Archiv: Texte

In unserem Textarchiv finden Sie alle Artikel aus der deutschen Ausgabe seit 1995. Ausgenommen sind die Artikel der letzten drei Ausgaben.
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Ausgabe vom 14.02.2003


  • Obwohl die Wiederwahl von Ariel Scharon düstere Perspektiven für den Frieden im Nahen Osten eröffnet, lassen sich George W. Bush und seine Falkenfraktion nicht von ihrem längst gefällten Kriegsbeschluss abbringen. Trotz der Proteste aus aller Welt und entgegen den Vorbehalten vieler Regierungschefs kündigte der amerikanische Präsident am 6. Februar an, die Uhr für Saddam Hussein sei abgelaufen. Doch niemand weiß bislang, wie ein Konflikt unter der einheimischen Bevölkerung aufgenommen würde. Während das Regime Lebensmittel verteilt, Brunnen bohrt und ein bewaffnetes System aus lokaler Abwehr und Überwachung errichtet, bleibt die Frage, welchen Reim sich die Iraker auf ihre Lage und ihre möglichen Nachkriegsperspektiven machen.
  • Von NIELS KADRITZKE
  • Von BERNARD CASSEN
  • EINE Vertreibung der Palästinenser erscheint unvorstellbar, politisch wie moralisch. Und doch wird in Israel über diese Möglichkeit in jüngster Zeit auf subtile, aber höchst beunruhigende Weise diskutiert. Was würde geschehen, wenn im Falle eines Krieges irakische Raketen in Israel einschlügen und Palästinenser in Jubel ausbrächen? Was passiert, wenn der alltägliche Hass weiter angeheizt wird? Während der „große Transfer“ aber nur eine ferne Möglichkeit ist, haben diverse Maßnahmen in den besetzten Gebieten – Straßenblockaden, Militärpatrouillen, Passierscheinschikanen – schon viele „kleine Vertreibungen“ bewirkt.
  • KRITISCHE Regisseure und Schauspieler aus China haben sich ein internationales Publikum erobert. In ihrem Heimatland produzieren sie unter schwierigen Bedingungen. Doch sie lernen, die offizielle Kulturbürokratie zu umgehen und die Zensur zu überwinden – oder sie drehen illegal und machen die Postproduktion im Ausland. So hat sich eine lebendige, unabhängige Szene entwickelt, die auch als „sechste Generation“ der Pekinger Filmakademie gezählt wird. Von ihren Vorgängern, denen sie Verklärung vorwerfen, distanzieren sie sich mit realistischen Arbeiten über die Randfiguren der chinesischen Gesellschaft.
  • DIE tschechische Bevölkerung reagiert distanziert auf die Mitgliedschaft in der Europäischen Union. Auch wenn Umfragen vermuten lassen, dass sie im Juni mehrheitlich für den Beitritt stimmen werden – sicher ist das nicht. Das Land braucht die EU nicht mehr zur Identitätsstiftung, denn nach dem Ende der Tschechoslowakei haben sich die Böhmen, Mährer und Schlesier in ihrem neuen Staat eingerichtet. Selbst die großen Streitereien mit den Nachbarn werden nicht mehr in einem so schrillen Tonfall geführt wie in den vergangenen Jahren. Die Fortgeltung der Beneš-Dekrete und das Atomkraftwerk in Temelín werden den Beitritt nicht mehr blockieren.
  • Seit neun Monaten ist die Regierung von Präsident Jacques Chirac und Premierminister Jean-Pierre Raffarin an der Macht, und schon kann sie eine Erfolgsbilanz in Sachen Abbau von sozialen Leistungen präsentieren. Die Liste ist nicht vollständig, zeigt aber einige Tricks und Kniffe der Rechten bei ihrem Vorgehen.
  • WLADIMIR PUTIN ist ohne Zweifel ein populärer Präsident im heutigen Russland. In den vom Kreml kontrollierten Medien wird immer wieder sein Lob gesungen, und begeisterte Teenager tanzen nach der Melodie des Schlagers „Ich will einen wie Putin“. Vier Fünftel der Russen stehen hinter diesem Mann mit der eisernen Hand, der in den drei Jahren seiner Regierungszeit manches verändert hat. Doch nicht unbedingt zum Guten: Die Sozialausgaben gehen weiter zurück, die Energieversorgung wird nicht besser, um die Unabhängigkeit von Justiz und Medien ist es schlecht bestellt, und der Tschetschenienkonflikt ist einer Lösung ferner denn je.
