16.05.2003

Ohne Zwang und ohne Wasser

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Ohne Zwang und ohne Wasser

ZWAR wurde im März ohne allzu große Hoffnungen eine neue Runde von Friedensgesprächen zum Sudan gestartet, die das von zwanzig Jahren Bürgerkrieg und wiederholten Dürreperioden heimgesuchte Land einem Frieden näher bringen sollen. Außerdem hat Washington den Druck auf das Regime in Khartoum erhöht. Die Situation der vielen tausend Menschen in den Flüchtlingslagern des Sudan hat sich jedoch nicht gebessert. Im Gegenteil, die Flüchtlinge, die zum Nomadenstamm der Beni Amer gehören und weder im Sudan noch in ihrem Herkunftsland Eritrea eine Heimat haben, haben inzwischen ihren allerletzten Status eingebüßt: die Anerkennung als Flüchtlinge.

Von FABIENNE ROSE ÉMILIE LE HOUEROU *

„Sie sollen gehen! Sie sind jetzt keine Flüchtlinge mehr!“ Mit seinen deutlichen Worten meint der Mitarbeiter einer internationalen Hilfsorganisation die äthiopischen und eritreischen Flüchtlinge im Sudan. Vor allem im Nordosten des Landes beherbergt der Sudan 900 000 Flüchtlinge – eine ungeheure Zahl für eines der ärmsten Länder der Welt.1 Die ohnehin wenig stabile Wirtschaft ist durch wiederholte Dürreperioden und seit 1983 durch das „Wiederaufflammen des Bürgerkriegs auf breiter Front“2 stark geschwächt, und auch der jüngste Erdölboom bringt nur begrenzte Entlastung für das krisengeschüttelte Land. Sowohl die sudanesische Gesellschaft als auch die internationalen Hilfsorganisationen stehen angesichts der massiven Migrationsbewegungen von Flüchtlingen aus dem Ausland wie dem Inland vor enormen Problemen.

Zwei Drittel der Flüchtlinge leben im Osten des Landes, in der Region Kassala an der Grenze zu Äthiopien und Eritrea: 120 000 von ihnen in Lagern, 560 000 verteilt auf städtische und andere Gebiete.3 Vier Fünftel der Flüchtlinge sind Habasch (Abessinier), wie die alte Bezeichnung für die Bewohner des äthiopischen Hochlands lautet. Doch es gibt noch weitere Zwangsmigranten (forced migrants) im Land, Flüchtlinge aus dem Tschad und dem Kongo.

Die Vertriebenen kommen aus dem Westsudan (Darfur und Kordofan) und aus den südsudanesischen Regionen, in denen seit 1983 Krieg herrscht.4 Diese Bürgerkriegsopfer (insgesamt 1,8 Millionen)5 leben dicht gedrängt in wuchernden Siedlungen an der Peripherie von Khartoum, Omdurman und Khartoum-Nord – fast die Hälfte der Einwohner Khartoums und seiner Vorstädte sind Binnenflüchtlinge.

Für sie sind jetzt auf Betreiben von Nichtregierungsorganisationen (NGOs) Entwicklungsprogramme eingerichtet worden. Dagegen fordert man die Abessinier aus Äthiopien und Eritrea seit zwei Jahren auf, zu gehen. Tatsächlich ist auch die internationale Hilfe an Vorbedingungen gebunden. Sie unterliegt einer Reihe von rechtlichen Bestimmungen. Laut Genfer Konvention verlieren Menschen den Flüchtlingsstatus, wenn die Umstände, die ihre Ausreise verursachten, nicht mehr bestehen. Der mit dem Sturz des Diktators Mengistu Haile Mariam 1991 in Äthiopien eingetretene politische Wandel gilt als so grundlegend, dass diese Bestimmung zur Anwendung kommen kann. In gleicher Weise wird die Unabhängigkeit Eritreas (de facto 1991, offiziell 1994) bewertet. Nach Ansicht der Vereinten Nationen sind die Abessinier somit keine Flüchtlinge mehr.

Nach dem Sturz der Diktatur von Oberst Mengistu begannen Sudan und Äthiopien gemeinsam mit dem Hohen Kommissar für Flüchtlinge der UN (UNHCR), Pläne für die Rückführung dieser Flüchtlinge zu entwickeln. Man versuchte, ihnen das Projekt schmackhaft zu machen: Durch die Viertel, in denen viele Äthiopier wohnen, fuhren Lautsprecherwagen und priesen die Vorzüge der Heimkehr an. Doch die Angst saß tief, und kaum jemand war bereit, sich in die Liste der Rückkehrer einzuschreiben.

