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Der attische Leuchtturm des Kyriakos Mitsotakis

von Niels Kadritzke | 23. Dezember 2019

Seit dem ersten Tag seiner Amtszeit verheißt Kyriakos Mitsotakis seinen Landleuten den Aufbruch in ein „neues Griechenland“.(1) Den Weg ins Gelobte Land soll ein Leuchtturm-Projekt weisen, das den Namen „Elliniko“ trägt. Wer bei diesem Wort an eine mitreißende Vision denkt, liegt allerdings schief. Elliniko hat nichts, was die Talente, die Ambitionen, die Phantasien der jungen Griechinnen und Griechen ansprechen könnte. Das Land der Verheißung ist eine Immobilie. Und der Leuchtturm ist ein 200 Meter hoher Wolkenkratzer.

 

Eine Mischung aus dem Cayan Tower in Dubai und dem Marina Bay Sands in Singapur: das „INSPIRE Athens“. © Mohegan Gaming & Entertainment

 

Das Dubai-artige Ungetüm soll an der Küste Attikas stehen und als Hotel plus Spielcasino von einem us-amerikanischen „Gaming and Entertainment“-Konzern betrieben werden.(2) Man reibt sich die Augen. Ein Unternehmen, dessen Geschäftsziel erklärtermaßen die „Suche nach unerschlossenen globalen Glücksspielmärkten“ ist, darf sich als Partner und Pionier eines Projekts aufspielen, das der griechischen Bevölkerung als Aufbruch ins Gelobte Land verkauft wird.
Wie konnte es dazu kommen? Die Antwort ergibt sich aus der Klärung einer Reihe von Fragen:

1. Warum ist die ND-Regierung derart obsessiv auf den Wirtschaftssektor „real estate“ fixiert?
2. Warum inseriert Mitsotakis gerade die Immobilie Elliniko als „emblematisches Projekt“, das für sein „neues Griechenland“ stehen soll?
3. Wer will von der kommerziellen Verwertung des Geländes profitieren, das die Stadtplaner ursprünglich zu 100 Prozent in einen öffentlichen Park umwandeln wollten?
4. Welche Bedeutung hat das Spielcasino für das gesamte Elliniko-Projekt?
5. Wer trägt die Risiken, wenn die Rechnung am Ende nicht aufgehen sollte?

Die Immobilien-Branche als Wachstumstreiber

„Wenn in unserem Land jemand eine leere Fläche erblickt, sieht er ein Grundstück, das überbaut werden muss, und das ist von Übel.“ Dieses Zitat stammt aus dem Jahr 2008 und war auf die „leere Fläche“ des alten Athener Flughafens Elliniko gemünzt.

Das mokante Urteil über den griechische Immobilienwahn kam aus dem Mund eines angesehenen Politikers der Nea Dimokratia (ND). Stavros Dimas war damals EU-Kommissar für Umweltpolitik. Als solcher warb er für die Umwandlung des Elliniko-Geländes in einen öffentlichen Park, wie es die Stadtplaner, viele Bürgerinitiativen und die umliegenden Gemeinden schon lange forderten. Dimas wandte sich gegen „jedwede kommerzielle Nutzung“ der 620 Hektar großen Fläche. Und damit explizit gegen das Konzept der ND-Regierung Karamanlis, deren Umweltminister Giorgos Souflias dem EU-Umweltkommissar vorwarf, die Pläne zur kommerziellen Nutzung der Immobilie zu untergraben.(3)

2008 stand nicht nur der EU-Umweltkommissar, sondern die gesamte Brüsseler Kommission auf Seiten derer, die eine vorwiegend kommerzielle Nutzung des Elliniko-Geländes verhindern wollten. Drei Jahre später verfügte dieselbe Kommission - als maßgebliche Stimme der Troika -, das der öffentlichen Hand gehörende Areal sei zu privatisieren. Die Erlöse sollten in den Hellenic Republic Asset Development Fund (HRADF) fließen, also in die von der Troika erfundene „Hauptkasse“, aus der Griechenland seine Schulden abzuzahlen hat. Dem Anfang Juli 2011 gegründeten HRADF (griechische Abkürzung: TAIPED) wurden alle Besitztitel der öffentlichen Hand (wie Immobilien, Anteile an öffentlichen Unternehmen und natürlichen Ressourcen) überschrieben, mit der expliziten Vorgabe, diese auf „voll professionelle“ Weise zu privatisieren.

Der einzige Bieter

Die Überschreibung der Elliniko-Besitztitel vom griechischen Staat auf den HRADF war der entscheidende Schritt. Damit waren alle nachfolgenden Regierungen verpflichtet, die Immobilie zu einem möglichst hohen Preis an private Investoren zu verkaufen. Am 31. März 2014, noch unter der Regierung Samaras, ging die Lizenz für die „Entwicklung“ des Elliniko-Geländes an den einzigen Bewerber, der bei dem Bieter-Verfahren übrig geblieben war: an die Lamda Development S.A., die zur Unternehmensgruppe der Familie Latsis gehört.

Wenn es nur einen Bieter gibt, drückt das auf den Preis.(4) Lamda konnte die Immobilie für 915 Millionen Euro erstehen. Nach einem Bericht in der Wochenzeitung To Vima (vom 31. Oktober 2014) hatten die offiziellen Gutachter der Technikerkammer Griechenlands (TEE) den Wert des Elliniko-Geländes auf 2,95 Milliarden Euro geschätzt.(5) In dem Vima-Bericht hieß es weiter, bei der Ausschreibung seien noch auf den letzten Drücker neue Fakten geschaffen worden. Vor allem wurde dem Generalunternehmer gestattet, die Konzession für ein Spielcasino zu verkaufen. Außerdem bekam Lamda Development – entgegen der strengen Erlös-Logik des HRADF – großzügige Zahlungsbedingungen eingeräumt. Die Gesamtsumme von 912 Millionen Euro kann über zehn Jahre gestreckt werden, womit sich die Höhe der realen Kaufsumme auf 560 Millionen Euro reduzierte.(6) Wichtiger noch: Die erste Zahlungstranche von 300 Millionen Euro soll erst fällig werden, wenn Lamda die Lizenz für das Casino verkauft haben würde.

An dieser Entscheidung war nicht mehr zu rütteln. Auch nicht durch die Regierung Tsipras, die ihren Widerstand gegen die „kommerzielle Nutzung“ der Immobilie spätestens im Juli 2015 mit ihrer Unterschrift unter das dritte Sparprogramm der Troika aufgeben musste. Im September 2016 wurde der Elliniko-Vertrag vom griechischen Parlament mit breiter Mehrheit gebilligt. Die endgültige Vereinbarung über die Konditionen des Projekts und die wichtigsten Parameter der Bauplanung wurde im November 2017 abgeschlossen. Danach geschah etwas Erstaunliches, was allerdings für Kenner der Interna nicht überraschend war.

Der Investor zeigt keine Eile

Lamda Development zeigte keinerlei Eile, konkrete Baupläne auszuarbeiten. Nachdem die letzten Einsprüche gegen das Projekt im März 2018 durch höchstrichterliche Entscheidungen abgewehrt waren, lag die Verantwortung für die Verzögerungen ausschließlich bei dem Investor. Das Unternehmen redete zwar ständig über Investitionen in Höhe von 8 bis 11 Milliarden Euro, die das griechische BIP alljährlich um 2 Prozentpunkte steigern und 70 000 Arbeitsplätzen schaffen würde.(7) Aber es war offensichtlich, dass es die 300 Millionen Euro nicht aufbringen konnte, bevor die Casino-Lizenz das nötige Cash in die Lamda-Kasse spülen würde. Geschweige denn die Milliarden-Investitionen, um die erste Phase der Bebauung zu finanzieren.(8) In Wirtschaftskreisen kursierte auch eine zweite Erklärung: Der Generalunternehmer spiele auf Zeit, oder genauer: er wette auf den absehbaren Wahlsieg der Nea Dimokratia. In der Hoffnung, die Konditionen des Projekts mit einer Regierung Mitsotakis neu aushandeln zu können. Für diese Erklärung spricht, dass sich die Lamda-Leute bis kurz vor den Wahlen vom 7. Juli nie über „Verzögerungen“ seitens der Tsipras-Regierung beschwert hatten (News 24/7 vom 26. Juni 2019).

Dennoch hatte in den Syriza-feindlichen Medien bereits Anfang 2018 eine regelrechte Kampagne begonnen. Sie stand unter dem Motto: Die „wirtschaftsfeindliche“ linke Regierung will das „nationale Projekt“ Elliniko durch gezielte Obstruktion doch noch verhindern. Das spielte Oppositionsführer Mitsotakis voll in die Karten. Der frischgebackene ND-Vorsitzende erklärte den brachliegenden Bauplatz zum Symbol für die Stagnation des Landes, die man nur durch die Abwahl der Tsipras-Truppe beenden könne.

Ein Prestigeprojekt der neoliberalen Regierung

Kein griechischer Politiker hat das „Jahrhundertprojekt“ Elliniko so eifrig propagiert wie der neoliberale Wanderprediger Mitsotakis, der seinem Publikum landauf landab die Gleichung vortrug: Steuersenkungen + Privatisierungen = Investitionen = Wirtschaftsaufschwung. Mit dieser Formel bestritt der ND-Vorsitzende auch seine Wahlkampagne, in der er sich als künftiger Chefmanager des investitionshungrigen Aufbaukonzern Mitsotakis & Partner inszenierte.(9)

Als die Wahlen vom 7. Juli die ND an die Macht brachten, wurde Elliniko automatisch zum Prestigeprojekt der konservativen Regierung. Welchen Stellenwert die leuchtende Immobilie für Mitsotakis hatte, war in der Kathimerini vom 28. Juli nachzulesen: „Man kann ohne Übertreibung sagen, dass die Regierung das Projekt zu seinen drei obersten Prioritäten zählt. Deshalb hat sie ein ganzes Ministerium, das Ministerium für Entwicklung, auf dieses Ziel ausgerichtet.“

Das Elliniko-Ministerium wurde dem rechtspopulistischen Partei-Vizechef Adonis Georgiadis anvertraut, der am dritten Tag seiner Amtszeit den Geschäftsführer von Lamda Development empfing. Zudem rekrutierte Mitsotakis als Staatssekretär im Umweltministerium - der für „Raumplanung und städtische Umwelt“, also für das Elliniko-Projekt zuständig ist -, den Experten Dimitris Oikonomou, der zuvor als Rechtsberater von Lamda Development an der anderen Seite des Verhandlungstisches gesessen hatte.

Dass die neue Regierung ausgerechnet Elliniko zum Symbol der Nach-Tsipras- Ära überhöhte, hat einen sehr realen ökonomischen Grund. Die Aussicht auf das Gelobte Land setzt die von Mitsotakis versprochene „Investitionsexplosion“ voraus. Deshalb investierte der Regierungschef einen Großteil seiner Zeit und seiner Kraft in zwei Vorhaben. Zum einen in die Durchsetzung von Steuersenkungen und anderen „investitionsfreundlichen“ Gesetzen und Rechtsverordnungen. Zum anderen in Begegnungen mit wichtigen „global players“, also mit den Chefs von Großbanken, Hedge Funds, private equity-Unternehmen und anderen Finanzinvestoren (siehe den Blog-Text vom 29. Oktober 2019). Bei all diesen Kontakten war auffällig, dass viele Gesprächspartner im Real Estate-Sektor engagiert sind und dass sie von Mitsotakis gezielt auf die Chancen des griechischen Immobilienmarktes hingewiesen wurden.

