Archiv: Texte

In unserem Textarchiv finden Sie alle Artikel aus der deutschen Ausgabe seit 1995. Ausgenommen sind die Artikel der letzten drei Ausgaben.
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Ausgabe vom 14.06.2002


  • Über 100 000 Marokkaner versuchen jedes Jahr, illegal über die Meerenge von Gibraltar nach Europa zu gelangen. Für viele findet der europäische Traum ein tödliches Ende. Tausende werden an den streng bewachten Grenzen des Schengen-Gebiets abgefangen und unverzüglich zurückbefördert. Trotz der Gefahren und obwohl die Schlepper und deren Helfershelfer enorme Summen verlangen, suchen immer mehr junge Marokkaner ihr Glück in Europa. Nach der in den 1960er-Jahren erreichten Unabhängigkeit hatte die Bevölkerung der Maghrebländer gehofft, der nationale Aufbruch werde in eine ökonomische Entwicklungsperspektive münden. Vierzig Jahre später ist diese Hoffnung von einer Zukunft im eigenen Lande zur Illusion geworden.
  • Der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels geht in diesem Jahr an den Nigerianer Chinua Achebe. Damit wird ein Schriftsteller geehrt, der wie kein anderer den Zusammenprall der Kulturen auf seinem Kontinent durchlebt und verarbeitet hat. Wir drucken einen Auszug aus: „Ein Bild von Afrika“.
  • ANGESICHTS der Wahlerfolge der extremen Rechten in Frankreich hört man die Forderung, das Verfahren der Präsidentschaftswahlen zu ändern oder die Zahl der Kandidaten zu begrenzen. Doch solche Vorschläge unterschätzen den Ernst der Lage. Die eigentliche Krise besteht darin, dass die Gesellschaft auf politischer Ebene nicht mehr repräsentiert ist, weil die politischen Programme der Parteien – unter Berufung auf die „Sachzwänge“ – gleichgeschaltet sind. Der Handlungsspielraum der politischen Macht ist vor allem deshalb so eng begrenzt, weil zumal die Linke die Fähigkeit eingebüßt hat, über eine immer ungleicher werdende kapitalistische Gesellschaft hinauszudenken. Von ANNE-CÉCILE ROBERT *
  • IN der zweiten Runde der Präsidentschaftwahlen haben die Franzosen den Kandidaten des Front National, Jean-Marie Le Pen, mit großer Mehrheit zurückgewiesen. Frankreich ist der rechtsextremen Falle fürs Erste entkommen. Alles könnte ganz normal sein. Aber normal ist es schon lange nicht mehr. Das in Frankreich offiziell gültige, auf dem Jus soli beruhende Staatsbürgerschaftsrecht ist durch administrative Praxis und rassistisches Gedankengut schon lange ausgehöhlt. So mancher, der nur seinen Personalausweis verlängern oder ersetzen lassen will, hat das bitter zu spüren bekommen.
  • Von NILS ANDERSSON *
  • WÄHREND die israelische Armee ihr Einrücken in die „autonomen“ Städte der Palästinenser wie ein Gewohnheitsrecht praktiziert, verhängt die Regierung ständig neue Maßnahmen, die den Verkehr von Menschen und Gütern in den besetzten Gebieten immer mehr einschränken. Das Westjordanland ist faktisch in acht „Kantone“ aufgeteilt, zwischen denen sich Palästinenser nur mit Sondergenehmigungen bewegen können. Damit ist jede palästinensische Wirtschaftstätigkeit erstickt. Mit dem weiteren Ausbau der Siedlungen hat sich die Regierung Scharon nicht nur über alle UN-Resolutionen und das Völkerrecht hinweggesetzt, sie hat auch die Oslo-Verträge endgültig zu Grabe getragen.
  • Die Selbstmordattentäter haben ein „Gleichgewicht des Schreckens“ zwischen Israel und dem palästinensischen Widerstand hergestellt. Aber diese Balance hat den Krieg zum Alltag gemacht, statt ihn zu verhindern, weil die Konfliktparteien keine gefestigten, rational kalkulierenden Staaten sind. Die Selbstmordkommandos haben den Widerstand „privatisiert“, auf Kosten palästinensischer Machtstrukturen, die einen Kompromiss umsetzen könnten. Auch die Regierung Scharon will Arafat und seine Autonomiebehörde demontieren. Dass sie einen „Frieden gegen Land“ nicht haben will, beweist die Zerstörung der zivilen Infrastruktur bei den „Strafaktionen“ gegen die Palästinenser. Wenn die seit 1967 betriebene Siedlungspolitik die israelische Gesellschaft in Geiselhaft nimmt, gibt es keinen Ausweg aus dem tödlichen Kreislauf von Terror, Okkupation und Repression.