Der Druck, den das Flüchtlingskommissariat der Vereinten Nationen ausgeübt hat, führte im März 2001 zu einem Hungerstreik von Flüchtlingen in Khartoum. „Ihre Rückkehr zu finanzieren ist viel billiger, als die Menschen jahrelang zu versorgen“, erklärt ein Vertreter des Welternährungsprogramms (WFP). „Diese Flüchtlinge haben in zehn Jahren 130 Millionen Dollar gekostet. Aber wir zwingen niemanden, zu gehen. Wir stellen nur die Hilfe ein.“

Vor Ort bedeutet das: Die wöchentlichen Lebensmittellieferungen an Mehl, Zucker, Milch und Getreide bleiben aus und das Wasser wird abgestellt. Clean-up oder Clear-up nennt man diese Politik, die auch die Standhaftesten zur Abreise bewegen soll. Man schließt das Lager und desinfiziert das Gelände. Zwar sind Clean-ups in der Region noch nicht durchgeführt worden, aber die Wasserleitung wurde schon gesperrt – von internationalen Hilfsorganisationen.

„Die Flüchtlingslager werden geschlossen, neue Lager für die sudanesischen Vertriebenen aufgemacht, oft direkt daneben“, berichtet die Leiterin einer NGO in Khartoum voller Empörung. „Manchmal ist es auch das gleiche Lager, nur etwas aufgemöbelt. In Kassala hat das UNHCR in einem Lager das Wasser abgestellt. Dort lebten aber noch einige hundert Menschen, die sich gegen die Repatriierung sperrten und bleiben wollten. Ein Mitglied des UNHCR-Büros hat mich sogar aufgefordert, die Räumung des Lagers zu übernehmen. Ich habe erklärt, dass wir als humanitäre Organisation solche Aufgaben nicht durchführen.“ In den aufgegebenen Lagern, die in den staubigen, wüstenähnlichen Landstrichen des Nordostsudan am Horizont auftauchen, sammeln sich Menschen, die über keinerlei rechtlichen Status mehr verfügen.

Das frühere Lager Umm Gulsa, im Teilstaat Kassala, nicht weit von der eritreischen Grenze, ist so ein gespenstischer Ort. Im Dezember 2001 beschloss das UNHCR, diese und zwei weitere Anlagen (Laffa und Newscharagab) aufzugeben. Nach sudanesischen Angaben vegetieren noch etwa 8 000 Unglückliche an diesen drei Orten – die Krankenstation verlassen, die Wasserpumpe abmontiert, die Schule geschlossen. Nur ein paar verwitterte Schilder der NGOs künden noch davon, dass diese Ansammlung elender Hütten aus zusammengeklaubten Materialien einmal ein Flüchtlingslager war.

Die Beni Amer wollen bleiben

OBWOHL sie unter Durst leiden, sind einige tausend Eritreer dem Druck noch immer nicht gewichen. Die meisten gehören zum Nomadenvolk der Beni Amer, das einst in dieser Grenzregion zwischen Sudan und Eritrea lebte. Die Gründer und Führer der Muslimliga, der ersten eritreischen Unabhängigkeitspartei, waren Beni Amer, und das erste Büro der Unabhängigkeitsbewegung Eritreische Befreiungsfront (ELF) wurde 1962 in Kassala eröffnet. Es gibt keine verlässlichen Angaben darüber, wie viele Beni Amer seit der Schließung der Lager im Dezember 2001 den Tod gefunden haben. Die Überlebenden formulieren den Grund für ihre Unbeugsamkeit so: „Weil wir Beni Amer sind und weil wir nicht fortgehen wollen.“ Für die Funktionäre der Hilfsorganisationen ist diese Bindung kein Argument: „Wir kämen in Teufels Küche, wenn wir uns auf ethnische Fragen einlassen würden.“ Sie haben für die verschiedensten politischen Situationen den rechtlichen Oberbegriff des Flüchtlings und nehmen damit keine Rücksicht auf die besondere Lage der Beni Amer.

Dabei bewegen wir uns zwangsläufig im Rahmen des Politischen, das ergibt sich schon aus der einfachen Feststellung, dass 80 Prozent der Flüchtlinge in Kassala Eritreer sind und 65 Prozent von ihnen Beni Amer. Der Stamm bildete einen wichtigen Rückhalt für die Eritreische Befreiungsfront (ELF), das wurde auch aus Interviews in den Lagern deutlich: Alle Männer erklärten sich als Anhänger dieser Bewegung. Die ELF unterlag im Kampf mit der Eritreischen Volksbefreiungsfront (EPLF), einer Abspaltung der ELF, und in Asmara ist heute die EPLF an der Macht. Das macht die Beni Amer zu einem besiegten Volk, einem Volk von Flüchtlingen, deren Rückkehr in die eritreische Gesellschaft einige Schwierigkeiten bereiten dürfte – die Menschen in Umm Gulsa sind also nicht nur Flüchtlinge, sie sind Ausgeschlossene.

