17.04.1998

Wandel durch Annäherung

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Wandel durch Annäherung

EINE Gesellschaft, die Arbeitskräfte braucht, nimmt Immigranten gewöhnlich bereitwillig auf, doch in Krisenzeiten werden sie nur zu leicht zum Sündenbock, wie der Aufstieg des Front National in Frankreich deutlich macht. Tatsächlich aber mehren sich die Anzeichen dafür, daß die Muslime in Europa einen kulturellen Wandel durchmachen und sich integrieren könnten, wenn die hiesigen Gesellschaften ihr simplifiziertes Bild des Islam aufgeben und sich den Parolen der Rechtsextremen verweigern.

Von TARIQ RAMADAN *

Im Europa des Mittelalters hatte der Islam in hohem Maße das rationale, weltliche moderne Denken mitgeprägt. Dann war er jahrhundertelang aus dem europäischen Gesichtskreis entschwunden. Erst in den letzten sechzig, siebzig Jahren verzeichnen wir seine neuerliche Rückkehr, womit er heute, historisch gesehen, geradezu ein junges Phänomen in unserer Kultur darstellt. Den meisten religiösen oder nationalen Minderheiten (das können je nach dem Land Juden, Katholiken, Protestanten, Orthodoxe sein, oder auch Polen, Italiener, Portugiesen usw.) ist es erst nach jahrhundertelangen Diskussionen und Auseinandersetzungen gelungen, sich in ihren Aufnahmeländern zu etablieren und ihre Rechte abzusichern. Wie sollte es da den Muslimen gelingen, das Problem in nur zwei oder drei Generationen zu lösen?

Zudem waren die ersten Muslime, die in diesem Jahrhundert nach Europa kamen, nordafrikanische, türkische oder indisch-pakistanische Arbeiter, das heißt Menschen aus bescheidenen Verhältnissen, die aus wirtschaftlicher Not zugewandert waren. Ihr geringes Bildungsniveau und ihr unsicherer Status sorgten dafür, daß eine ganze Generation lang die Idee eines möglichen europäischen Islamismus gar nicht erst aufkam. Erst mit der zweiten und dritten Generation konnte sich die Wahrnehmung verändern, mit der die Migranten ihre eigene Anwesenheit sahen. In Frankreich wird dies heute deutlich spürbar, während in Großbritannien der erneute Aufbau ethnisch strukturierter Gemeinschaften zu einer hartnäckigeren Reproduktion der Sozialstruktur der jeweiligen Herkunftsregion führt.

Ein weiterer Faktor sind die Auswirkungen der internationalen Ereignisse. Man kann nicht oft genug betonen, wie sehr gerade diese Ereignisse – angefangen mit der iranischen Revolution von 1979 – die Einstellung der Menschen verändert beziehungsweise ihre negative Haltung gegenüber dem Islam gefördert haben. Von der Salman-Rushdie-Affäre über Attentate und Gewalt im Nahen Osten bis hin zu den täglichen Greueln in Algerien und dem Wahnsinn der afghanischen Taliban-Bewegung – all diese Ereignisse haben Unruhe geschürt und die ohnehin (durch Krise, Arbeitslosigkeit, soziale Ausgrenzung und städtische Gewalt) vorhandenen Spannungen weiter aufgeladen.

So ist die Debatte über die Präsenz der Muslime, die in der Eile häufig mit dem Problem der Einwanderung in einen Topf geworfen wird, nicht zufällig höchst kompliziert, wenn nicht gar unmöglich. Man kann sogar – dem Titel einer hervorragenden Studie folgend, die 1997 in Großbritannien vom Runnymede Trust in Auftrag gegeben wurde1 – von einer Art „Islamphobie“ sprechen. Die Diabolisierung der Muslime verhindert eine ernsthafte Beschäftigung mit der Frage, ob und wie sich die islamischen Gemeinden in Europa gewandelt haben.

Neue Rechte für neue Verhältnisse

DABEI sind es gerade die zweite und dritte Generation, die den Einstellungswandel innerhalb der Gemeinden hervorgebracht haben, und zwar aus zwei sich scheinbar widersprechenden Gründen. Einerseits bleibt bei den meisten jungen Muslimen die tägliche religiöse Praxis relativ begrenzt, so daß die Integration in die Aufnahmegesellschaft oft eher einer Assimilation gleichkommt.2 Daher sehen sich die Verantwortlichen in den Moscheen und die Leiter der islamischen Organisationen aus der ersten Generation seit einiger Zeit gezwungen, ihre Handlungsweisen zu überdenken. Sie selbst waren noch im Auftrag von Regierungen oder als militante Muslime aus dem politischen Exil gekommen und mußten erst lernen, sich auf die Situation der Jugend einzustellen, deren Sprache zu reden, die Religionserziehung dem europäischen Kontext anzupassen und die sozialen und kulturellen Aktivitäten zu verändern.