Eine verzweifelte Wachstumsstrategie

Das hat gute Gründe. Investitionen in Immobilien sind am leichtesten anzulocken und schlagen am schnellsten auf die Wachstumsziffern durch. Eine gezielte Förderung dieses Wirtschaftssektors ist allerdings eher eine Verzweiflungsstrategie. Sie zeigt im Grunde an, dass Mitsotakis den Mund zu voll genommen hat. Seine Finanz- und Wirtschaftsexperten wissen inzwischen längst, dass das verkündete Wachstumsziel von 4 Prozent des BIP in den nächsten Jahren nicht zu erreichen ist. Die EU-Kommission und der IWF schätzen den BIP-Zuwachs für 2020 auf maximal 2,3 Prozent, die OECD geht von 2,1 Prozent aus, die Prognose der ING-Bank von 2,0 Prozent (capital.gr vom 17. Dezember 2019). Demgegenüber basieren die Haushaltszahlen der ND-Regierung auf einem Wachstum von 2,8 Prozent.(10) Für die Zeit nach 2020 prognostizieren fast alle Experten deutlich geringere Zuwachsraten: Die EU geht für 2021 von 2,0 Prozent aus, der IWF sieht die Wachstumsraten bis 2023 auf etwa 1 Prozent sinken.(11)

Um 2020 das im Haushalt unterstellte Wachstum von 2,8 Prozent zu erreichen, müssen Investitionen her, die unmittelbar die Wirtschaftstätigkeit stimulieren. Also Investitionen in die Bau- und Betonbranche. Auf genau diese zielen die ersten Steuerbeschlüsse, die von der ND-Regierung verabschiedet wurde: die Minderung der Immobiliensteuer (ENFIA) um etwa ein Drittel, sowie die dreijährige Aussetzung der Mehrwertsteuer für alle Bauvorhaben, die ab dem 1. Januar 2020 genehmigt werden.(12) Diese zweite Maßnahme musste allerdings bereits wieder korrigiert werden, weil die Immobilienmakler klagten, dass sie auf ihren Beständen an älteren, nicht subventionierten Neubauwohnungen sitzen blieben. Daraufhin hat die Regierung beschlossen, dass die Mehrwertsteuer auch beim Erwerb von Wohnung älteren Baudatums (bis zurück zum Jahr 2006) erlassen wird. Als Zweck der ganzen Übung deklariert die Regierung ganz offen „die Belebung des Immobilienumsatzes“ (Kathimerini vom 28. November 2019).

An wen man Beton verkaufen will

In der Tat reicht es ja nicht aus, wenn Grundstücke zugebaut werden, anschließend muss man den Beton auch verkaufen können. Deshalb haben sich die ND-Sponsoren weitere verkaufsfördernde Maßnahmen ausgedacht. Zum Beispiel die – ebenfalls dreijährige – Befreiung von der Abgabe, die bei der Transaktion einer Immobilie fällig wird. Noch wichtiger sind Gesetze, die speziell Ausländern den Kauf von Immobilien in Griechenland schmackhaft machen sollen. Diesem Zweck dienen insbesondere zwei Programme. Das erste soll reiche EU-Ausländer zur Verlegung ihres steuerlichen Wohnsitzes animieren.(13) Das zweite Programm wurde bereits Ende 2014 von der damaligen Samaras-Regierung beschlossen und von der Tsipras-Regierung übernommen. Es bietet Nicht-EU-Ausländern die Chance, mit dem Kauf einer Immobilie ein „Goldenes Visum“ für die ganze Familie oder einen „Golden Passport“ zu erwerben. Die Voraussetzungen für den Erwerb dieser Vergünstigungen hat die ND-Regierung inzwischen deutlich erleichtert, was vor allem eine Einladung an reiche Chinesen bedeutet (Kathimerini vom 16. und 24. Oktober).

Das gezielte Ködern ausländischer Käufer wirkt wie ein Förderprogramm für das Leuchtturm-Projekt Elliniko. Aber genau dies lenkt den Blick auch auf einen zentralen Schwachpunkt. Die Milliarden Euro, die Lamda Development in das Projekt stecken will, sind keine wirklichen „Zukunftsinvestitionen“. Selbst wenn der Leuchtturm reiche Chinesen, Russen und Araber anlocken kann, die ein Penthouse erwerben und ein paar tausend Dollar bei einem us-amerikanischen Casino-Betreiber liegen lassen, wäre die Ausstrahlung auf die griechische Gesamtwirtschaft eher schwach. Ganz abgesehen von der Gefahr einer Bubble, die in dem spekulationsanfälligen Real Estate-Sektor entstehen könnte.

Investitionen ohne hohe Wertschöpfung

Entscheidend für die Zukunft Griechenlands sind nicht die Bulldozer. Entscheidend ist vielmehr, ob das Land ausländisches Kapital anziehen kann, das in „Produktionszweige mit hoher Wertschöpfung“ fließt. So formulierte es kürzlich der Chefökonom des griechischen Bankenverbandes EET, Tasos Anastasatos, auf dem „Athens Investment Forum“ am 9. Oktober (EfSyn vom 10. Oktober 2019). Doch von solchen „nachhaltigen Investitionen“ in Zukunftsbranchen mit innovativem Potential und hoher Wertschöpfung, die Mitsotakis vor den Wahlen versprochen hat, ist bislang noch nicht viel zu sehen.(14)

Auf dieses Manko verweist ein nüchterner Wirtschaftsexperte, der nicht zum Mitsotakis-Fanklub zählt. Der Kathimerini-Kolumnist Kostas Kallitsis braucht keinen Namen zu nennen, wenn er schreibt, einen Aufschwung könne man „weder herbeizerren noch herbeiquatschen“. Die ND-Regierung glaube offenbar, „wenn man genügend Lärm macht, werden die Investitionen gleich um die Ecke biegen (Kathimerini vom 10. November 2019). Und was die Förderung der Baubranche betrifft, so befindet Kallitsis nüchtern: „Mit der Bauindustrie als Wachstumsmotor gibt es keine zukunftsfähige Wirtschaftsentwicklung.“ Zudem verweist er warnend auf die „deutlichen Anzeichen einer Immobilienblase“ und auf die Anreize zur Steuerhinterziehung, die für die Baubranche „endemisch“ ist (Kathimerini vom 16. Dezember 2019).

Nachsicht gegenüber Geldwäschern

Für Kallitsis ist der „Investitions-Aktivismus“ der Regierung eine Politik, die eine zentrale Voraussetzung für einen nachhaltigen wirtschaftlichen Aufschwung missachtet: die Schaffung eines erneuerten, soliden institutionellen Rahmens: „Und ob das gelingt, hängt allein von uns ab. Wenn wir ihn nicht hinkriegen, wird es ihn nicht geben. Aber das gehört offenbar – zumindest bisher – nicht zu den Prioritäten der Regierung.“(15) Inzwischen hat die Regierung, als wolle sie Kallitsis in seiner Skepsis bestärken, erneut demonstriert, was sie unter „institutionellen“ Reformen versteht, die insbesondere im Bereich der Justiz überfällig sind. Am 14. November brachte Justizminister Kostas Tsiaras im Parlament – ohne Vorankündigung, ohne Begründung und wie so oft auf den letzten Drücker – eine Gesetzesänderung durch, die gezielt „white-collar-Straftätern“ zugutekommt. Fortan müssen verdächtige Bankkonten, die bei der Einleitung eines Ermittlungsverfahrens wegen Verdacht auf Geldwäsche und andere finanzielle Vergehen eingefroren wurde, nach 18 Monaten wieder freigegeben werden, wenn bis dahin noch kein Gerichtsverfahren eröffnet wurde.

Bekanntlich dauert es in Griechenland bis zu einem Prozess mindestens fünf Jahre. Es wäre die erste Aufgabe eines Justizministers, diese unakzeptablen Wartezeiten durch eine Justizreform zu verkürzen. Stattdessen begünstigt die ND-Regierung die Beschuldigten durch eine Regelung, die gegen die internationalen Standards für die Bekämpfung der Geldwäsche verstößt, wonach die beschlagnahmten Gelder bis zum Abschluss der Justizverfahren eingefroren bleiben sollen.(16) Zwar will der Justizminister die etwa relevanten 900 Fälle von einem Ausschuss innerhalb von drei Monaten überprüfen lassen. Aber diese Zeit wird nicht ausreichen, um die Herkunft der verdächtigen Gelder zu ermitteln (Bericht der Financial Times vom 14. November 2019).

Der Elliniko-Leuchtturm in den deutschen Medien

Die Signale der Nachsicht gegenüber Geldwäschern und Steuerflüchtlingen sind auch für das Projekt Elliniko bedeutsam, das sich für krumme Geschäfte geradezu anbietet. Die Leuchtturm-Immobilie ist ein Projekt mit internationaler Ausstrahlung auch deshalb, weil die Legende, die Mitsotakis für den innergriechischen Wahlkampf gestrickt hat, von vielen internationalen Medien unkritisch aufgenommen und weiterverbreitet wird. Das gilt auch für die deutsche Medienlandschaft und insbesondere für die wirtschaftsliberale Presse. Im Handelsblatt war zu lesen, Tsipras habe als Regierungschef das Elliniko-Projekt „systematisch torpediert“ und „so die größte private Investition in Griechenland und eines der bedeutendsten urbanen Entwicklungsvorhaben in Europa blockiert.“ Auf derselben Linie wurde im Nachrichtenmagazin Focus behauptet, die „linke Syriza“ habe das Elliniko-Projekt immer wieder „aus ideologischen Gründen“ behindert.

Die peinlichste Berichterstattung leistete sich allerdings die Qualitätszeitung FAZ, bei der für griechische Wirtschaftshemen merkwürdigerweise der Italien-Korrespondent Tobias Piller zuständig ist. Angesichts von Pillers Berichten über das Thema Ellenikon stellt sich die Frage, aus welchen Athener Quellen der Mann aus Rom seine Informationen bezieht. In einem Bericht vom 26. August 2019 schickte sich Piller an, die „Obstruktion“ der Tsipras-Regierung mit kühnen Behauptungen zu belegen.

Herr Piller aus Rom recherchiert in Athen

Als Kostproben einige Beispiele. Piller schreibt: „Während der Regierungszeit von Tsipras fielen seinen Ministern und ideologisch gestimmten Mitarbeitern der öffentlichen Verwaltung immer neue Argumente ein, mit denen der Baustart von Hellinikon verzögert wurde. Die stellvertretende Finanzministerin Nadia Valavani forderte etwa, einen Teil des Geländes als Mülldeponie zu benutzen und legte bis zur endgültigen Klärung der Frage das Projekt lahm.“

Bei dieser „Information“ unterschlägt Piller zwei nicht unerhebliche Details: Erstens hätte die vorgeschlagene Nutzung das Projekt keinesfalls „lahmgelegt“, denn sie hätte lediglich 1,2 Hektar in Anspruch genommen, also 0,2 Prozent der Gesamtfläche von 620 Hektar. Zweitens war Frau Valavani keine sechs Monate im Amt und trat bereits Anfang Juli 2015 zurück.

