Archiv: Texte

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Ausgabe vom 15.04.2005


  • Am 24. April 2005 jährt sich zum 90. Mal der Tag, an dem die Verfolgung der Armenier durch die jungtürkische Militärjunta während des Ersten Weltkriegs begann. Bis Ende 1915 wurden mindestens eine Million armenische Bürger des Osmanischen Reichs aufgrund eines geheimen Plans umgebracht – durch Hinrichtungen, durch Auszehrung auf Hungermärschen, durch Massaker staatlich organisierter Mörderbanden. Die türkische Republik hat dieses „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ nie anerkannt. Die heutige Regierung spricht lediglich von einer kriegsbedingten „Tragödie“ und weist den Vorwurf des „Völkermords“ empört zurück. Das kemalistische Erbe verstellt nach wie vor den offenen Blick auf die dunklen Seiten der eigenen Geschichte. Doch die kritischen türkischen Historiker werden sich auf die Dauer nicht bevormunden lassen.
  • Die Geschichte der „französischen Präsenz auf anderen Kontinenten“ soll in den Schulen vor allem „in ihrer positiven Rolle“ dargestellt werden. So verlangt es ein neues französisches Gesetz. So werden die Franzosen zu Opfern des Kolonialismus.
  • Vom Beitritt zur Europäischen Union, den alle zehn neuen Mitgliedstaaten per Volksabstimmung vollzogen, profitieren große Teile der Bevölkerung nicht. Im Gegenteil: Die EU-Fonds, die den wirtschaftlichen Anschluss der Neuen an das „alte“ Europa garantieren sollten, schrumpfen. Gleichzeitig müssen die Regierungen sparen, und die soziale Lage verschlechtert sich. Verweigerung macht sich breit.
  • Das vereinigte Europa soll eine Verfassung bekommen, die 50 Jahre hält. Doch eine länderübergreifende Diskussion ist nicht in Sicht, geschweige denn eine gemeinsame Feier. Die Abstimmungsprozesse unterscheiden sich von Land zu Land und ziehen sich über fast zwei Jahre hin. Aber in Frankreich wird intensiv debattiert, und hier könnte der Ratifizierungsprozess kippen.
  • Maßgeblich die Geheimdienste bestimmen heute, was als „Terrorismus“ gilt. Sie begründen ein politisches Ereignis mit Verschwörung und halten jede religiöse Aktivität schon für eine potenzielle Umsturzbestrebung. Der sozialen Realität wird eine solche Haltung nicht gerecht – und sie vermeidet auch eine Diskussion darüber, ob die soziale Realität zu Umsturzbestrebungen führen kann.
  • NACH dem Mord an Exregierungschef Hariri und den Bombenanschlägen der letzten Wochen sind sich viele Libanesen nicht mehr sicher, ob die Zivilgesellschaft des Landes stark genug ist, ihre Konflikte friedlich zu regeln. Der Abzug der syrischen Truppen, den Damaskus für Ende April zugesagt hat, dürfte zwar die Spannungen dämpfen. Doch so lange die Region insgesamt nicht befriedet ist, werden in diesem Land immer mächtige Interessen aufeinander prallen.
  • NACH dem Tod von Togos greisem Despoten Etienne Gnassingbé Eyadéma scheiterte die zügige Machtübernahme seines Sohns Faure Gnassingbé. Die Afrikanische Union (AU) und die Westafrikanische Wirtschaftsgemeinschaft (Ecowas) setzten einen demokratischen Prozess in Togo durch. Aber die Glaubwürdigkeit beider Organisationen steht auf dem Spiel: Die Regierungen ihrer Mitgliedsländer sind mit Togos starkem Mann entschieden nachsichtiger.
  • Von JEAN-JACQUES VAROUJAN 
  • DER 8. Mai 1945 besiegelte für die Sowjetunion die Isolation innerhalb des Kriegsbündnisses. Ihre Rolle in der Zeit der Appeasement-Politik und im Verlauf des Zweiten Weltkriegs ist nach wie vor Gegenstand historischer Debatten. Welche Motive leiteten Stalin, als er den Hitler-Stalin-Pakt schloss? Welche Erwartungen hatten die Russen an die Verbündeten? Welche offenen oder verdeckten Kalküle hatten die großen, welche Folgen hatten diese für die kleinen Länder?
  • von Ceslav Milosz
  • DER 8. Mai 1945 ist in die algerische Geschichte nicht als Tag der Befreiung, sondern als Tag des Massakers eingegangen. In der französischen Kolonie war es eher die französische Niederlage 1940, die als Wendepunkt der Entwicklung anzusehen ist. Denn die Erfahrung, dass die eigene Kolonialmacht zu schlagen war, aber auch die Atlantikcharta, die das Selbstbestimmungsrecht in Aussicht stellte, eröffneten der algerischen Befreiungsbewegung neue Perspektiven.
  • Die große Frage, warum der Faschismus ausgerechnet in Deutschland eine so mörderische Verrohung bewirken konnte, beantworteten 1945 viele Gelehrte, Politiker und Journalisten mit dem „deutschen Sonderweg“. Wir drucken Auszüge einer Stellungnahme von Hannah Arendt aus dem Winter 1945.
  • DER in Europa umjubelte 8. Mai 1945 war nicht auf der ganzen Welt ein Grund für Siegesfeiern – Japan kapitulierte erst vier Monate später. So lange wurde auch auf den Landkriegsschauplätzen Südostasiens gekämpft. Hier standen die später „vergessenen Armeen“ gegeneinander: hier die Briten und ihre indischen Truppen, dort die von den Japanern geförderten nationalistischen Inder, Birmanen und Malaien. Die alliierten Siege schienen die koloniale Ordnung der Vorkriegszeit wiederherzustellen – doch dann brach sie schnell zusammen.
  • DIE erste gemeinsame Tagung afrikanischer und asiatischer Länder in der indonesischen Stadt Bandung kommt in den Geschichtsbüchern nur am Rande vor. Dagegen haben Zeitzeugen diese Konferenz mit ihren über tausend Repräsentanten von 29 Ländern und 30 Befreiungsbewegungen, in denen zwei Drittel der Menschheit lebten, als ein revolutionäres Ereignis erlebt. Thema waren das friedliche Streben nach nationaler Unabhängigkeit und der Kampf gegen die Ausbeutung. Aber für die Mehrheit der Teilnehmer drückte sich darin mehr Wunschdenken als reale Perspektive aus; von einheitlichen Interessen konnte keine Rede sein. Dennoch: Bis heute markiert das einwöchige Treffen im April 1955 das Ende der Kolonialzeit.
  • IN Lateinamerika gewinnen evangelikale Religionsgemeinschaften zusehends an Boden. Ihre missionarische Präsenz in den Massenmedien wirkt vor allem auf die Unterprivilegierten – und das sind in Ecuador vor allem die indigenen Nachfahren der präkolumbianischen Völker. Schwerer als Fernsehpredigten wiegt aber, dass die christlichen Fundamentalisten ein funktionierendes soziales Netz zu bieten haben – und immer mehr politischen Einfluss.
  • Von REGINA NOVAES *
  • Für die perfekte freie Zirkulation der Waren käme es auch darauf an, dass diesen Waren keinerlei verfälschender kultureller, moralischer oder gar transzendenter Wert anhaftet – weshalb die radikalen Marktliberalen solche Werte am liebsten ignorieren oder den Waren entziehen würden. Aber gerade solche Werte haben den Menschen Orientierung gegeben.
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