Archiv: Texte

In unserem Textarchiv finden Sie alle Artikel aus der deutschen Ausgabe seit 1995. Ausgenommen sind die Artikel der letzten drei Ausgaben.
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Ausgabe vom 12.09.1997


  • WIR sind auf der Suche nach Handwerkszeug. Das derzeit zu beobachtende zaghafte Wiedereinsetzen des staatsbürgerlichen Handelns im eigentlichen Sinne des Wortes sollte Anlaß sein, den Gedanken von Cornelius Castoriadis, einem Philosophen der politischen Radikalität, mehr Aufmerksamkeit zu schenken. Der soeben erschienene Band V der „Carrefours du labyrinthe“ mit dem Titel „Fait et à faire“ (1) kommt zur rechten Zeit, um vor dem Hintergrund der politischen Notwendigkeiten im Europa von heute ein Bild von der Philosophie dieses Autors zu zeichnen.
  • Von ALAIN GRESH
  • Von LOUIS PINTO *
  • ALS Verfechter der Gleichheit konnten die Jakobiner nichts anderes sein als die Totengräber der Freiheit und die Vorläufer der Bolschewiken. Diese Sichtweise wird in der Geschichtsschreibung seit den Arbeiten von François Furet kaum bestritten. Ihr zufolge ist die Freiheit notwendig inegalitär. Eine genauere Untersuchung der Französischen Revolution zeigt jedoch, daß sowohl für die Girondisten wie für die Montagnards Armut gleichbedeutend war mit Mangel an Freiheit. Und dies erforderte, unter anderem, die Steuerprogression. Wohingegen selbst die unnachgiebigsten Jakobiner darauf hofften, daß die Selbstbescheidung der Reichen und die moralische Gleichheit aller die sozialen Ungleichheiten beseitigen würden.
  • Seit 1996 der Liberale Arnoldo Alemán die Staatsführung übernommen hat, kommt es in Nicaragua zu neuen Spannungen. Mit Duldung des Präsidenten klagt die Familie Somoza auf Rückgabe der Vermögenswerte, die ihnen von der sandinistischen Revolution enteignet wurden. Auch die Autonomie der Minderheiten an der Atlantikküste, Miskitos, Mayangna und Rama, deren Auseinandersetzungen mit den Sandinisten in den Achtzigern für Schlagzeilen gesorgt hatten, wird seit 1990 wieder in Frage gestellt – von jenen, die es einst geschickt verstanden hatten, diese Völker gegen die Revolution einzusetzen.
  • DASS die städtische Militärpolizei ungestraft erpreßt, foltert und mordet, mußten sich die entsetzten Brasilianer erst kürzlich durch die Ausstrahlung zweier heimlich gedrehter Filme bestätigen lassen. Unterdessen sind zwei andere Institutionen des Landes, die Gewerkschaften und die Parteien der politischen Linken, auf der Suche nach einem neuen Aufschwung. Die zweifelhaften politischen Bündnisse von Präsident Fernando Henrique Cardoso haben den Weg zu einer Sozialreform offenbar verbaut. So ist es nun ausgerechnet die Bewegung der Landlosen, die mit ihrem Kampf für eine Agrarreform die Opposition gegen die Mitte-links-Regierung um sich herum sammelt.
  • NACH Zaire könnte der afrikanische Kontinent in diesem Jahr noch den Umsturz in einem anderen „Riesen“ erleben, dem Sudan. Das Schicksal des islamisch-fundamentalistischen Regimes in Khartum scheint von der Haltung abzuhängen, die der neue geopolitische Block ihm gegenüber einnimmt, der sich in Ostafrika mit Äthiopien, Eritrea und Uganda (und dessen Verbündetem, der Demokratischen Republik Kongo) herausgebildet hat. Dies alles beobachtet Südafrika mit wachsamem Blick, bereit, sich einzumischen und eine Vermittlerrolle einzunehmen.
  • EIN typisches Beispiel für die Fischereiabkommen, die von der Europäischen Union mit den Ländern Afrikas, der Karibik und des Pazifik (AKP) geschlossen worden sind, ist der Vertrag mit Senegal. Die Vereinbarungen – die in Straßburg wie in Dakar nicht unumstritten sind – sollen über den rein wirtschaftlichen Aspekt hinaus zur Entwicklung des Landes beitragen. Wem die dafür bereitgestellten Gelder letztlich nützen, wird sich in der Praxis zeigen, im Gegenzug werden jedenfalls Fangquoten genehmigt, die zur Gefährdung der Fischbestände und damit der Nahrungsmittelversorgung in den Erzeugerländern führen und die wirtschaftliche Stabilität in den Branchen bedrohen, die vom Fischfang abhängen.
  • MIT dem Schlagwort von der „Sanierung der öffentlichen Finanzen“ – womit die Angleichung der öffentlichen Defizite gemeint ist, so wie sie durch die Kriterien von Maastricht festgeschrieben ist – wird immer häufiger eine Spielart von Austeritätspolitik gerechtfertigt, die zu einer der wichtigsten Ursachen der steigenden sozialen Not geworden ist. Die einzelnen Staaten scheinen auf die Steuerungsfunktion der Haushaltspolitik in zunehmendem Maße verzichten zu wollen. Dadurch überlassen sie dem Markt eines der klassischen gesellschaftlichen Instrumentarien zur Eindämmung sozialer Ungleichheiten und im übrigen eine der Säulen ihrer Souveränität.
