Archiv: Texte

In unserem Textarchiv finden Sie alle Artikel aus der deutschen Ausgabe seit 1995. Ausgenommen sind die Artikel der letzten drei Ausgaben.
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Ausgabe vom 13.09.2002


  • Der Dokumentarfilm über das Massaker von Masar wurde vor einiger Zeit im Europäischen Parlament in Straßburg in einer Kurzfassung gezeigt. Obwohl seitdem von vielen Seiten eine unabhängige Untersuchung und die Beweissicherung in einem Massengrab in Afghanistan gefordert wurden, blieb die offizielle Reaktion der Vereinigten Staaten, der UNO und anderer in den Afghanistankrieg involvierter Organisationen verhalten. US-Militärangehörigen wird inzwischen vorgeworfen, nicht nur Taliban-Gefangene gefoltert und ermordet zu haben, sondern auch am Verschwinden von bis zu 3 000 Männern im Gebiet von Masar-i Scharif beteiligt gewesen zu sein. Da Hunderte von ihnen erschossen wurden, wiegt die Frage nach der Verantwortung schwer.
  • Von ALAIN GRESH
  • Von IBRAHIM WARDE *
  • Von NIELS KADRITZKE 
  • MIT der Deregulierung der Telekommunikation sollten neue Champions der Weltwirtschaft geschaffen, mit den Krediten des Internationalen Währungsfonds sollte der Wohlstand Lateinamerikas gesichert werden. Diese Hoffnungen haben sich mit einer Serie von Börsenkrächen und mit der anhaltenden Finanzkrise in Brasilien, Argentinien und Uruguay verflüchtigt. Alle paar Jahre platzt eine neue Spekulationsblase, die an der Börse Unwetter mit verheerenden Folgen auslöst. Die Heilmittel für diese periodisch auftretenden Krankheiten verschreiben allerdings ungeniert dieselben Leuten, die zum Ausbruch der Epidemie kräftig beigetragen haben.
  • ALS die Unionsparteien Stoiber zum Kanzlerkandidaten kürten, frohlockte die rot-grüne Regierungskoalition. Man hoffte, von der zu erwartenden Polarisierung im Wahlkampf zu profitieren. Es galt also, Stoiber als antidemokratischen, fremdenfeindlichen Reaktionär zu porträtieren. Doch das Kalkül ging nicht auf. Schon deshalb nicht, weil es Stoiber gelang, sich liberal und weltoffen zu geben und Schröder die „zweite nationale Katastrophe“ anzurechnen: die Arbeitslosen. Doch das bayrische Modell, mit dem sich Stoiber nicht nur beschäftigungspolitisch brüstet, ist als Vorbild für Gesamtdeutschland nur höchst bedingt tauglich.
  • Die Wahl werde im Osten entschieden, heißt es allenthalben, weshalb die Kandidaten mit Fleiß durch die neuen Länder touren. In ihrem Wahlkampf kommen die tatsächlichen Nöte des Ostens gar nicht vor. Umso größer ist der Kraftakt, mit dem sie sich nach oben zu stemmen versuchen, und der noch dazu elegant aussehen soll.
  • Von JOHN P. ENTELIS *
  • DIE Wahlen vom 27. September wecken in Marokko nicht besonders viele Erwartungen. Die Linke hofft zwar auf eine Erneuerung durch außerparlamentarische Kräfte und eine Ablösung der sozialistischen Regierungspartei, die sich durch ihre endlosen Kompromisse mit den konservativen Monarchisten kompromittiert hat. Doch eine wirkliche Lösung kann nur in einer grundlegenden Verfassungsänderung liegen, die endlich die absoluten Rechte des Königs beschneidet. Von der Wahl ausgeschlossen ist eine Partei mit populistischem Programm und einer großen Anhängerschaft: die Islamisten des Scheichs Yassine.
  • NOCH nie war in der Geschichte die Beteiligung aller Medien - Fernsehen, Rundfunk, Agenturen und Zeitungen - an einem Staatsstreich so offenkundig und direkt gewesen, wie das am vergangenen 11. April in Venezuela bei dem Putschversuch gegen den Präsidenten Hugo Chávez der Fall war. Der erdrückende Teil der venezolanischen Massenmedien spielte sowohl bei der Vorbereitung als auch bei der Durchführung des gescheiterten Putschversuches eine letzten Endes entscheidende Rolle. Diese Medien des Putsches entwickelten sich regelrecht zu „Medien des Hasses“.
  • IM Dezember dieses Jahres wird auf dem EU-Gipfel in Kopenhagen die nächste Erweiterungsrunde beschlossen. Damit wird die Union ab 1. Januar 2004 bis zu zehn neue Mitgliedsstaaten haben, die allesamt ihre Gesellschaften an die Vorgaben aus Brüssel anpassen müssen. Zu ihnen gehört auch die Slowakei. Das allerdings kann sich im letzten Moment noch ändern – wenn bei den Parlamentswahlen am 21./22. September die eurokritischen Populisten gewinnen. Doch selbst wenn das Land in die EU aufgenommen wird – die Suche nach der nationalen Identität ist für die Menschen wichtiger als die Zugehörigkeit zu Europa.