Andererseits ist bei einer Minderheit von Jugendlichen ein Wiederaufleben der religiösen Betätigung festzustellen, was zur Gründung einer Vielzahl von Organisationen geführt hat. Deren Zahl hat sich innerhalb von fünfzehn Jahren verdoppelt bis verdreifacht. Heute wird das Leben der Gemeinschaften sehr stark von den (zunehmend aktiven) jungen Musliminnen und den Muslimen um die Dreißig gestaltet, die in Europa geboren und oft Studenten und Absolventen europäischer Universitäten sind. Ihr Engagement hat eine grundlegende Mentalitätsveränderung bewirkt, denn sie gehen davon aus, daß sie in Europa zu Hause sind und hier ihre Rechte geltend machen müssen. Die Folge ist ein Generationenbruch: Diese Jungen versuchen im Gegensatz zu den Ersteinwanderern ganz offen, das intellektuelle und soziale Terrain zu besetzen.

Die Dynamik der Jüngeren wie auch ihre europäische Kultur zwangen die „ältere Generation“, die aus den islamischen Bewegungen in Nordafrika, im Nahen Osten oder in Asien kam, ihr Wirken und ihre geistige Haltung gegenüber dem Kontinent völlig zu überdenken. Dies führte zu wichtigen Diskussionen innerhalb der islamischen Gemeinden und besonders unter den islamischen Gelehrten (den ulemas). Zu Problemen des islamischen Rechts (fiqh) befragt, mußten auch sie – entsprechend den Realitäten des westlichen Lebens – in ihren sämtlichen rechtlichen Gutachten (fatwa) ihre Position neu überdenken.

Organisationen wie die Young Muslims (YM) und die Islamic Society of Britain (ISB) in Großbritannien, oder auch die Jeunes musulmans de France (JMF), die Union des jeunes musulmans (UJM), die Association des étudiants islamiques de France (AEIF) und viele andere im übrigen Europa haben durch ihre Arbeit entscheidende Fragen aufgeworfen. Das erforderte, einen eindeutigeren theologisch- juristischen Bezugsrahmen zu entwickeln und zwang die ulemas, in ihren Lehrmeinungen den europäischen Kontext zu berücksichtigen.

So wuchs in den achtziger und neunziger Jahren die Einsicht in die Notwendigkeit einer Erneuerung des islamischen Denkens innerhalb Europas. Die jungen Muslime, die längst Europäer sind, stellen heutzutage direkt oder indirekt Fragen, die deutliche Antworten erfordern. Muß man Europa immer noch – wie im 19. Jahrhundert in der Terminologie und den geopolitischen Auffassungen der ulemas festgeschrieben – als dar al-harb (Bereich des Krieges) ansehen, im Gegensatz zu dar al- islam (dem Bereich, in dem die Muslime als Mehrheit in Sicherheit und nach ihrem eigenen Recht leben können)? Anders gefragt: Kann man überhaupt als Muslim in Europa leben? Wenn ja, wie soll man sich gegenüber den nationalen Gesetzen verhalten? Darf ein junger Muslim eine europäische Staatsangehörigkeit annehmen und sich in vollem Umfang als Staatsbürger betätigen? Keine dieser Fragen hatten die islamischen Gelehrten bis dahin jemals übereinstimmend, vollständig und detailliert beantwortet.

Seit Beginn der neunziger Jahre werden mehr und mehr theologische und juristische Grundsatzdebatten veranstaltet, an denen neben den ulemas der islamischen Welt zunehmend auch in Europa lebende Imams und Intellektuelle teilnehmen.3 Sie haben für die islamische Rechtsprechung wichtige Ergebnisse erbracht. Dabei zeichnen sich fünf Grundsätze ab, über die heute unter den Gelehrten wie auch innerhalb der islamischen Gemeinden in Europa ein weitgehender Konsens besteht4 :

– ein Muslim soll sich als Bewohner oder Staatsbürger wie durch einen moralisch-gesellschaftlichen Vertrag mit seinem Aufenthaltsland verbunden fühlen und dessen Gesetze respektieren;

– die europäischen Rechtsordnungen (also faktisch der weltliche Rahmen) erlauben den Muslimen die Ausübung ihrer Religion;

– die alten Bezeichnungen dar al-harb und dar al-islam – die im Koran nicht vorkommen und auch nicht Teil der Überlieferung des Propheten sind – gelten als überholt. Statt dessen werden andere Konzepte vorgeschlagen, um die islamische Präsenz in Europa positiv umzusetzen5 ;