Piller berichtet: Im „Niemandsland von Hellinikon“ hätten sich „zahlreiche Nutznießer breitgemacht, vom Yachtclub bis zu Sozialinitiativen“. Er vergisst nur zu erwähnen, dass sich auf dem ungenutzten Gelände auch öffentliche Institutionen „breitgemacht“ hatten, und das schon lange vor der Syriza-Regierung. Zum Beispiel Einrichtungen des staatlichen Wetterdienstes und der zivilen Luftfahrtbehörde, die zentrale Bus-Garage für die südlichen Athener Vororte und eine lokale Polizeistation. Für all diese staatlichen und kommunalen Einrichtungen mussten alternative Standorte gefunden werden – eine Verzögerung, die keinesfalls die Tsipras-Regierung zu verantworten hatte.

Piller macht die Syriza auch für einen absurden Einspruch verantwortlich, den angeblich der „staatliche Rat der Ärchäologen“ erhoben habe: „Unter den Rollbahnen, auf denen 60 Jahre lang tonnenschwere Flugzeuge gelandet waren, könne man noch archäologische Stätten vermuten und müsse erst einmal einige Jahre lang graben.“ Das Argument ist in der Tat absurd, aber das liegt nicht am Zentralen Archäologischen Rat (Kentriko Archaelogiko Symvoulio, abgekürzt KAS), dem es laut Gesetz obliegt, jedes großen Bauvorhaben zu begutachten. Es liegt an der absurden Phantasie von Piller, der ein Latrinengerücht verbreitet, das zum Himmel stinkt. Kein Archäologe (geschweige denn der KAS) würde auf die Idee kommen, unter einer meterdicken Betondecke nach Altertümern zu graben, und das nicht nur aus Kostengründen. Das Aufbrechen des Betons mit schwerem Gerät würde jedes Artefakt zerstören.(17) Und wenn es je irgendwelche Funde gegeben hätte, wären die bereits vor Jahrzehnten bei der Betonierung der Rollbahn entdeckt worden.

Die legitime Aufgabe der Archäologen

Anders als Piller schwadroniert, hat der KAS lediglich seine Arbeit getan. Er hat einen kleinen Teil des gesamten Geländes (30 von 620 Hektar) zu einer archäologischen „Schutzzone“ erklärt, für die besondere Regeln gelten. Und das mit Recht, denn an dem betreffenden Abschnitt der Küste von Ayios Kosmas haben Archäologen bereits seit 1957 gearbeitet und rund 150 Gräber aus dem 5. vorchristlichen Jahrhundert gefunden. Im Übrigen bedeutet ein solcher KAS-Beschluss keineswegs ein Bauverbot. Der Ausschuss definiert allerdings einige technische Bedingungen für die Durchführung der Arbeiten, um sicherzustellen, dass mögliche Funde gesichert und dokumentiert werden können. Denn die Aufgabe von Archäologen besteht weniger darin, ehrwürdige Objekte besichtigungsfähig zu machen, als vielmehr Erkenntnisse über vergangene Epochen zu gewinnen.

Jenseits der Definition einer begrenzten archäologischen Zone gilt für das gesamte Elliniko-Gelände, was für jeden Quadratmeter griechischen Bodens gilt: Wo immer bei Erdarbeiten – ob bei privaten oder öffentlichen Bauten – Spuren der Vergangenheit zu Tage kommen, müssen Archäologen die Funde sichern. Das hat der KAS in einer Erklärung des KAS vom 8. Juli 2019, also am Tag nach dem Wahlsieg der ND klargestellt: „Wir betonen erneut und in alle Richtungen, dass das Archäologie-Gesetz für alle gilt, für große Investitionsprojekte ebenso wie für private Bauvorhaben, und dass dieses Prinzip unter keinen Umständen - politischer oder ökonomischer Art – abgeschafft werden darf.“ (EfSyn vom 9. Juli 2019)

Die Verzögerung mag je nach Umfang und Bedeutung der Fundstelle kürzer oder länger dauern, sie kann aber ein Bauprojekt nicht auf Dauer verhindern. Sie soll vielmehr dafür sorgen, dass die Objekte am Ort verbleiben und präsentiert werden können. Was durchaus im Sinne des Publikums ist, das zum Beispiel auf Athener Metrostationen und selbst im (neuen) Athener Flughafen archäologische Funde bestaunen kann.(18)

Was nun die Haltung der Tsipras-Regierung betrifft, so hat sie den KAS keineswegs zu Einsprüchen animiert. Sie hat im Gegenteil den Archäologischen Ausschuss gedrängt, seine gutachtlichen Beschlüsse schneller zu fassen, damit sich das Elliniko-Projekt nicht verzögert. Und der zustände Wirtschaftsminister Stergios Pitsiorlas hat im Herbst 2017 öffentlich versichert, die Investoren hätten nichts zu befürchten. Schließlich seien in Griechenland ganze Städte als „archäologische Zone“ definiert, ohne dass die Bautätigkeit zum Erliegen komme. Auf jeden Fall werde die Syriza-Regierung das Projekt energisch vorantreiben.(19)

Herr Piller und der Park der Linken

Ein letzter Punkt im Syriza-Sündenregister, das sich Pillers zurecht phantasiert, ist eine Behauptung, die eine tiefe Unkenntnis der Elliniko-Problematik verrät. „Die Linke wünschte sich dort immer einen großen Park“, schreibt der FAZ-Mitarbeiter aus Rom, „hatte aber nicht die Milliarden zur Rekultivierung des Geländes“. An dieser Aussage stimmt so gut wie nichts. Die Idee eines Parks war keineswegs ein Projekt „der Linken“ oder des „linken Volkstribuns Tsipras“. Es war der Wunsch eines Großteils der Athener Bevölkerung und das erklärte Interesse der lokalen Gemeinden im Süden Athens.
Die Vision eines „metropolitanen Parks“ stand allerdings von Anfang an in Konkurrenz zu den Vorstellungen der Immobilien-Lobby, die handfeste Interessen an der „Entwicklung“ der sogenannten „attischen Riviera“ hatte. Dieser zwanzig Jahre währende Konkurrenzkampf ist ein Lehrstück, das sich zu erzählen lohnt. Denn in diesem Zeitraum (1995 -2015) wurden bereits alle Konzepte, Kontroversen und Kompromisse um die Nutzung und Eroberung eines urbanen Raumes durchgespielt, den wir auch aus anderen Großstädten kennen.

Eine kleine Geschichte des Elliniko-Geländes

Vorweg ein Hinweis für die geschätzten Leser und Leserinnen, die meine Texte ohnehin zu lang finden. Man kann diesen historischen Rückblick überspringen und im Jahr 2014 wieder einsteigen, in dem der Elliniko-Wettbewerb entschieden wurde.

Im Konflikt um das Athener Elliniko standen von Anfang an nicht nur die Interessen der lokalen Bevölkerung und der Immobilienlobby gegeneinander, sondern quer dazu auch die des Staates, der seine hohe Verschuldung durch Privatisierungsgewinne zu kompensieren versuchte.

Dass das Gelände des seit 1938 existierenden Athener Flughafens überhaupt für andere Zwecke frei wurde, war die Folge von zwei Entwicklungen. Die Kapazität der Anlage war schon in den 1970er-Jahren an ihre Grenzen gekommen; seitdem war ein neuer, größerer Hauptstadtflughafen im Gespräch, der aber erst 1990 verbindlich beschlossen wurde.(20) Im selben Jahr gab das Pentagon bekannt, dass es die Basis der US-Air Force auf dem nordwestlichen Teil des Elliniko-Geländes schließen wollte. Damit stand fest, dass das Elliniko-Gelände zu Beginn des neuen Jahrtausends frei werden würde.

1990: Hoffnung auf eine „grüne Lunge“

Als die Diskussionen um die Nutzung des 620 Hektar großen Geländes begannen, forderten nicht nur die Stadtplaner die Schaffung eines großen Parks. Auch ein Großteil der Athener Bevölkerung wollte eine neue „grüne Lunge“, denn die griechische Hauptstadt war (und ist noch immer) die europäische Metropole mit den wenigsten Parkflächen. Besonders engagiert waren die Gemeinderäte der südlichen Athener Stadtteile, deren Bewohner unter dem Lärm und dem Dreck des Flugbetriebs jahrzehntelang gelitten hatten.

Allerdings kam schon in den frühen 1990er-Jahren die Überlegung auf, die Baukosten für den neuen Flughafen bei Spata (an der Ostküste Attikas) durch eine Privatisierung des Geländes aufzubringen. Insbesondere die konservative Regierung des ND-Vorsitzenden Konstantinos Mitsotakis, die seit April 1990 im Amt war, favorisierte eine sogenannte PPP-Konstruktion (private-public partnership), wie sie damals von der Weltbank propagiert wurde.

Das Konzept stand im Widerspruch zu der Philosophie und den konkreten Vorgaben des offiziellen Athener Masterplans ASMP (Athens Strategic Masterplan), zu dessen gesetzlich festgelegten Grundprinzipien unter anderem „der Schutz der Umwelt“ und „der Ausgleich sozialer Ungleichheiten“ gehörte. Für die Stadtplaner war der Mangel an öffentlichen Flächen im Großraum Athen eines der größten Probleme, für dessen Lösung das Elliniko-Gelände eine wichtige Rolle spielte.

Die Privatisierungs-Logik der ND-Regierung wurde allerdings hinfällig, da der neue Flughafen in Spata auf andere Weise finanziert wurde. Die Kosten von 2 Milliarden Euro wurden abgedeckt durch EU-Zuschüsse, durch Kredite der Europäischen Investitionsbank (EIB), und durch das Finanzierungsmodell, das den Hochtief-Konzern zum Bauträger und anschließend zum Betreiber des neuen Flughafens machte.

1995: Vorwiegend grün

Die Privatisierungspläne für das Elliniko-Gelände haben auch zur Wahlniederalge der Mitsotakis-Regierung im Oktober 1993 beigetragen. Die neue Regierung von Andreas Papandreou (Pasok) trug der Volksmeinung durch einen taktischen Formelkompromiss Rechnung. In dem neuen Gesetz von 1995 hieß es, das Gelände sei „vorwiegend“ zur Schaffung eines Grüngürtels bestimmt. Wobei das Wort „vorwiegend“ die Tür für künftige Immobilienprojekte offenließ, zumal das Gesetz eine „Teilprivatisierung“ nicht explizit ausschloss. Was die Regierung tatsächlich plante, wurde deutlich, als sie eine Studie in Auftrag gab, die für die Nutzung des Flughafengeländes mehrere Varianten entwickeln sollte, die einer gemeinsamen Vorgabe unterlagen: Die Anlage und Pflege des Parks sollte durch Privatisierungserlöse finanziert werden, also durch den Verkauf begrenzter Flächen an Immobilienunternehmen. Dabei sollten die Erlöse auch noch weitere „grüne“ Projekte finanzieren, etwa die Schaffung öffentlicher Parks in anderen Athener Stadtteilen. Deshalb sahen alle vier Planungsvarianten die Veräußerung und private Nutzung von 20 Prozent der Elliniko-Fläche vor. Damit war die gesetzliche Bestimmung einer „vorwiegend grünen“ Nutzung des Geländes bereits verwässert.

