Archiv: Texte

In unserem Textarchiv finden Sie alle Artikel aus der deutschen Ausgabe seit 1995. Ausgenommen sind die Artikel der letzten drei Ausgaben.
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Ausgabe vom 11.10.2002


  • Obwohl die irakische Regierung der Rückkehr der UN-Waffeninspektoren grundsätzlich zugestimmt hat, sind die Vereinigten Staaten entschlossen, einen Krieg zu führen und das Regime in Bagdad zu stürzen, zur Not auch ohne Zustimmung des Sicherheitsrats der Vereinten Nationen. Auch wenn das Embargo schwer auf der Bevölkerung lastet, ist es Präsident Saddam Hussein bisher gelungen, jegliche Opposition auszuschalten und sich an der Macht zu halten. Er schaffte dies vor allem dank der Unterstützung durch die verschiedenen Clans und Stämme, deren Bedeutung zu Lasten der bis vor kurzem dominanten Baath-Partei zugenommen hat.
  • Von JUAN GOYTISOLO *
  • IN einem Schreiben an Karl Marx aus dem Jahr 1864 betont der US-amerikanische Botschafter in London im Namen des republikanischen Präsidenten Abraham Lincoln, dass die Regierung der Vereinigten Staaten „sich jeglicher propagandistischer Einmischung und unrechtmäßiger Intervention enthalten“ werde. Der derzeitige republikanische Präsident George Bush hat sein Land zum „Reich des Guten“ erklärt und droht überall dort mit militärischen Präventivschlägen, wo Freiheit und Demokratie nach Auffassung der USA bedroht sind. Wie erklärt sich der Wandel der Grand Old Party?
  • DIE israelische Armee ist nicht nur ausführendes Organ der Regierungsbeschlüsse. Zumindest wo es um militärische Maßnahmen gegen die Palästinenser geht, beeinflusst sie auch die öffentliche Diskussion und wirkt maßgeblich an den Entscheidungen von Parlament und Regierung mit. Deshalb war die Armeeführung verstört und verärgert über die Tatsache, dass sie über die Oslo-Verhandlungen relativ spät und nur unvollständig informiert wurde. Das war womöglich ein gravierendes Versäumnis, weil die politische Führung für die Umsetzung der Abkommen auf die Armee angewiesen war. Das Problem bestand freilich darin, dass die Oslo-Befürworter bei den führenden Militärs in der Minderheit waren.
  • DIE Nachfrage nach den Leistungen privater Sicherheitsfirmen ist seit den Neunzigerjahren unaufhaltsam gewachsen. In Israel bieten hunderte von kleinen und mittleren Firmen ihre Dienste an. Ihr Wachpersonal, das zumeist aus dem Militär stammt, wird vor allem zum Schutz der Siedler angeheuert. Seit dem Beginn der zweiten Intifada hat dieser Wirtschaftszweig einen rapiden Aufschwung genommen. Die Erfahrungen, über die diese Dienste verfügen, machen sie zu einem interessanten Exportprodukt – und zu einer der wenigen israelischen Boombranchen. Erst jüngst hat sich der dänische Sicherheitsriese „Group 4 Falck“ bei Haschmira, einer der größten Sicherheitsfirmen Israels, eingekauft.
  • Viele Kurden setzen große Hoffnungen auf eine US-Intervention im Irak. Der kurdische Traum von einer demokratischen Republik musste immer wieder scheitern, weil er die Integrität von drei Staaten bedrohte. Die geopolitischen Realitäten reduzierten die Erwartungen auf Autonomiemodelle. Als Erste haben die Kurden im Nordirak unter dem Schirm der britisch-amerikanischen Luftwaffe einen autonomen Quasistaat aufgebaut. Die iranischen Kurden hingegen wollen mehr Einfluss in Teheran gewinnen. Den türkischen Kurden hat das Parlament in Ankara, von der EU ermahnt, erstmals kulturelle Rechte eingeräumt. Aber die Türkei befürchtet, was die türkischen Kurden erhoffen: eine irakische Föderation möge ansteckend wirken. Zudem könnte ein Krieg alte Rivalitäten zwischen Iran, Irak und der Türkei entfachen, was erneut zu Lasten der Kurden ginge.
  • LITAUEN sagte sich 1990 als erste Republik von der Sowjetunion los. Damit sich das Trauma der Besatzung nie wiederholt, wollen die Litauer nicht noch einmal zwischen zwei Machtblöcke geraten. Die meisten sehen eine stabile Eigenständigkeit durch eine starke Einbindung in Europa garantiert. Die EU-Skeptiker sehen darin zwar eine paradoxe Argumentation, aber sie werden ohnehin immer weniger. In Brüssel gilt Litauen – wie die anderen baltischen Republiken – als folgsamer Schüler in der Beitrittsklasse. Und dennoch fällt es den Litauern schwer, einige Forderungen zu akzeptieren, die das Land stark verändern werden. Doch sie haben keine andere Wahl, wenn sie über die EU-Zukunft mit entscheiden wollen.
