14.12.2001

Somalia im Visier der USA

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Somalia im Visier der USA

Mehrere afrikanische Gruppen stehen auf der neuesten Terrorbekämpfungsliste des US-Außenministeriums: zwei Rebellengruppen aus Uganda, die im Kongo stationierten ruandischen Hutu-Milizen, die Rebellen von Sierra Leone und eine islamistische Organisation aus Somalia: al-Ittihad al-Islami (Die Einheit des Islam). Die USA sagen dieser letzten Gruppen Verbindungen zu al-Qaida und Ussama Bin Laden nach. Al-Ittihad entstand 1991 nach dem Zusammenbruch des somalischen Zentralstaats. Aufgebaut wurde die Organisation von somalischen Kriegsvertriebenen und ihren religiösen Führern sowie von vertriebenen arabischen Händlern, die islamische Wohltätigkeitsverbände aufbauten. 1992 kontrollierte al-Ittihad kurzfristig den Hafen Bosasso im Nordosten Somalias, in späteren Jahren den Hafen Merca im Südosten und die Region Gedo im Südwesten des Landes. Sie unterstützte auch islamistische Rebellen in der somalisch besiedelten Ogaden-Region Äthiopiens.

Im Juni 1996 vertrieb Äthiopiens Armee al-Ittihad aus ihrem größten Militärstützpunkt Luqh an der äthiopischen Grenze, wo Ussama Bin Laden nach einheimischen Angaben Trainingslager für somalische und ausländische Islamisten finanziert hatte. Aus Luqh zog sich al-Ittihad nach el-Uach im Dreiländereck Somalia/Äthiopien/Kenia zurück. Es gibt auch Berichte, wonach al-Ittihad einen Hafen in Südsomalia und einen weiteren Hafen in Puntland kontrolliert. Dort, so lautet die Befürchtung der USA, könnten Al-Qaida-Mitglieder auf der Flucht unbemerkt landen. Die früher mit al-Ittihad verbündeten Geschäftsleute unterstützen heute die in der Hauptstadt Mogadischu ansässige, international anerkannte Übergangsregierung Somalias. Das hat diese in den Ruch gebracht, mit Unterstützern des Terrorismus zusammenzuarbeiten. Das nutzen ihre Gegner, insbesondere in Somaliland und Äthiopien, indem sie seit Wochen eine internationale Intervention in Somalia fordern.

Für Washington wäre ein Militärschlag in Somalia von besonderem Reiz. Denn die USA hatten bereits 1992/93 militärisch in Somalia eingegriffen – in einer Operation, die humanitäre Hilfsaktionen gegen Milizen schützen sollte. Die Intervention an der Spitze einer UN-Blauhelmtruppe artete schnell zum Krieg gegen antiwestliche Milizenführer aus, vor allem gegen Mohammed Farah Aidid. Dessen Kämpfer verbündeten sich mit radikalen ausländischen Islamisten, die auch mit Ussama Bin Laden zusammengearbeitet haben sollen, der damals noch lebte im Sudan lebte. Als die Milizionäre Aidids im Oktober 1993 in der Mogadischu 18 US-Marines töteten, bliesen die USA zum Rückzug.

Mit dem Scheitern der US-Intervention in Somalia endete vorerst die militärisch aktive Phase der US-Außenpolitik, die im Golfkrieg gegen den Irak begonnen hatte. Danach blieben die USA sowohl beim Genozid in Ruanda 1994 wie auch bei den serbischen Massakern in Bosnien 1995 untätig. Erst mit dem Krieg in Kosovo 1999 und dem Krieg in Afghanistan wurde diese Phase überwunden. Eine Rückkehr der USA nach Somalia – und sei es durch die Unterstützung einer äthiopischen Intervention – wäre vor allem eine symbolische Revanche für das Debakel von 1993.

DOMINIC JOHNSON

Le Monde diplomatique vom 14.12.2001, von DOMINIC JOHNSON