Archiv: Texte

In unserem Textarchiv finden Sie alle Artikel aus der deutschen Ausgabe seit 1995. Ausgenommen sind die Artikel der letzten drei Ausgaben.
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Ausgabe vom 08.04.2004


  • Vor achtzehn Jahren wurde Mordechai Vanunu, ein israelischer Staatsbürger marokkanischer Herkunft, in Rom entführt und in Israel vor Gericht gestellt. Angeklagt wurde er damals des Verrats von Staatsgeheimnissen. Denn Vanunu, der im südisraelischen Dimona in der Negevwüste in einer Nuklearfabrik arbeitete, hatte in der Londoner „Sunday Times“ berichtet, Israel besitze 200 Atombomben. Darüber aber wollte Israel noch nie in der Öffentlichkeit reden. Schon Kennedy scheiterte an Ben Gurion, der keine Waffeninspekteure in Israels geheimster Anlage dulden wollte.
  • Von ALAIN GRESH
  • SEIT den 1980er-Jahren hat die Debatte um die „Historisierung“ des Nationalsozialismus einige gravierende Fragen aufgeworfen: Worin genau besteht die Besonderheit des Völkermordes an den europäischen Juden? Und was unterscheidet den Massenmord vom Genozid? Die Antworten können helfen zu klären, ob es theoretisch möglich und moralisch zulässig ist, den industriellen Mord an den Juden mit anderen staatlich organisierten Mordaktionen gegen bestimmte Bevölkerungsgruppen zu vergleichen.
  • VON 1996 bis zum überraschenden Wahlsieg der Sozialisten am 14. März hat der Partido Popular mit José María Aznar an der Spitze unangefochten regiert. Vielerorts wurde seine Amtszeit für äußerst erfolgreich gehalten: Die spanische Wirtschaft floriert, die Zahl der Arbeitslosen hat sich halbiert. Spanien geht es gut, wie Aznar zu wiederholen nicht müde wurde. Nach den Anschlägen von Madrid und der manipulativen Informationspolitik der Regierung versagten die Wähler dem PP jedoch die prognostizierte Gefolgschaft. Gibt es dafür nach acht Jahren konservativer Regierung womöglich noch andere Gründe?
  • DAS Gipfeltreffen der arabischen Staaten, das am 29. März in Tunis stattfinden sollte, wurde auf unbestimmte Zeit verschoben. Der Grund: Man konnte sich auf keine gemeinsame Haltung zu der Idee einigen, die seit Sommer 2003 als „The Greater Middle East Initiative“ herumgeistert. Das in Washington ersonnene Konzept propagiert die „Befreiung“ der Region zwischen Mittelmeer und Pakistan, also westliche Demokratiemodelle plus freie Marktwirtschaft. In der Region selbst stößt die Initiative auf Misstrauen, weil sie im Gefolge der Irakinvasion und von außen aufgedrängt daherkommt. Aber auch die Europäer sind irritiert über eine US-Strategie, die sie als Konkurrenz zu den Initiativen der Europäischen Union wahrnehmen.
  • Georgien ging es einst viel besser als den übrigen Sowjetrepubliken: Es gab subtropische Früchte, Gemüse, Wein und Brandy, die auf den Märkten der gesamten Sowjetunion verkauft wurden. Sollte es mit dieser Union je zu Ende gehen – eine vage Fantasie, die schließlich Wirklichkeit wurde –, stand eines fest: Selbst wenn alle andern hungern sollten, Georgien würde gut dastehen. Die Gewissheit schien unumstößlich – und war falsch. Der neue Präsident der Kaukasusrepublik, Michail Saakaschwili, setzt auf Georgiens Weg nach Europa – helfen soll ihm dabei der archäologische Fund des „ersten Europäers“.
  • Der längste Fluss Europas hat viele Namen: Donau, Dunaj, Duna, Dunav, Dunarea. Aber natürlich ist die Geografie nicht so wichtig wie das Vorstellungsvermögen der bald 371 Millionen EU-Bürger.
  • Im Jahr 1971 reiste der Philosoph Herbert Marcuse erstmals nach Israel. In der „Jerusalem Post“ beschrieb er seine politische Einschätzung des Konflikts.
  • DIE Verleihung des Friedensnobelpreises an die iranische Anwältin Schirin Ebadi hat weltweit eine stärkere Aufmerksamkeit für die Situation der Frauen in der islamischen Welt erzeugt. Marokko verabschiedete vor kurzem als eines der ersten arabischen Länder eine Familienrechtsreform, die praktisch eine Gleichstellung von Frauen und Männer kodifiziert. So weit sind die Frauenrechtlerinnen im Iran noch lange nicht. Sie müssen sich auch immer wieder den Vorwurf anhören, sie seien Feministinnen, sprich westlich geprägt, säkular und bereit, für ihre Freiheit den Familienfrieden zu opfern. Ein vielfältiges Bild weiblicher Stimmen aus Marokko und dem Iran.
