Archiv: Texte

In unserem Textarchiv finden Sie alle Artikel aus der deutschen Ausgabe seit 1995. Ausgenommen sind die Artikel der letzten drei Ausgaben.
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Ausgabe vom 17.04.1998


  • Von IGNACIO RAMONET
  • Von URI AVNERY *
  • AUF dem hindernisreichen Weg der iranischen Nationalmannschaft zur Qualifikation für die Fußball-Weltmeisterschaft vernahm man innerhalb der Gesellschaft Reaktionen, welche die vorhandenen Spannungen erahnen lassen. Über Fernsehnachrichten und Sportkommentare schufen sich die Menschen einen Raum, in dem wesentliche Themen erstmals zur Sprache kamen: die Hoffnung auf eine andere Lebensweise, die Rückkehr des Iran in die Gemeinschaft der Nationen, der Streit über „kulturelle Überfremdung“ versus kultureller Öffnung, und nicht zuletzt die Rolle der Frauen in der Gesellschaft.
  • WEM nutzt der Wiederaufbau Beiruts? Wer profitiert von den neuen Wolkenkratzern? Und wer wird demnächst auf den neuen Prachtstraßen promenieren? Seit nunmehr sechs Jahren hält das Thema einer Renaissance des alten Beirut die Bewohner in Atem; dabei gerät die Verbesserung der Lebensbedingungen in Vergessenheit, und die Staatsverschuldung steigt. Das Wiederaufbauprojekt des Ministerpräsidenten und Bauunternehmers Rafik Hariri ist ein Kunststück für Investoren, das die Ungleichheiten in der Gesellschaft nur verschärft. Doch die Staaten des Westens weigern sich, die Zeichen der Krise wahrzunehmen. Sie bestehen darauf, daß im Libanon ein Wunder zu geschehen habe.
  • WIE im Vertrag zwischen UN-Generalsekretär Kofi Annan und Präsident Saddam Hussein vereinbart, haben die Experten der UN-Sonderkommission (Unscom) zur Vernichtung der irakischen Massenvernichtungsmittel Ende März ihre Arbeit wiederaufgenommen. An den Inspektionen der Präsidentenanlagen ist auch diplomatisches Personal beteiligt. Je schneller die Untersuchungen über das vorhandene irakische Waffenarsenal abgeschlossen sind, desto schneller werden die Sanktionen aufgehoben werden. Es sei denn, Washington findet einen neuen Vorwand, um die Krise wieder hochzuspielen.
  • DIE Wahlen der albanischen Bevölkerung des Kosovo vom 22. März 1998 eröffnen eine neue Phase in einem sehr alten Konflikt. Für die serbische Obrigkeit waren die Wahlen „illegal“, aber auch albanische Gruppen hatten zum Boykott aufgerufen. Dennoch gab es eine hohe Wahlbeteiligung, die der Demokratischen Liga des Kosovo (LDK) eine Mehrheit im „Parlament“ brachte. Ihr Vorsitzender Ibrahim Rugova wurde erneut zum „Präsidenten“ gewählt. Dieses Ergebnis würde eine Verhandlungslösung begünstigen. Aber in Belgrad, wo inzwischen die extreme Rechte an der Macht beteiligt ist, sperrt man sich noch gegen einen internationalen Vermittler, weil man den Konflikt nach wie vor als „innerserbische Angelegenheit“ sieht. Da auch nach den Wahlen die serbische Repression nicht aufgehört hat, bleibt die Zukunft des Kosovo ungewiß.
  • Von CHANTAL EUZÉBY *
  • AM 27. April 1848 wurde in Paris die allgemeine Emanzipation der Sklaven beschlossen. Zur Durchsetzung dieser Entscheidung argumentierte der damalige Verfasser des Dekrets, Victor Schoelcher, daß ein Generalaufstand der Sklaven bevorstehe. Und in der Tat: Nicht allein politische Einsicht oder plötzliche Herzensgüte brachten die Aufklärer dazu, das Verbot des Sklavenhandels 1792 in Dänemark, 1807 in Großbritannien, 1815 auf dem Wiener Kongreß und schließlich 1848 in Frankreich endgültig zu beschließen; einen wesentlichen Anteil hatte vielmehr der Widerstand der Sklaven selbst. Die Geschichte der Sklaverei zeigt bis heute Folgen: in der Krisenanfälligkeit des afrikanischen Kontinents ebenso wie in der Geringschätzung gegenüber den Afrikanern.
  • Von MARCEL MANVILLE *
  • Am 4. Mai 1978 wurde der Internationalist Henri Curiel von zwei gedungenen Mördern umgebracht. Die Tat blieb ungesühnt, die Täter blieben unbehelligt. Das Opfer aber ist unvergessen: Henri Curiel, in Ägypten geboren, war Mitbegründer der dortigen kommunistischen Bewegung, wurde 1950 durch König Faruk des Landes verwiesen, übersiedelte nach Frankreich und schuf ein Unterstützungsnetz für die Befreiungsbewegungen der Dritten Welt. Daneben engagierte er sich als hintergründiger Mittelsmann für den Frieden zwischen Israel, den arabischen Staaten und den Palästinensern (siehe hierzu die Erinnerungen von Uri Avnery auf Seite 2). Der Vaterlandslose Gesell Henri Curiel schulte antikoloniale Aktivisten und hatte durch sein Netzwerk viele Feinde. Einer trachtete ihm nach dem Leben.