  • NACHDEM sich Emile Zola mit seinem „J‘accuse“ für den jüdischen Hauptmann und vermeintlichen Staatsverräter Alfred Dreyfus eingesetzt und damit die Figur des Intellektuellen ins Leben gerufen hatte, musste er sich für einige Zeit nach London ins Exil begeben. Dort stürzte er sich in die Lektüre der Sozialtheoretiker und der Utopisten. Vor allem bei Charles Fourier fand er den Stoff, aus dem er schließlich – in dem inzwischen vergessenen Roman „Arbeit“ – seine eigene soziale Utopie entwickelte. Mit einer für das Fin de Siècle bezeichnenden Wissenschaftsgläubigkeit und einem ausgeprägten sozialen Mystizismus erweist sich Emile Zola, der strenge Kritiker des Second Empire und seiner moralischen Defizite, als ein Visionär, der den patriarchalischen und rassistischen Konzepten seiner Zeit verhaftet blieb.
  • Der Chef von France Télécom, Michel Bon, hat vor einem gigantischen Schuldenberg kapituliert und seinen Hut genommen. Um die Bilanz zu retten, reduziert das Unternehmen sein Engagement bei der deutschen Mobilcom, die damit an den Rand der Pleite gerät. In allen EU-Ländern ist die Privatisierung öffentlicher Unternehmen im Verkehrs- und Energiesektor in vollem Gange. Was damit auf Angestellte und Kunden zukommt, lässt sich am Beispiel der französischen Post ablesen. Hier unterscheidet man zwischen „guten“ und „schlechten“ Kunden und versteht unter Service, dass der Postkunde zum Kauf von teuren Fertigpostkarten genötigt wird. Und das moderne Management besteht darin, die Mitarbeiter mit Motivationsspielchen und „Mutmachsitzungen“ auf die Unternehmensstrategie einzuschwören.
  • SEIT 1990 sind in Brasilien neoliberale Regierungen an der Macht. Mit der zweiten Amtszeit von Präsident Fernando Henrique Cardoso wird diese Ära wohl abgelaufen sein. Der wahrscheinliche Wahlsieger, der Sozialist Luiz Inácio „Lula“ da Silva, übernimmt ein schweres Erbe. Die Wirtschaftskrise hat die soziale Krise verschärft, deren Brisanz auch in der ungeheuren Einkommenskluft liegt. Das bisherige Wirtschaftsmodell hat sich erschöpft und verlangt nach deutlichen Veränderungen, will man nicht eine ähnliche Krise erleben wie Argentinien. Schon deshalb steht für die neue Regierung eine Strategiedebatte an, die den Spielraum Brasiliens unter den weltwirtschaftlichen Konditionen ausloten muss.
  • Von CARLA FERREIRA *
  • TROTZ des jüngsten Putschversuches im Norden der Elfenbeinküste hat es den Anschein, als ließen sich die Konflikte in Afrika langsam unter Kontrolle bringen. In Angola ist der jahrzehntelange Bürgerkrieg zu Ende gegangen. Und Optimisten glauben, dass auch der Krieg im Osten der Demokratischen Republik Kongo, in den ein Dutzend anderer Staaten direkt oder indirekt involviert sind, bis Ende des Jahres beendet sein wird. In Burundi dagegen sind die Vermittlungsbemühungen Tansanias bislang vergeblich geblieben. Doch unverkennbar ist, dass der Wille der Afrikaner wächst, Konflikte auf ihrem Kontinent selbst beizulegen. Damit wächst auch die Rolle der innerafrikanischen Diplomatie. Besonders aktiv haben sich auf dieser Ebene Südafrika und der Senegal engagiert – mit unterschiedlichem Erfolg.
  • Von ANNE DISSEZ und FOUAD SROUJI *
  • SEIT Jahrzehnten war es eigentlich kein Thema mehr: Belgien ist und bleibt eine Monarchie, auch wenn der König politisch nur über repräsentative Macht verfügt, auch wenn sich herausstellt, dass er ein uneheliches Kind hat. Dass sich die Monarchie in einem so kleinen und dabei so heterogenen Land derart stabil hält, hat nicht zuletzt damit zu tun, dass die stärkste antiroyalistische und insofern republikanische Propaganda von den nationalistischen Flamen ausgeht. Diese formieren sich zwar gegenwärtig stärker – aber mit ihren separatistischen Tendenzen machen sie auch noch die Linken unter den frankophonen Wallonen zu glühenden Anhängern der Monarchie.
  • ENDE September fand die Jahreskonferenz des Internationalen Währungsfonds (IWF) und der Weltbank in Washington statt, die aus Angst vor Protestdemonstrationen allerdings auf zwei Tage verkürzt worden war. Die Schuldenkrise in Argentinien und Brasilien und die zunehmende Armut in den Ländern der Dritten Welt haben gezeigt, dass die neoliberalen Rezepte den Menschen in den Schuldnerländern nicht viel helfen. Inzwischen kommt sogar Weltbankchef James Wolfensohn ins Grübeln. Er hat ein Organigramm vorgelegt, das eine neue Abteilung vorsieht. Dieses „Social Board“ hat jedoch leider keinerlei Entscheidungsbefugnisse.
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