1996: Projekt Isopolis als private-public partnership

Die nach einem weiteren Wahlsieg der Pasok im September 1996 installierte Regierung von Kostas Simitis trieb die Privatisierungspläne weiter voran. Sie stieg damit auf die Logik der EIB ein, die als Mitfinanzier des neuen Flughafens vorschlug, das gesamte Elliniko-Gelände zu verkaufen, um die Staatskasse aufzufüllen. Diese Anregung aufnehmend gab der Pasok-Umweltminister Laliotis ein neues urbanistisches Gutachten in Auftrag. Eine Studiengruppe aus Harvard lieferte das gewünschte Ergebnis: Der Plan namens „Isopolis“ sah eine “ausbalancierte” Mischung von Grünflächen und kommerzieller Nutzung vor.

Damit war der nächste Schritt weg einer „vorwiegend grünen“ Nutzung vollzogen. Flankiert wurden diese Pläne durch die Idee der Regierung, ganze Ministerien und weitere staatliche Behörden vom Athener Zentrum in den geplanten neuen Stadtteil umzusiedeln. Das lief auf einen ganz neuen Typ von „public-private partnership“ hinaus, die für die privaten Partner besonders profitabel gewesen wäre, insofern die Rendite ihrer kommerziellen Objekte durch den Dauermieter Staat garantiert gewesen wäre.

Der Plan „Isopolis“ wärmte auch das Argument wieder auf, die öffentliche Hand könne einen großen Park wegen der hohen Instandhaltungskosten sowieso nicht finanzieren. Das sei nur mithilfe von Einnahmen möglich, die eine „hochwertige“ Nutzung der Immobilie Elliniko erzielen würde. Um das Kriterium der „Hochwertigkeit“ zu erfüllen, schwebte den Planern ein ganz neues Stadtviertel für „Bewohner mit hohem Einkommen“, mit zusätzlichen hochwertigen Attraktionen wie Sportanlagen, einem modernen Konferenzzentrum, einem Zoo oder einem Meeresaquarium. Und vor allem mit einer Marina, also einem Yachthafen.

Das Harvard-Gutachten war, wie es George Papakis formuliert, ein schlagendes Beispiel dafür, “wie die Diskussion von öffentlichen Projekten durch eine neoliberale Ideologie geprägt wird, die die Übernahme öffentlicher Güter und Dienstleistungen durch den Privatsektor legitimiert“.(21)

1999: Immobilien für die Finanzierung des Euro-Beitritts

Die neoliberale Vision mobilisierte allerdings den Widerstand der lokalen Bevölkerung und der Umweltschützer. Die wachten vollends auf, als der ökonomische Chefideologe der Simitis-Regierung wetterte, die Forderung nach einem Park sei „unsozial“, da sie zu Lasten von wichtigeren ökonomischen Zielen gehe.(22) Aber der große Konflikt war zunächst aufgeschoben, als ein anderes „öffentliches“ Interesse ins Spiel kam. 1999 beschloss die griechische Regierung, auf dem brachliegenden Elliniko-Gelände einige Sportstätten für die Olympischen Spiele von 2004 zu errichten.

Diese Entscheidung hatte auch mit dem Stand der Staatsverschuldung zu tun: Die Regierung Simitis musste demonstrativ sparen, wenn sie den für 2001 angestrebten Beitritt zur Eurozone schaffen wollte. Die Sportstätten auf öffentlichem Grund und Boden ersparte der Regierung den Kauf von teuren Grundstücken. Und so entstanden auf dem alten Flughafen eine Reihe von Bauten, die nach den Spielen zu nichts zu gebrauchen waren.(23) Andererseits finanzierte der Staat auch Infrastrukturprojekte (wie Stromleitungen und ein Straßenbahndepot), die den Immobilienwert des Geländes steigerten. Diese Entwicklung verstärkte die Befürchtung der Anlieger-Gemeinden, dass die Privatisierung am Ende durch die Hintertür der Olympischen Spiele kommen würde. Sie verstärkten ihren Widerstand forderten energischer denn je einen öffentlichen Park. Doch als der Flughafen Ende März 2001 seinen Betrieb einstellte, war nicht mehr zu übersehen, dass bereits eine Meute von Immobilienhaien das Filetstück Elliniko umkreiste.

2004: Beton gegen Grün im vorolympischen Parteienkampf

Die Konfrontation gipfelte im Vorfeld der Parlamentswahlen vom März 2004, nur fünf Monate vor Beginn der Olympischen Sommerspiele von Athen. In diesem Wahlkampf kam es bei der Konfrontation „Beton gegen Grün“ zu überraschende Bündnissen. Der neue Pasok-Vorsitzende und Spitzenkandidat Giorgos Papandreou unterstützte die Privatisierungspläne, aber seine Parteigenossin Fofi Genimata, Präfektin der Region Attika, stellte sich an die Seite ihrer Bürgermeister und forderte 100 Prozent der Fläche für einen Park. Eine weitere Überraschung war, dass auch der Spitzenkandidat der konservativen ND erklärte, der größte Teil von Elliniko müsse ein Park werden. Kostas Karamanlis schlug vor, nur einen kleinen Teil der Fläche mit öffentlichen Einrichtungen wie Kulturzentren und Sportanlagen zu überbauen. Und alles in Absprache mit den Anliegergemeinden.

Die ND gewann die Wahlen und Karamanlis wurde Regierungschef. Aber wie zu erwarten, hat er seine Vorwahl-Aussagen schnell vergessen. Der internationale Wettbewerb, den die Pasok-Regierung angestoßen hatte, ging weiter. Gewonnen wurde er von einem Architektenteam, das einerseits einen großen Park plante, andererseits ein Sechstel der Elliniko-Fläche mit hochwertigen Immobilien überbauen wollte. Der Entwurf schien sich als Basis für einen Kompromiss zwischen der Betonfraktion und der grünen Bewegung zu eignen. Aber dann begann eine öffentliche Debatte über die „beste Nutzung“ der olympischen Bauten und der nacholympischen Euphorie, in der die ND vollends zur Betonpartei wurde.

2005: Das Zauberwort Spielcasino und eine Erpressung

Auf einmal diskutierte man nur noch, wie die gesamte Westküste Attikas, vom Elliniko-Olympiagelände bis weit nach Süden, zur „griechischen Riviera“ aufgerüstet werden könnte. Und zwar mit phantastischen Bauprojekten: mit Luxushotels und Kongresszentren, spektakulären Kulturmanegen, großzügigen Sportanlagen, dazu mehrere Marinas für Luxusjachten. Es fehlte nichts, was die Betonfraktion zu erträumen wagte. In diesem nacholympischen Delirium tauchte erstmals – und noch ganz beiläufig - jenes Zauberwort auf, das 15 Jahre später zum Sesam-Öffne-Dich für alle Investitionen werden soll: ein Spielcasino.

In Wahrheit ging es Anfang 2005 darum, die griechische Betonfraktion vor dem Absturz in die Krise zu bewahren. Die großen Baufirmen hatten für die olympischen Projekte große Investitionen getätigt. Jetzt war der Boom vorbei und ihre Kapazitäten lagen so brach wie der alte Flughafen. Das Helliniko-Gelände wurde damit zum „ultimativen Beutestück“ (Papakis). Ein Staatssekretär im Umweltministerium ging damals so weit, die Drohung auszusprechen: Entweder kommt es auf dem Elliniko-Areal zu einer „kommerziellen Entwicklung“, oder es wird keinen Park geben. Damit hatte sich das Versprechen von 1995 – einer „vorwiegend grünen Nutzung“ – zehn Jahre später in eine Erpressung verkehrt: kein Park ohne kommerzielle Nutzung.

2007: Ein Katastrophensommer zwingt zum Umdenken

Obwohl sich die politische Klasse nach den Olympischen Spielen parteiübergreifend auf die Privatisierung und kommerzielle Verwertung von mindestens einem Drittel der (200 von 620 Hektar) geeinigt hatte, ging der lokale Widerstand weiter. Als 2006 in der Gemeinde Elliniko der linke Kandidat Christos Kortzidis die Bürgermeisterwahlen gewann, bekam die „grüne Opposition“ auch einen strategischen Kopf. Den entscheidenden Auftrieb bekam die Bewegung jedoch ein Jahr später, als Ende Juni 2007 am Berg Parnitha nördlich von Athen etwa 1000 Hektar in Flammen aufgingen.(24) Die Zerstörung dieser „Lunge“ machte den Athenern klar, wie sehr das Mikroklima ihrer Stadt auf den Ausbau von Grünflächen angewiesen war.

Der Katastrophensommer 2007 hat die Diskussionen so stark geprägt, dass auch der griechische EU-Umweltkommissar sich gegen die Betonpolitik seiner Athener Parteifreunde stellte (siehe das Zitat am Anfang dieses Textes). Im Januar 2008 demonstrierten am „Tatort Elliniko“ weit mehr als 10 000 junge Leute, die dem Aufruf der vier Anliegergemeinden und der Präfektin von Attika gefolgt waren. Hätte es damals eine Volksabstimmung gegeben, wären die Pläne der Regierung Karamanlis mit großer Mehrheit abgelehnt worden.

2008: Kontakte mit Las Vegas Sands

Dennoch präsentierte Umweltminister Souflias Anfang 2008 einen Plan, der einen ganz neuen Stadtteil mit Luxuswohnungen, Geschäftshäusern und einem Vergnügungszentrum vorsah. Auf welches Publikum die Immobilienlobby zielte, verrieten zwei interessante Planungsdetails. Zum einen wurde die Idee eines Spielcasinos erstmals konkret vorangetrieben. Tatsächlich führte der ND-Finanzminister Alogoskoufis erste Kontaktgespräche mit dem US-Unternehmen Las Vegas Sands, dem ein großer „Casino plus Entertainment“-Komplex vorschwebte. In Paranthese: Der Casino-Befürworter Alogoskoufis war der Finanzminister, der im Sommer 2009 irrwitzig falsche Haushaltszahlen nach Brüssel gemeldet und damit das allgemeine Misstrauen gegenüber „griechischen Zahlen“ nachhaltig verstärkt hat.

Allerdings war die Casino- Idee auch innerhalb der ND-Regierung umstritten. Interessant ist im Rückblick, dass auch der Minister für „Verwaltungsreform“, ein aufstrebender Jungpolitiker namens Kyriakos Mitsotakis, entschieden gegen den Plan opponierte: Er hielt es für eine „kontraproduktive“ Idee, ein großes Spielcasino in einer Stadt zu bauen, die sich in ihrer Tourismuswerbung vor allem als „kulturelles“ Reiseziel darstellte.(25) Am Ende scheiterte das Projekt eines attischen Las Vegas am Einspruch der griechischen Casino-Betreiber, die eine übermächtige Konkurrenz befürchteten. Ein zweites Detail verrät noch präziser, welches Publikum die Immobilien-Lobby im Auge hatte. Der Souflias-Plan sah einen superteuren Straßentunnel durch das Bergmassiv des Ymettos vor, damit die Bewohner des neuen Stadtteils Elliniko schneller zum neuen Flughafen Spata gelangen konnten.

