Archiv: Texte

In unserem Textarchiv finden Sie alle Artikel aus der deutschen Ausgabe seit 1995. Ausgenommen sind die Artikel der letzten drei Ausgaben.
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Ausgabe vom 13.02.1998


  • Von IGNACIO RAMONET
  • Erneut ist im Monat Ramadan in Algerien die Gewalt eskaliert. Eine Serie von Massakern, die den Bewaffneten Islamischen Gruppen (GIA) zugeschrieben wird, betraf im Westen des Landes ausgerechnet Dörfer, die als Hochburgen der Islamischen Armee des Heils (AIS) gelten. Diese wiederum hält sich, in ihrer Rolle als bewaffneter Arm der Islamischen Heilsfront (FIS) schon seit Herbst 1997 an den proklamierten Waffenstillstand mit der Militärführung. Angesichts der breiten Empörung in den westlichen Ländern hat sich die algerische Regierung im Januar bereit gefunden, drei Abgesandte der Europäischen Union zu empfangen – doch nur unter zwei Grundbedingungen: Die Troika durfte weder Untersuchungen vor Ort, sprich: in den betroffenen Dörfern durchführen, noch mit Vertretern der Islamischen Heilsfront zusammentreffen. Das Militär, seit sechsunddreißig Jahren an der Macht, zeigt sich weniger denn je kompromißfähig – und blockiert jede Möglichkeit einer politischen Öffnung.
  • Von JEAN-LOUP MOTCHANE *
  • DER am 26. Dezember 1997 verstorbene Philosoph und Psychoanalytiker Cornelius Castoriadis war eine der bedeutendsten Persönlichkeiten des französischen Geisteslebens. Der gebürtige Grieche kam 1945 nach Paris, wo er die Zeitschrift Socialisme ou Barbarie gründete. 1968 veröffentlichte er mit Edgar Morin und Claude Lefort „Mai 68, La brèche“. Sein Hauptwerk „Gesellschaft als imaginäre Institution“ erschien 1984, weitere wichtige Arbeiten sind als Sammelband publiziert: „Durchs Labyrinth: Seele, Vernunft, Gesellschaft“. Den nachstehenden Vortrag hat Castoriadis am 22. März 1997 in Toulouse gehalten.(1)
  • UGANDA, das vielbeschworene Musterland der „afrikanischen Wiedergeburt“, hat sich durch seinen Beitrag zu den Umwälzungen in Zentralafrika – Ruanda, Kongo-Zaire – und seine Aktionen gegen das Regime im benachbarten Sudan auch eine Schlüsselrolle in der neuen Geopolitik auf dem Kontinent erworben. Allerdings ist das „Modell“ nicht frei von Schwächen. Es hat aufdringliche Beschützer, die von Washington aus seine Souveränität untergraben, in seinen Grenzregionen gibt es eine „vergessene Guerilla“, die einen gnadenlosen Kampf führt, und auch im Innern des Landes fehlt es nicht an „Störenfrieden“.
  • Von MICHEL ARSENEAULT *
  • MITTE Februar haben die baltischen Länder Estland, Lettland und Litauen einen Partnerschaftsvertrag mit den Vereinigten Staaten unterzeichnet, in dem Washington die Zusage macht, den Nato-Beitritt dieser Länder zu unterstützen. Und Estland verhandelt über seinen Beitritt zur Europäischen Union. Diese Perspektive liegt nicht auf der Linie russischer Interessen. Doch Moskau hat mehrfach die Bereitschaft bekundet, seine Beziehungen zu den baltischen Ländern zu normalisieren – allerdings unter der Bedingung, daß der Status der russophonen Minderheiten geklärt wird.
  • WEIL der in Sri Lanka geborene Pater Tissa Balasuriya versucht, den katholischen Glauben an den kulturellen Kontext seines Herkunftslandes anzupassen, ist er vor einem Jahr aus der römisch-katholischen Kirche ausgeschlossen worden. Daß dieser Verstoß aus der Gemeinschaft ausgerechnet einen Theologen aus der „katholischen Peripherie“ getroffen hat (in Indien und Sri Lanka beträgt der christliche Bevölkerungsanteil gerade mal 8 beziehungsweise 2 Prozent), schien einmal mehr der Beweis, wie sehr das heutige Christentum nach wie vor abendländisch zentriert ist. Am 15. Januar dieses Jahres wurde die Exkommunikation Balasuriyas aufgehoben.
