Archiv: Texte

In unserem Textarchiv finden Sie alle Artikel aus der deutschen Ausgabe seit 1995. Ausgenommen sind die Artikel der letzten drei Ausgaben.
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Ausgabe vom 10.10.2003


  • Die USA haben Tatsachen geschaffen: Ihr Einmarsch im Irak erfolgte ohne UN-Mandat und ohne die Zustimmung der meisten arabischen Länder in der Region. Es bleibt offen, ob sie damit am Ende Erfolg haben werden – die jüngsten Anschläge dürften nur der Auftakt großer Probleme sein. Aber selbst das proklamierte Maximalprogramm Washingtons, die umfassende Demokratisierung der gesamten Nahostregion, steckt voller Widersprüche. Amerika täte gut daran, die politischen und sozialen Bewegungen in der Region zu berücksichtigen, und die arabischen Länder täten gut daran, Modernisierung und Demokratisierung in die eigenen Hände zu nehmen.
  • Von IGNACIO RAMONET
  • Von GILLES DELEUZE *
  • DIE Internationale Atomenergiebehörde hat der Regierung in Teheran bis Ende Oktober Zeit gegeben, um nachzuweisen, dass sie kein geheimes Atomwaffenprogramm betreibt. Damit steht die UN-Behörde in einer Front mit den USA und der Europäischen Union, die dem Iran sogar mit dem Abbruch aller politischen und wirtschaftlichen Beziehungen droht. Die Europäer werden vor allem von der Sorge getrieben, dass Israel eine iranische Nuklearkapazität mit einem Präventivschlag ausschalten könnte, wie 1981 im Fall des Irak. Schon diese Befürchtung zeigt, dass Teheran in der Klemme ist. Das wird man bei den Bemühungen um eine Beilegung der Krise berücksichtigen müssen.
  • MITTE September hat der russische Präsident Wladimir Putin die Staatspräsidenten der Kaukasusrepubliken und Zentralasiens zu einem Treffen in Jalta eingeladen, um über Pläne für eine gemeinsame Freihandelszone zu sprechen. Jenseits der ökonomischen Aspekte des Projekts hofft Russland auf diese Weise seinen Einfluss in der Region wieder zu verstärken. Wie Putin zu diesem Zweck politische Kontrahenten in aktuellen Konflikten gegeneinander ausspielt, zeigt beispielhaft seine Politik gegenüber den Gegnern Abchasien und Georgien.
  • DAS Internet ist heute für die einen zum alltäglichen Spielzeug, für andere zu einem selbstverständlichen Arbeitsmittel geworden. Angst macht es kaum noch, die großen Hoffnungen sind auch verflogen. Zu all dem hat die inzwischen mit Abstand wichtigste Suchmaschine Google einiges beigetragen. Denn was nützt das gigantische Archiv, wenn die in ihm gespeicherten Informationen nicht nach bestimmten Kriterien geordnet und sortiert abgerufen werden können. Google macht das, blitzschnell, täglich über 200 Millionen Mal.
  • AM 15. September hat die israelische Regierung einen Haushalt verabschiedet, der auf der einen Seite hohe Ausgaben für Verteidigung, Siedlungsbau und den Bau der Grenzmauer vorsieht, auf der anderen Seite die bereits knappen Sozialausgaben noch weiter herunterfahren wird. Israel steckt derzeit in der schwersten Wirtschaftskrise seit 1953. Wenn das Land immer mehr Ressourcen in den ebenso kostspieligen wie aussichtslosen Konflikt mit den Palästinensern investiert, wird für die Belange seiner Bürger eben immer weniger übrig bleiben.
  • DER schwache Dollar und der starke Euro stehen gegenwärtig unter der Dauerbeobachtung von Wirtschaftsexperten und Analysten. Aber warum ist die Stabilität einer internationalen Leit- und Reservewährung eigentlich so wichtig? Wie kommt es, dass diese Rolle dem Dollar zugefallen ist? Und was hieße es, wenn der Euro den Dollar tatsächlich ablösen würde? Denn obwohl die Leitwährung über wirtschaftliche Macht und Einflussmöglichkeiten entscheidet, ist mit ihr doch auch eine immense Verantwortung verbunden.
  • SEIT langem versuchen die Vereinigten Staaten ihre eigenen ökonomischen Schwierigkeiten mit den wirtschaftlichen Entwicklungen in Ostasien zu erklären. Die neuste propagandistische Offensive Washingtons gegen Peking wurde durch den aktuellen Anstieg des amerikanischen Handelsdefizits ausgelöst. Aber sie hat auch einen tieferen Grund: Die wirtschaftliche Integration der ostasiatischen Region, die jahrzehntelang von Japan dominiert wurde, wird heute maßgeblich von den Interessen Pekings bestimmt. Dies ist auch eine nicht beabsichtigte Folge des hegemonialen Auftretens der USA während der asiatischen Finanzkrise in den Jahren 1997 und 1998.
