Archiv: Texte

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Ausgabe vom 10.09.2004


  • Im arabischen Fernsehen treten immer mehr Frauen auf – nicht nur als Bauchtänzerinnen, sondern auch als Reporterinnen, Filmproduzentinnen und Moderatorinnen; sogar eine bedeutende Wirtschaftsjournalistin ist darunter. 64 Prozent aller Zuschauer im arabischsprachigen Raum sind Frauen, doch der wichtigste Trumpf, den der Sender al-Dschasira gegen die saudische Konkurrenz ausspielen kann, sind die Starjournalistinnen, deren Eloquenz nicht nur von den weiblichen Zuschauern geschätzt wird. Treibende Kraft hinter dieser Entwicklung ist allerdings weniger der Feminismus als vielmehr die Satellitenschüssel. Damit könnte sich ein technisches Medium zum Katalysator einer Erneuerung der islamischen Gesellschaften entwickeln.
  • Von ALAIN GRESH
  • Im Deutschen gibt es den schönen Begriff der Deutungshoheit, der das Verhältnis zwischen Macht und Interpretation der Wirklichkeit aufs knappste veranschaulicht. Edward Said spricht von der dialektischen Auseinandersetzung zwischen offizieller Kultur und Gegenkultur, durch die nationale Identität und die Interpretation der Geschichte definiert werden.
  • Wenn Gedanken Körper bewegen, muss es nicht unbedingt derselbe Körper sein, in dem das denkende Hirn wohnt. Die Neuronenforschung hat entdeckt, wie Maschinen durch die reine Kraft des Denkens extern gesteuert werden könnten. Schon gibt es Affen, die mechanische Arme mit nichts als ihrem Hirn dirigieren können. Kein Wunder, dass Rüstungsbehörden den Forschern mit hohen Geldbeträgen winken.
  • Die Angst der Metropolen vor dem Terror ist nicht neu. Was heute mit al-Qaida gemeint ist, war vor hundert Jahren der Anarchismus, die geheimnisvolle „Schwarze Internationale“.
  • USSAMA Bin Ladens Netzwerk hat in den letzten Jahren kaum neue Kämpfer rekrutieren können und wird schwächer. Bald müssen neue Bündnispartner und Strategien her, sei es die Zusammenarbeit mit nationalistischen Bewegungen, der extremen Linken oder Geheimdiensten aus islamisch geprägten Ländern. In der augenblicklichen Übergangsphase liegt es im Interesse von Bin Laden, dass sich lokale Gruppen des „erfolgreichen“ Labels bedienen. Und selbst wenn al-Qaida zerschlagen wäre, würde der Al-Qaidismus weiterleben.
  • Literatur über die Zukunft, gemeinhin Science-Fiction genannt, ist zwar wenig wissenschaftlich, aber dennoch aufschlussreich. Denn sie funktioniert sowohl als Parabel auf die Gegenwart als auch als spekulatives Nachdenken darüber, welcher Keim der Zukunft in den Phänomenen der Gegenwart verborgen ist – und wie er sich entwickeln wird.
  • H. G. Wells’ „Der Krieg der Welten“ von 1898 war der erste Science-Fiction-Roman über eine interplanetarische Invasion. Die Art und Weise, wie der Naturwissenschaftler Wells Fantastisches mit dokumentarischem Realismus verknüpft, ist wohl einer Gründe, warum seine Werke bis heute Autoren und Regisseure inspirieren – darunter Orson Welles zu seinem legendären Hörspiel, das seinerzeit eine Massenpanik auslöste.
  • Sergej Netschajew (1847–1882), legte in den „Worten an die Jugend“ seine Auffassung einer revolutionären Propaganda der Tat dar. Netschajew ermordete einen angeblichen Verräter und starb im Gefängnis. Auf diesem Mordfall basiert Dostojewskis Roman „Die Dämonen“.
  • Ungeachtet der Angriffe religiöser Autoritäten strahlt das staatliche Fernsehen in Saudi-Arabien alljährlich im Ramadan eine Serie aus, die mit Biss und Humor die Miseren des Alltags kommentiert.