Welchen Stellenwert der grüne Faktor in dem ND-Konzept hatte, zeigte die Reaktion auf das Angebot der EU, 85 Prozent der Kosten für die Anlage des „metropolitanen Parks“ durch eine Kreditlinie zu finanzieren. Die Regierung Karamanlis ließ das Angebot einfach links liegen. Diese Entscheidung von 2008 markiert die größte Kluft zwischen der Athener Bevölkerung und der politischen Klasse, und den größten Gegensatz zwischen dem erwachten „grünen Bewusstsein“ und den Interessen der Beton-Lobby.

2009: Die Finanzkrise und eine neue Regierung

Aber dann kam ein Faktor ins Spiel, der alles änderte: die große Krise von 2009, ausgelöst und verstärkt durch die Finanzmarktkrise, die sich schon seit 2008 abgezeichnet hatte. Als im Herbst 2009 die Dimension der griechischen Staatsverschuldung offenbar wurde, geriet die erst im Oktober gewählte Regierung Pasok-Regierung von Giorgos Papandrou unter den gnadenlosen Druck der Finanzmärkte und ihrer politischen Dolmetscher: der Troika aus EU-Kommission, EZB und IWF.

Vor seinem Wahlsieg vom Oktober 2009 hatte Papandreou noch getönt: „Wir wollen es grün haben und nicht grau.“ Auf dem Elliniko-Gelände dürfe „nicht ein einziger Tropfen Zement gegossen“ werden, vielmehr müsse man die ganze Fläche zu einem öffentlichen Park machen (Kathimerini vom 8. Juni 2016). Doch kaum war er im Amt, wurde der Abbau der Staatsverschuldung zur obersten Maxime des Regierungshandelns, das auf den Vollzug der Troika-Entscheidungen reduziert war. Und binnen eines Jahres legte der Pasok-Chef, der die Veräußerung öffentlicher Flächen als „kriminell“ bezeichnet hatte, radikale Privatisierungspläne vor, die noch weit über die Forderungen der Troika hinausgingen.

2010: Papandreou plant ein katarisches Monaco

Im Herbst 2010 kündigte Papandreou die Veräußerung staatlicher Besitztümer in Höhe von 270 Milliarden Euro an. Zugleich unterzeichnete er ein Memorandum of Understanding (MoU), also eine Absichtserklärung mit der Qatar Investment Authority (QIA) über die „Entwicklung“ des Elliniko-Projekts, das Investitionen in Höhe von 5 Milliarden Euro vorsah. Damit wollte der katarische Staatsfonds ein zweites Monaco aus dem Boden stampfen: mit großzügigen Wohnanlagen, Luxushotels und Konferenzzentren, mit einem Spielcasino, einer Marina und einem Flugplatz für die Privatjets der Superreichen.

Papandreou war sogar bereit, das Projekt mit Hilfe eines „Fast-Track“-Gesetzesverfahrens durchzubringen. Aber dann scheiterte der ganze Plan an dem übergroßen Ehrgeiz der Kataris, die quasi ein Stück attisches Territorium annektieren wollten. In seinen Gesprächen mit Papandreou strebte der Emir von Katar ein zwischenstaatliches Abkommen über die Abtretung der gesamten Elliniko-Fläche an. Mit einem Bieterwettbewerb, wie er durch EU-Recht vorgeschrieben ist, konnte er sich nicht anfreunden. Zudem wollte er das attisch-katarische Monaco zu einer Sonderwirtschaftszone machen, in der die Superreichen keine Steuern zahlen und ihr Dienstpersonal nur minimale Rechte haben sollte.

Damit wäre nicht nur eine Steueroase, sondern auch eine arbeitsrechtliche Enklave innerhalb der EU entstanden.(26) Das Projekt scheiterte am Einspruch der Europäischen Kommission, da diese Konditionen nicht mit der EU-Mitgliedschaft Griechenlands zu vereinbaren waren (Kathimerini vom 9. Oktober 2011). Papandreou hätte mit der QIA gerne weiter verhandelt, aber eine andere Forderung ging selbst ihm zu weit: Der griechische Staat sollte sich verpflichten, sämtliche Ministerien und andere staatliche Behörden in das katarischen Monaco zu verlegen. Nach einem Bericht der Kathimerini hätte die Athener Regierung nicht nur die Räumlichkeiten für 400 000 Staatsdienerinnen anmieten, sondern auch den Verkauf von mindestens 10 000 Wohnung an öffentliche Bedienstete garantieren müssen. Auf diese Weise wollte die QIA „die Rückzahlung ihrer Investitionen“ sicherstellen.(27)

2011: Erstmals taucht der Name Lamda Development auf

Die extremste Version einer Immobilisierung des Elliniko-Geländes blieb den Athenern also erspart. Aber was am Ende der 20-jährigen Rangeleien und Interessenkonflikte herauskam, kann man nicht unbedingt als „kleineres Übel“ bezeichnen.

Nach dem Scheitern der Katar-Lösung (28) beauftragte die Regierung Papandreou im März 2011 mehrere Beraterfirmen, das Privatisierungsprojekt voranzutreiben. Damals tauchte zum ersten Mal der Name des Unternehmens Lamda Development auf - allerdings zunächst in der Rolle eines Finanzberaters. Der nächste Schritt war die Bildung einer „Zweckgesellschaft“ (Special Purpose Vehicle oder SPV) namens Hellinikon SA, der die Rechte an dem Gelände und Gebäuden des alten Flughafens übertragen wurden. Zu dem Elliniko-Gelände wurde per Gesetz vom 31. März 2012 noch ein zweites, kleineres Filetstück hinzugefügt: die gesamte Fläche zwischen dem westlichen Rand des alten Flughafens und einem langen Küstenstreifen, an dem auch die Marina Ayios Kosmás liegt, der als olympischer Segelhafen gedient hatte. Das Immobilienobjekt hieß jetzt offiziell „Mitropolitikos Polos Elliniko-Ayos Kosmas“ und war auf einen Schlag noch ein gutes Stück „werthaltiger“ geworden. Was einmal als „Stadtentwicklungsprojekt“ begonnen hatte, war jetzt unwiderruflich zu einem „privaten Immobiliendeal“ geworden (Elisa Simantke in „Europoly“, Anm. 6).

Der Elliniko-Wettbewerb: Finale mit Selbstläufer

Die Aufgabe der Zweckgesellschaft bestand allein darin, den Verkauf des Objekts über die Bühne zu bringen, und zwar nach einem internationalen Ausschreibungsverfahren, das vom HRADF (der Verwaltungsgesellschaft der griechischen öffentlichen Vermögen) organisiert wurde. Die Ausschreibung sah ein gemischtes Modell von Eigentums- und Nutzungsrechten vor: 30 Prozent der Gesamtfläche gingen in den Besitz des Käufers über, für die restlichen 70 Prozent erwarb er die Nutzungsrechte auf 99 Jahre. Ein erstes Interesse an Elliniko-Ayos Kosmas bekundeten neun Unternehmen aus sieben Ländern, darunter Lamda Development S.A. und Trump International.(29) Von den neun Bewerbern wurden für die zweite Runde nur vier zugelassen, darunter Lamda Development, das Immobilienunternehmen, das mehrheitlich der Familie Latsis gehört. Und siehe da, in der dritten Runde war das griechische Unternehmen der einzige Bewerber, der ein bindendes Gebot einreichte (das bereits von einem Businessplan unterfüttert sein musste).

Lamda Development siegte in einem Wettkampf, bei dem im Finale nur ein Läufer am Start war, sozusagen ein Selbstläufer. Es ist immer anrüchig, wenn bei einer Auktion auf einem klassischen „Käufermarkt“ nur ein Bewerber übrig bleibt. Das gilt erst recht, wenn dieser bereits als Berater für das gesamte Vergabeverfahren tätig war. Suspekt war auch die Tatsache, dass der HRADF keinen Mindestpreis für den Verkauf des Objekts festgesetzt hatte (EfSyn vom 25, Februar 2014). Um dem Eindruck entgegenzuwirken, der konkurrenzlose Käufer könnte dem Verkäufer Staat den Preis diktieren, bestand der HRADF auf Nachverhandlungen. Am Ende erhöhte Lamda sein erstes Angebot von 600 Millionen Euro auf 912 Millionen Euro. Die staatliche Seite rechnete diese Summe mit dem Hinweis hoch, der Käufer werde noch weitere 1,5 Milliarden Euro für die Anlage eines Parks und für weitere öffentliche Strukturen investieren (Kathimerini vom 31. März und 26. April 2014). Allerdings ist hier eine Gegenrechnung aufzumachen. Da das Gelände „besenrein“ übergeben werden musste, hatte die öffentliche Hand für 69 Einrichtungen neue Standorte zu finden und zu finanzieren, was Schätzungen zufolge am Ende mindestens 1,5 Milliarden Euro kosten wird.(30)

Gute Chancen auf Nachverhandlungen

Wichtiger als der günstige Kaufpreis ist ein anderer Vorteil: Wenn ein einsamer Bewerber den Zuschlag bekommt, hat er gute Chancen, in Nachverhandlungen noch günstigere Bedingungen durchzusetzen. Das ist dem Käufer in diesem Fall noch vor Unterschrift unter den endgültigen Kaufvertrags im Sommer 2016 gelungen.
Das lässt sich an einigen Detailfragen aufzeigen.

- Was die Übernahme und Finanzierung von Infrastrukturprojekten betrifft, findet sich im endgültigen Vertrag die windelweiche Formulierung, der Käufer übernehme „die Verpflichtung, jeden erdenklichen Versuch zu unternehmen, … (diese Projekte) zu realisieren und zu vollenden“. Ähnlich unverbindlich ist die „Verpflichtung“ auf die Einhaltung von Fristen geregelt: Der Käufer sagt lediglich zu, „jede Möglichkeit auszuschöpfen, innerhalb von fünf Jahren 67 Prozent dieser Infrastruktur-Projekte zu vollenden“.

- Was die Ausdehnung der „Grünflächen“ betrifft, so ist der Park am Ende auf 200 Hektar geschrumpft, also auf nur ein Drittel der Gesamtfläche, während er in allen früheren Plänen mindestens zwei Drittel umfassen sollte. Dem entspricht das Anwachsen der überbaubaren Fläche auf 350 Hektar; das sind 58 Prozent der Gesamtfläche, wobei der Käufer – unverbindlich - eine freiwillige Nutzungsbeschränkung auf 270 Hektar ausgesprochen hat.

- Was die Rendite der bebaubaren Flächen betrifft, so konnte sich der Käufer einen wichtigen Höhenzuwachs sichern: Er darf sechs Wolkenkratzer errichten, die bis zu 200 Meter hoch sein dürfen, wobei zwei direkt an der Küste von Ayios Kosmas entstehen sollen, was freilich allen früheren Raumplanungen zuwiderläuft.

