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Abwertungsängste in Afrika

Weite Teile West- und Zentralafrikas besitzen eine gemeinsame Währung: den CFA-Franc. Doch auch seine Abwertung half nicht gegen die Krise. Denn der Weltmarkt hat den neoliberalen Reformern einen Strich durch die Rechnung gemacht.

Von DEMBA MOUSSA DEMBÉLÉ *

MIT dem 11. Januar 1994 sollte sich das Leben von 85 Millionen Menschen in vierzehn afrikanischen Ländern bessern. An diesem Tag beschlossen die Regierungschefs dieser Staaten – allesamt ehemalige Kolonien Frankreichs –, ihre gemeinsame Währung um die Hälfte abzuwerten. War zuvor das Verhältnis zwischen dem CFA-Franc1 und dem französischen Franc auf 50:1 festgelegt, fiel er nun auf einen Wechselkurs von 100:1.

Nach etwas mehr als zehn Jahren gehören immer noch elf dieser vierzehn Staaten zur Gruppe der am wenigsten entwickelten Länder, und 90 Prozent ihrer Bevölkerung müssen mit weniger als zwei Dollar am Tag auskommen.2 Tatsächlich führten die Abwertung und die sie begleitende Wirtschaftspolitik zu einem drastischen Rückgang der Kaufkraft. Dies lag vor allem daran, dass Weltbank und Internationaler Währungsfonds die Wechselkursänderung zur Durchsetzung radikaler Liberalisierungs- und Privatisierungsbeschlüsse nutzten. Seit Mitte der Neunzigerjahre wurden Staatsbetriebe systematisch in Privathand überführt, im Bergbau ebenso wie im Telekommunikations-, Banken-, Versicherungs- und Transportwesen sowie in der Strom- und der Wasserwirtschaft. Die Unternehmen schrumpften, zahllose Arbeitsplätze gingen verloren, die Kaufkraft der Bevölkerung schwand. Den Menschen blieben die Folgen der Wechselkursänderung in so traumatischer Erinnerung, dass mit dem Gerücht einer abermaligen Abwertung – als in Frankreich der Euro eingeführt wurde, an den der CFA-Franc nun gekoppelt ist – eine regelrechte Panik ausbrach. Afrikanische wie europäische Politiker sahen sich zu beschwichtigenden Stellungnahmen genötigt.3

Die Halbierung des Währungswertes hatte der damalige französische Ministerpräsident Edouard Balladur durchgesetzt. Vor allem aber erfolgte sie auf Betreiben der internationalen Finanzinstitutionen. Der neue Wechselkurs sollte den Strukturanpassungsprogrammen, die den afrikanischen Ländern infolge der Schuldenexplosion Anfang der Achtzigerjahre auferlegt wurden, schließlich doch noch zum Erfolg verhelfen.4

Die Begründung verlief so: Durch die schlechtere Parität verbilligen sich die Exportprodukte aus den vierzehn Ländern auf dem Weltmarkt deutlich. Damit werden die Ausfuhren wieder wettbewerbsfähig, die ganze Exportwirtschaft – die durch die viel zu hohen Preise angeschlagen war – kommt erneut in Gang. Zwar steigen dafür die Preise der Importgüter, aber auch dies ist ökonomisch sinnvoll. Denn damit nehmen die Anreize zu, zumindest einen Teil der Einfuhren durch Produkte zu ersetzen, die innerhalb der CFA-Zone hergestellt werden. Zugleich wachsen die Investitionen aus dem Ausland, weil die exportorientierten Wirtschaftszweige in die Rentabilität zurückkehren. Die öffentlichen Finanzen gesunden durch höhere Steuereinnahmen und niedrigere Staatsausgaben – vor allem durch den Wegfall von Subventionen. In Kauf genommen werden muss allerdings, dass der Prozess asymmetrisch verläuft: Während die Vorteile erst über längere Dauer spürbar sind, sind die Nachteile sofort zu sehen – die Verdoppelung der Auslandsschulden in einheimischer Währung, ein Preisschub bei allen Importgütern, die Belastungen durch den Wegfall staatlicher Unterstützungen und Arbeitslosigkeit durch das Schließen unrentabler Betriebe. Die Abwertung – bereits 1988 empfohlen – stieß jedoch auf den Widerstand mehrerer afrikanischer Staatschefs, die die politischen und sozialen Konsequenzen fürchteten und sich auf die Unterstützung des damaligen französischen Staatspräsidenten François Mitterrand5 verlassen konnten. Mit dem Sieg der Rechtsparteien bei den französischen Parlamentswahlen 1993 fiel diese Unterstützung weg, sodass den Regierungen der Franc-Zone keine andere Wahl blieb, als sich den Abwertungsplänen zu beugen.6

Dabei war die Überbewertung des CFA-Franc nur zu einem geringen Teil für die Misere verantwortlich. Die Ursache für die wirtschaftlichen Probleme lag vielmehr in der Verschlechterung der Außenbilanzen zwischen 1985 und 1993, als die Preise für Kaffee, Kakao, Baumwolle und ähnliche Rohstoffe – für viele der betroffenen Länder Hauptexportartikel – in den Keller fielen.7 Gerade diese Exporte bilden die Hauptdevisenquelle, um Außenschuld und Industriegüterimporte zu finanzieren.

