Archiv: Texte

In unserem Textarchiv finden Sie alle Artikel aus der deutschen Ausgabe seit 1995. Ausgenommen sind die Artikel der letzten drei Ausgaben.
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Ausgabe vom 12.12.2003


  • Die jüngste Entscheidung des Weißen Hauses, den Machtwechsel im Irak zu beschleunigen, wurde in vielen Ländern Europas positiv aufgenommen. Am 30. Juni 2004 soll eine Übergangsregierung die Besatzung ablösen und für Anfang 2005 reguläre Wahlen vorbereiten. Der Zeitplan des Präsidenten George W. Bush soll – im Hinblick auf seine angestrebte Wiederwahl im November 2004 – vor allem die Opposition im eigenen Land beschwichtigen. Er soll jedoch auch der bewaffneten Opposition im Irak das Wasser abgraben, die den internationalen Besatzungstruppen immer stärker zusetzt.
  • Von JAN PHILIPP REEMTSMA *
  • IN den afrikanischen Gesellschaften, die eher in ethnische Gruppen denn in soziale Klassen oder Schichten unterteilt sind, ist es bislang keinem demokratischen Modell gelungen, den im Zuge der Unabhängigkeit entstandenen Staaten wirkliche Legitimität zu verleihen. Auch die auf den Nationalkonferenzen der 1990er-Jahre beschlossenen Maßnahmen vermochten nicht zu greifen. So entstand die Debatte um ein „afrikanisches Modell“, das dem Zerfall der Staaten entgegenwirken soll. Modelle, die zwischen den vorhandenen Gemeinschaften und staatlichen Institutionen für Durchlässigkeit sorgen, stehen noch aus.
  • DIE Zukunft des Kosovo ist nicht nur ungewiss, sondern wird bewusst in der Schwebe gehalten. Solange die serbische Bevölkerung im Norden noch keine gesicherten Existenzrechte hat, ist an eine Diskussion über den künftigen völkerrechtlichen Status des Gebiets nicht zu denken. Auch die vorläufige Verwaltung durch eine UN-Mission (Unmik) ist keine Dauerlösung. Und die Erwartung, dass die albanische Mehrheit der Kosovaren bei einer langfristigen Aussicht auf EU-Mitgliedschaft dem Ziel der Unabhängigkeit abschwören könnte, ist eine Illusion. Die Verweigerung dieser Perspektive könnte eher dem großalbanischen Irredentismus weiteren Auftrieb geben.
  • NACH dem Sieg über die Taliban stand für Afghanistan ein ambitioniertes Projekt namens Nationbuilding auf der Agenda. Doch zwei Jahre nach Bildung der Koalitionsregierung unter Präsident Karsai beschränkt sich die Autorität der Zentralregierung noch immer auf die Hauptstadt Kabul. Das Land produziert 36-mal mehr Opium als zu Zeiten der Taliban. In den Regionen herrschen nach wie vor die „starken Männer“, die sich weder von der Regierung noch von den internationalen Organisationen in ihre Angelegenheiten – und in ihre Geschäfte – hinreinreden lassen. Ein aufschlussreiches Beispiel für die faktische Autonomie der regionalen Autoritäten ist die Provinz Herat an der Grenze zum Iran.
  • DANIEL PEARL war ein couragierter und gewissenhafter Journalist beim „Wall Street Journal“, und er sah es als seine Lebensaufgabe an, die Verständigung zwischen Osten und Westen, zwischen Islam, Christentum und seiner eigenen, der jüdischen Religion zu fördern. Pearl wurde letztes Jahr in Pakistan auf grausamste Weise hingerichtet. In jüngster Zeit sind zwei Bücher erschienen: das eine von Mariane Pearl, der Witwe des Journalisten, das andere von Bernard-Henri Lévy, dem Philosophen und Sartre-Biografen, der in Frankreich als moralische Instanz auftrittt. Die politischen Kräfte in Pakistan bleiben undurchsichtig, die Suche nach der Wahrheit ein journalistisches Anliegen.
  • Von DOMINIQUE VIDAL
  • Der Kampf gegen den Terrorismus hat in den USA das öffentliche Misstrauen sowohl gegen die islamische Diaspora als auch gegen die „Black Muslims“ der Bürgerrechtsbewegung verstärkt. Dabei haben beiden Gruppen völlig unterschiedliche Wurzeln und Ziele.
  • Die Wahlen in Russland sind ein weiterer Schritt auf dem Weg in die „gelenkte Demokratie“. Wobei der Lenker im Kreml sitzt, denn die Parteien haben sich im neuen politischen System um das Vertrauen Putins zu bewerben und nicht um das der Bürger. Das Wahlergebnis sichert dem Präsidenten nicht nur seine zweite Amtszeit. Es gibt Putin auch freie Hand in seiner Auseinandersetzung mit den so genannten Oligarchen. Mit der Verhaftung von Michail Chodorkowski wurde den neuen Reichen signalisiert, dass sie sich aus der Politik herauszuhalten haben.
  • AM 1. Dezember haben Jossi Beilin und Jassir Abed Rabbo in Genf das geplante israelisch-palästinensische Abkommen unterzeichnet – ein inoffizielles Abkommen, das gleichwohl enorme Resonanz gefunden hat. Ob es je umgesetzt oder Grundlage für weitere Verhandlungen wird, ist ungewiss. Auf palästinensischer Seite wird kritisiert, die Vereinbarung bedeute den Verzicht auf zentrale Prinzipien wie das Rückkehrrecht der Flüchtlinge. Die israelische Regierung spricht gar von einem „subversiven Akt“. Wir dokumentieren die territorialen Übereinkünfte und Stimmen aus den Delegationen.
