Archiv: Texte

In unserem Textarchiv finden Sie alle Artikel aus der deutschen Ausgabe seit 1995. Ausgenommen sind die Artikel der letzten drei Ausgaben.
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Ausgabe vom 11.01.2002


  • Die Vollversammlung der Vereinten Nationen hat in ihrer außerordentlichen Sitzung am 20. Dezember ihre Unterstützung der palästinensischen Autonomiebehörde und ihre Verurteilung der israelischen Siedlungspolitik bekräftigt. Damit sollte die Unzufriedenheit mit dem Verhalten der USA dokumentiert werden, die kürzlich im Sicherheitsrat per Veto die Forderung verhindert hatten, den Palästinensern internationalen Schutz zu gewährleisten. Einmal mehr zeigte sich die aktuelle Ohnmacht der UNO wie auch des internationalen Rechts. Scharon verkündete nach seinem Amtsantritt, der Unabhängigkeitskrieg von 1948 sei noch nicht zu Ende. Seine Politik, die auf die Zerstörung der Autonomiebehörde hinarbeitet, richtet sich jedoch gegen die Interessen seines eigenen Volks. Bestenfalls verstärkt sie die Isolierung Israels von seinen Nachbarn; schlimmstenfalls treibt das Land auf einen Krieg zu, in dem es keine Sieger geben dürfte.
  • Von IGNACIO RAMONET
  • Von ABDOURAHMAN A. WABERI *
  • ALS der Internationale Währungsfonds am 5. Dezember 2001 der argentinischen Regierung einen weiteren Kredit verweigerte, stürzte das mit 132 Milliarden US-Dollar verschuldete Land in die tiefste Krise seiner Geschichte. Die Bevölkerung trotzte den neuen Austeritätsmaßnahmen, und Präsident Fernando de la Rúa musste demissionieren. Sein Nachfolger Adolfo Rodríguez Saá verkündete die Aussetzung des Schuldendienstes, aber auch die Sperrung der privaten Bankkonten. Daraufhin musste auch er dem Volkszorn weichen. Zehntausende demonstrierten in der Hauptstadt und in den Provinzen. Der neue Präsident Eduardo Duhalde versucht einen Kurswechsel und wertet den Peso gegenüber dem Dollar um 40 Prozent ab. Das wirtschaftliche Desaster ist zugleich ein Bankrott der korrupten politischen Klasse, die das Vertrauen ihrer Wähler längst verspielt hat.
  • UNILATERALISMUS nach außen, Autoritarismus nach innen lautet die Zwischenbilanz des Kriegs der USA gegen den Terrorismus. Anders als die Europäische Union erhoffte, verweigert die Bush-Regierung jede multilaterale Zusammenarbeit bei der Biowaffen-Konvention, der Einrichtung des Internationalen Strafgerichtshofs. Und innenpolitisch nutzt sie die Volksstimmung, um die Macht der Exekutive auszubauen. Dass damit der Rechtsstaat lädiert wird, kann Präsident Bush nicht irritieren. Als Stellvertreter des Guten auf Erden hat er ein unfehlbares Argument: „Wie immer unsere militärgerichtlichen Verfahren aussehen, unser System wird fairer sein als das von Bin Laden und den Taliban.“
  • DIE apokalyptische Vision der al-Qaida lässt sich mit den Versprechungen anderer Sekten vergleichen, die private Heilserwartungen bedienen. Die islamistischen Terroristen bieten statt politischer Analysen nur religiöse Beschwörungsformeln. Ihre Rekrutierungserfolge verdanken sie auch dem Scheitern anderer Ideologien wie der des arabischen Sozialismus. Die Mitglieder der al-Qaida haben kein Programm für bestimmte muslimische Länder. Als „Heimatlose wider Willen“ kennen sie kein Vaterland. Viele von ihnen sind Produkte der Globalisierung, die es in „den Westen“ verschlagen hat, ohne dass sie dort reüssieren konnten.
  • Von PIERRE ABRAMOVICI *
  • DIE Krise in Afghanistan hat die Aufmerksamkeit auf einen anderen Konflikt in der Region gelenkt, der etwas in den Hintergrund getreten war: auf den Streit zwischen Indien und Pakistan um Kaschmir. Hier operieren seit langem muslimische bewaffnete Gruppen, die von der Regierung in Neu-Delhi als „Terroristen“ angesehen werden, während Islamabad von „Freiheitskämpfern“ spricht. Indien versucht, die neue Lage zu nutzen, indem es sich als Opfer eines Glaubenskriegs darstellt. Der werde von Pakistans Führung und Militär mithilfe islamistischer Bewegungen geführt, die den Taliban und den Terroristen von al-Qaida nahe stehen. Damit hat sich die indische Regierung auf eine gewaltsame Lösung und die Fortführung eines Krieges eingeschworen, unter dem das einstige Touristenparadies Kaschmir seit zwölf Jahren leidet.