  • FINANZIELLE Erschütterungen in Thailand, Unruhe an den Börsen und unkontrollierbare Finanzströme – das internationale Finanzsystem hat in den vergangenen Wochen erneut seine tiefgreifende Instabilität unter Beweis gestellt. Während das Modell Deutschland wankt, werden in Großbritannien mit der Regierungsübernahme von Anthony Blair und in Frankreich mit der von Lionel Jospin die Fragen nach der ökonomischen Strategie neu gestellt. Soll man den Dogmen der vergangenen zwanzig Jahre treu bleiben, die überall zu starken sozialen Brüchen und – wie in Mexiko oder in Rußland – zu erschreckender Verelendung geführt haben? Oder sollte man sich besser einer langfristigen Vision verschreiben, die sich in erster Linie an den Bedürfnissen der Menschen ausrichtet und ihnen die Technologien des Immateriellen dienstbar macht?
  • OST-TURKESTAN hieß die an Chinas westlichem Rand gelegene Region Sinkiang einstmals. Das riesige Gebiet, das zum Teil aus Wüste besteht, ist seit einigen Jahren Schauplatz von Auseinandersetzungen zwischen der uigurischen Bevölkerung und der chinesischen Staatsmacht. Auf Sprengstoffanschläge und Attentate antwortet Peking mit harter Hand. Eine Entwicklung wie in jenen zentralasiatischen Staaten, die mit der Implosion der Sowjetunion ihre Unabhängigkeit erlangten, scheint im Falle Sinkiangs ausgeschlossen. Das bedauern vor allem jene Uiguren, die zum Teil schon seit längerem in Kasachstan leben und von einem freien und unabhängigen Land träumen.
  • Von CLAUDE LISCIA *
  • Von MICHAEL R. FISCHBACH *
  • DIE Enteignung der Palästinenser ging in Etappen vonstatten. Mit der Gründung Israels, 1948, verloren sie zunächst die Hälfte ihres Landes. Fünfzig Jahre später will die Regierung Netanjahu sich nun auch noch die Hälfte von dem einverleiben, was übriggeblieben ist – vom Westjordanland und vom Gazastreifen, die seit 1967 unter israelischer Besatzung stehen. Wo soll aber dann der palästinensische Staat entstehen?
  • Von JOSEPH ALGAZY *
  • SECHZIG neue Mitglieder sind am vergangenen 6. Juli vom saudiarabischen König Fahd in den nun neunzigköpfigen Konsultativrat (die Schura) berufen worden. Obwohl diese Institution, die 1993 gegründet wurde, über keine reale Macht verfügt, hat die Aufnahme zahlreicher Universitätsabsolventen sowie einiger „Dissidenten“, die für ihre klaren Worte bekannt sind, für Überraschung gesorgt. In dem Königreich, das durch die Krankheit des Herrschers und die harten Nachfolgekämpfe gelähmt ist, wächst der Wunsch nach Veränderung. Die Geheimniskrämerei bei der Untersuchung des Attentats in al-Khobar am 25. Juni 1996, bei dem 19 US-amerikanische Soldaten das Leben ließen, rückt diese auslaufende Herrschaftsperiode und die Beziehungen zwischen Riad und Washington in ein seltsames Licht.
  • EIN kürzlich veröffentlichter Bericht der Europäischen Kommission bringt die Bestätigung: Ungeachtet aller Maßnahmen zur Förderung der Gleichstellung der Geschlechter, aller Reden über „flexible Arbeitszeit“ und aller Aufforderungen zu einem Rückzug in den Haushalt wächst der Anteil der Frauen auf dem Arbeitsmarkt, wo sie nach wie vor großenteils die untergeordneten Positionen besetzen. Denn während der Anteil der Frauen an der arbeitsfähigen Bevölkerung immer weiter wächst, werden sie mehr noch als die Männer zu Opfern der generellen Verschlechterung der Arbeitsbedingungen und in der Folge auch der stillschweigend hingenommenen Verarmung.
  • VOR den Kommunalwahlen in Bosnien erweist sich die Umsetzung des Dayton-Abkommens als immer schwieriger. Erst auf intensiven euro-amerikanischen Druck hin hat sich die Föderationsregierung von Bosnien-Herzegowina Mitte August auf die Nominierung der Botschafter geeinigt und erneut das Recht der Flüchtlinge auf Rückkehr bekräftigt. Diese werden häufig nach ihrer erneuten Ansiedelung sofort wieder vertrieben, wie in Jajce Anfang August. Unterdessen wächst in der „Republika Srpska“ die politische und militärische Spannung zwischen den Anhängern der Präsidentin Plavšić und denen von Radovan Karadžić.
  • Von JEAN-ARNAULT DÉRENS *
  • In diesem Monat kommt ein Buch von Ignacio Ramonet (1) in die französischen Buchhandlungen, das eine Art Spektrographie unseres Fin de siècle bietet. Von der Veränderung der Zukunft bis zum neuen Hegemonialstreben der USA, von der kulturellen Agonie bis zu den globalitären Systemen, vom Internet-Zeitalter bis hin zu den kommenden Revolten läßt der Autor jene Szenarien Revue passieren, die auf das Gefüge der internationalen Politik einwirken, und zeigt die alarmierenden Verschiebungen auf wirtschaftlichem, soziologischem, kulturellem und ökologischem Gebiet. Wir präsentieren in unserem Vorabdruck einige charakteristische Auszüge aus dem Buch.
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