Archiv: Texte

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Ausgabe vom 14.12.2001


  • Im Unterschied zum US-Dollar ist der Euro, der am 1. Januar zum anfassbaren Zahlungsmittel wird, ganz ein Kind der materiellen Welt. Politisch gesehen ist er auch ein Produkt des Mauerfalls: Die gemeinsame europäische Währung sollte die Furcht vor einem übermächtigen Deutschland eindämmen. Vielleicht auch deshalb weist er keinen symbolischen „Überschuss“ auf. Der Euro hat nichts, was „gemeinschaftsbildend“ wirken könnte. Auf den Banknoten sind Tore und Brücken abgebildet, aber sie führen nicht ins „Euroland“. Der gemeinsame Währungsraum bleibt der abstrakte Raum des Marktes. Und letzter Garant des Geldwerts ist nicht ein föderativer Staat, sondern eine Institution, die niemand Rechenschaft schuldet: die Europäische Zentralbank. Bleibt nur die Hoffnung, mit dem Einheitsgeld werde die politische Einheit schon wachsen. Doch die Geschichte macht keinen Mut. Sie kennt nur das Gegenbeispiel.
  • Von IGNACIO RAMONET
  • Von PASCALE CASANOVA *
  • SOEBEN ist der Film „Harry Potter und der Stein der Weisen“ zeitgleich in den Kinos der Welt angelaufen und hat bereits sämtliche Rekorde gebrochen. Begleitet wird der Kinostart von einer Merchandising-Kampagne allererster Güte, die vor Weihnachten die Wünsche der Jugendlichen in Goldbarren für Warner Brothers ummünzen soll. Die Abenteuer des Zauberlehrlings Harry Potter basieren – auch – auf einem alten Mythos: dem Mythos vom Gral. Sie spiegeln die Ängste und Hoffnungen von Millionen Jugendlichen wider, denen die Umwelt heute ständig neue Herausforderungen stellt.
  • Von DOMINIQUE PLIHON *
  • DER Präsident der USA hat sich an die Spitze der Bewegung gesetzt, die im Kampf gegen den Terrorismus den Rechtstaat – zumindest für Ausländer – abzuschaffen plant. Wichtige rechtsstaatliche Grundsätze und selbst das Prinzip der Gewaltenteilung werden durch die vorgeschlagenen Regeln ausgehebelt. Angesichts der geplanten US-Militärtribunale, die ein deutscher Kritiker „die amerikanische Variante der Scharia“ nennt, dürfen rechtsstaatlich verfasste Länder eigentlich keine mutmaßlichen Terroristen an die USA ausliefern. Die könnten allerdings theoretisch in jedem Land der Erde abgeurteilt werden.
  • NIE war der Wohlstand zwischen Nord und Süd, zwischen Ost und West, aber auch innerhalb der einzelnen Gesellschaften so ungleich verteilt wie heute. Wie verhängnisvoll es wäre, wenn dieser Trend weiterginge, ist seit dem 11. September vielen Menschen schlagartig aufgegangen. Die Welthandelsorganisation (WTO) hat trotzdem bei ihrem Gipfel in Doha unbeirrt an ihrem Globalisierungskurs festgehalten. Schließlich ging es darum, eine neue „Entwicklungsrunde“ einzuläuten, die rückhaltlos die Öffnung der Märkte propagiert und als Wachstumsstimulans für alle Beteiligten anpreist. Dass von einer solchen Politik die Länder des Südens profitieren würden, ist freilich ein Gerücht, das durch ständige Wiederholungen nicht glaubwürdiger wird.
  • IN Washington laufen die Planungen für eine „Phase II im Weltkrieg gegen den Terrorismus“. Als mögliches Zielgebiet ist das Horn von Afrika im Visier. Ein Krieg in der Region würde die Mission der 4 200 Blauhelmsoldaten berühren, die – von der Weltöffentlichkeit fast unbeachtet – den Grenzkonflikt zwischen Eritrea und Äthiopien einzudämmen versuchen. Wahrscheinlichstes Ziel für das US-Militär wären jedoch islamistische Kräfte in Somalia, wobei sich das Regime in Addis Abeba als Hilfskraft anbieten könnte. Außer Gefahr scheint das sudanesische Regime, das inzwischen mit den USA kooperiert.
  • IN seiner Fernsehansprache an die Nation neun Tage nach den Terroranschlägen von New York und Washington hat der pakistanische Präsident General Pervez Muscharraf versucht, die amerikafeindliche Stimmung in seinem Land zu besänftigen. Dabei berief er sich auf das Vorbild des Propheten Mohammed, der mit den jüdischen Stämmen und danach mit den Ungläubigen einen Kompromiss ausgehandelt und damit der jungen muslimischen Religion zum Sieg verholfen hatte. Muscharraf, dessen Regime die Taliban protegiert hatte, muss nun das Wohl und die Einheit der Nation beschwören, um den Wandel seiner Afghanistanpolitik und die Bündnistreue zu den USA zu rechtfertigen. Die wird allerdings nicht so weit gehen, dass er eine Lösung für den Kaschmirkonflikt sucht, denn das kann er der pakistanischen Armee noch nicht zumuten.