- Für den Verkäufer, also den HRDAF bzw. den Fiskus war von Anfang an eine Beteiligung an den Gewinnen des Käufer-Unternehmens vorgesehen. Am Ende bestimmte der Vertrag, dass eine solche Gewinnbeteiligung nur fällig wird, wenn das Unternehmen eine Rendite von mehr als 15 Prozent erzielt.(31)

Lamda braucht potente Finanzpartner

Was den Käufer des Objekts Elliniko-Ayios Kosmas betrifft, so an dieser Stelle eine Präzisierung fällig. Bei dem Ausschreibungsverfahren bewarb sich die Latsis-Gruppe im Gewand eines internationales Konsortiums namens Global Investment Group, an dem zusätzlich zwei „global players“ der Immobilien-Branche beteiligt waren: die chinesische Fosun-Gruppe und das Unternehmen Eagle Hills (Al Maabar) aus Abu Dhabi. Das Auftreten dieser internationalen Bieter- und Käuferallianz weckte bei vielen Marktbeobachtern den Verdacht, dass das Lamda respektive die Familie Latsis allein die Investition gar nicht stemmen konnte. Verstärkt wurde dieser Eindruck durch die Zahlungsmodalitäten, die der Käufer ultimativ durchsetzte: Die erste Rate des Kaufpreises in Höhe von 300 Millionen Euro ist erst dann zu überweisen, wenn ein Casino-Betreiber gefunden wird, der dem Käufer, also Lamda bzw. der Global Investment-Gruppe stabile Einnahmen garantierte.

Der endgültige Elliniko-Vertrag wurde im September 2016 vom griechischen Parlament mit großer Mehrheit ratifiziert – also mit den Stimmen von Syriza und ND. Noch erstaunlicher war allerdings, dass damals weder in der politischen Klasse noch in den griechischen Medien eine Debatte darüber geführt wurde, ob das Unternehmen Lamda und die Familie Latsis als vertrauenswürdiger Investor für das „emblematische“ Privatisierungsprojekt gelten können. Dabei gab es gute Gründe, an der Seriosität einer Kapitalgruppe zu zweifeln, die einige problematische Eigenheiten der griechischen Unternehmenskultur repräsentiert.

Lamda und der Latsis-Clan – eine Unternehmenskarriere

Die Lamda Development S.A. gehört zu 55 Prozent dem Unternehmen „Consolidated Lamda Holdings“, das wiederum zum Unternehmensimperium der Familie Latsis gehört. Basis und Zentrum der Latsis-Gruppe ist die in Zürich ansässige Finanzgesellschaft European Financial Group SA, abgekürzt EFG.(32) Der Latsis-Clan ist die reichste griechische Familie, wenn man eine Familie griechisch nennen will, die ihre Hauptwohnsitze in Genf, Monte Carlo und London hat. Das Kapital der sogenannten Latsis-Gruppe ist angelegt im Finanzsektor (Eurobank), im Seehandel, in den Bereichen Energie (Hellenic Petroleum) und Touristik. Und last not least in der Immobilienbranche, wo Lamda Development SA große Bauprojekte entwickelt, verpachtet und verwaltet.(33)

Entstanden ist das Latsis-Imperium - auf klassisch griechische Weise - aus der Schiffahrtsbranche. Yiannis Latsis, der Vater des heutigen Familien- und Firmenoberhaupts Spyros Latsis, wuchs in dem westgriechischen Hafenort Katakolo auf. Als Agent für Schiffsfrachtaufträge entwickelte er ein „Geschäftsmodell“, das für die weitere Entwicklung des Familienunternehmens prägend wurde: In den 1930er-Jahren nahm der junge Yiannis die Rosinenernte der Bauern in Kommission, die er in gemietete Warenhäuser einlagerte. Damit konnte er, schreibt sein Biograf, „den besten Zeitpunkt abwarten, an dem er das Produkt am gewinnbringendsten verkaufen konnte“.(34)

In den 1950er Jahren transportierte „Captain Yiannis“ griechische Migranten nach Australien und in den 1960er-Jahren Mekka-Pilger aus der ganzen muslimischen Welt (von Indonesien bis Marokko) nach Dschidda. Die Gewinne flossen großenteils ins Ölgeschäft, in das er dank seiner engen Kontakte zum saudischen Königshaus einsteigen konnte. 1973 eröffnete er in Elevsina (nördlich von Piräus) die erste große Ölraffinerie Griechenlands. Auch bei diesem Geschäft setzte Latsis – wie schon als Rosinen-Großhändler – auf den Faktor Lagerkapazität, der dem Ölimporteur die nötige „Handelsflexibilität“ verschaffte. Wie wertvoll diese Strategie war, zeigte sich, als er die beiden Ölmarktkrisen der 1970er-Jahre zu seinen Gunsten nutzen konnte.

Ein Finanzierungsmodell bricht auseinander

An dieses Geschäftsmodell erinnert die Strategie, die der heutige Unternehmenspatron Spyros Latsis bei seinem Einstieg in das Elliniko-Projekt verfolgt. Als Generalunternehmer hat er sich ein gigantisches Immobilien- Filetstück zum Niedrigpreis angeeignet, das er nach dem Rhythmus der Markt- und Preisentwicklung schnitzelweise weiterverkaufen will. Das Hauptproblem bei einer solchen Strategie ist die Finanzierung der ursprünglichen Gesamtinvestition, bevor die Einnahmen aus dem Verkauf der einzelnen Objekte fließen - oder womöglich nur tröpfeln. Dieses Problem glaubte Latsis durch Gründung der Finanzierungsallianz „Global Investment Group“ gelöst zu haben. Das hat sich inzwischen als Irrtum erwiesen, dessen Folgen noch nicht absehbar sind.

Mitte September haben die chinesischen und arabischen Partner das Bündnis mit Lamda aufgekündigt. Schon vor deren Ausscheiden stellte der investigative Journalist Tasos Telloglou in seinem Elliniko-Report vom 12. Juli 2019 fest, die von Lamda gebildete Investitionsgruppe habe „ihre Gesprächspartner noch nicht überzeugt“, dass sie über die 1,5 Milliarden Euro verfügt, die sie braucht, um das ganze Projekt zu beginnen.(35) Wenn dann noch ausländische Interessenten dokumentieren, dass sie Elliniko nicht mehr so interessant finden, ist das für den Projektträger ein Problem. Zumal Fosun und Eagle Hills nicht die ersten Aussteiger waren. Ende 2017 hatte der große US-Investor Blackstone seine 2014 erworbenen Anteile an Lamda Development wieder verkauft (sofokleouin.gr vom 21. Dezember 2017). Als jetzt zwei Jahre später die wichtigsten Partner von Bord gingen, war klar, dass Latsis ein echtes Finanzierungsproblem hatte.

Entsprechend nervös reagierte die Börse, zumal Lamda zu dem Vorgang nur eine nichtssagende Erklärung abgab. Am 8. Juli 2019, am Tag nach dem Wahlsieg von Kyriakos Mitsotakis, war die Lamda-Aktie auf das Rekordhoch von 9,2 Euro geklettert. Bis Anfang September war die Begeisterung über die ND-Regierung schon wieder leicht auf 8,5 Euro zurückgegangen. Als die ersten Gerüchte um den Ausstieg von Fosun und Eagle Hills durchsickerten, begann ein Sinkflug der Aktie, die am 26. September beim Kurs von 7,05 schon ein Fünftel ihres Wertes verloren hatte und bis zum 11. November auf 6, 70 Euro abgesackt war.(36)

Das Schweigen der Medien

Die offensichtliche Krise der Elliniko-Finanzierung wurde von den Medien auffallend karg kommentiert. Wäre der Ausstieg zweier global players aus dem Leuchtturm-Projekt vor dem Juli 2019 erfolgt, hätten die mainstream-Medien behauptet: Tsipras vertreibt die Investoren. Drei Monate später taten sie so, als sei nichts geschehen. Der einzige kritische Kommentar in den Wirtschaftsmedien war am 24. September auf der Website sofokleouin.gr zu lesen. Für den Kommentator bestätigte das Auseinanderfallen der Global Investment Group nur, „was diejenigen längst wissen, die sich in der Sache auskennen und nicht auf Desinformationen hereinfallen. Die also wissen, dass für die Verzögerungen beim Elliniko-Projekt nicht die ‘böse‘ Bürokratie verantwortlich ist, sondern die Tatsache, dass im Grunde kein Investor da ist, der genügend tief in seine Tasche langen würde. Deshalb bleibt die Zukunft dieser Investition genauso undurchsichtig und ungewiss, wie sie es schon vorher war.“

Drei Probleme und immer noch kein Bulldozer

Lamda Development hat Ende des Jahres 2019 noch drei große Probleme zu lösen, ehe die Bulldozer anrücken können:

- die Finanzierung der ersten Investitionsphase, nachdem die chinesischen und arabischen Partner ausgestiegen sind;

- die Verzögerung der Lizenzvergabe für das Spielcasino, ohne die das ganze Projekt nicht tragfähig ist;

- den Verkauf von Einzelimmobilien, der für die langfristige Finanzierung entscheidend ist.

Was die Investitionssumme für die ersten fünf Jahre betrifft, so musste die Latsis-Gruppe nach dem Verlust der „Global Investment Group“-Partner ein neues Finanzierungskonstrukt vorlegen, das auf vier Säulen ruht:

- einer Kapitalerhöhung von Lamda Development SA um 650 Millionen Euro;

- einer Kreditlinie in Höhe von mindestens 800 Millionen Euro, gewährt von griechischen Banken;

- eine Unternehmensanleihe in Höhe von 150 Millionen Euro;

- Einnahmen in Höhe von 400 Millionen Einnahmen, die innerhalb der ersten Investitionsetappe aus der Casino-Lizenz und dem Verkauf von fertiggestellten Häusern und Appartements fließen sollen (Kathimerini vom 25. November).

Erst mit diesem letzten Einnahmeposten werden die zwei Milliarden Euro erreicht, die Lamda in der ersten fünfjährigen Projektphase benötigt. Nur wenn alle vier Rechnungen aufgehen, wären diese Investitionen abgesichert. Wenn sie nicht aufgehen, steht das ganze Projekt auf der Kippe.

Die Kapitalerhöhung hat geklappt

Um diese Gefahr abzuwenden, hat Lamda Development im Hinblick auf die notwendig gewordene Kapitalerhöhung ein „patriotisches Narrativ“ entwickelt. Seit dem Abspringen der chinesischen und arabischen Investoren wird das Elliniko nicht mehr als internationales Projekt, sondern als „nationales Anliegen“ proklamiert.(37) Im Werben um Käufer für die neuen Aktien wandte sich Lamda-Chef Athanasiou explizit an das griechische Publikum: „Ich fordere Sie auf, nicht nur an einer schlichten Kapitalerhöhung teilzuhaben, sondern an der Durchführung eines Projekts, auf das wir alle stolz sein werden.“ (Reuters-Meldung vom 10. Oktober)

Am 16. Dezember konnte Athanasiou verkünden, dass die Operation gelungen ist. Alle neuen Anteile wurden abgesetzt, erleichtert durch einen Ausgabepreis, der um 15 Prozent unter dem aktuellen Kurswert der Lamda-Aktie lag (ein durchaus üblicher Preisabschlag bei Kapitalerhöhungen). Allerdings verliert das Ergebnis an Glanz, wenn man sich die Käufer genauer anschaut. Fast 100 Prozent der neuen Anteile wurden von Investoren gekauft, die bereits an Lamda Development beteiligt sind, - allen voran der Mehrheitseigner, also die Familie Latsis selbst.(38) Diese Lamda-Anteilseigner sahen in dem Erwerb verbilligter Aktien einerseits eine gute Chance (und sei es nur auf alsbaldige Gewinnmitnahme). Andererseits standen sie auch unter einem gewissen Kaufdruck, denn das Scheitern der Kapitalerhöhung hätte ihre alten Anteile dramatisch entwertet. Deshalb sind sie mit dem Schicksal des Elliniko-Projekts sozusagen auf Gedeih und Verderb verbunden.

