Archiv: Texte

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Ausgabe vom 11.08.2000


  • Bereits 1999 hatte Hugo Chávez bei den Präsidentschaftswahlen in Venezuela einen triumphalen Sieg davongetragen. Seine erste Amtszeit nutzte er, um eine Reihe weit reichender politischer Reformen einzuleiten. Der Kongress wurde aufgelöst und mittels Referendum eine neue Verfassung verabschiedet. Seine Popularität ist nach wie vor so groß, dass er am 30. Juli dieses Jahres mit einem Stimmenanteil von nahezu 60 Prozent erneut zum Präsidenten gewählt wurde. Nach seinem Sieg hat Chávez den Beginn der „zweiten Etappe der bolivarianischen Revolution“ ausgerufen. Doch trotz des spektakulären Anstiegs der Profite aus der Ölförderung ist es ihm nicht gelungen, die prekäre wirtschaftliche und soziale Situation des Landes in den Griff zu bekommen. Politisch scheint er sich zunehmend zu isolieren, und viele Beobachter befürchten, seine populistische Linie könnte in Despotismus umschlagen.
  • Von IGNACIO RAMONET
  • Von FRANCK MICHEL *
  • OPPORTUNISMUS und Unterwürfigkeit prägen die Medien in den arabischen Ländern mehr als irgendwo anders auf der Welt. Die meisten großen Sender werden – mehr oder weniger direkt – von den politischen Machthabern kontrolliert, die ihnen eine unerbittliche Zensur auferlegen. Doch es gibt eine Ausnahme: Der noch junge Sender al-Jazira in Katar sendet rund um die Uhr via Satellit wichtige, gut recherchierte Informationen, wagt einen freien Ton und erspart sich Respektbekundungen gegenüber den Mächtigen – mit bahnbrechendem Erfolg.
  • Die Kibbuzim stecken in einer tiefen Krise. Viele Mitglieder sind inzwischen weit über 70 Jahre alt, die Jüngeren ziehen weg. Die Gründer, von denen viele dem Genozid entkamen, wollten eine neue Art des Zusammenlebens aufbauen, ein soziales Experiment wagen. Aber was ist übrig geblieben von ihren Idealen? Wie denken sie über das Unrecht, das den Palästinensern zugefügt wurde? Wie stehen sie zur heutigen israelischen Regierung? Welche Antwort haben sie auf die wirtschaftliche Krise? Viele setzen auf die Privatisierung des Eigentums, das Ideal des sozialen Zusammenlebens scheint vorerst ausgedient zu haben. In Gan Shmuel hingegen, einem klimatisch begünstigten, wohlhabenden Kibbuz, will man dem drohenden Niedergang entgehen, indem man sich wieder auf die alten Ideale besinnt.
  • EINST eine Kolonialenklave, in den Dreißigerjahren die fünftgrößte Stadt der Welt mit einem riesigen Hafen, war Schanghai in den Jahren der Mao-Ära (1949-1976) ins Abseits geraten. Seit China wieder am Weltwirtschaftsgeschehen teilhat, will seine politische Führung die Megalopolis aus ihrem Dornröschenschlaf aufwecken und in eine „Global City“ verwandeln, die mit den amerikanischen Pazifik-Metropolen mithalten kann. Für eine so spektakuläre Entwicklung nimmt man im Namen der Zukunft soziale Ungleichheit billigend in Kauf.
  • Von EDUARDO GALEANO *
  • IN seinen Anfängen war Las Vegas, die Vergnügungsoase in der Wüste Nevadas, vor allem als Heiratsparadies bekannt. Heute ist es eine unablässig wachsende Metropole mit drei Millionen Hotelbetten. Eine Stadt, die sich ständig neu erfindet, wo man Hotels, die noch gar nicht lange stehen, in die Luft sprengt, um neue und größere hinzustellen. Angekurbelt wird die Vergnügungsindustrie durch Steuerfreiheit und radikale Deregulierung, durch Abzockerei und großzügige Trinkgelder, durch Militärbasen und, nicht zuletzt, durch die Mafia.
  • NACH jahrelangen Kontroversen über die Frage, wie gegen das Sektenwesen vorzugehen sei, hat das französische Parlament ein Gesetz verabschiedet, das die „geistige Manipulation“ und die Ausbeutung der „psychologischen oder psychischen Abhängigkeit“ unterbinden soll. Die USA dagegen erhöhen den diplomatischen Druck auf Europa, die „Religionsfreiheit“ nicht weiter einzuschränken. Die beiden Haltungen zur Verteidigung der Willensfreiheit, die gegensätzlicher kaum sein könnten, sind jedoch gleichermaßen kurzsichtig – und riskieren letztlich, dass zwar die kleinen Sekten bekämpft werden, die Entwicklung einer großen globalen Sekte aber außer Acht gelassen wird.
  • IM Juni hat das US-Außenministerium den Ausdruck „Schurkenstaat“ aus seinem diplomatischen Wortschatz gestrichen. An seine Stelle ist der Begriff „state of concern“ getreten (Besorgnis erregender Staat), was nunmehr ein flexibleres Vorgehen gegenüber solchen Staaten gestattet. Der alte Begriff „rogue state“, den man auch mit Banditen- oder Pariastaat übersetzen kann, war für eine scharf umrissene Gruppe von sieben Staaten reserviert (nämlich Nordkorea, Kuba, Irak, Iran, Libyen, Sudan und Syrien). Diese Staaten unterstützen nach Auffassung der US-Regierung den Terrorismus und wurden bzw. werden deshalb von den USA einseitig mit Sanktionen belegt.
  • DER Begriff „Dritte Welt“ stand einmal für die selbstbewußten, von der Kolonialherrschaft befreiten Völker, die innerhalb des Weltsystems als politischer Machtfaktor wie als ökonomischer Mitspieler ernst genommen werden wollten. Heute hat sich die ehemals dritte Welt polarisiert: Einige „Schwellenländer“ mischen auf dem Weltmarkt mit, doch die meisten Ex-Kolonien sind zur verelendeten Peripherie geworden. Diese Polarisierung der Welt jedoch ist nur das Symptom einer tiefen Systemkrise, die sich in der kapitalistischen Weltwirtschaft zusammenbraut.
  • Wie war das nur möglich? Sind sich die Europäer eigentlich bewusst, was die „Menschenzoos“ der Kolonialzeit über ihre Kultur, ihre Mentalität, ihr Unbewusstes, ihr kollektives Seelenleben aussagen? Anlässlich der ersten großen Ausstellung über „primitive“ Kunst, die vor kurzem im Pariser Louvre eröffnet wurde, scheint es an der Zeit, diesen Fragen genauer nachzugehen.
  • HUMANITÄRES Engagement ist offenbar die wichtigste Form der internationalen Solidarität. Seit neuestem gibt es jedoch auch auf lokaler Ebene ein Art Engagement, wie man es bislang kaum kannte: Gemeinsam mit hilfsbedürftigen Gemeinden in Armutsländern des Südens und des Ostens haben französische Kommunalverwaltungen verschiedene Entwicklungsprojekte auf die Beine gestellt und dauerhafte Partnerschaften aufgebaut. Für die Beteiligten sind die Programme zugleich so etwas wie eine Schule des solidarischen Handelns. Sie könnten zum Beginn eines Prozesses werden, der nicht die Liberalisierung der Geldbewegungen fördert, sondern die Solidarität von Bürgerbewegungen.