  • IN der israelischen Gesellschaft ist die Genfer Initiative äußerst zwiespältig aufgenommen worden. Alle Israelis hoffen auf Frieden, doch viele trauen dem Abkommen nicht. Bei einer Mehrheit dominiert die Furcht, zu viele Zugeständnisse gemacht zu haben. Daneben wird immer wieder kritisiert, dass wesentliche Fragen, wie die künftigen Wirtschaftsbeziehungen und die Aufteilung der Wasserrechte, nicht geregelt sind. Doch die israelischen Verhandler können stolz auf das Erreichte sein. Und zumindest darauf verweisen, dass es erstmals eine detaillierte Blaupause für den erhofften „historischen Kompromiss“ gibt.
  • DIE Präsidentschaftswahlen, die Mitte Dezember in Guinea-Conakry anstehen, lassen jetzt schon den Betrug vorausahnen. Das Land, das sich einst unter Sékou Touré als Gegenentwurf zum Neokolonialismus seiner Nachbarn und Vorbild für ganz Afrika darstellte, scheint gebannt in den Teufelskreis von wirtschaftlichen Krisen und autoritären Herrschaftsformen. Die Zukunft des Landes hängt von einem schwer kranken Präsidenten ab, der seine Macht nicht aufgeben will.
  • VOR gut einem Jahr wurde der ehemalige Arbeiterführer Lula da Silva zum brasilianischen Präsidenten gewählt. Vor allem die Ärmsten der Armen sehen in ihm nach wie vor die große Hoffnung. Schließlich ist ihr Land, die immerhin elftgrößte Industrienation der Erde, in einer Hinsicht Weltspitze: Nirgendwo sonst sind die Güter derart ungleich verteilt, gibt es eine so tiefe Kluft zwischen den extrem Reichen und den Allerärmsten. Lula hat versprochen, gegen die Korruption vorzugehen, die Macht der oligarchischen Gruppen einzudämmen und für mehr soziale Gerechtigkeit zu sorgen. Doch bei alledem will er sich zugleich an die Auflagen des Internationalen Währungsfonds halten.
  • ENDE September hat der brasilianische Präsident „Lula“, Hoffnungsträger der Linken wie der Umweltschützer, das seit 1998 geltende Anbauverbot für Gensoja aufgehoben, wenn auch zunächst nur bis zur nächsten Ernte. Damit scheint das Kalkül des Agrarkonzerns Monsanto aufzugehen: Der Gentech-Riese hat in der letzten Zeit tatenlos zugesehen, wie sich viele Groß- und Kleinbauern an der Grenze zu Argentinien über das Anbauverbot hinweggesetzt und ihre Felder mit dem Monsanto-Saatgut Roundup Ready bestellt haben. Diese Sojasorte ist resistent gegen das ebenfalls von Monsanto hergestellte Herbizid Roundup. Die dafür fälligen Lizenzgebühren verlangt Monsanto nicht. Noch nicht.
  • MUSIK ist in der Geschichte Brasiliens eng verknüpft mit den politischen Verhältnissen – mit dem Bossa nova begann Ende der 1950er-Jahre eine ästhetische Revolution, die weltweit begeisterte Anhänger fand. Es folgte in den Sechzigerjahren der Tropicalismo von Caetano Veloso und Gilberto Gil. Ebendiesen Gil hat Brasiliens frisch gebackener Präsident „Lula“ 2002 zum Kulturminister berufen. Heute spiegelt sich in den Liedern einer neuen Generation von Musikern wider, was sich viele für Brasiliens Zukunft erhoffen.
  • Die Holzindustrie ist rund um die Welt in zahlreiche Konflikte verwickelt. Der Rohstoff Holz dient als Zahlungsmittel bei mafiosen Geschäften und hilft autoritären Regimen in Afrika und Asien, sich an der Macht zu halten. Die illegale Holzgewinnung fördert die Korruption und entzieht den öffentlichen Haushalten die dringend benötigten Gelder für die Armutsbekämpfung. Eine große Verantwortung trägt dabei der Holzgroßhandel der westlichen Welt. Deshalb hofft man, durch ein Embargo gegen Rohstoffe aus Konfliktregionen den Schmuggel eindämmen oder vielleicht sogar Kriege verhindern zu können. Im Fall Liberia hat der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen am 6. November beschlossen, das Embargo gegen Holzexporte aufrechtzuerhalten.
  • UNTER Schirmherrschaft der Internationalen Telekommunikationsunion – einer Organisation der Vereinten Nationen – findet vom 10. bis zum 12. Dezember in Genf die erste Etappe des „Weltgipfels über die Informationsgesellschaft“ statt. Zu den drei Vorbereitungskonferenzen waren neben den Regierungen auch Vertreter der Privatwirtschaft und zivilgesellschaftlicher Organisationen geladen. Die Tagung soll den „digitalen Graben“ zwischen armen und reichen Ländern überwinden, einen „Aktionsplan für konzertierte Entwicklungsanstrengungen“ ausarbeiten und mit einer gemeinsamen Erklärung enden.