  • DAS Geschäft mit den Risiken floriert. Je größer und vielfältiger die Ängste der Menschen, umso lukrativer die Gewinne für Versicherungsgesellschaften und Anbieter privater Sicherheitsdienste. Da aber bei den wirklichen Katastrophen der unterschiedlichsten Art kaum je die verursachenden Organisationen, sondern stets der „Faktor Mensch“ und sein Versagen verantwortlich gemacht werden, wächst mit der – potenziellen – Schuld des Einzelnen dessen Bedürfnis nach Absicherung nur noch mehr. Wir steigern uns in imaginierte Gefahren, in einen regelrechten Katastrophismus hinein – und fragen uns gar nicht mehr, wo die tatsächlichen Risiken liegen und was wir gegen sie unternehmen können.
  • JOHN ARQUILLA und David Ronfeldt sind die Erfinder der neuen US-Militärdoktrin, die den Vereinigten Staaten einen schnellen Sieg über das Talibanregime beschert hat. Sie glauben allerdings, dass Ussama Bin Laden und Al-Qaida doch noch „den aktuellen Krieg gewinnen könnten, wenn sie in den Besitz von Bio- oder Atomwaffen gelangen“. Deshalb müsse man eine spezielle Strategie gegen Netzwerke entwickeln, sich also auf einen „Netwar“ vorbereiten. Solche Überlegungen untergraben die Logik eines Angriffs gegen den Irak, gegen den auch ein ökonomisches Argument spricht: Ein Krieg im Nahen Osten würde zu einer neuen Ölkrise führen.
  • Von NICOLAS SARKIS *
  • Von YOUNÈS ALAMI *
  • BEI ihrem Treffen Ende Mai im saudischen Dschidda erklärten die sechs Mitgliedstaaten des Golf-Kooperationsrates ihre Besorgnis im Hinblick auf die Lage in Palästina und einen möglichen Angriff der USA auf den Irak. In den Staaten der Golfregion tun sich als lauteste Stimmen des Protests gegen „den Westen“ die islamistischen Organisationen hervor. Diese stehen auch deshalb unter Rechtfertigungsdruck, weil einige ihrer Mitglieder in die Anschläge vom 11. September verwickelt waren. Doch die Islamisten sind untereinander gespalten und unsicher, welche Art von islamischer Gesellschaft sie anstreben – vor allem in Kuwait.
  • TIMOR LOROSA‘E ist der offizielle Name des Staates, der am 20. Mai auf dem Gebiet von Osttimor gegründet wurde. Allen pessimistischen Prognosen zum Trotz scheint der Übergang zur Demokratie gelungen zu sein. Angesichts der pragmatischen Führung des am 14. April mit 83 Prozent der Stimmen gewählten Präsidenten und einer großen Bereitschaft der Bevölkerung und der lokalen politischen Eliten, das Projekt eines eigenen Staates voranzubringen, sind die Aussichten für die Zukunft vielversprechend. „Timorisation“ heißt das Schlagwort, unter dem die Bevölkerung ihr Schicksal in die eigenen Hände nimmt.
  • NACH mehr als vierzig Jahren Unabhängigkeit befindet sich das Verhältnis zwischen Afrika und Frankreich in einem neuerlichen Wandlungsprozess. Das einstige Mutterland verfolgt schon lange kein klares Konzept mehr im Hinblick auf die Zusammenarbeit mit den einstigen Kolonien. Die Linke unter der Führung Jospins ging im Namen einer Nichteinmischungspolitik weitgehend auf Distanz und löste die alten Institutionen auf. Die neue Rechtsregierung Raffarin könnte versucht sein, an die gaullistische „frankafrikanische“ Tradition anzuknüpfen. Aus afrikanischer Sicht ist vor allem Skepsis angebracht – und die Bereitschaft, englische Sprachkenntnisse zu erwerben.
  • Von RAPHAEL TSHIMBULU NTAMBUE *
  • Von JACQUES DIOUF *
  • IM Laufe seiner 96. Reise, die ihn nach Aserbaidschan und Bulgarien führte, ist deutlich geworden, wie sehr sich der Gesundheitszustand von Papst Johannes Paul II. verschlechtert hat. Zwei Kardinäle haben sich sogar für seinen Rücktritt ausgesprochen. Nach kanonischem Recht ist ein Papst auf Lebenszeit gewählt, hat aber das Recht abzudanken – eine Möglichkeit, die 1965 von Papst Paul VI. in Erwägung gezogen wurde. Es ist nun an der Zeit, eine erste Bilanz dieses Pontifikats zu ziehen, das bei aller Widersprüchlichkeit vor allem als Projekt einer restaurierten Glaubens- und Sittenlehre verstanden werden muss.