Armutsbekämpfung braucht keine Aktienbörsen

SO verschlechterten sich die Terms of Trade zwischen dem subsaharischen Afrika und den nördlichen Ländern von 1981 bis 1997 um 35 Prozent, zwischen den Industrieländern und den Ländern der Franc-Zone zwischen 1985 und 1993 gar um 50 Prozent8 . Hinzu kam der Wertverlust des für fast alle Weltmarktgüter maßgeblichen US-Dollar, der den französischen Franc um 70 Prozent aufwertete.9

Die massive Kapitalflucht vor allem in den Jahren 1992 und 1993 verschlimmerte die Situation zusätzlich. Dafür verantwortlich waren zum einen Gerüchte über eine bevorstehende Abwertung – denn sie bedeutete auch, dass sich der Wert aller Inlandsguthaben gegenüber dem Ausland proportional verringern würde –, zum anderen die Rückstände bei der Bedienung der Auslandsschulden, weil die Haushaltsdefizite infolge der Wirtschaftskrise zunahmen. 1994 stieg der Finanzierungsbedarf der afrikanischen Länder auf 50 Milliarden französische Franc (heute knapp 8 Milliarden Euro) und verschärfte die Abhängigkeit von ausländischen Geldgebern weiter.

Gewiss, in den ersten drei Jahren nach der Abwertung beschleunigte sich das Wirtschaftswachstum. Doch dies war in Wirklichkeit der wieder anziehenden Weltkonjunktur zu verdanken, vor allem den steigenden Rohstoffpreisen für praktisch alle wichtigen Agrarexporte aus der CFA-Zone. Von der konjunkturellen Belebung profitierten auch andere Länder des Kontinents, insbesondere die ostafrikanischen Staaten, die sogar höhere Wachstumsraten erzielten als die Länder der Franc-Zone.10 Die Abwertung mag diese Aufwärtstendenz verstärkt haben, doch als die internationale Schönwetterperiode ab 1998 zu Ende ging, sanken die Wachstumsraten auch in Afrika wieder.

Die dortigen Exportschwierigkeiten sind im Zusammenhang mit den ungleichen Strukturen des Welthandelssystems zu sehen. Die massiven Agrarsubventionen in den Industrieländern benachteiligen die Erzeugnisse des schwarzen Kontinents. Von 1997 bis 2001 verschlechterte sich die Kaufkraftparität zwischen den afrikanischen Rohstoffen und den importierten Fertigwaren erneut, diesmal um 53 Prozent.11 Die Weltbank und der Internationale Währungsfonds „vergaßen“ über ihrem Freihandelsdogma offenbar, dass die Eroberung von Marktanteilen weniger in komparativen Kostenvorteilen bei der Produktion als vielmehr im komparativen Zugang zu Subventionen gründet.12

Auch andere Annahmen aus dem Lehrbuch der neoliberalen Globalisierung traten nicht ein. Die Wettbewerbsfähigkeit der örtlichen Unternehmen stieg vor allem deshalb nicht, weil mit der Öffnung zum Weltmarkt billige Importwaren den lokalen Markt überschwemmten. Der Schutz nationaler Unternehmen durch protektionistische Vorschriften und administrierte Preise, also von den Behörden festgelegte Niedrigtarife etwa für Fracht, Energie und Wasser, fiel weg. Ein Großteil der kleinen und mittelständischen Unternehmen wurden in den Bankrott getrieben oder in den informellen Sektor abgedrängt.13

Keine Überraschung auch, dass das Auslandskapital auf sich warten ließ. Ohnehin ziehen die am wenigsten entwickelten Länder weniger als 1 Prozent der in die Entwicklungsländer fließenden Direktinvestitionen an, aber viele afrikanische Länder der Franc-Zone bilden dabei auch noch das Schlusslicht. Nur die Elfenbeinküste, die für 40 Prozent der Gesamtwirtschaftsleistung des Währungsgebietes gut ist, zog im Laufe der Privatisierungen nennenswerte Auslandsdirektinvestitionen an: zwischen 1990 und 1997 insgesamt 500 Millionen Dollar.14