  • ES gibt bereits zahlreiche interessante Chruschtschow-Biografien, vor allem die von Edward Crankshaw („Der rote Zar. Nikita Chruschtschow“, 1967) und von Mark Frankland. Doch Crankshaw und Frankland schrieben ihre Bücher zur Zeit des Kalten Kriegs. In England erschien soeben eine Biografie des Russland-Kenners William Taubman. Ihm war es möglich, heute, im postsowjetischen Russland, die Geheimakten und Parteiprotokolle einzusehen und auch in die Ukraine zu reisen, um Zeitzeugen und Familienmitglieder zu befragen. Das Resultat ist erhellend: „Khrushchev. A Man and His Era“ vermittelt all jenen, die in den letzten zehn Jahren die vielen Informationen aus den sowjetischen Archiven nicht verfolgen konnten, ein neues Geschichtsbild.
  • WÄHREND die Vereinigten Staaten vor allem Nordkorea und Iran vorwerfen, an geheimen Atomwaffenprogrammen zu arbeiten, entwickeln die US-Strategen ihre eigenen Nuklearwaffen zügig weiter: Treffgenauer sollen sie sein, weniger Kollateralschäden verursachen und vor allem unterirdische Bunker und Waffenarsenale zuverlässig zerstören können. Es gab Zeiten, da wollte man in den USA die Kosten für Militär und Verteidigung lieber senken und betonte den grundsätzlichen Unterschied zwischen konventionellen und atomaren Waffen. Heute gilt für viele: Je fließender der Übergang zwischen nuklearen und konventionellen Waffen, umso größer der Abschreckungseffekt.
  • KNAPP vier Fünftel aller Güter und Waren, die in Frankreich von A nach B transportiert werden, rollen in Lkws über die Straßen – mit immer übleren Folgen für die Umwelt. Die Politiker beginnen zwar, durch Mautgebühren gegenzusteuern, aber das ändert an der strukturellen Bevorzugung des Straßenverkehrs gegenüber Schienen- und Wasserwegen nur wenig. Ein grundsätzliches Umdenken in der Verkehrspolitik im europäischen Maßstab wäre aber schon deshalb dringend nötig, weil sich sonst der Lastentransport auf den Straßen – auch im Zuge der EU-Erweiterung – in den nächsten zwanzig Jahren verdoppeln wird.
  • NACH einer Welle von Unternehmensfusionen und -übernahmen haben die zehn größten Pharmakonzerne die Hälfte des Weltmarkts für Arzneimittel unter ihrer Kontrolle. Und nach wie vor sterben im Süden viele Menschen, weil sie sich teure Medikamente nicht leisten können oder weil es bis heute keine wirksame Behandlung gibt. Die Menschen im Norden dagegen nehmen eher zu viele Medikamente ein, trotz häufig unerkannter Nebenwirkungen und Spätfolgen. Der Macht der Pharmakonzerne kann das nichts anhaben. Sie arbeiten mit allen Mitteln, einschließlich der alltäglichen Bestechung von Ärzten, die mal einen Computer, mal die Reise zum Formel-1-Rennen in Monte Carlo bezahlt bekommen.
  • AM 25. September 2003 beendete Frankreichs Innenminister Nicolas Sarkozy seine sicherheitspolitische „Tour de France“ vor einer Versammlung von 4 000 Polizistinnen und Polizisten. Viele Beamte aus Immigrantenfamilien werden unter seinen Zuhörern und Gesprächspartnern wohl kaum gewesen sein. Die französische Polizei, die doch als staatliche Institution gerade auch die kulturelle Vielfalt der Gesellschaft widerspiegeln sollte, tut sich schwer damit, diesem Anspruch gerecht zu werden.
  • SIE wollen der ausweglosen Situation in ihren Heimatländern entkommen und haben sich darauf eingelassen, Kokain oder Ecstasy zu schmuggeln. Und dann fliegen sie auf, die meist jungen Frauen aus Nigeria, Guatemala, den Philippinen und anderswo, und bekommen von Europa nicht mehr zu sehen als den Pariser Großflughafen Charles de Gaulle und das Frauengefängnis Fleury-Mérogis von innen. Dort heißt es für lange Zeit Pillen in Döschen sortieren, denn die Strafen, die französische Gerichte verhängen, sind härter geworden. Allwöchentliches Highlight im französischen Vorzeigegefängnis für Frauen ist eine von den Insassen für die Insassen gemachte Radiosendung.