Archiv: Texte

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Ausgabe vom 09.07.2004


  • Seit dem Vietnamkrieg standen die Demokratische Partei und ihre Präsidentschaftskandidaten innenpolitisch für ein umfassendes sozialstaatliches Programm und außenpolitisch für eine entschiedene Politik der Kriegsvermeidung. Die Republikaner dagegen setzten auf eine harte, militärisch akzentuierte Außenpolitik bei gleichzeitiger Beschneidung der Sozialprogramme. Doch im Gefolge des 11. September hat sich bei den Demokraten ein neuer Typ von Politiker in den Vordergrund gespielt. Ihr prominentester Vertreter ist der Präsidentschaftskandidat Senator John Kerry. Als eine Art „aufgeklärter Falke“ versucht er, den mutmaßlichen Vorteil der Bush-Administration auf dem Gebiet der Sicherheitspolitik dadurch auszugleichen, dass er einen aggressiven Feldzug gegen den Terrorismus und gegen die Weiterverbreitung von Atomwaffen ankündigt.
  • Am 18. Juni erhielt der ungarische Schriftsteller Lászlò Darvasi gemeinsam mit seinem Übersetzer Heinrich Eisterer den zum zweiten Mal vergebenen Preis für osteuropäische Literatur „Brücke Berlin“. Die Idee, dass Literatur und deren Übersetzung eine Brücke sei zwischen Ländern, Sprachräumen und Kulturen, ist ebenso verbreitet wie nahe liegend. Dass diese Idee aber auch ebenso kurzschlüssig wie fragwürdig ist – damit beschäftigt sich Darvasis Dankesrede. Ein Bauwerk, so kann man seiner Rede entnehmen, das die eine Seite ohne jeden Umweg und ohne alle Umstände mit einer anderen Seite verbindet, könnte auch Nachteile haben. Dass Literatur nicht ohne Mühe, ohne Einfühlungsvermögen und Neugier und vor allem nicht ohne einen gewissen Zeitaufwand seitens des Lesers funktioniert, dass sie also selber eine Art Umweg ist – davon zeugen seine Bücher, insbesondere der großartige historisch-mythologische Roman „Die Legende von den Tränengauklern“, der vom Ungarn zur Zeit der Türkenkriege erzählt und für den der Brücke-Preis verliehen wurde.
  • Über die Olympischen Sommerspiele, die vom 13. bis 29. August in Athen stattfinden, werden die Medien ebenso ausgiebig berichten wie über weit wichtigere Weltereignisse, etwa über den Irakkrieg. Schnell wird darüber vergessen, dass die Olympischen Spiele ihre eigene geopolitische Geschichte haben.
  • Was ist aus der Adria geworden? Man hört nichts Gutes über den alten Golf von Venedig. Früher verlief hier die Demarkationslinie zwischen der Nato und den „untypischen“ sozialistischen Staaten wie Jugoslawien und Albanien. Heute ist die Adria – immer noch eine der wichtigsten Grenzen Europas – eine Art Burggraben zur Abwehr tausender illegaler Einwanderer. In ihren Fluten ertrinken viele Menschen, die sich auf dem Weg in den reichen Westen wähnen.
  • Die Europäer machen sich große Sorgen darum, ob die traditionellen Sozialversicherungssysteme robust genug für eine immer älter werdende Gesellschaft sind. In den USA wächst die Bevölkerung deutlich und kontinuierlich – politisch besteht kein Handlungsdruck. Dabei ist vor allem das System der Krankenversicherungen, das nur noch einen Bruchteil der Bevölkerung erfasst, dringend reformbedürftig.
  • So hoch wie in den letzten Monaten lag der Preis für Rohöl lange nicht mehr. Die Gründe reichen von der desolaten Lage im Irak über die Angst vor Terroranschlägen in Saudi-Arabien bis zur steigenden Nachfrage auf dem Ölweltmarkt, die Spekulanten wunderbare Möglichkeiten eröffnet. Immerhin: Durch politische und statistische Unsicherheiten steigt die Attraktivität der alternativen Energien.