  • Von KURT JACOBSEN und SAYEED HASAN KHAN *
  • WER glaubt, dass der Aufbau einer Antiterrorkoalition durch die USA eine multilaterale Öffnung der Politik Washingtons anzeigt, dürfte sich gewaltig irren. Die Regierung Bush besteht auf einer unilateralen Außenpolitik und konzentriert sich ganz auf ihre militärischen und politischen „Missionen“, ohne die Bündnispartner um Rat zu fragen oder an den Entscheidungen zu beteiligen. Der eingefleischte Unilateralismus erschwert auch den Balanceakt mit Moskau und Peking. Die bieten sich einerseits im Rahmen der Antiterrorkoalition als verlässliche Partner an, sind aber zugleich bei jedem außenpolitischen Schritt auf die Wahrung ihrer Interessen bedacht.
  • WARUM gibt es Menschen, die uns hassen, wo wir doch so gut sind?“ fragte US-Präsident Bush kürzlich. Aus dieser Selbstwahrnehmung als „Reich des Guten“ folgt die Anmaßung: Wer nicht für uns ist, ist gegen uns. Kaum einer in den USA diskutiert derzeit, welche Folgen es hat, wenn die einzige real existierende Supermacht sich stets als strahlender Sieger geriert. Dabei kommen die Triumphe von gestern Washington bereits heute teuer zu stehen, wie man an Ussama Bin Laden erkennt. Wie hoch wird der Preis sein für den Sieg über Bin Laden und die Taliban?
  • Von SAAD MEHIO *
  • SADDAM HUSSEIN sei äußerst gefährlich, befand unlängst George W. Bushs Sicherheitsberaterin Condoleezza Rice und fügte hinzu: gefährlich für sein Volk, für die Region wie für die USA. Während der Krieg in Afghanistan seinem Ende entgegengeht, verkünden die USA, dass der gegen den Terrorismus fortgesetzt werde. In Washington diskutiert man derzeit die nächsten Ziele – und somit die Irakfrage. „Wir könnten die UN-Waffeninspekteure wieder ins Land lassen, sobald die Sanktionen gegen uns aufgehoben sind“, erklärte der irakische Außenminister und machte deutlich, dass sein Land eine amerikanische Militäraktion befürchtet. Eine solche Aktion würde freilich die arabische und islamische Welt, die über die Tatenlosigkeit der Amerikaner in Palästina ohnehin empört ist, weiter gegen die USA aufbringen und die Position der Machthaber am Golf schwächen.
  • Von AMIRA HASS *
  • AM 25. Dezember 1991 trat Michail Gorbatschow zurück. Auf dem Kreml wurde die rote Fahne mit goldenem Stern, Hammer und Sichel eingezogen, seither weht dort das weißblaurote Banner Russlands. Das Sowjetsystem, das im letzten Kriegsjahr 1917 begonnen hatte, war damit am Ende. Doch was war das eigentlich für ein Regime? Etwa Sozialismus? Und wie ist in diesem Zusammenhang der Stalinismus einzuordnen? Welche Verbindungslinien lassen sich zwischen Stalinismus und Zarismus ziehen? Im heutigen Russland sind solche Fragen – zwischen Nostalgie und Verdrängung der Vergangenheit – nach wie vor aktuell.
  • DIE traditionellen Kirchen des Christentums klagen über Mitgliederschwund, während „unabhängige“ Kirchen enormen Zulauf genießen. So führen unsichere ökonomische und soziale Verhältnisse in den Ländern der Dritten Welt zur stärkeren Verbreitung der Pfingstkirche, die von den katholischen Amtskirchenschlichtweg als Sekte bezeichnet wird. Besonders in Afrika und Lateinamerika hat die Bewegung zahlreiche Anhänger. Der Status der Glaubensgemeinschaft jedoch bleibt paradox, ist er doch einerseits ein Spiegel der dominierenden westlichen Ideologien, andererseits Ausdruck einer weit verbreiteten Volkskultur.
  • IN Nicaragua sind die Errungenschaften der sandinistischen Revolution längst wieder zerstört. Während der Regierungszeit von Präsident Arnoldo Alemán hat die Korruption ein nie da gewesenes Ausmaß erreicht. Das Land befindet sich ökonomisch und sozial im freien Fall. Mit einem ausgesprochen moderaten Reformprogramm war die Sandinistische Befreiungsfront FSLN unter Daniel Ortega bei der Präsidentschaftswahl am 4. November nicht chancenlos angetreten. Umfragen sahen Ortega knapp vor Enrique Bolaños, dem Kandidaten der Konservativen. Doch der hat am Ende mit der Unterstützung der Vereinigten Staaten gewonnen.
  • Von RAPHAËLLE BAIL *