Archiv: Texte

In unserem Textarchiv finden Sie alle Artikel aus der deutschen Ausgabe seit 1995. Ausgenommen sind die Artikel der letzten drei Ausgaben.
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Ausgabe vom 16.01.1998


  • DAS Internet (1969) wie auch das World Wide Web (1989) sind aus der öffentlichen Forschung entstanden, und ohne ihr reiches Angebot an unentgeltlichen Beiträgen wären diese Netze nicht denkbar gewesen. Diese ursprünglich „offenen“ Technologien wurden zum Teil von einer Handvoll Industrieller in Beschlag genommen. Doch paradoxerweise ist allein die außerhalb der Marktwirtschaft angesiedelte Produktion fähig, die Hegemonie der Firma Microsoft zu bedrohen, denn durch eine erfindungsreiche Nutzung des Urheberrechts kann diese Software eine dauerhafte Rolle im öffentlichen Bereich spielen.
  • Der Besuch von Papst Johannes Paul II. in Kuba, vom 21. bis 25. Januar, ist ein politisches Ereignis von größter Bedeutung. Fidel Castro sieht in dem Besuch einen Sieg über die Politik der Ächtung seines kommunistischen Regimes, ferner möchte er sich mit der katholischen Welt aussöhnen und die Kirche in Kuba einbinden. Dennoch bedeutet es für ihn auch ein Risiko, einen Papst einzuladen, der zur Avantgarde des Antikommunismus und zu den Gewinnern des kalten Krieges zählte. Der Vatikan wiederum, dessen Diplomatie seit 1989 von Orientierungslosigkeit gekennzeichnet war, versucht die Papstreise zur Demonstration neuer Stärke zu nutzen. Die Medien schließlich versprechen sich vom Treffen der beiden letzten Giganten der internationalen Politik ein großes Spektakel mit Starbesetzung.
  • Von IGNACIO RAMONET
  • DASS die Versuche gescheitert sind, in den Ländern des südlichen Afrika ein modernes Staatswesen einzuführen, liegt nicht unwesentlich daran, daß dort der Staatspräsident in Direktwahl gewählt wird. Unmittelbar nach der Unabhängigkeit war diese Art der Bestimmung des Staatschefs in die meisten schwarzafrikanischen Verfassungen aufgenommen worden, und lange Zeit wurde sie wegen der „Stabilität“ geschätzt, die sie den Institutionen zu verleihen schien. Heute muß man diese Direktwahl und ihre äußerst nachteiligen Folgen kritisch betrachten.
  • Nach dem Golden Globe für den besten ausländischen Film hat er auch noch in Hollywood den Oscar für den besten ausländischen Film bekommen: „Kolya“ von Jan Sverák begeisterte die Jury wie das Publikum. Die Geschichte von František, dem tschechischen Cellisten, und Kolya, dem kleinen Russen, deren Begegnung in die Zeit der „Samtenen Revolution“ fällt, ging um die ganze Welt. Damit knüpft das tschechische Kino an alte Erfolge an, die einst mit Namen wie Miloš Forman, Jiři Menzel und Věra Chytilová verbunden waren. Ein Wiederaufleben der siebten Kunst ist nicht nur in Prag zu bemerken: In ganz Osteuropa scheint die Filmindustrie die dunklen Zeiten hinter sich zu lassen, die mit dem brutalen Übergang zum Kapitalismus angebrochen waren.
  • SEIT Präsident Jelzin im Dezember 1997 erneut ins Krankenhaus mußte, hat sich der Kampf um die Macht in Moskau verschärft. Bereits Jelzins letzter Wahlkampf wurde durch die Pressekonzerne von Wladimir Gussinski und Boris Beresowski unterstützt, die zwei der wichtigsten Fernsehkanäle kontrollieren. Die seit einem Jahr andauernde „Medienrevolution“ bekam im November einen neuen Schub, als Beresowski seinen Posten als Stellvertretender Sekretär des Sicherheitsrates verlor.
