Archiv: Texte

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Ausgabe vom 11.06.2004


  • Die Bereitschaft junger Menschen, in einem Selbstmordattentat zu sterben und dabei möglichst viele Menschen mit in den Tod zu reißen, gibt zahllose Rätsel auf. Das Selbstmordattentat gilt als die letzte wirksame Waffe der Schwachen in einem asymmetrischen Krieg – das ist die einzige „moralische Legitimation“, die sich zu ihrer Verteidigung anführen lässt. Weltweit steigt die Zahl der Selbstmordanschläge, während die Zahl der „normalen“ terroristischen Attentate rückläufig ist. Auch wenn vielfach religiöse Motive angeführt werden, geht es zumeist um politische Interessen, und so ähnlich sich die Taten scheinen, so verschieden sind Motive und Zusammenhänge. Doch was genau unterscheidet den Anschlag auf das WTC von Selbstmordanschlägen der Tamil Tigers? Eine kurze Untersuchung über eine neue weltweite Erscheinung, über ihre Hintergründe und Auswirkungen.
  • Von IGNACIO RAMONET
  • Von ANDREA BÖHM *
  • Verheerende Folgen hatte das Ende des Kalten Krieges in Afrika, wo die nach dem Zweiten Weltkrieg entstandenen Staaten, die lange durch die Konkurrenz der Großmächte gestützt wurden, zu verfallen drohen. Doch die Hinterlassenschaften des Kommunismus haben auch unsere Gesellschaften zutiefst geprägt. Der durch die Kommunistische Internationale aus den Angeln gehobene Nationalstaat sieht sich heute neuen internationalen Anfechtungen ausgesetzt.
  • IN Michael Endes Roman „Momo“ reden die Grauen Herren den Menschen ein, sie müssten Zeit sparen, und nehmen ihnen die gesparte Zeit dann weg. Die heutige Kulturindustrie stellt mit ihren formatierten Radio- und vor allem Fernsehprogrammen flüchtige, temporäre Objekte her, die unsere freie Zeit füllen sollen, deren Sinn und Zweck letztlich aber ist, über das Wecken uniformierter Wünsche ein einheitliches und kalkulierbares Konsumverhalten der Zuschauermassen zu erzeugen. Dabei war mit Freizeit und Muße einmal Zweckfreiheit und Individualität assoziiert – die jetzt von der Kulturindustrie abgeschafft werden.
  • DIE Strategie der „aufgeklärten Moderation“ will der pakistanische Staatspräsident General Pervez Musharraf für sein Land verfolgen. Nach dem unerwarteten Regierungswechsel im Nachbarland Indien streben Delhi und Islamabad die Fortsetzung der begonnenen Aussöhnungspolitik an – deren Erfolg wird sich vor allem an der Entwicklung in der Unruheregion Kaschmir ablesen lassen. Doch Musharraf kann sich auch in dieser Frage nur mit äußerster Vorsicht bewegen. Seine Rolle im „Krieg gegen den Terror“ hat ihn anfällig gemacht für die Kritik der pakistanischen Islamisten, die er nicht frontal anzugreifen wagt.
  • SOWOHL US-Präsident Bush als auch sein demokratischer Herausforderer John Kerry treten häufig in Florida auf. Denn unter den dortigen Exilkubanern hat ein Generationenwechsel begonnen: Ihre Jungwähler sind längst nicht mehr so republikanerfreundlich wie die Exilkubaner der ersten Stunde. Am 6. Mai hat Bush die Sanktionen gegen Kuba verschärft, Privatbesuche dorthin erschwert und Geldüberweisungen eingeschränkt. Die harte Linie soll die Wähler beeindrucken und den Druck auf Fidel Castro weiter erhöhen. In Kuba selbst gilt der Comandante auch vielen Funktionären als Hindernis für Reformen. Nach seinem Tod soll die Armee eine kontrollierte wirtschaftliche Öffnung herbeiführen.