  • DIE Massenmörder, die in der westsudanesischen Provinz Darfur die Lebensgrundlagen der Bevölkerung zerstören, dürfen auch nach einer Befriedung der Region keine politische Zukunft mehr haben. Aber die öffentliche Empörung über ihre Schreckenstaten verdrängt deren Ursachen. Die Zentralregierung in Khartum versagte beim Aufbau der Infrastruktur und löste die Konflikte um die Bodennutzung nicht, dann instrumentalisierte sie die „arabischen“ Nomaden für den Kampf gegen die „afrikanischen“ Bauern. Aber auch die Großmachtträume des libyschen Staatschefs Gaddafi hinterließen ihre Spuren.
  • Die Handelskonflikte zwischen den USA und der EU sowie der Streit um den Irakkrieg wecken Zweifel an der Zukunft der transatlantischen Beziehungen, die bislang als ehernes Fundament der neoliberalen Weltordnung galten. Manche sehen das Bündnis in einer „Sackgasse“, andere sprechen schon von „Scheidung“ und „ungewisser Perspektive“. Vergessen wird dabei, dass die Verflechtung der nordamerikanischen und der europäischen Wirtschaft nach dem 11. September noch zugenommen hat.
  • AM 30. Juli wurde nach anderthalb Jahren ein neuer Friedensvertrag (Accra III) zwischen den Rebellen im Norden des Landes und der Regierung im Süden unterzeichnet. Dieses Gipfeltreffen kam nur zustande, weil sich Präsident Laurent Gbagbo dem internationalen Druck nicht mehr entziehen konnte. Sanktionen wurden bereits angedroht, und die Weltbank hat ihre Finanzhilfe schon eingestellt. Mitte Oktober soll die Entwaffnung der Rebellen beginnen – aber auch die Regierung hat in Accra ein großes Versprechen einzulösen: die Rückkehr zum gemeinsamen Regieren.
  • BEIM gescheiterten Referendum vom 15. August zur Abwahl von Venezuelas Präsident Chávez ist es mit rechten Dingen zugegangen, befanden die internationalen Beobachter. Davon will die Opposition nichts wissen. Sie weigert sich, Chávez’ offensichtlichen Sieg anzuerkennen, und hat beschlossen, den Kampf fortzusetzen. Der Präsident will sich nun stärker auf seine „Patrouillen“ verlassen.
  • Von THOMAS SCHMID *
  • Das erste große internationale Hilfsprogramm war noch ein Erfolg: Der Marshallplan nach dem Zweiten Weltkrieg orientierte sich an den Empfängern, nicht an den Gebern. Seither scheitert die Entwicklungshilfe immer wieder. Für die reichen Länder, denen es um Handelsinteressen und Geopolitik geht, ist sie nur ein Nebenschauplatz.
  • Vier Franzosen, die in Guantánamo zwei Jahre inhaftiert waren, wurden nach ihrer Freilassung am 1. August in Frankreich verhaftet. Der Vorwurf: Bildung einer terroristischen Vereinigung. Seither ist auch in Frankreich die Debatte um die Rolle der Justiz bei der Wahrung der Menschenrechte wieder entbrannt.
  • KINDER sollten sowieso weniger fernsehen, und wenn doch, dann bitte keine Werbung. Schwedens europaweiter Vorstoß in Richtung Werbeverbot für Kindersendungen im Fernsehen hat jedoch nur beschränkt Aussicht auf Erfolg. Zwar gibt es auch in den EU-Ländern Dänemark, Griechenland und Belgien bedingt werbefreie Zonen für Kinder – aber die lieben Kleinen sind nun einmal wichtige Kunden, und die Werbeindustrie will auf ihre minderjährigen Zielpersonen nicht verzichten. So verbreiten eben Satellitensender aus den Nachbarländern die Botschaft vom Konsum. Der Kampf ums Taschengeld und den nicht unwesentlichen Anteil am Familienbudget geht also weiter.