Das gilt auch für Athanasiou selbst, der nach vollzogener Kapitalerhöhung Aktien im Wert von 2,76 Millionen Euro gekauft hat, angeblich auf eigene Rechnung. Die Aktion wurde von „Börsenkreisen“ als „wichtiges Signal an die Investoren“ gewertet (capital.gr vom 21. Dezember). Damit hat der CEO von Lamda zum Ansteigen des Aktienkurses beigetragen, der kurz vor Weihnachten auf 7,9 Euro geklettert ist.

Bankkredite mit Fragezeichen

Eine „grundsätzliche“ Einigung wurde auch über die Kreditlinie für Lamda Development erzielt. Die Eurobank und die Piräus-Bank haben zugesagt, bis zu 879 Millionen zur Verfügung zu stellen. Die Details der Vereinbarung sind offenbar noch zu klären. Im Vorfeld der Verhandlungen sickerte allerdings durch, dass die Besicherung der Kredite ein Knackpunkt sein würde. Das leuchtet ein, denn zum einen geht es hier um eine gewaltige Summe zur Finanzierung einer Immobilie, die noch nicht existiert, geschweige denn verkauft ist. Und zum andern sind die griechischen Banken bei der Kreditvergabe extrem risikoscheu, weil sie bereits auf einem Riesenberg von notleidenden Krediten oder NPLs (non-performing loans) sitzen (siehe meinen Blog-Text „Die dritte Tsipras-Regierung“ vom 21. Februar 2019).

Zugespitzt formuliert: In diesem Fall sind sowohl die Kreditgeber als auch der Kreditnehmer nur begrenzt kreditfähig. Das könnte erklären, warum der ursprüngliche Plan nicht realisiert wurde, alle vier großen griechischen Banken für einen Lamda-Kredit zu gewinnen.(39) Offenbar waren von den vier „systemischen“ Banken nur zwei bereit, das Finanzierungsloch bei Lamda zu stopfen. Und von denen ist eine, die Eurobank, zu 44 Prozent im Besitz der Latsis-Familie, die sich damit quasi selber kreditiert.(40)

Alles in allem bleibt das Unternehmen Lamda Development eine potentiell sehr profitable, aber auch hochriskante Anlage. Der Schweizer Anlageberater Odermatt, der eine „faktenbasierte“ Analyse von Börsenwerten verspricht, gibt der Lamda-Aktie die Bewertung, „überdurchschnittliches Wachstum“, aber „riskant finanziert“.(41)

Unberechenbare Einnahmen: das Casino

Wie attraktiv die ebenfalls geplante Unternehmensanleihe von Lamda Development für die Märkte ist, wird sich bei der Ausgabe des Papiers zeigen. Noch unsicherer ist der letzte Posten auf der Latsis-Rechnung. Das gilt sowohl für die Einnahmen aus der Casino-Lizenz als auch für die Erlöse aus Vermietung und Verkauf der Objekte, die in den ersten fünf Jahren hochgezogen werden sollen.

Der größte Unsicherheitsfaktor ist neuerdings wieder das Casino-Projekt, mit dessen Realisierung die ganze Elliniko-Planung steht und fällt. Die Rahmenbedingungen für den IRC-Komplex hatte der Generalunternehmer äußerst großzügig gestaltet, um die Giganten der globalen Glücksspiel-Branche anzuziehen. Als Standort für das Casino+Entertainment-Zentrum ist der südlichste Abschnitt der Ayios Kosmas-Küste ausgewiesen. Idealer könnte die Lage nicht sein: Das 20 Hektar umfassende Gelände grenzt unmittelbar an die Marina;  der Golfplatz von Glyfada liegt in Spaziergängernähe. Die IRC-Lizenz sieht nicht nur ein riesiges Spielcasino vor, sondern auch einen 5-Sterne-Hotelkomplex von 200 Meter Höhe, ein Ausstellungs- und Konferenzzentrum, eine Sportarena und jede Menge gastronomische Einheiten.(42)

Casino-freundliche Gesetzgebung der Syriza-Regierung

Äußerst attraktiv sind auch die Konditionen für das Spielcasino. Dafür hatte bereits die Syriza-Regierung gesorgt. Mit Blick auf die Elliniko-Lizenz  wurde  am 15. Januar 2018 eine neue Bestimmung ins Glücksspiel-Gesetz hineingeschmuggelt. Sie gestattet dem Casino-Betreiber, seinen Kunden direkte Kredite zu gewähren.(43) Die Untergrenze der Kreditsumme  in Höhe von 50 000 Euro zeigt an, welche Klasse von Spielern geködert werden sollen. Der Gesetzescoup war umso skandalöser, als er gegen die Ethik-Regeln der EU verstößt, die den Casinos – im Gegensatz zu den USA – die Kreditierung ihrer eigenen Kunden untersagen.

Mit der Gesetzesvorlage vom Januar 2018 wurde außerdem eine degressive Besteuerung der Casino-Gewinne eingeführt, was heißt: der Steuersatz sinkt mit steigender Gewinnsumme, was die großen Gambling-Unternehmen begünstigt. Ein weiteres Privileg hatten die Lamda-Leute schon vorher durchgesetzt: Der griechische Staat darf keine weitere Casino-Lizenz in Attika vergeben, der Betreiber des IRC von Ayios Kosmas ist also vor weiterer Konkurrenz geschützt.

Dieser Betreiber steht bis heute noch nicht fest, obwohl die  Bewerbungsfrist für die Lizenz am 4. Oktober abgelaufen ist. Zu diesem (mehrmals verschobenen) Termin haben von den sechs Unternehmen, die anfangs ihr Interesse erklärt hatten, nur noch zwei eine bindende Bewerbung eingereicht. Vorzeitig ausgestiegen sind vier global engagierte Gaming-Konzerne aus den USA, Malaysia und Frankreich. Im Rennen blieben zwei weitere us-amerikanische Branchenriesen: Mohegan Gaming & Entertainment, abgekürzt MGE, und Hardrock International.

Zwei indianische Bewerber aus den USA

Die beiden Bewerber haben eine interessante Gemeinsamkeit, was ihre Eigentümer betrifft. MGE gehört dem Indianervolk der Mohegan, das wir unter dem Namen „Mohikaner“ kennen und das in Connecticut zu Hause ist; Hardrock International gehört dem Volk der sogenannten Florida-Seminolen. Beide Völker haben mit den Geschäften ihrer Gambling-Unternehmen nicht mehr viel zu tun, außer dass sie aus den Gewinnen ein solides Renteneinkommen beziehen und kulturelle und soziale Einrichtungen finanzieren.

Die Seminolen waren das erste Indianervolk, das 1979 auf einem ihrer Reservate in Florida ein Casino eröffnete hat, wobei die Lizenzvergabe dem (etwa 10 000 Köpfe zählenden) Volk als eine Art historische Wiedergutmachung zugestanden wurde.(44) Die Mohegan eröffneten ihr erstes Casino 1996, nachdem sie die Anerkennung als eigenständiges Volk erreicht hatten (das inzwischen nur noch 2200 Köpfe zählt). Inzwischen haben sich beide „Indianercasinos“ zu global tätigen Konzernen entwickelt, die freilich ihren Firmenstammsitz nach wie vor in den steuerbegünstigten Reservaten ihrer Gründer haben.

MGE und Hardrock International gehören zu den weltweit bekanntesten  Betreibern von sogenannten „integrated entertainment resorts“ (IER). Die neusten Projekte von MGE sind ein „Niagara Falls Entertainment Centre“ in Kanada und ein IER namens „Inspire“, das in Südkorea gleich neben dem internationalen Flughafen Incheon  entsteht, und ein Casino mit Themenpark und anderen Vergnügungsstätten kombiniert. Hardrock plant seit Jahren ein IER-Projekt bei Tarragona, dessen Konzept dem Athener Komplex auffällig ähnlich ist, das aber in Katalonien sehr umstritten ist und Ende dieses Jahres auf der Kippe steht.(45)

Als Bewerber um das „Integrated Resort Casino“-Projekt von Ayios Kosmas machen beide Unternehmen phantastische Versprechungen. Hardrock-CEO Jim Allen bezifferte die geplante Investition auf „beträchtlich mehr als eine Milliarde Euro“, während MGE-Chef Mario Kontomerkos prophezeite, dass auf die Anfangs-Investition von einer Milliarde Dollar noch „viele Milliarden“ folgen würden.

INSPIRE Athens – ein Leuchtturm der Gastlichkeit

Kontomerkos präsentierte das MGE- Vorhaben namens „INSPIRE Athens“ als ein Touristenziel, das „Gastlichkeit auf Weltniveau und pausenlose Vergnügungen auf eine Weise miteinander verbindet, die man in Südeuropa noch nie gesehen hat“. Ein solches Projekt werde als Initialzündung eine „Flutwelle“ neuer Investitionen auslösen, 7000 dauerhafte Arbeitsplätze schaffen und die Zahl der Touristen um mindestens zehn Prozent erhöhen: „Dieser Leuchtturm der Gastlichkeit wird Griechenland als must-Reiseziel noch weiter nach vorn bringen.“

Bei der öffentlichen Vorstellung des MGE-Bewerbungsdossiers am 3. Oktober legte der Amerikagrieche Kontomerkos noch einen drauf. Er entwarf das Bild einer dank MGE aufblühenden „Athenischen Riviera“, die „Griechenlands moderne Identität für immer neu definieren“ werde.(46) Zur Illustration dieser „Identität“ präsentierte er den Entwurf eines monströsen Bauwerks, das angeblich von der Akropolis und speziell von den Karyatiden-Skulpturen am Erechtheion inspiriert ist (einen Eindruck vermittelt das Titelbild dieses Textes, aber auch folgendes Youtube-Video, das ich bereits am Ende meines letzten Blogs vom 28. Oktober 2019 verlinkt habe). Für den Entwurf zeichnet das Architekturbüro Steelman Partners verantwortlich, das in Las Vegas zu Hause ist und für Dutzende ähnlicher Komplexe in aller Welt verantwortlich zeichnet.

Die architektonische Qualität der Athener Monster-Karyatide bedarf keines Kommentars. Sie bestätigt den Werbespruch von Steelman Partners, ein weltweit gefragter Spezialist für „Unterhaltungsarchitektur“ (entertainment architecture) zu sein. Ziemlich unterhaltsam war auch die Interpretation, die Paul Steelman bei der Vorstellung seines Werkes in Athen zum Besten gab: Der „ikonische Entwurf“ stehe für „die historische Architektur und reiche Kultur von Athen, entwickelt aber zugleich ein stilistisches Narrativ, das die Zukunft der Region inspiriert.“(47)

Der Anblick des Steelman-Gebildes, das alle Zeitungen auf ihrer Titelseite präsentierten, löste in Athen einen Schock aus und machte die Regierung sprachlos. Es hagelte Proteste von Architektenvereinigungen und Architekturfakultäten. In einem Leserbrief an die EfSyn schrieb ein besorgter Bürger, der Entwurf lasse ihn nicht an die Karyatiden denken, sondern an das Trojanische Pferd. Zehn Millionen Griechen werden gegen dieses „furchterregende“ Gebilde protestieren, antwortete ein Journalisten-Kollege auf meine besorgte Anfrage. Fragt sich nur, ob Proteste noch etwas bewirken können.