– die Muslime sollen sich voll als Staatsbürger betrachten und unter Achtung der eigenen Werte am gesellschaftlichen, kulturellen, wirtschaftlichen und politischen Leben des Aufenthaltslandes teilnehmen;

– im Rahmen der europäischen Rechtsordnungen ist ein Muslim in keiner Weise gehindert, seine Entscheidungen wie jeder andere Staatsbürger gemäß den Erfordernissen seines Glaubens zu treffen.6

Klippen auf dem Weg zur Koexistenz

WÄHREND dieser theoretische Rahmen allmählich weiter ausgearbeitet wird, ist offensichtlich, daß auch die Jungen ihre eigene Identität immer nachdrücklicher behaupten. Trotz aller erfahrenen Pressionen haben sie inzwischen besser begriffen, daß die nationalen Rechtsordnungen die Achtung ihrer Identität garantieren. Diskriminierungen, die in der Praxis vorkommen, entspringen eher – wie der bereits zitierte Bericht des Runnymede Trusts deutlich macht – verkürzten oder tendenziösen fremdenfeindlich eingefärbten Gesetzesinterpretationen.

Infolgedessen entwickelt sich eine Vielzahl engagierter islamischer Organisationen, die heutzutage die staatsbürgerliche Bildung und die Teilnahme am öffentlichen Leben als notwendige Etappe zum Erwerb legitimer Rechte herausstellen. Mit diesem Ziel werden häufig in Zusammenarbeit mit fachlichen Institutionen auf lokaler Ebene Veranstaltungen organisiert.

Ein weiteres Indiz für die Bereitschaft, die Isolation zu überwinden, ist die Förderung der Landessprache bei Vorträgen oder in den Freitagspredigten. In Großbritannien kämpfen die Jungen aus Organisationen wie Fosis (Studentenverband), ISB oder YM angesichts einflußreicher traditionalistischer Bewegungen (wie Barelwi oder Deobandi) gegen die Tendenz zum Rückzug in die eigene Gemeinde. Zwar erkennen sie durchaus an, daß das multikulturelle angelsächsische Modell den indo-pakistanischen Bevölkerungsgruppen weitgehend die Wahrung ihrer kulturellen Identität ermöglicht hat, aber dennoch widersetzen sie sich der Diskriminierung, die eine Folge dieser „Ghettoisierung“ ist.

Der europäische Islam scheint sich mittlerweile auf dem erfolgeichen Weg zu politischer und finanzieller Unabhängigkeit zu befinden. Die großen Moscheen und Institutionen sind zwar immer noch von Regierungen abhängig, aber immer mehr Verbände und Organisationen entziehen sich jeder Abhängigkeit. Und auch die Gelder für viele der Gotteshäuser werden heute von den Gemeinden selber aufgebracht. Die Jungen finanzieren ihre Aktivitäten selbst beziehungsweise nutzen die staatlicherseits gebotenen Subventionsmöglichkeiten7.

Das Gefüge islamischer Organisationen in Europa hat immer weniger mit den „Kriegen der Honoratioren“ zu tun, die sich früher um die offizielle Repräsentation der jeweiligen nationalen Gemeinden abspielten. Vielleicht wird diese Dynamik dazu führen, daß über kurz oder lang eine echte, aus der Basis hervorgegangene und durch sie gewählte, politisch und finanziell unabhängige Vertretung entsteht, zumal der Pluralismus innerhalb der Gemeinden inzwischen erheblich an Boden gewonnen hat. Zu erkennen ist dies heute bereits – bei allem noch vorhandenen Widerstand – an der Zusammensetzung des Islamischen Rats in Spanien, des Hohen Rats in Belgien oder des ganz neuen, im November 1997 gegründeten Rats der Muslime in Großbritannien.

Ein letztes Indiz für den momentan stattfindenden tiefgreifenden Wandel sind die künstlerischen und kulturellen Beiträge der muslimischen Bevölkerung. In Großbritannien, Spanien oder Frankreich existieren mittlerweile zahlreiche Gruppen, die eine echte „europäisch-islamische Kultur“ kreieren wollen. Während einige sich mit der Nachahmung der bekannten Genres (Rap, Varieté, Volkstheater) begnügen, beweisen andere eine echte Fähigkeit zur Adaptation. Sie lösen sich allmählich von der arabischen, türkischen oder indisch-pakistanischen Kultur, wobei sie zugleich versuchen, in ihren künstlerischen Ausdrucksformen die islamischen Werte zu achten und ihre nationalen Sitten und Vorlieben zu berücksichtigen. Ihre Werke werden in Zukunft noch mehr an Originalität gewinnen, als Ausdruck einer europäischen islamischen Identität, die zunehmend akzeptiert wird.