Bei der Entwicklung des Privatsektors zum „Wachstumsmotor“ sollten die Auslandsinvestitionen eine wichtige Rolle spielen. Diese Strategie beruht auf der irrigen Vorstellung, die Entwicklungsländer, insbesondere die afrikanischen, brauchten Auslandskapital, um ihre Entwicklung zu beschleunigen und die Armut wirksam zu bekämpfen. Die Neugründung von Aktienbörsen in der Franc-Zone diente daher eher dem Zweck, mit der Stückelung der Anteile die Privatisierung staatseigener Unternehmen voranzutreiben, als dem Ziel, inländische Ersparnisse zu mobilisieren oder gar die Diaspora zur Gründung neuer einheimischer Unternehmen zu bewegen.15

Die Abwertung hatte auch eine Verdoppelung der Außenschuld in CFA-Franc zur Folge. Trotz eines Schuldenerlasses durch die französische Regierung und durch verschiedene Umschuldungen der internationalen Organisationen – die den Schuldnern zwar Luft bis zum erwarteten Aufschwung verschaffen sollten, die Belastung aber nicht beseitigten, sondern nur zeitlich verschoben –, ist die Schuldenlast seit der Abwertung weiter gestiegen. Hauptgläubiger der meisten CFA-Länder ist nicht mehr die ehemalige Kolonialmacht Frankreich, sondern die Weltbank, die dadurch einen erheblichen Einfluss auf die Wirtschafts- und Sozialpolitik der betroffenen Länder gewonnen hat.

Die Entwicklung seit 1995 hat die außenwirtschaftliche Handlungsfähigkeit der CFA-Länder ebenso geschwächt wie die Glaubwürdigkeit und Legitimität ihrer öffentlichen Institutionen. Große Teile der Bevölkerung haben das Vertrauen in die Regierung verloren. Mehrere Länder der CFA-Zone wurden daher in letzter Zeit von Staatsstreichs oder schweren inneren Unruhen erschüttert.16 In der auf den Kaffee- und Kakaohandel angewiesenen Elfenbeinküste wurden die Ankäufe der Stabilisierungskasse Caistab eingestellt, die den Farmern Mindestpreise für ihre Produkte gezahlt hatte. Ungeschützt war die Landbevölkerung dadurch dem Verfall der Weltmarktpreise ausgesetzt, was die ethnischen Spannungen in den Anbaugebieten zunehmen ließ und zur Destabilisierung der Elfenbeinküste beitrug.

Insgesamt hat die Abwertung des CFA-Franc die afrikanischen Volkswirtschaften weiter geschwächt und noch abhängiger vom Ausland gemacht. Sie verschärfte die Spezialisierung auf den Export von Roherzeugnissen und Bergbauprodukten, sodass im Jahr 2000 über 70 Prozent der Exporte aus der Wirtschafts- und Währungsgemeinschaft Westafrikanischer Staaten17 aus Erzeugnissen des Primärsektors bestanden. Das verarbeitende Gewerbe, das für die Wertschöpfung von zentraler Bedeutung ist, hatte unter den Folgen der Abwertung zu leiden, zum einen aufgrund der fallenden Binnennachfrage, zum anderen aufgrund des unlauteren Wettbewerbs durch ausländische Produkte. Zahlreiche Branchen wurden dadurch in den informellen Sektor mit seinen prekären Arbeits- und Lohnverhältnissen abgedrängt, was den Zusammenhalt der Gesellschaften zusätzlich schwächte.

Dass die Abwertung die afrikanische Integration befördert habe, davon kann angesichts der wachsenden Außenabhängigkeit keine Rede sein. Trotz Gründung der beiden Wirtschafts- und Währungsgemeinschaften Westafrikanischer und Zentralafrikanischer Staaten18 verharrt der innerafrikanische Handel auf niedrigem Niveau, und bis auf ein oder zwei Ausnahmen wickeln die Länder der Franc-Zone über die Hälfte ihres Handels mit Frankreich und anderen EU-Ländern ab. Kein Wunder, denn durch den Höhenflug des Euro gegenüber dem Dollar in den letzten beiden Jahren kamen neuerliche Belastungen hinzu. Nur die hohen Ölpreise schlugen zumindest 2003 nicht so auf die Importkosten durch wie im Dollarraum. Aus der Währungsunion eine vertiefte wirtschaftliche Zusammenarbeit nach dem Vorbild der EU zu entwickeln und etwa einen gemeinsamen Binnenmarkt für Güter und Kapital zu entwickeln kommt dabei nicht in Frage. Mehrere Mitgliedsländer der CFA sind politisch instabil, die gemeinsamen Institutionen sind schwach und die Teilnehmerländer auch von wechselseitigem Misstrauen geprägt. Auch ein wirtschaftlicher Zusammenschluss mit großen Staaten in der Region kommt nicht in Frage. Die Regionalmacht Nigeria mit ihren 120 Millionen Einwohnern, eine ehemals englische Kolonie, würde die Zone sofort dominieren und weist zudem eine weit höhere Inflationsrate auf – nur eine Kapitalvernichtung durch Inflationsstöße ist den CFA-Ländern bisher erspart geblieben.