  • Von ROLAND-PIERRE PARINGAUX
  • SEIT dem 1. Juli 2001 benötigen die Bürger Rumäniens und Moldawiens beim Übertritt vom einen in das andere Land einen Reisepass, obwohl zwischen den beiden Staaten enge sprachliche und historische Bindungen bestehen. Diese erste Maßnahme zur Sicherung der künftigen EU-Ostgrenze hat für die Region weitreichende Folgen. Politisch rückt die Republik Moldau noch mehr nach Osten, während ihre Staatsbürger zu hunderttausenden im Westen Arbeit suchen, um der anhaltenden Wirtschaftskrise zu entkommen. Die Chancen für eine Wiedervereinigung, mit der viele fest gerechnet hatten, scheinen langfristig verspielt.
  • AUF der Weltkarte der Datenflüsse existiert Afrika so gut wie nicht. Der gesamte Kontinent hat nicht mehr Telefonleitungen als Tokio oder Manhattan und etwa so viele Internetanschlüsse wie Litauen. Dennoch geht die rasante Veränderung des Telekommunikationswesens auch an Afrika nicht vorüber. Besonders der Mobilfunk, der dem afrikanischen Kommunikationsstil angemessener zu sein scheint, kann die großen Lücken im Festnetz überbrücken. Hier werden auch die raschesten Fortschritte verzeichnet.
  • Am 22. September 2001 erhielt der französische Philosoph Jacques Derrida den Theodor-W.-Adorno-Preis der Stadt Frankfurt. Der Preis, der seit 1977 alle drei Jahre vergeben wird, ging unter anderem bereits an Jürgen Habermas, Jean-Luc Godard, Zygmunt Baumann und Pierre Boulez. Jacques Derrida zählt zu den bedeutendsten Philosophen der Gegenwart. Mit seinem Verfahren der „Dekonstruktion“ beschreibt er ein Lesen, das keinen letzten Sinn und keine absolute Wahrheit sucht. „Sicheres Erzeugen von Unsicherheit“ nennt Derrida diese Art der Lektüre, die es ihm in seiner Dankesrede ermöglicht, einen Traum von Walter Benjamin mit Adornos sprachphilosophischen Äußerungen zu verflechten: „Diese Hellsicht, dieses Licht, ja diese Aufklärung eines träumenden Diskurses über den Traum ist es, bei der ich gern an Adorno denke.“ Der 1930 in Algerien geborene Jacques Derrida, der in den Achtzigerjahren in Paris das „Collège Internationale de Philosophie“ begründete, lehrt in Frankreich und in den USA. Zu den bekanntesten seiner zahlreichen Werke zählt „Die Schrift und die Differenz“ (1972), zu den schönsten „Die Postkarte. Von Sokrates bis an Freud und jenseits“ (1989).
  • DIE besonders von den Vereinigten Staaten propagierte neoliberale Ideologie mit ihren imperialistischen Nebentönen scheint auf der ganzen Linie zu triumphieren. So wenig die diplomatische und militärische Dominanz der USA hinterfragt wird, so offensichtlich ist die Verkürzung des europäischen Gedankens auf das Modell einer Freihandelszone. Am 6. Dezember vorigen Jahres erweiterte das Repräsentantenhaus die Verhandlungsbefugnisse des Präsidenten in Fragen des internationalen Handels, ein Zugeständnis an die Exekutive, das Bushs Vorgänger Clinton 1997 verweigert wurde. Die Globalisierungsgegner scheinen allseits in der Defensive – wie die Neoliberalen vor dreißig Jahren.
  • Von GILLES LUNEAU *
  • Von MONIQUE CHEMILLIER-GENDREAU *
  • Mit angespanntem Blick verfolgen die Palästinenser, die seit Ende des libanesischen Bürgerkriegs in Flüchtlingslagern des Libanon leben, die Situation im Gaza-Streifen und im Westjordanland. Die Befreiung von der israelischen Besatzung im Südlibanon hatte zunächst große Hoffnungen im Land geweckt und eine Phase des Wiederaufbaus eingeleitet. Anhaltende Spannungen in der Region und die Nachwirkungen des 11. Septembers gefährden jedoch die Stabilität und erschweren die Integration der Palästinenser.
  • Schlagwortregister
  • Geographisches Register
  • AM 11. Juni 2001 wurden in Brüssel vier ruandische Staatsangehörige wegen Völkermordes verurteilt. Und rund zwanzig Jahre nach dem Massaker an Palästinensern in Sabra und Schatila wurde bei der belgischen Justiz jüngst eine Klage gegen den israelischen Ministerpräsidenten Ariel Scharon eingereicht. Beide Vorgänge beruhen auf einem Gesetz von 1993, das die „universelle Zuständigkeit“ belgischer Gerichte festlegt. In der Hoffnung, die Beziehungen zu Afrika auf eine neue Grundlage zu stellen, rühren sie an ein wenig ruhmreiches Kapitel ihrer Vergangenheit und kratzen dabei auch an dem Image von König Baudouin.