Die späte Gewissensprüfung anläßlich dieses dramatischen Falls hilft womöglich der ehemaligen französischen Kolonialmacht, die weiter ihrer afrikanischen „Berufung“ nachhängt, die Grundlagen für eine neue Art von Partnerschaft in der Region der Großen Seen wie auch in ganz Afrika zu legen. Das setzt voraus, die Bedingungen für Auslandseinsätze der französischen Streitkräfte neu zu definieren. Zugleich könnte Frankreich damit auch einige offene Rechnungen mit sich selbst begleichen.
  • DIE Vereinigten Staaten und Japan haben auf die indischen und pakistanischen Atombombenversuche im Mai 1998 umgehend mit Sanktionen reagiert – während Europa die nuklearen Texts lediglich verurteilt hat. Sowohl die Tests selbst als auch die Reaktionen darauf zeigen, wie sehr sich die Kräfteverhältnisse in Asien verändert haben. Die führenden Staaten der internationalen Gemeinschaft, zumal die USA, werden es sich künftig nicht mehr leisten können, die drei asiatischen Großmächte – Japan, China und Indien – in ihren Überlegungen zu vernachlässigen.
  • Mittlerweile ist offenkundig, daß die Wirtschaft eine schwere Depression durchlebt. Die Rettungsszenarien des IWF können die Wogen nicht mehr glätten, und auch die europäischen Geldmärkte bleiben von den Turbulenzen nicht unberührt. Die Stagnation des Wachstums – auf das gerade die Linke in der Vergangenheit vielfach setzte – gibt einen Vorgeschmack auf schwierigere Zeiten. Kann und soll die Politik neue Wege einschlagen? Auf welche Weise soll und wird sie sich von den überkommenen Denkbarrieren und Ideologemen lösen können? In vielen Ländern gibt es mittlerweile öffentliche und private „think tanks“, die – wie die in Paris ansässige Saint-Simon-Stiftung – eine Vermittlerrolle zwischen Linken und Rechten eingenommen haben. Eine Elite aus Wirtschaft, Verwaltung, Geschichts- und Sozialwissenschaft vernetzt ihr Wissen und ihre Beziehungen und beeinflußt zunehmend politische Entscheidungen, die somit die Aura von „objekten Notwendigkeiten“ erhalten.
  • DIE Türkei versucht den EU-Beitritt Zyperns mit allen Mitteln zu torpedieren: Sie verhindert, daß türkische Zyprioten sich an einer gesamtzypriotischen Verhandlungsdelegation beteiligen, und droht, wenn die offiziellen Beitrittsgespräche beginnen sollten, den seit 1974 besetzten Norden der Insel zu annektieren. Doch die Hauptgefahr für eine Eskalation liegt in der „S-300-Krise“, die mit der Bestellung russischer Boden-Luft-Raketen durch die Regierung in Nicosia ausgelöst wurde. Ankara hat mehrfach angekündigt, es werde die Raketen vernichten. Nun hat Präsident Klerides die Stationierung bis November aufgeschoben und sucht gemeinsam mit Athen eine Lösung, die eine Lieferung der S-300 überflüssig macht, zumal er die EU-Beitrittsperspektive nicht nachhaltig beeinträchtigen will.