Archiv: Texte

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Ausgabe vom 16.05.2003


  • Im Irak zeigt sich erneut, dass es leichter sein kann, einen Krieg zu gewinnen, als die komplexen Probleme einer Nachkriegsordnung zu bewältigen. Historisch kam bei der Stabilisierung von Staaten nach einem militärischen Konflikt immer wieder das Protektoratsmodell zum Zuge. Dass eine treuhänderische Verwaltung nicht unbedingt zum Ziel führt, zeigt die Entwicklung in Bosnien-Herzegowina und im Kosovo. Hier war das Protektoratsmodell der letzte Ausweg, weil das Selbstbestimmungsrecht durch die ethnischen Konflikte diskreditiert war. Doch die Oberhoheit einer „wohlwollenden“ fremden Macht kann zu einem „Abhängigkeitssyndrom“ führen, das die soziale Reintegration eher behindert. Und sie kann nationalistische Gefühle wiederaufleben lassen, die sich gegen die Schutzherrn wenden. Gelingt es diesen nicht, ein allgemeines Staatsbürgerbewusstsein zu fördern, wird jedes Protektorat am Ende scheitern.
  • G 8: SINNBILD ODER WELTREGIERUNG
  • Von NORBERT MAPPES-NIEDIEK *
  • DER Irakkrieg war für die USA auch deshalb attraktiv, weil sie die neuesten Waffensysteme bei geringen Eigenverlusten erproben konnten. Die neuen Technologien bestimmten die Operationen auch auf taktischer Ebene. So machte die neue Software das fast zeitgleiche Erfassen und Zerstören eines Ziels möglich, aber auch die erstaunliche Autonomie der Kampfeinheiten, die zu überschüssiger Gewalttätigkeit gegen Zivilisten führte. Damit hatte der absolute Militarismus das paradoxe Ergebnis, die Figur des „lonely cowboys“ zu reanimieren.
  • ERWARTUNGSGEMÄSS haben die Vereinigten Staaten den Krieg gegen den Irak gewonnen. Die Kritiker des Feldzugs sind in der Defensive – als gäbe der Ausgang des Irakkriegs und der Untergang der Diktatur Saddam Husseins den Angreifern im Nachhinein Recht, obwohl die angeblichen Massenvernichtungswaffen bislang nirgendwo aufgetaucht sind. Die Iraker haben Angst vor dem drohenden Chaos in ihrem Land, den Amerikanern trauen sie nach den Erfahrungen, die sie mit den USA gemacht haben, nicht über den Weg. Der Jubel der Bevölkerung über ihre Befreiung und die Begeisterung für die Befreier hielt sich bekanntlich in Grenzen.
  • Kolumne von NAOMI KLEIN *
  • Von ANNE-CÉCILE ROBERT
  • Von CH. BISMUTH und P. BARRIOT *
  • Am 10. November 1942, drei Tage nach der Landung der Amerikaner in Nordafrika, ließ Pétains Stellvertreter, Admiral Darlan, in Afrika alle Kampfhandlungen auf Seiten Nazi-Deutschlands einstellen. Am 11. November besetzten die deutschen Truppen Südfrankreich, und am 12. November kam es zu dem geheimen Darlan-Clark-Abkommen, das den Alliierten unter anderem die freie Nutzung der Häfen und Verbindungswege in Nordafrika überantwortete. Am 27. November versenkte sich die französische Kriegsflotte vor Toulon. Vichy war umgeschwenkt.
  • DIE Vereinigten Staaten haben in Lateinamerika nie offizielle Kolonien gehabt – de facto jedoch gab es durchaus Territorien, die von Washington ebenso abhängig waren wie Kolonialgebiete. Vom Beginn des 19. Jahrhunderts an bis in die 1930er-Jahre hinein haben US-Regierungen zudem immer wieder – unter Berufung auf die Monroe-Doktrin von 1823 – bewaffnete Interventionen unternommen. Die führten in der Regel zur Installation von einheimischen Diktatoren, die letztlich als verlängerter Arm Washingtons funktionierten – im Interesse des US-Kapitals und zum Unglück der Völker Lateinamerikas.
  • ALS am 16. April auf dem Athener EU-Gipfel der Beitrittsvertrag der Republik Zypern unterzeichnet wurde, war die Insel noch immer geteilt. Vorerst können sich also nur die griechischen Zyprioten als künftige EU-Bürger fühlen. Aber die Union hält die Tür für die türkischen Zyprioten ausdrücklich offen. Die waren von ihren Landsleuten im Süden völlig abgeschottet, bis am 22. April in Nicosia der Schlagbaum aufging. Seitdem sind zwischen den Menschen in Norden und Süden so intensive Kontakte entstanden, dass der EU-Beitritt eines vereinigten Zypern zum 1. Mai 2004 keine blanke Utopie mehr ist.