  • DER alte Gegensatz zwischen den Flamen und den Französisch sprechenden Wallonen, der das kleine Belgien traditionell strapaziert, wird inzwischen durch eine dritte „communauté“ relativiert: die belgischen Muslime – seit 1974 sind sie als Glaubensgemeinschaft staatlich anerkannt. Auch um ihre Stimmen werben die belgischen Parteien vor der Wahl zum Europäischen Parlament am 13. Juni. Mit einer Ausnahme: Der rechtsextreme Vlaams Blok hat sich neuerdings darauf verlegt, antiarabische Ressentiments zu bedienen, und spielt sich als Beschützer der in Belgien lebenden Juden und als Verteidiger der israelischen Regierung auf. Doch diese neuen Sympathien sind auch vielen belgischen Juden suspekt.
  • WO immer ein nationaler Strommarkt liberalisiert wird, steigen die Energiepreise, fahren die Konzerne Extraprofite ein. Im besten Fall verwandeln sich die Monopole in Oligopole: Statt einem Anbieter gibt es einige wenige, die aber eher die Tarife abzusprechen scheinen als untereinander über den Wettbewerb Preisdruck auszuüben. Wie vor einigen Jahren bei der Liberalisierung der Telekommunikationsmärkte entsteht nun im Energiesektor ein neuer Boom mit hochschnellenden Aktienkursen und überteuerten Firmenaufkäufen, die von den Konsumenten zu bezahlen sind. Die EU-Beschlüsse erzwingen zwar nicht die Privatisierung der alten Staatsbetriebe, erleichtern sie aber.
  • In Bagdad wurde die neue Interimsregierung unter Ijad Allawi vorgestellt. Die im Hintergrund detonierenden Bomben erinnerten daran, was die Iraker von ihr erwarten. Sie soll vor allem die nackte Anarchie beenden, die auf den Straßen herrscht. Für eine Regierung, die auch nach dem 30. Juni nicht souverän agieren kann, bedeutet dies eine Sisyphusaufgabe.
  • Von CAROLINE MOOREHEAD *
  • Der Emir von Katar gilt als frankophil und setzt auf Demokratisierung. Aber der Einfluss Frankreichs könnte größer sein. Ein Zweckbündnis mit den USA soll das Land vor seinen Nachbarn schützen.
  • Weite Teile West- und Zentralafrikas besitzen eine gemeinsame Währung: den CFA-Franc. Doch auch seine Abwertung half nicht gegen die Krise. Denn der Weltmarkt hat den neoliberalen Reformern einen Strich durch die Rechnung gemacht.
  • AM 12. Juni beginnt eine Saison von Ereignissen, die die Herzen der Sportfans höher schlagen lassen: Fußball-Europameisterschaft, die Tour de France, die Olympischen Spiele. Selbst linke Intellektuelle verbergen ihre Begeisterung nicht. So transportieren sie einen verlogenen Pseudohumanismus, kapitalistische Demagogie und die Legitimität polizeistaatlicher Unterdrückung. Aber nicht nur.
  • IN der Geschichte des Zionismus waren die arabischen Einwohner in Palästina nicht vorgesehen, wie schon die alte Parole „Ein Land ohne Volk für ein Volk ohne Land“ dokumentierte. Keiner der zionistischen Wege – weder der pragmatische noch der revisionistische – weist derzeit einen politischen Ausweg angesichts der Tatsache, dass zwischen dem Mittelmeer und dem Jordan in absehbarer Zeit die Palästinenser die demografische Mehrheit stellen werden. Doch innerhalb Israels hat dieser „Kampf zweier Linien“ seine Brisanz nie verloren, wie auch die jüngste Krise innerhalb der Scharon-Regierung zeigt.
  • JE länger die amerikanische Besatzung im Irak dauert, umso stärker drängen sich die Parallelen zum Vietnamkrieg auf. Auch deshalb hat das offenbare Scheitern – tägliche Bombenattentate auf Zivilisten, Soldaten und Politiker in den Straßen Bagdads – seit den Enthüllungen über Abu Ghraib eine innenpolitische Dimension bekommen. Aber nicht nur die Kritik wird immer lauter, manche finden auch den Mut zur Selbstkritik. Die Herausgeber der „New York Times“ entschuldigten sich am 25. Mai bei ihren eigenen Lesern für ihre fehlerhafte, hauptsächlich auf Regierungsquellen basierende Berichterstattung über das Thema Irak und gelobten Besserung. Was man von der Regierung Bush nicht sagen kann.
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