Seit mehr als 60 Jahren hängt dieser Teil Afrikas monetär von Frankreich und Europa ab. Er ist durch einen festen Wechselkurs an den Euro und die EU gebunden, und obzwar der CFA-Franc von der Zentralbank der Westafrikanischen Staaten und der Zentralbank der Zentralafrikanischen Staaten verwaltet wird, garantieren die Banque de France und das französische Finanzministerium seine Konvertibilität. Recht besehen, verhindert der CFA-Franc jede eigenständige Wirtschafts- und Sozialpolitik der betreffenden Staaten. Er bremst die Entwicklung, und er behindert die regionale Integration. Es ist höchste Zeit, dass sich die westafrikanischen Länder von dieser währungspolitischen Bevormundung emanzipieren und eine eigene Währungszone vorbereiten, die über die Grenzen der derzeitigen Franc-Zone hinausgeht. Jede andere Option verlängert nur die Knechtschaft.

deutsch von Bodo Schulze

* Ökonom, Dakar (Senegal).

Fußnoten: 1 Die Zone der CFA (Communité financière africaine, Afrikanische Finanzgemeinschaft) umfasst Benin, Burkina Faso, die Elfenbeinküste, Mali, Niger, Senegal, Togo, Kamerun, Zentralafrika, den Kongo, Gabun, Guinea-Bissau, Äquatorialguinea und den Tschad. 2 Unctad, „Les pays les moins avancés. Echapper au piège de la pauvreté“, Bericht 2002, S. 59, Abb. 19. 3 Charles Konan-Banny, „Les thèses dévaluationnistes aux orties“, Le Soleil, Dakar, 17. April 1998. 4 Eric Toussaint, „Die fatale Schuldenspirale“, Le Monde diplomatique, September 1999. 5 Le Journal de l’Economie, Dakar, 12. Januar 2004. 6 Philippe Leymarie, „Monnaie dévaluée, peuples oubliés“, Le Monde diplomatique, März 1994. 7 Unctad, „Rapport sur le commerce et le développement“, 1998, S. 12. 8 Unctad, „Les flux de capitaux et la croissance en Afrique“, Juli 2000, S. 21, Abb. 5. 9 Commission économique pour l’Afrique (CEA), „Exchange Policy of African Countries in the Franc Zone Area“, März 1998, S. 8. 10 Makhtar Diouf, „Bilan de la dévaluation du franc CFA“, Tagung des Council for the Development of Economic and Social Research in Africa (Codesria), Dakar, 4.–6. November 1998, S. 2. 11 Unctad, „Economic Development in Africa. Trade Performance and Commodity Dependence“, Februar 2004, S. 19ff. 12 Wegweisend könnte ein Verfahren vor der Welthandelsorganisation (WTO) werden. Eine WTO-Expertengruppe stimmte im April 2004 der Auffassung Brasiliens zu, dass die USA nur noch deswegen zweitgrößter Baumwollproduzent der Welt sind, weil sie ihre Produzenten in vier Jahren mit über 12 Milliarden Dollar unterstützten. Die USA halten solche Subventionen für WTO-verträglich. 13 „Intégration africain: L’Uemoa par la porte étroite“, Soleil, Dakar, Sonderheft, August 2001, S. 4. 14 Demba Moussa Dembélé, „Investissements et com–merce en Afrique de l’Ouest“, Passerelles 2, Dakar (Enda Tiers-Monde), Juni–August 2000, S. 16. 15 Afrique Relance 14 (3), Oktober 2000, S. 25–28. 16 Pierre F. Tavares, „Westafrika: Zwischen Nouakchott und Abidjan“, Le Monde diplomatique, Januar 2004. 17 Hierzu gehören Benin, Burkina Faso, Elfenbeinküste, Mali, Niger, Senegal, Togo und Guinea-Bissau. 18 Die 1994 gegründete Wirtschafts- und Währungsgemeinschaft Zentralafrikanischer Staaten löste die Zoll- und Wirtschaftsunion Zentralafrikas (Udeac) ab und umfasst neben Zentralafrika den Kongo, Gabun, Tschad, Kamerun und Äquatorialguinea.

Le Monde diplomatique vom 11.06.2004,