  • Von MILAN KUNDERA *
  • Die Versteigerung islamischer Kunstwerke durch Europas Auktionshäuser ist so skandalös wie die allseits beklagte Plünderung der irakischen Kunstschätze. Wenn illegal beschaffte Objekte auf den Markt kommen, werden alle Spuren verwischt, die zum Herkunftsort und damit zu wertvollen historischen Erkenntnissen führen.
  • DIE Lebensbedingungen der Fahrenden – die Jenischen, die Manouche, die Gitanos, die Sinti, die Roma – sind von Land zu Land sehr unterschiedlich. Die extremste Ausgrenzung erleben sie derzeit in den Ländern Ost- und Mittelosteuropas. In Deutschland leben die meisten der Sinti schon seit Generationen in festen Häusern, doch mit dem Unterwegssein im Wohnwagen ist es deshalb nicht endgültig vorbei. In Frankreich, das als einziges europäisches Land Fahrende zwingt, eine „Wanderbuch“ zu führen, wurde die Situation in den letzten Jahren durch Gesetze immer wieder neu geregelt. Der Status als Sesshafte, Halbsesshafte oder Nichtsesshafte hängt auf vertrackte Weise von Bürokraten, politischen Konstellationen im Stadtrat und der Haltung von Bürgerinitiativen ab. So ist es auch im südfranzösischen Arles, zu dessen Einwohnern eine für ihre Musik weltbekannte Familie gehört: die Gipsy Kings.
  • ZWAR wurde im März ohne allzu große Hoffnungen eine neue Runde von Friedensgesprächen zum Sudan gestartet, die das von zwanzig Jahren Bürgerkrieg und wiederholten Dürreperioden heimgesuchte Land einem Frieden näher bringen sollen. Außerdem hat Washington den Druck auf das Regime in Khartoum erhöht. Die Situation der vielen tausend Menschen in den Flüchtlingslagern des Sudan hat sich jedoch nicht gebessert. Im Gegenteil, die Flüchtlinge, die zum Nomadenstamm der Beni Amer gehören und weder im Sudan noch in ihrem Herkunftsland Eritrea eine Heimat haben, haben inzwischen ihren allerletzten Status eingebüßt: die Anerkennung als Flüchtlinge.
  • Von JAMES K. GALBRAITH *
  • AM 6.Mai wurden zehn Geiseln der Guerillaorganisation Farc während eines Befreiungsversuchs der Armee durch Genickschuss getötet. Unter den Opfern befinden sich der Provinzgouverneur Gaviria und der ehemalige Verteidigungsminister Echeverri. Die Farc hält zahlreiche Politiker als Geiseln fest, darunter, seit über einem Jahr, die ehemalige Präsidentschaftskandidatin Ingrid Betancourt. Ein Abkommen zum Gefangenenaustausch zwischen Staat und Rebellen wird von der Regierung Uribe noch immer abgelehnt. Der Bürgerkrieg in Kolumbien scheint jedesmal, wenn auf einen Frieden hingearbeitet wird, an einer anderen Stelle neu aufzuflackern. Die Zusammenhänge zwischen Drogenhandel und Politik, zwischen regionalen Interessen und nationaler Sicherheitspolitik sind jedoch nicht so undurchschaubar, wie es von außen oft den Anschein hat. Der entscheidende Faktor sind die paramilitärischen Gruppen, die vom Handel mit Kokain profitieren und ihn teilweise sogar kontrollieren. Die gegenwärtige Konstellation scheint auf die Legalisierung des Paramilitärs und eine Paramilitarisierung der gesamten kolumbianischen Gesellschaft hinauszulaufen.
  • MIT den Protesten der Coca-Bauern gegen die Vernichtung ihrer Existenzgrundlage stieg der Stern des Gewerkschaftsführers Evo Morales. Als Chef der neu gegründeten „Bewegung zum Sozialismus“ ging er bei den letzten Präsidentschaftswahlen als Zweiter durchs Ziel. Morales ist einer der linkspopulistischen Führer indigener Herkunft, die in mehreren Ländern Lateinamerikas an der Spitze sozialer Bewegungen stehen und den Sprung ins politische Establishment geschafft haben. Doch realpolitisch fehlen dem Oppositionschef sowohl langfristige Perspektiven wie geeignete Mittel.
  • ES war wohl der Lohn für die spanische Unterstützung für den Irakkrieg: die baskische Separatistenorganisation ETA steht nun offiziell auf der internationalen Terroristenliste der USA. Im Baskenland geht der Kampf weiter wie gehabt: Die ETA hält Hinrichtungen von missliebigen Journalisten, Politikern und sogar von Vermittlern bei Friedensgesprächen für ein legitimes Mittel im Kampf der „europäischen Ureinwohner“ gegen die „Kolonialmacht Spanien“, während die Zentralregierung in Madrid auf alles einprügeln lässt, was baskisch-national denkt. Die Partei Herri Batasuna, politischer Arm der ETA, wurde verboten; auch deren Nachfolgepartei AuB darf keine Kandidaten in die Wahlen schicken.