„Die Flüchtlinge dürfen entscheiden, wo sie sich niederlassen wollen, sie werden in Eritrea nicht interniert“, versichert ein Vertreter des UNHCR in Asmara. Er sieht die Probleme vor allem in der sozialen Wiedereingliederung und kulturellen Anpassung der Rückkehrer, die doch sehr „sudanisiert“ seien. In Umm Gulsa und Wadi Scherifa hat man andere Erklärungen: Schmerzhaft werde die Rückkehr für die Beni Amer vor allem wegen der ethnischen Schranken und weil ihr Land beschlagnahmt worden sei. Für die Regierung unter Präsident Issayas Afewerki bedeutet die Wiederansiedlung der Rückkehrer jedenfalls eine große soziale und politische Herausforderung.

Präsident Afewerki beobachtet skeptisch den sudanesischen – und islamistischen – Einfluss auf diese entwurzelten Gemeinschaften. In den Lagern sind auch islamistische NGOs tätig, deren Bemühungen in Asmara nicht gern gesehen sind. In Umm Gulsa leben allerdings die Frauen und Kinder der politisch weitgehend uninteressierten Nomaden, unter denen die Islamisten ohnehin traditionell nicht viele Anhänger rekrutieren. Sie finden diese überwiegend in der Mittelschicht, unter den kleinbürgerlichen Geschäftsleuten. So hört man positive Stimmen zum Islamismus denn auch vor allem in den privilegierten, gut versorgten Flüchtlingslagern.

Der Markt von Wadi Scherifa, einem weitläufigen und gut organisierten Lager, steht dem Angebot in Khartoum an Reichhaltigkeit und Vielfalt kaum nach. Die Region Kassala bringt die schönsten exotischen Früchte des Landes hervor. Manche Hütten im Lager haben Satellitenantennen, man kann hier auch den arabischen Sender al-Dschasira empfangen. Viele der Flüchtlinge haben gut gehende Geschäfte aufgebaut. Umso drastischer ist der Kontrast, wenn man die wenigen Kilometer durch die Halbwüste bis zum Fuß der Kassala-Berge zurückgelegt hat – der Weg von Wadi Scherifa nach Umm Gulsa führt vom Überfluss ins tiefste Elend.

Das UNHCR hat für das Programm der Rücksiedlung der eritreischen Flüchtlinge 24 Millionen Dollar bereitgestellt. Das Gesamtbudget der regionalen Vertretung der Organisation mit Sitz in Asmara beträgt 28 Millionen. Schon diese Zahl verdeutlicht, wie wichtig dem UNHCR das Repatriierungsprojekt ist. Bis 2004, wenn das Programm ausläuft, sollen 160 000 Menschen an ihre früheren Wohnorte zurückgekehrt sein. Jeder „Rückkehrer“ erhält von der UN-Organisation zwei Hektar Land und ein Startgeld von 200 Dollar, um sich eine Behausung bauen zu können.

Die Mehrheit der Tigrinia, eines christlichen Stamms aus dem Hochland, vermochte das UNHCR und der Eritrean Relief and Refugee Commission (Errec) zur Rückkehr aus dem Sudan zu bewegen. Aber die Beni Amer, Muslime aus dem Tiefland (und Anhänger der ELF) sind so leicht nicht zu überzeugen, auch wenn einige ihrer Anführer sich bereits zur Rücksiedlung nach Eritrea entschlossen haben.

Einer der Beni-Amer-Führer, ein Mitbegründer der ELF, erklärte im November 2001, bei einem Gespräch in Kairo, er unterstütze die Maßnahmen zur Rückkehr, weil sein Volk im sudanesischen Exil seine Wurzeln und seinen Ort in der eritreischen Gesellschaft verloren habe. Er glaube, dass die Beni Amer ihren Platz im angestammten Territorium wieder einnehmen müssten, und zwar im räumlichen wie im politischen Sinne.

Aber solche Vorstellungen gehen an der Realität der Menschen in den Lagern und an ihren Befürchtungen vorbei. Auch die Informationspolitik der humanitären Organisationen war in dieser Hinsicht reichlich ungeschickt. Die sich selbst überlassenen, Durst leidenden Menschen in den Lagern ließen sich nicht überzeugen. Mit der Idee, nach Eritrea zurückzukehren, wurden für sie die Bilder des Krieges zwischen Äthiopien und Eritrea (1961–1991) und die Erinnerung an die wiederholten Hungersnöte wieder lebendig. Es waren die Alten, die sich besonders heftig dagegen sperrten, den Sudan zu verlassen, viele der Jungen schrieben sich in die Ausreiselisten ein.

