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Das gewollte Chaos

DER Irakkrieg war für die USA auch deshalb attraktiv, weil sie die neuesten Waffensysteme bei geringen Eigenverlusten erproben konnten. Die neuen Technologien bestimmten die Operationen auch auf taktischer Ebene. So machte die neue Software das fast zeitgleiche Erfassen und Zerstören eines Ziels möglich, aber auch die erstaunliche Autonomie der Kampfeinheiten, die zu überschüssiger Gewalttätigkeit gegen Zivilisten führte. Damit hatte der absolute Militarismus das paradoxe Ergebnis, die Figur des „lonely cowboys“ zu reanimieren.

Von ALAIN JOXE *

Der völkerrechtswidrige Krieg der Vereinigten Staaten gegen den Irak markiert einen Wendepunkt in der Geschichte des Krieges. Eine vorläufige Bilanz muss jedoch lückenhaft bleiben – zu zahlreich sind die Brüche im Stil der Kriegsführung, zu wenig passen sie ins Deutungsraster der Kommentatoren, die für Banalisierung des aktuellen Geschehens zuständig sind.

Es ist ein ziemlich schwieriges Unterfangen, die Analysen auf den verschiedenen Ebenen zu einem stimmigen Gesamtbild zusammenzufügen. Man könnte zunächst Militärgerät und Taktik analysieren, um anschließend zur Chronik der Operationen und zur Darstellung der strategischen Konzepte überzugehen. Doch sobald man die Untersuchung so starr hierarchisiert, muss man feststellen, dass man damit nicht viel weiter kommt. Eine ganze Reihe materieller Faktoren bringen Wirkungen hervor, die man als „transskalar“ bezeichnen könnte, Wirkungen also, die über die jeweiligen Ebenen der Analyse weit hinausreichen. Geht man von den eingesetzten Waffensystemen aus, landet man umgehend bei den globalen Strategiekonzepten der Bush-Administration; konzentriert man sich auf die operationelle Ebene, stößt man sofort auf politisch-strategische und logistische Unstimmigkeiten.

Von dieser Diskrepanz rührt auch der chaotische Eindruck, den das Ergebnis hinterlässt. Daher mangelt es den Überlegungen zur Asymmetrie des lokalen Kriegsgeschehens auch an Rationalität und Präzision. Denn diese erscheinen nur noch als ein Moment des Willens zu globaler Herrschaft, losgelöst von konkreten Kriegsschauplätzen.

Der Einsatz der einzelnen Waffensysteme und die waffenspezifischen Taktiken (einschließlich geheimer neuer Apparaturen wie etwa der Drohnen zur Luft- und Panzerabwehr oder dem Abwurf kleiner Metallpartikel, die elektrische und elektronische Schaltkreise stören oder zerstören sollen) bedürfen einer detaillierten und sorgfältigen Analyse. Das Neue an diesem Kriegsgerät besteht vor allem in neuer Software, die zwei neue Qualitäten aufweist. Erstens wird mit ihrer Hilfe die Zeit zwischen Erfassung und Zerstörung eines Ziels extrem verkürzt, zweitens werden die „Clausewitz‘schen Friktionen“ eliminiert, also die Unwägbarkeiten, die im Krieg von dem „menschlichen Faktor“ herrühren und zumindest auf operationeller Ebene noch sorgfältigst kalkulierte Pläne über den Haufen werfen.

Das neue Gerät erlaubt die Beherrschung einer punktuellen Raumzeit durch präzise Zielfixierung, Satellitenbeobachtung und die Ermittlung und Zerstörung des Zielobjekts in Echtzeit. Dabei können operationelle Fehler neuen Typs allerdings Freund wie Feind in Mitleidenschaft ziehen (siehe die Fälle von friendly fire etwa durch fehlgeleitete Geschosse von zur Luftunterstützung eingesetzten Kampfflugzeugen). Dies wiederum verstärkt ohne Frage die chaotisierende Wirkung der neuen Kriegsführung, die im Sinne eines Schockeffekts offenbar durchaus beabsichtigt ist.