  • Die Entwicklungspolitik, die die westlichen Regierungen so gerne als Lösung für die Immigrationsproblematik hinstellen, gerät zunehmend unter Druck. Die Ausländerfeindlichkeit steigt, die Budgets werden immer mehr gekürzt. Ihre ursprüngliche Aufgabe, wenigstens die krassesten Ungleichheiten in der Welt zu verringern, hat sich längst gewandelt. Doch auch ihre neue Funktion als probates Mittel, um die Migrationsströme in den Griff zu bekommen, erfüllt sie nicht. Wegen ihrer ambivalenten Zielsetzung stht eine klare entwicklungspolitische Strategie Europas noch aus.
  • Mehrere Millionen Menschen sind seit dem vergangenen Sommer in Südostasien von Wirtschaftskrise und Arbeitslosigkeit betroffen. Opfer sind vor allem die ausländischen Hilfsarbeiter, die zu unerwünschten Personen erklärt werden. Damit bezahlen sie als erste für die Fehler der Regierungen, die sie ins Land geholt hatten, und für die mangelnde Weitsicht der Unternehmen, die sie einstellten.
  • EINE Gesellschaft, die Arbeitskräfte braucht, nimmt Immigranten gewöhnlich bereitwillig auf, doch in Krisenzeiten werden sie nur zu leicht zum Sündenbock, wie der Aufstieg des Front National in Frankreich deutlich macht. Tatsächlich aber mehren sich die Anzeichen dafür, daß die Muslime in Europa einen kulturellen Wandel durchmachen und sich integrieren könnten, wenn die hiesigen Gesellschaften ihr simplifiziertes Bild des Islam aufgeben und sich den Parolen der Rechtsextremen verweigern.
  • SCHOTTLAND tritt derzeit aus Englands Schatten heraus. Am 11. September 1997, fast drei Jahrhunderte nach der Abschaffung des letzten schottischen Parlaments, erklärte sich die schottische Nation mit klarer Mehrheit dafür, die politische Entscheidungskompetenz nach Edinburgh zurückzuholen. Das Schottland-Gesetz wird voraussichtlich im Sommer 1998 verabschiedet, nachdem es alle Instanzen in Westminster durchlaufen hat. Schottlands neuer politischer Status könnte der erste Schritt zur Herausbildung eines eigenen Staates sein.
  • WÄHREND der Rüstungswettlauf in der nördlichen Hemisphäre durch das Ende des Kalten Krieges gestoppt zu sein scheint, beobachtet man in zahlreichen Ländern des Südens in den letzten Jahren eine Zunahme der Gewalt, die durch den Waffenhandel befördert wird. Derzeit soll es weltweit 100 bis 500 Millionen kriegstaugliche Handfeuerwaffen geben: durchschnittlich eine Waffe pro 12 bis 60 Einwohner. In einer Zeit, da immer mehr von Konfliktprävention die Rede ist, scheint es dringend geboten, den Handel mit diesen leichten Waffen, die das heutige Schlachtfeld beherrschen, besser zu kontrollieren.
  • GENAU hundertfünfzig Jahre ist es her, daß das allgemeine Wahlrecht in Frankreich ausgerufen und eingeführt wurde. Doch damals waren die Wahlen keineswegs Ausdruck individueller Meinungen, vielmehr standen sie deutlich im Zeichen gesellschaftlicher Zugehörigkeiten und Abhängigkeiten. Heute gilt das Recht des Bürgers, sich in eigener, freier Entscheidung seine Vertretungsorgane zu wählen, als Herzstück der Demokratie, doch der republikanische Geist bröckelt: Die Zahl der Nichtwähler steigt, und immer mehr Bereiche der Wirtschaft und Gesellschaft entziehen sich heute politischer Einflußnahme.
  • Von ALEX DE WAAL *
  • Das Bündnis, das in Frankreich ein Teil der republikanischen Rechten mit dem Front National eingegangen ist, offenbart die tiefgehenden Brüche in der Gesellschaft. Trotz deutlicher Mißbilligung durch die Medien und die führenden Parteienvertreter legen die Rechten mit ihren ausländerfeindlichen Parolen weiter zu. Nährboden dieser Entwicklung ist zum einen die Krise der politischen Institutionen – Korruption, Mandatshäufung, Ausgrenzung der Frauen und so weiter –, zum anderen der Alltag der „ökonomischen Horrordaten“. Wer den Front National bekämpfen will, muß auf die Herausforderungen der Globalisierung reagieren, auf die Revolution in der Datenverarbeitung, wie auch auf die ungeheuren Produktivitätsgewinne (die eine Begleiterscheinung dieser Revolution sind). Noch nie waren die westlichen Länder so reich, noch nie war die gesellschaftliche Einkommensverteilung so ungleich. Um aus dieser Sackgasse herauszukommen, wird es Zeit, daß wir neue Wege erkunden und insbesondere das Potential der Solidarwirtschaft ausloten, die eine Entkoppelung von Arbeit, Einkommen und sozialen Rechten ermöglicht.
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