  • DER Fall Moulinex, der in Frankreich vor vier Jahren in die Schlagzeilen geriet, ist ein Lehrbuchbeispiel für das Schicksal eines einst erfolgreichen Unternehmens im Zeitalter der Globalisierung. Nach dem Zusammenbruch internationaler Absatzmärkte nicht mehr kreditfähig, musste es an die Börse gehen; der fallende Aktienkurs bedeutete dann den Ruin. Dabei ließen sich die Umstrukturierungen des Unternehmens und Entlassungen ökonomisch korrekt begründen. Fragwürdig werden sie erst, wenn die abstrakten Machtverhältnisse auf dem Weltmarkt in den Blick geraten.
  • AM 25. April 1974 erklang im portugiesischen Rundfunk das Lied „Grandola villa morena“. Es war das Signal zum Losschlagen für die Offiziere von der „Bewegung der Streitkräfte“ gegen die faschistische Diktatur. Fast ohne Blutvergießen ging die Herrschaft Salazars zu Ende. Doch für die portugiesischen Kolonien war der Tag der Befreiung noch nicht gekommen. Es vergingen noch fünf Monate bis zum Ende des Kriegs, bis zur endgültigen Unabhängigkeit dauerte es noch über ein Jahr .
  • IM fortdauernden Kampf um die Macht in Venezuela nimmt die Justiz eine Schlüsselposition ein. Sie brachte das erste Volksbegehren zu Fall, mit dem die konservative Opposition ein Referendum zur Absetzung des populistischen Präsidenten Hugo Chávez einleiten wollte. Ein zweites Volksbegehren fand zwar statt, aber das Ergebnis wird vom Regierungslager und den Chávez-Gegnern unterschiedlich interpretiert. Der Konflikt reichte bis in die Kammern des Obersten Gerichts. Jetzt sucht der Nationale Wahlausschuss nach Möglichkeiten, auf eine Überprüfung der umstrittenen Stimmen zu verzichten und das Volksbegehren für gescheitert zu erklären, ohne dass es zu neuen Unruhen kommt.
  • MIT ihren unkritischen Nachrichten, die nur im Regierungssinn patriotisch sind, haben die kommerziellen US-Medien im Irakkrieg ihre meinungsbildende Macht bewiesen. Aber vielen Konsumenten reicht es jetzt. Eine neue Bürgerrechtsbewegung kämpft gegen die Deregulierungspolitik der US-Behörde FCC und die wachsende Medienkonzentration – und zugleich gegen die Verdummung durch die großen Zeitungen, Fernseh- und Radioketten. Die Aktivisten finden viele Verbündete, sogar im konservativen Establishment, das freien Wettbewerb statt großer Medienkonzerne fordert.
  • IMMER wieder ist innerhalb der Europäischen Union vom Gegensatz zwischen großen und kleinen Ländern die Rede. Ab der Erweiterung im Mai steht es 19:6 für die Kleinen. Aber eine genauere Analyse zeigt, dass die kleinen Länder kaum eine koordinierte Politik betreiben, ganz unterschiedliche Interessen verfolgen und immer wieder mit den Großen paktieren. Die Gemeinsamkeiten unter den Kleinen mit ihren offenen Strukturen bestehen in der Abhängigkeit von Europa und zugleich im Bedürfnis, ihre Kulturen zu verteidigen. Wer sein Augenmerk nur auf die institutionellen Auseinandersetzungen in der EU richtet, wendet den Blick von den vielen inhaltlichen Problemen der Union ab.
  • WIE kommt es, dass der deutsche Bundeskanzler Schröder, ein Sozialdemokrat, und der französische Staatspräsident Chirac, ein Konservativer, eine so ähnliche Außenpolitik betreiben? Sie beweist, dass die deutsch-französische Zusammenarbeit, die General de Gaulle seit 1958 verfolgte, auf einer zutreffenden Einschätzung basierte – Geopolitik und Geostrategie sorgen für stabile Verhältnisse, wenn ein in Europa dominantes Frankreich ein starkes Deutschland gegen die angelsächsischen Länder braucht und Deutschland zugleich in die Europäische Union eingebunden ist. François Mitterrands Fehler aus der Zeit der Wiedervereinigung sind inzwischen korrigiert.