Die materielle Übermacht gestattet koordinierte, groß angelegte Offensivbewegungen von Panzerverbänden und helikoptergestützter Infanterie, die – mit Unterstützung der Luftwaffe – ohne Rücksicht auf logistische Risiken direkt gegen das Gravitationszentrum des Gegners gerichtet sind, wobei dieses Ziel strategischer, operationeller oder taktischer Art sein kann. So stürmte die Kriegskoalition im Irak direkt auf Bagdad los; in Bagdad angekommen, ging es direkt weiter ins Stadtzentrum, ohne sich groß mit einer Belagerung der Stadt aufzuhalten. Eine Begleiterscheinung dieser Art von Offensive besteht darin, dass auch der einfache Soldat das Recht hatte, jederzeit das Feuer zu eröffnen. Die Hochpräzisionskriegsführung brachte also paradoxerweise die „kollaterale Wirkung“ einer umfassenden Bedrohung der Menschen mit sich. Auf die „befreite“ Zivilbevölkerung musste der allerneueste Hightech-Krieg daher wie eine nicht besonders zielgerichtete Militärexpedition anmuten.

Sieht man sich den chronologischen Ablauf der Operationen genauer an, so zeigt sich, dass die eigentliche Asymmetrie der Kräfte sich nicht so sehr im Ungleichgewicht des materiellen Kräftepotenzials zur Geltung brachte als vielmehr in Gestalt eines Überraschungsfaktors. Auf beiden Seiten kam es zu erstaunlichen Fehlentscheidungen auf politischer, mithin strategischer Ebene. So vergaß Saddam Hussein bei der „Schlacht um Bagdad“ zum Beispiel, die Brücken zu sprengen und den Flughafen zu verminen.

Aber noch gravierender waren die Fehler auf amerikanischer Seite: Die Makrologistik der Zangenbewegung auf Bagdad setzte eigentlich den Vormarsch US-amerikanischer Bodentruppen von Norden her voraus. Dass im türkischen Parlament keine Mehrheit für ein Durchzugsrecht der US-Truppen erreicht wurde, hat nicht nur den Kriegsbeginn verzögert, sondern auch das Risiko für die Kolonne erhöht, die sich von Süden auf Bagdad zubewegte, da die langen Nachschubwege nur unzureichend gesichert werden konnten.

Darüber hinaus hätten sich die Streitkräfte der Koalition von Anfang an auf die Komplexität der Konfrontation mit Einheiten vorbereiten müssen, die nicht zur regulären Armee gehören. Dass sich zum Beispiel auch die Parteimilizen in die militärischen Auseinandersetzungen einschalten würden, hätte man angesichts des erklärten Kriegsziels – die Vernichtung des baathistischen Staats – eigentlich von Anfang an absehen können.

Die Bündnisse mit der Türkei einerseits und den Kurden andererseits waren unvereinbar, und die Zusammenarbeit mit den Schiiten im Süden setzte die Unterstützung der Bevölkerung voraus. Die jedoch hatte nicht vergessen, dass die Amerikaner sie am Ende des letzten Golfkriegs 1991 im Stich gelassen hatten, als sie sich gegen Saddam Hussein erhob.

Die Perspektive einer Zerstörung des Regimes hatte fatale Folgen. Sie ließ mit Beginn der militärischen Operationen erneut die Konflikte zwischen Gruppen aufbrechen, die durch den Terror der Baathisten zuvor zusammengeschweißt worden waren. Und sie löste in den Städten eine Plünderungswelle aus. Ein politischer Fehler waren aber allem Anschein nach auch die anschließenden Versuche, Gesetz und Ordnung mit Hilfe von Saddams Staatspolizei zu improvisieren.

Der Befreier taugt nicht zum Besatzer

BLEIBT zu fragen, ob die USA von diesen „Überraschungen“ tatsächlich überrascht worden sind. Der Verdacht drängt sich auf, dass wir es viel eher mit einer wohlüberlegten Strategie des totalen Chaos zu tun haben. Die politischen Nachwirkungen des neuen absoluten Militarismus, der den US-Soldaten – wie im Wilden Westen – ein völlig eigenständiges Agieren gestattet, werden sich erst langfristig zeigen. Zweifellos wird der schnelle Sieg auf lange Sicht eine feindselige Einstellung gegenüber den „Befreiern“ bewirken, die nolens volens als Besatzer agieren werden.