Gleichwohl sind Diskriminierung, Mißtrauen und Ablehnung weiterhin eine alltägliche Realität mit höchst negativen Auswirkungen. Der Weg zur Koexistenz ist voller Klippen, und zwar weniger aufgrund der Gesetze als aufgrund des immer hartnäckiger verfochtenen Vorurteils, wonach der Islam und die Muslime letztlich „nicht integrierbar“ seien.

Das zeigt, das ausführlichere Information notwendig ist. Denn die simplifizierende Wahrnehmung des Islam verhindert, daß ein breites Publikum die Fortschritte der Integration überhaupt zur Kenntnis nimmt. Die zunehmenden Initiativen zum Dialog, wie auch die Bemühungen der Muslime, sich weiteren Kreisen darzustellen (über interreligiöse Begegnungen, Tage der offenen Tür, Diskussionsveranstaltungen etc.) und die Bereitschaft einiger Intellektueller und Medien, auf eine karikaturhafte Darstellung zu verzichten, haben dazu geführt, daß die Tür in eine Zukunft der gegenseitigen Achtung mittlerweile geöffnet ist – auch wenn es nur ein winziger Spalt ist.

Entscheidend wird sein, die Vorstellung einer passiven, ständig gefährdeten Integration zu überwinden und darauf hinzuwirken, die Muslime in die Entwicklung Europas miteinzubeziehen. Die Präsenz der Muslime muß als Bereicherung begriffen werden. Sie fördern das Nachdenken über den Stellenwert der Spiritualität in den säkularisierten Gesellschaften wie über den angemessenen Umgang mit religiösem und kulturellem Pluralismus. Im Grunde müßten alle, die ihre Gesellschaften nach dem Sinn, der Ethik und der sozialen Gerechigkeit befragen, so etwas wie die natürlichen Bündnispartner der Muslime werden können.

dt. Sigrid Vagt

* Professeur für Philosophie und Islamwissenschaft am Collège de Genève und an der Universität von Fribourg (Schweiz); Verfasser von „To be a European Muslim“, Leicester (Islamic Foundation) 1998.

Fußnoten: 1 Kommission zur Lage der Muslime in Großbritannien, unter Vorsitz von Professor G. Conway, „Islamophobia: Fact Not Fiction“, Runnymede Trust, Oktober 1997. 2 60 bis 70 Prozent geben an, das Ramadan-Fasten zu praktizieren, aber nur 12 bis 18 Prozent verrichten täglich die Gebete; 75 bis 80 Prozent sprechen ihre Herkunftssprache nicht mehr oder nur sehr schlecht. Diese Zahlen beziehen sich auf die nordafrikanische (Frankreich) und türkische Bevölkerung (Deutschland). Besser ist dagegen die Kenntnis der Muttersprache bei den Indo-Pakistanis in Großbritannien (50 bis 60 Prozent). 3 Ein Dutzend ulemas aus der islamischen Welt trafen sich im Juli 1992 und erneut im Juli 1994 im Institut européen des sciences humaines in ChÛteau-Chinon, um der Präsenz von Muslimen in Europa einen islamischen Rechtsrahmen zu geben. In Großbritannien hat die Islamic Foundation seit 1990 ihre Initiativen in dieser Richtung verstärkt. Auch in London kam es im März 1997 zur Gründung des Europäischen Rats zur Erarbeitung juristischer Gutachten und Durchführung von Forschungen. Vgl. das Bulletin „Sawt Uruba“ (Die Stimme Europas) von der Föderation islamischer Gruppen in Europa, Mailand, Mai 1997 (auf arabisch). 4 Gruppen wie At-Tahrir, Al-Muwahhidun oder Al-Muhajirun, die aggressiv eine Anwendung der Scharia in abgeschwächter Form in Europa fordern, sind sehr isoliert, auch wenn die Medien ihnen eine übermäßige Bedeutung beimessen. 5 Vgl. „To be a European Muslim“, wo wir über die Diskussion dieser Begriffe berichten und im Licht der islamischen Quellen den Begriff dar ash-shahada (Bereich der Zeugnisablegung) vorschlagen. Er hat den Vorzug, die Bezeugung des Glaubens vor Gott (ash-shahada), die den Muslim ausmacht, auszudrücken (innere Dimension), zugleich aber das Zeugnis vor den Menschen, als Ausdruck aktiver Präsenz eines Muslims in der Gesellschaft, in der er lebt (kollektive und soziale Dimension). 6 Falls gesetzlich festgelegte Pflichten in Gegensatz zu einem islamischen Grundsatz geraten könnten (was übrigens sehr selten der Fall ist), wird eine Untersuchung erforderlich, um festzustellen, welche Prinzipien vorrangig sind und/oder wo eine Anpassung möglich erscheint.

Le Monde diplomatique vom 17.04.1998, von TARIQ RAMADAN