  • DIE Regierung in Washington spricht seit Wochen von einem unvermeidlichen Präventivkrieg gegen den Irak, als handle es sich um natürliches Recht, das den USA nach dem Prinzip der Selbstverteidigung zustehe. Die britische Regierung scheint diese Interpretation zu teilen, die Mehrheit der EU-Länder dagegen nicht. Dabei ist die völkerrechtliche Lage durch die UN-Charta verbindlich geklärt. Selbstverteidigung ist nur unter sehr engen Voraussetzungen möglich. Und wenn der UN-Sicherheitsrat einen Präventivkrieg absegnen wollte, müsste er damit seine eigene Charta verletzen.
  • WARUM werden wir so gehasst?, fragten sich viele Amerikaner nach den Attentaten vom 11. September 2001. Mittlerweile spiegeln vor allem Fernsehen und Kino die allgemeine Verunsicherung einer Gesellschaft, die sich selbst die Rolle des Weltpolizisten zugewiesen hat und nun zwischen hehren Idealen der Gerechtigkeit und Rachedurst hin- und hergerissen ist. Immer deutlicher sind in jüngster Zeit die Anzeichen für eine imperiale Grammatik, die in der nationalen Fantasie gipfelt, dass – 150 Jahre nach dem Bau des Capitols in Washington – die Vereinigten Staaten eine Art legitimer Erbe des Römischen Reiches seien.
  • Von SYLVESTRE MEININGER *
  • VOR Jahrzehnten bereits begannen die Islamisten damit, den Panislamismus hintanzustellen und auf die politische Sphäre der jeweiligen Länder Einfluss zu nehmen. Unter dem Druck der Ereignisse des 11. September sind die islamistischen Organisationen in vielen arabischen Ländern dazu übergegangen, den Antiamerikanismus im legalen Rahmen zu artikulieren und sich dabei von der Gewalt der al-Qaida zu distanzieren. Ein „islamischer Nationalismus“ breitet sich aus. Und die Politik des israelischen Ministerpräsidenten Ariel Scharon bringt solchen Strömungen weiteren Zulauf.
  • DER UN-Gipfel in Johannesburg ist über die Bühne gegangen, ohne auch nur ein Minimalprogramm im Sinne einer „nachhaltigen Entwicklung“ und eines fairen Umgangs mit den globalen Ressourcen verabschiedet zu haben. Und die Demonstrationen südafrikanischer Organisationen vor dem Kongresszentrum haben auf die zutiefst gestörte Kommunikation zwischen dem gastgebenden Kontinent und den reichen Gästen verwiesen. Aus afrikanischer Sicht haben die unregulierten Marktkräfte, die durch die „Entwicklungpolitik“ der Ersten Welt gefördert werden, die eigenen Modelle von Nachhaltigkeit eher untergraben. Dabei könnten gerade die unterschätzten Kräfte der traditionellen Kulturen mobilisiert werden, um in den afrikanischen Gesellschaften eine neue Dynamik freizusetzen. Doch genau dies wollen die korrupten einheimischen Eliten nicht, die von den Spielregeln der Globalisierung profitieren.
  • Nachrichten gehen als Bilder um die Welt, je drastischer, desto besser. Vor lauter Bildern nehmen wir kaum wahr, wie eintönig das ist, was wir in der Regel auf dem heimischen Bildschirm zu sehen bekommen. Unternehmensfusionen und Marktkonzentration führen auch im Bereich des Fotojournalismus dazu, dass gängige Massenware dominiert. Einzelne große Bildagenturen kaufen ganze Archive – und blockieren fortan den Zugang zu dem Material. Die Hochzeiten der Bildreportage, in denen Fotografen wie Henri Cartier-Bresson als avantgardistische Künstler ein Genre prägten, sind ein für allemal passé, nur vereinzelt halten sich noch unabhängige Fotografen und Agenturen. Die Fotografie, deren vormaliges Ideal des perfekt konstruierten Rechtecks durch den subjektiven Faktor gesprengt wurde, ist heute auf der Suche nach neuen ästhetischen Bestimmungen.
  • MIT Beginn des nächsten Jahres wird China Mitglied der Welthandelsorganisation sein. Für neunhundert Millionen chinesische Bauern bedeutet dies einschneidende Veränderungen. Was geschieht, wenn das schematische Regelwerk der WTO auf die althergebrachten ländlichen Strukturen trifft, sieht man am Beispiel Indien. Für die dortigen Kleinbauern ist die Produktion auf dem Preisniveau des Weltmarkts schlichtweg nicht möglich. Aber dasselbe gilt auch für die hoch subventionierte Landwirtschaft der EU. Indien ist in ein System geraten, wo mit zweierlei Maß gemessen wird.
  • DIE argentinische Regierung musste es zugeben: Sie wird das Urteil des Obersten Gerichts vom 23. August nicht umsetzen können, dem zufolge die seit über einem Jahr praktizierte Kürzung aller Gehälter und Pensionen um 13 Prozent nicht rechtmäßig ist. Pleite ist nicht nur die Regierung, sondern auch ungefähr jeder zweite Bürger. Gegenstände des täglichen Gebrauchs sind zum unerschwinglichen Luxus geworden, viele essen sich nicht mehr satt. Die Politik des IWF jedoch, die solch brillante Resultate hervorgebracht hat, soll trotzdem überall in Lateinamerika angewandt werden.