Damit wird deutlich, dass die Revolution der Taktik – sprich die im Kriegsmaterial eingebauten Automatismen – eine Revolution der Strategie hervorbringen wird. Die Strategie shock and awe – das zentrale Konzept im asymmetrischen Krieg – ist nicht mehr wie einst die übergeordnete Planungsebene, auf der die Einheit von taktischen und operationellen Elementen hergestellt wird – eine Planung, die sich im Übrigen nach politischen Vorgaben richtete. Dagegen vereinheitlicht die strategische Revolution die verschiedenen Operationen auf der Ebene der kurzen Zeitspanne und des präzisen Einsatzorts. Als „strategisch“ kann diese Ebene nur insoweit gelten, als sie die irakischen Truppen und die irakische Bevölkerung, aber auch die Verbündeten und deren Truppen in Angst versetzt. Wobei alle Exzesse der eigenen Seite durch eine Nervosität legitimiert scheinen, die sich nicht aus einer vom Feind ausgehenden Gefahr erklärt, sondern aus dem herrschenden Chaos.

Deshalb war die Operation moralisch nicht durch die Logik der Konfrontation, sondern durch die Logik der Rache gesteuert, die ohne jede Notwendigkeit viele zivile Opfer forderte. Trotz oder gerade wegen ihres überlegenen militärischen Siegs sind die US-Truppen also ein sehr schlechtes Eroberungsinstrument. Ihre Fehlleistungen werden die politische Einstellung der Besiegten dauerhaft prägen.

Das Verhalten der Sieger erscheint allerdings durchaus stimmig, wenn man bedenkt, dass diese unter dem Eindruck einer zunächst äußerst wirksamen Lüge von US-Präsident Bush agiert haben. Bush überzeugte die sehr jungen und sehr unwissenden Soldaten, die er in den Krieg schickte, sie würden im Irak die Attentate vom 11. September 2001 rächen.

Dass Bagdad unter dem Geschosshagel in Flammen aufging, kommt ihnen demnach wie ein durchaus berechtigter Racheakt vor. Keine Frage, dass man unter solchen Voraussetzungen zum Selbstschutz auf alles schießen darf, was sich bewegt, dass es keinen Grund gibt, Plünderungen zu verhindern, Krankenhäuser zu schützen oder das Museum von Bagdad zu bewachen.

Der Welt zum Exempel

ALLEM Anschein nach setzt die imperiale Übermacht nach Art des alten Clausewitz auf die Eigenständigkeit des militärischen gegenüber dem politischen Ziel und hat nur noch die Kontrolle über die Ölquellen und die koloniale Rückeroberung des Nahen Ostens, vielleicht auch eine Strafexpedition als Exempel für die ganze Welt im Visier. Das Imperium enthierarchisiert alles und jedes, ausgenommen das „militärische Kapital“ der Feuerkraft und die Beherrschung der kurzen Zeit, wobei Letztere für die politisch-militärische Arbeit und die Langfristigkeit entscheidend ist. So infiziert sich die militärische Planung unter dem Einfluss der elektronischen Revolution am neoliberalen Modell der transnationalen Wirtschaft, die auf elektronisch gemanagten Finanzströmen surft. Diese Art von Wirtschaft beruht nicht auf dem handelsförderlichen Frieden des „fairen Wettbewerbs“, sondern auf der zersplitterten Buchhaltung standortungebundener Profitströme, die unabhängig von den Unwägbarkeiten von Produktion und Verkauf ständig fließen müssen.

Der von Bush angekündigte „endlose Krieg“, der mit der Militärintervention im Irak begonnen hat, ist ein Krieg ohne Sieg und ohne Frieden, und wahrscheinlich auch ohne wirklichen Wiederaufbau. Man ist es zufrieden, dass Zerstörung und Wiederaufbau Unternehmensgewinne generieren, und opfert die politische Moral und Vernunft auf dem Altar der Unternehmensmoral. Da Washington auf internationalen Konsens keinen Wert mehr legt, darf der Krieg gegen den Irak ungeachtet der subalternen Rolle Großbritanniens als rein US-amerikanischer Krieg gelten. Sollte er – langfristig – schlecht „enden“, hätten sich die Amerikaner das selbst zuzuschreiben. In dem Fall werden sie ihren derzeitigen Oberbefehlshaber und dessen Team an der Spitze der amtierenden Weltmacht ohne Zweifel abwählen.

deutsch von Bodo Schulze

* Leiter des Centre Interdisciplinaire de Recherches sur la Paix et d‘Études Stratégiques (Cirpes), Autor von „L‘Empire du chaos“, Paris (La Découverte) 2002.

Le Monde diplomatique vom 16.05.2003,