  • EINE Raumstation, bestehend aus einem Arsenal von Trägerwaffensystemen, aus Überschallbombern, Marschflugkörpern und anderen Raumfahrzeugen, mit deren Hilfe man Satelliten aussetzen und bergen, aber auch feindliche Raumstationen angreifen kann – Ist das Science-fiction? Keineswegs. All diese Projekte gehören zum neuen Rüstungsprogramm der Vereinigten Staaten. Dahinter steht das Ziel, die einzige Supermacht der Erde zu werden und ohne eigene Verluste gleichzeitig zwei bewaffnete Konflikte von der Dimension des Golfkriegs führen zu können. Es bedeutet aber auch die Vorbereitung auf Kriege, die keine klaren Grenzen mehr zwischen militärischer und ziviler Ebene oder zwischen Unruhen und Aufstand erkennen lassen.
  • Vor sieben Monaten begann in Thailand die asiatische Finanzkrise. Trotz großer Anstrengungen ist die Lage auf den Geldmärkten weiterhin labil, denn sie ist nur die spektakulärste Erscheinungsform einer Überproduktionskrise, die mit der Nachfrageschwäche infolge weltweiter Deflation und allgemein verbreiteter staatlicher Sparmaßnahmen zusammenhängt.
  • Von IBRAHIM WARDE *
  • SÜD-KOREA, das unter dem Druck des Internationalen Währungsfonds (IWF) die Wirtschaft des Landes einschneidend reformieren muß, erarbeitet derzeit einen „neuen Sozialvertrag“, der sich in erster Linie durch eine größere Flexibilität des Arbeitsmarktes und durch Massenentlassungen auszeichnen wird. In Indonesien, wo die Rupiah seit Beginn des Jahres nachhaltig eingebrochen ist, geht die katastrophale wirtschaftliche und soziale Lage mit einer politischen Krise einher. Präsident Suharto hat inzwischen offiziell seine Kandidatur für eine siebte Amtszeit bekanntgegeben, doch seine Gegner fordern den General zum Rücktritt auf, während Java von heftigen Unruhen erschüttert wird.
  • Von JEAN-FRANÇOIS ARNAUD *
  • SELTEN in der Geschichte ist ein Vertragswerk von dermaßen herrischer Arroganz geprägt gewesen, selten ist so offen das bedingungslose Recht des Stärkeren – hier der transnationalen Gesellschaften – festgeschrieben und selten sind die Völker dermaßen drakonisch in die Pflicht genommen worden wie in dem geplanten Multilateralen Abkommen über Investitionen (MAI). Selbst die Unterhändler wahren deshalb Schweigen über den in den letzten zwei Jahren innerhalb der OECD erarbeiteten Text. Der Entwurf, der den ausländischen Konzernen unbegrenzte Freiheit sowie Gleichbehandlung gegenüber inländischen Konzernen garantiert, „liest sich“, so der Entwicklungspolitiker Peter Wahl, „wie der Wunschzettel der Großkonzerne an den Weihnachtsmann“.
  • AM 12. Januar wurde mit José Ignacio Iruretagoyena der vierte baskische Stadtrat von Anhängern der baskischen Separatistenorganisation ETA („Baskenland und Freiheit“) ermordet. Hunderte Polizisten und Militärs (aber auch Zivilisten) hat die ETA inzwischen auf dem Gewissen; ihre neueste Zielscheibe sind offenbar die baskischen Lokalpolitiker der konservativen, in Madrid regierenden Volkspartei (PP). Außerdem gehen die ETA-Sympathisanten mit Gewaltakten gegen Büros und Repräsentanten der in der Region regierenden Nationalistischen Baskischen Partei (PNV) vor.
  • MIT der Wiederaufnahme des Baus der Siedlung Har Homa hat Israels Premierminister Benjamin Netanjahu seine kompromißlose Haltung unter Beweis gestellt. Er lehnt nicht nur jeden nennenswerten Rückzug der Armee aus dem Westjordanland ab und stellt der Palästinensischen Autonomiebehörde unerfüllbare Vorbedingungen, sondern gibt außerdem auf provozierende Weise zu verstehen, daß er die Osloer Verträge begraben will. Zugleich ist der Vorsitzende des Likud-Blocks seit dem Rücktritt von Außenminister David Levy stärker denn je von den extremistischen Parteien abhängig. Zweifellos werden die religiösen Gruppierungen diese Situation ausnützen, um ihren Einfluß auf den Staat auszuweiten.
  • WENN Umweltverschmutzer ihren Dreck produzieren oder ihren Abfall entsorgen wollen, suchen sie sich bevorzugt Plätze in der Nähe von solchen Bevölkerungsgruppen aus, die ohnehin schon am meisten belastet sind. Dies hat in den Vereinigten Staaten eine überraschende Entwicklung in Gang gebracht. Im Namen der „Umweltgerechtigkeit“ bilden sich überall ganz neuartige Koalitionen, in denen sich Schwarze, Indianer, Umweltschützer, Arme und Arbeiter zusammenschließen. Welche Chance der Kampf gegen Umweltdiskriminierung haben wird, ist noch offen.
  • Von NELCYA DELANOÄ *
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