  • SELBST Wachstumsapologeten, deren bevorzugtes Wirtschaftsmodell auf Ausbeutung und Naturzerstörung beruht, führen die Kategorie der „Nachhaltigkeit“ im Munde. Um die Verwirrung zu beenden, fordern konsequent ökologische Theoretiker eine Strategie der „Wachstumsrücknahme“. Doch für die Gesellschaften in den armen Ländern ist die Parole ungeeignet – sie sind auf Wachstum angewiesen. Stattdessen lässt der Staat in den reichen Ländern gerade den öffentlichen Sektor schrumpfen, der bisher der Verwertung entzogen war. Aber genau der sollte wachsen. Blindes Zurückfahren der Produktion ist inakzeptabel. Wir brauchen eine gezielte Entschleunigung und selektive Beschränkungen.
  • NICHT nur im bürgerkriegsgeschüttelten Sudan, in den US-Außenminister Powell soeben gereist ist, sondern in ganz Afrika haben die Vereinigten Staaten ihre Präsenz deutlich verstärkt. Die Regierung in Washington weiß, wie sehr die USA von Rohstoffimporten abhängig sind, und bemüht sich um militärische und politische Abkommen mit vielen afrikanischen Staaten. US-amerikanische Ölfirmen, Streitkräfte und private Sicherheitsfirmen machen sich nun auch in Ländern breit, die traditionell zur Interessensphäre europäischer Staaten gehören.
  • Das Hauptargument gegen genmanipulierte Nahrungsmittel sind nicht die Gefahren für die Konsumenten. Bedroht ist vor allem die Landwirtschaft der Dritten Welt, weil genetisch modifizierte Organismen (GMO) das internationale Agrobusiness noch weiter vorantreiben.
  • Der Bau eines Hauses dauerte im tunesischen Tozeur früher im Durchschnitt 15 Jahre, denn nur wenn die Dattelernte ertragreich gewesen war, konnte weitergebaut werden. Im heutigen Tozeur gibt es neben der Altstadt mit Lehmziegelbauten riesige Villen, Wellblechhütten und Hotelanlagen. Die eigentliche Oase ist seit Jahrhunderten ein einziger Wald von Dattelpalmen. Doch diese Oase ist bedroht.
  • Im Zuge des Irakkriegs haben die USA auch Syrien mit Sanktionen belegt, die am 12. Mai dieses Jahres noch verschärft wurden. Diese Drohgebärde mag eher symbolisch gemeint sein, doch sie hat enormes politisches Gewicht.
  • „Alles ist so flüchtig. Ich kann doch nicht sagen: Wiederholen Sie das Lächeln von vorhin“ – mit diesen Worten beschrieb der Fotograf Henri Cartier-Bresson die Herausforderung seines Berufs. Derzeit ist in Berlin eine große Retrospektive des des Werks dieses 95jährigen zu sehen.
  • Die Geschichte der Unabhängigkeitsbewegungen verlief in jedem Land, in jeder Region anders, manchmal geplant in Gestalt von Reformen, manchmal spontan als offener, gewaltsamer Konflikt. Schon nach dem Ersten Weltkrieg hoffte man in den Kolonien auf ein Ende der rassistisch-imperialistischen Unterdrückung. Forderungen nach lokaler Mitverwaltung bis hin zu nationaler Unabhängigkeit stützten sich einerseits auf Versprechen der Kolonialherren und Wilsons 14-Punkte-Programm, andererseits auf eigene Initiativen: z. B. Marcus Garvey und die Black-Consciousness-Bewegung oder Mahatma Gandhis gewaltfreie Widerstandsaktionen in Südafrika und Indien. Als am 20. Juli 1954 die 1. Indochinakonferenz endete, wurde Vietnam, nach Indien (1947) und Indonesien (1949), als dritte ehemalige Kolonie völkerrechtlich unabhängig.
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