  • DASS Frankreich auf der Konferenz von Kioto vorbildlich niedrige Werte der Kohlendioxidemission vorweisen konnte, hat auch mit der Stromerzeugung durch Atomenergie zu tun. Doch die scheinbar „saubere“ Energie birgt große Risiken, wie die technischen Problemen zeigen, die sich beim Abbau des Reaktors Superphénix ergeben. Die Beschwichtigungen der Atomlobby, die in Frankreich besonders mächtig ist, können nicht kaschieren, daß die Regierung keine befriedigende Lösung zur Entsorgung des Atommülls zu bieten hat. Damit befindet sie – unter Ausschaltung der demokratischen Öffentlichkeit – über das Schicksal der betroffenen Bevölkerung und künftiger Generationen.
  • Von MYCLE SCHNEIDER *
  • Von ANDRÉ LINARD *
  • In den Vereinigten Staaten verbreitet sich eine neue Art Kriminalität, die hate crimes, Verbrechen aus Haß. Mitglieder von Gemeinschaften – ethnischen, religiösen, sexuellen, nationalen, sozialen und so weiter – werden aufgrund ihrer tatsächlichen oder vermuteteten Zugehörigkeit zu diesen Gemeinschaften angegriffen. Diese neue Form der Kriminalität zeigt das Ausmaß der Identitätskrise in einem Land, in dem der Staat sich dazu verstanden hat, die staatsbürgerliche Aufgabe des sozialen Zusammenhalts den „Kasten“ auf der einen und den multinationalen Firmen auf der anderen Seite zu überlassen.
  • DER am 18. Dezember gewählte neue südkoreanische Präsident Kim Dae Jung wird sein Amt erst Ende Februar antreten. Unterdessen droht dem Land die Zahlungsunfähigkeit, während die Schuldverschreibungen Indonesiens und Thailands von Rating-Agenturen als Schrott-Anleihen eingestuft werden und das japanische Bankensystem ins Wanken gerät. Die Schocktherapie des IWF könnte in ganz Asien heftige soziale Erschütterungen auslösen. Allmählich bilden sich immer mehr Krisenmomente heraus, die einen Mahlstrom erzeugen könnten, der auf die Globalisierung der Finanzmärkte zurückgeht.
  • Von STEPHEN S. COHEN *
  • IN Teheran stehen die Zeichen auf Veränderung. Das läßt sich sowohl daran erkennen, daß der iranische Staatspräsident Mohammad Chatami beim Gipfeltreffen der Islamischen Konferenz (OIC) am 9. Dezember zum Dialog mit den Vereinigten Staaten aufgerufen hat, wie auch an der Aussöhnung des Iran mit den arabischen Monarchien am Golf, insbesondere mit Saudi-Arabien. Überdies ist die außenpolitische Öffnung von einer Politik der Entspannung im Inneren begleitet, auch wenn sich Ajatollah Ali Chamenei, der geistliche Führer der Islamischen Republik, dieser Entwicklung entgegenstellt.
  • AUF den blutigen Anschlag von Luxor hat die Staatsmacht in Ägypten mit verschärften Polizeimaßnahmen reagiert. Sie ist nicht bereit, zu differenzieren, und bekämpft gleichermaßen diejenigen Muslimbrüder, die für friedliche Veränderung eintreten, wie die bewaffneten Gruppen. Zugleich zeigt sich das Regime unfähig, die soziale Ungleichheit abzubauen und das Land auf den Weg der Demokratie zu führen. Elend und autoritäre Herrschaft sind noch immer die schlimmsten Übel, unter denen das Land leidet – und der Boden für die Saat der Gewalt.
  • DAS Jahr 1998 wird für die Zukunft des belgischen Staats entscheidend sein. In Flandern ist die öffentliche Meinung mit dem am 7. Februar 1994 verfassungsmäßig festgelegten System nicht einverstanden; man hält es für nicht ausreichend föderalistisch. Die Regierung der Region verlangt vor allem die Aufspaltung von Krankheits- und Invalidenversicherung, Kinder- und Arbeitslosengeld. Die rechtsextreme Partei Vlaams Blok fordert sogar die Auflösung Belgiens und den Anschluß Flanderns an die Niederlande – und zwar einschließlich der Stadt Brüssel, die sie erobern will.