  • INNERHALB nur eines Jahres haben es die USA geschafft, ihre militärische Präsenz in Zentralasien und im Kaukasus zu etablieren. Und das auch noch kostengünstig: Einige dutzend Millionen Dollar Hilfsgelder reichten aus, um das Einverständnis der Regierungen zu erlangen. Für die Machthaber in der Region ist dies eine glückliche Fügung, weil sie mit der neuen Allianz ihre eigene Macht absichern können. Der große Verlierer ist Russland, dessen Einfluss auf die ehemals sowjetischen Republiken schnell schwindet.
  • Von PHILIPPE LEYMARIE *
  • DER britische Premierminister macht sich mit seiner aggressiven Irakpolitik zum „Pudel Amerikas“. Er zahlt diesen Preis, weil er zugleich Konfliktpartei und Vermittler auf der internationalen Bühne sein will. Außerdem ist er überzeugt davon, dass ein Isolationismus der reichen Länder die globalen Krisen noch verstärkt. Doch das Prinzip des „gerechten Krieges“ bleibt so undeutlich wie seine Vorstellungen von der Zukunft des Völkerrechts.
  • Von ERIC ROULEAU *
  • DIE Krise auf der koreanischen Halbinsel kann nur auf dem Verhandlungswege beigelegt werden. Zwar hat Nordkorea die Spannungen durch seinen Rückzug vom Atomwaffensperrvertrag angeheizt, aber das Regime Kim Jong Il dürfte damit vor allem die Absicht verfolgen, sich gegen einen militärischen Erstschlag zu schützen. Dieser Schutz wurde Pjöngjang in einer Geheimklausel des Abkommens von 1994 mit der Clinton-Regierung zugesichert, durch die neue Militärdoktrin der Bush-Regierung aber praktisch widerrufen. Doch eine militärische Aktion der USA gegen Nordkorea würde die ganze Region in einen Krieg stürzen. Deshalb hält die Regierung Roh Moo Hyun in Südkorea an der Politik der Aussöhnung mit dem Norden fest. Und auch Japan hält nichts von einer zu harten Haltung der USA gegenüber Nordkorea.
  • NORDZYPERN bleibt unter der Herrschaft Ankaras, statt in die EU aufgenommen zu werden. US-Soldaten dürfen über die Türkei in den Irak einmarschieren, was die neue, islamisch geprägte Regierung gegenüber ihrem Wahlvolk in Verlegenheit bringt. Die alte Führungsschicht im Staat und in der Armee definiert weiterhin die nationale Souveränität und bestimmt die regionale Machtpolitik. Der EU-Perspektive stehen die kemalistischen Traditionalisten mit großer Skepsis gegenüber. Denn die erforderlichen Reformen würden ihre Macht bedrohen und sie zwingen, das Primat des Militärischen über das Politische aufzugeben.
  • IM Vorfeld der Parlamentswahlen am 27. April 2003 bilden sich im politischen System des Jemen die pluralistischen Ansätze zurück. Das Land scheint sich wieder dem demokratischen Niveau der anderen arabischen Staaten anzunähern. Das Regime greift immer öfter auf autoritäre Methoden zurück, um die islamistische Opposition in Schach zu halten. Die war zwar lange Zeit mit Präsident Ali Abdallah Saleh verbündet, aber der ist durch den „Krieg gegen den Terror“ unter den Druck Washingtons geraten. Trotz einiger Irritationen scheint die Regierung Bush entschlossen, das Regime in Sanaa weiter zu unterstützen.
  • DIE Pilgerreise nach Mekka, die Hadsch, führt in diesem Jahr bis zu zwei Millionen Muslime an die zentralen Orte ihres Glaubens und ihrer Riten: vor die Kaaba in der Großen Moschee, an die Säule, die den Satan verkörpert, und in die Arafat-Ebene. Hier versammelt sich die Umma, die „Nation“ des Propheten. Weltliches soll dort keinen Platz haben – und erst recht nicht die Macht des saudischen Königshauses in Frage stellen. Ausweiskontrollen, 2 000 Kameras und die ständige Überwachung durch Hubschrauber sollen Proteste und Anschläge verhindern. Wer zu weit geht, riskiert die Todesstrafe.
  • Wie redet man in Zeiten wie diesen über Demokratie und Menschenrechte, und was hat der Schmerz darin zu suchen? Der Autor John Berger unternimmt eine persönliche Momentaufnahme und sucht nach dem Zusammenhang zwischen den Entscheidungen in Wirtschaft und Politik und dem Tod in der Welt.
  • ANFANG Januar tagte in der äthiopischen Hauptstadt Addis Abeba das zweite Afrikanische Sozialforum. Die Delegierten aus den sozialen Bewegungen vieler Länder Afrikas formulierten eine gemeinsame Kritik an der Globalisierung. Sie forderten, nach panafrikanischen Grundwerten zu suchen und eigene demokratische Formen zu entwickeln.