Solche psychologischen Aspekte haben die Rücksiedlungsexperten der UNO nie interessiert. Das UNHCR beschränkt sich auf das sachliche Argument, dass der politische Wandel in Äthiopien (Ende der Diktatur) und in Eritrea (nationale Unabhängigkeit) die Aufhebung des Flüchtlingsstatus erlaube. Aber das Projekt kommt nicht voran, weil die Erinnerung an eine schreckliche Vergangenheit die schutzlosen Bevölkerungsgruppen nicht loslässt. Ich habe bei meinen Untersuchungen im Sudan6 von vielen Flüchtlingen erfahren, dass sie den „politischen Veränderungen in ihrem Ursprungsland“ einfach keinen Glauben schenken konnten. Diese irrationalen Ängste hätten bei den Informationskampagnen für die Flüchtlinge bedacht werden müssen. Die sture Ablehnung, gerade bei den Schwächsten, wäre dann wahrscheinlich zu vermeiden gewesen.

Nun sehen die Flüchtlinge, die keine mehr sind, ohnmächtig zu, wie die NGOs abziehen, und verkriechen sich in die Überreste von Zeltplanen. Wie alle Menschen, deren Leiden ein bestimmtes Maß übersteigt, sind sie gelähmt, viele können sich vor Durst nicht bewegen. Und sie bleiben dabei, dass der „Krieg zwischen Eritrea und Äthiopien noch nicht vorbei ist“, auch wenn seit zwei Jahren eine Art Frieden Gestalt annimmt. Verängstigt schauen sie zu, wie immer mehr UN-Landrover in ihrem Wüstengebiet eintreffen. Als im März 2002, noch vor der Trockenzeit, eine japanische Expertengruppe das aufgegebene Lager besuchte, um sich ein Bild zu machen, zeigten die Bewohner keine Reaktion. Die Japaner versammelten sogar die alten Leute im früheren Krankenhaus, um ihre Klagen anzuhören und festzuhalten. Doch die Menschen von Umm Gulsa fanden kaum Worte, längst abgestumpft von Hunger, Durst und Krankheit.

Seit einiger Zeit schon haben sie ihr Schicksal in die Hände von Funktionären gelegt, die entscheiden, wem die Segnungen humanitärer Hilfe zuteil werden und wem nicht. Und diese Hilfe wird nach strengen Prinzipien gewährt, nicht zuletzt nach den Vorgaben einer Prioritätenliste. Sie unterliegt juristischen Bestimmungen und Verwaltungsvorschriften, und sie wird eng interpretiert – von Vertretern der Rechtsgrundsätze, denen die Durchsetzung einer Ordnung wichtiger ist als ihr Zweck. Als Sudanesen könnten die Beni Amer staatliche Hilfe erwarten: milde Gaben für Vertriebene. Aber als ehemalige Flüchtlinge sind sie bedeutungslos, zu tausenden unerheblich geworden.

deutsch von Edgar Peinelt

* Historikerin, mit dem Spezialgebiet Flüchtlinge und Zwangsmigration, am Forschungs- und Dokumentationszentrum für Wirtschaft, Recht und Soziales der Universität Kairo (CNRS-Cedej). Von ihr erschien: „Ethiopie-Erythrée: frères ennemis de la corne de l‘Afrique“, Paris (L‘Harmattan) 2000; „Les Cormoriens de Marseille: d‘une mémoire à l‘autre“ (mit Karima Direche-Slimani), Paris (Autrement) 2002; Autorin des Films „Hôtel Abyssinie“ (1996).

Fußnoten: 1 Die große Mehrheit der Flüchtlinge lebt im Osten des Landes. Zum Vergleich: Im Darfur soll es nur 5 271 Flüchtlinge geben, alle in Aufnahmelagern. 2 Siehe das Vorwort von Alain Gresh in Didar Fawzy-Rossano, „Le Soudan en question“, Paris (La Table Ronde) 2002. 3 Diese Angaben sind gesichert, weil die Bevölkerung in den Lagern regelmäßig gezählt wird. 4 Siehe Gérard Prunier, „Der steinige Weg zum Kompromiss“, Le Monde diplomatique, Dezember 2002. 5 Marc Antoine Pérouse de Montclos, „Migrations forcées et urbanisation“, Paris (Ceped), September 2001. 6 „Temps et exil: les pathologies de la mémoire liées à l‘exil“. Vortrag an der Universität von Khartoum im Februar 2002, auf der Grundlage von Forschungsarbeiten der Autorin am Cedej, Kairo.

Le Monde diplomatique vom 16.05.2003, von FABIENNE ROSE ÉMILIE LE HOUEROU