 

Unterhaltungsarchitektur aus us-amerikanischer Feder, „inspiriert“ von der Akropolis und von den Karyatiden-Skulpturen am Erechtheion. © Mohegan Gaming & Entertainment

 

Der unterlegene Bewerber will vor Gericht ziehen

Obwohl der Wettbewerb um die Casino-Lizenz offiziell immer noch immer nicht entschieden ist, spricht alles dafür, dass Mohegan Gaming & Entertainment zum Zuge kommen wird. Presseberichten zufolge hat der Konkurrent Hardrock International keine Chance, weil er unvollständige oder sogar fehlerhafte Bewerbungsunterlagen eingereicht hat. Was die architektonische Sensibilität betrifft, so hat Hardrock zwar noch keinen offiziellen Entwurf für Ayios Kosmas veröffentlicht, aber seine jüngsten „integrated entertainment“-Projekte lassen das Schlimmste befürchten: im Zentrum des im November eröffnete Hardrock-Komplexes in Hollywood, Florida steht ein Hotel-Wolkenkratzer in Form einer Gitarre (wer es nicht glaubt, suche unter: https://www.seminolehardrockhollywood.com).

Wahrscheinlich wird die Hellenic Gaming Commission (HGC), die über die Bewerbungen zu befinden hat, ihre Entscheidung Anfang Januar bekannt geben. Wenn dann MGE wie erwartet als einziger verbliebener Bewerber den Zuschlag erhält, drohen aber weitere Verzögerungen. Der Konkurrent Hardrock International hat bereits erklärt, man werde vor Gericht ziehen, wenn man sich „betrogen“ fühle (auch MGE hat mit Klage gedroht, falls man nicht den Zuschlag bekommen sollte). Der Konzern aus Florida hat offenbar den Verdacht, dass die Sache auf der griechischen Seite intern längst entschieden war, weil MGE als Projektpartner den größten griechischen GEK Terna an Bord geholt hat, der sich auch finanziell zu 35 Prozent an dem Casino-Entertainment-Komplex beteiligen will.

Konkreter wurde Hardrock-Chef Jim Allen am 11. Dezember gegenüber dem griechischen TV-Sender Antenna: Er habe Informationen, dass einige rechtliche Berater des Entscheidungsgremiums HGC zugleich für den konkurrierenden Bewerber MGE tätig seien. Deshalb werde man einen Ausschluss durch die HGC nicht widerstandslos hinnehmen, kündigte Allen an: „Selbstredend werden wir alle rechtlichen Möglichkeiten ausschöpfen, nicht nur in Griechenland, sondern auch auf EU-Ebene“ (zitiert nach EfSyn vom 12. Dezember 2019).

Immer noch: Warten auf die Bulldozer

Der angekündigte Rechtsstreit würde nicht nur die Zuteilung der Casino-Lizenz verzögern, sondern auch das Anrücken der Bulldozer. Mit denen wird in Athen jetzt frühestens gegen Mitte des Jahres gerechnet. So lang wird es ohnehin dauern, bis alle finanziellen und rechtlichen Voraussetzungen erfüllt sind, um die Rechte an dem ganzen Gelände auf Lamda Development zu übertragen (EfSyn vom 19. Dezember 2019).

Mittlerweile geht es allerdings um viel mehr als die ständigen Verzögerungen. Die große Frage lautet, ob sich das gesamte Projekt für Lamda überhaupt rechnet. Das aber hängt davon ab, wie profitabel sich die geplanten Objekte verpachten oder verkaufen lassen. Hier scheint für die Latsis-Gruppe das größte Dilemma zu liegen. Nach einem Bericht in der Kathimerini vom 16. Dezember haben die Lamda-Experten ein Problem entdeckt, das nur in Verhandlungen mit der Regierung und dem Privatisierungsfonds HRADF gelöst werden kann. Dabei geht es um die beiden Typen von Besitzrechten, die mit dem Elliniko-Gelände erworben werden: 30 Prozent der Grundstücke werden volles Eigentum des Konsortiums sein, bei den restlichen 70 Prozent hat Lamda nur verminderte Rechte, nämlich auf Nutzung der Grundstücke für 99 Jahre; danach werden die Objekte wieder zum Eigentum des Staates.

Bislang steht nur die Proportion von 30 zu 70 fest, nicht aber, welche einzelnen Grundstücke zu welchem Typ gehören sollen. Das ist insbesondere für das strandnahe Territorium von Ayios Kosmas ein Problem, wo sich die Bauprojekte der ersten fünf Jahre konzentrieren. Auch für dieses Teilstück gilt das Verhältnis 30 zu 70, das die Latsis-Leute als ungünstig empfinden.  Sie wollen erreichen, dass die potentiell profitabelsten Projekte (wie das Shopping Centre, das Luxushotel, das direkt am Ufer gebaute 200 Meter hohe Wohnhochhaus  und die Strandvillen) mit vollen Besitzrechten ausgestattet sind. Nur mit solchen Objekten sind die angestrebten Verkaufs- und Verpachtungspreise zu erzielen. Denn nur sie sind für die Immobilienspekulanten interessant: man kann sie ohne weiteres weiter verkaufen, was bei einem Erbpacht-Objekt nicht der Fall ist.

Tauziehen um die Eigentumsrechte

In der Frage der Aufteilung in Grundstücke mit vollen Eigentumsrechten und solchen minderen Rechts haben der Verkäufer, also der Staat, und der Käufer unterschiedliche Interessen. Nach dem Kathimerini-Bericht (48) laufen zwischen Regierung, HRADF und der Latsis-Gruppe schon seit längerem zähe Verhandlungen über dieses Thema. Dies ist mit Sicherheit einer der Gründe, warum Lamda Development die Abwahl der Syriza-Regierung abwarten wollte, weil sie sich von der Mitstotakis-Regierung größeres Entgegenkommen erhofft.

Wer in dieser Frage am längeren Hebel sitzt, wird sich erst am Resultat zeigen. Ohne die genaue Aufteilung geregelt zu haben, kann die Übertragung des Geländes von der HRADF auf das Lamda-Konsortium nicht erfolgen. Das würde den Baubeginn noch weiter verzögern. Da die Regierung ihren Leuchtturm endlich leuchten sehen will, könnte sie bereit sein, dem hart pokernden Investor weit entgegenzukommen

Drei Prognosen und ein schwarzes Szenario

Jede Prognose über die Zukunft des Gesamtprojekts Elliniko ist bei diesem Stand der Dinge unsicher bis gewagt. Nach Gesprächen mit griechischen Kollegen und Immobilienmarkt- Experten kann ich nur drei Varianten einer möglichen Entwicklung vorstellen.

Die von der Regierung gehandelte „optimistische“  Variante geht von einer Verzögerung aus, die nur wenige Wochen dauern soll. Insbesondere der Elliniko-Minister Georgiades glaubt nach wie vor, dass Anfang 2020 die Bulldozer anrücken. Die mittlere Variante rechnet mit einer erheblichen Verzögerung aufgrund des Pokerns um die geschilderte Eigentums-Problematik. Nach dieser Prognose ist Lamda Investment unbedingt darauf angewiesen, bessere Verwertungsbedingungen für ihre Objekte durchzusetzen, womöglich sogar eine Veränderung der 30 zu 70-Relation zu ihren Gunsten.

Die dritte „pessimistische“ Prognose geht davon aus, dass das ganze Projekt scheitern wird, weil die Latasis-Gruppe und/oder die sie stützenden Banken zu der Einschätzung kommen, dass das Projekt wegen der vielen Unabwägbarkeiten zu riskant ist.  Eine solche Entwicklung würde allerdings den Absturz der Aktien von Lamda Development auslösen, der das ganze Familienunternehmen gefährden könnte.

Alle drei Szenarien haben allerdings einen gemeinsamen Ausgangspunkt. Alle gehen davon aus, dass das langfristige Investitionsprogramm von Lamda – insgesamt 8 Milliarden Euro innerhalb der nächsten 25 Jahre – nur auf dem Papier steht. Wenn das Unternehmen die Investitionen der ersten fünf Jahre nicht einspielen kann, weil sie für die Schnitzel aus dem Filetstück Elliniko keine Abnehmer findet, kann man das Papier vergessen. Alle „Zusagen“ von Lamda, die sich auf eine zweite oder dritte Investitionsperiode beziehen, sind völlig unverbindlich.

So sieht es auch Nikos Belavilas, Professor für Stadtplanung und Stadtgeschichte am Athener Politechnikum, der sich in die Auseinandersetzungen um das Elliniko-Gelände von Anfang an eingemischt hat. Er geht davon aus, dass Lamda Development nur ein oder zwei Prestige-Objekte hochziehen wird, wie etwa den 200 Meter hohen Wolkenkratzer direkt an der Küste. Mit einem solchen Werbe-Leuchtturm werde man dann versuchen, einzelne Sektionen der Immobilie Elliniko an andere Bauunternehmen zu verkaufen. Belavilas sieht Lapsis also nicht in der Rolle des Generalbaumeisters, sondern des Immobilienmaklers.(49)

Sollte dieses Konzept nicht aufgehen, bleibt dem Unternehmen noch eine andere Option. Wenn man die langatmigen Lamda-Mitteilungen liest, findet man seitenweise Ausführung über „äußere Risiken“, die alle Planungen gefährden können. Und für die das Unternehmen nicht verantwortlich gemacht werden kann.

Als börsennotiertes Unternehmen ist Lamda zu solchen „Risikowarnungen“ verpflichtet, aber diese könnten womöglich einem präzisen Zweck dienen. Sie enthalten auch mehrere Verweise auf „Versäumnisse“ und angebliche Zusagen der staatlichen Seite. Ein befreundeter Bauingenieur, der sich mit den Usancen in der griechischen Immobilien-Branche gut auskennt, geht davon aus, dass das Latsis-Unternehmen im Fall eines Scheiterns seiner Elliniko-Investition versuchen wird, sich durch Klagen gegen die öffentliche Hand zu sanieren.

Das wäre die vierte und schwärzeste Variante – nicht nur, aber vor allem für die Mitsotakis-Regierung. Gerade deshalb ist es wahrscheinlicher,  dass Spyros Latsis und seine Strategen zunächst versuchen, die Konditionen ihrer prekären Investition zu verbessern. Die Latsis-Familie hat eine lange Tradition, sich mit Hilfe der jeweiligen Regierung bedeutende Wettbewerbsvorteile gegenüber anderen oligarchischen Gruppen zu verschaffen. Und zwar unter allen Regimen.

Die Latsis-Familie und der Staat

Der Unternehmensgründer Yiannis Latsis konnte seine Raffinerie in Elevsina nur aufbauen, weil er die Gunst der die gesamte Wirtschaft kontrollierenden Junta-Regierung hatte. Unter der Pasok-Regierung Simitis durfte sich Latsis 2003 per Unternehmensfusion einen Großteil des teilprivatisierten Staatsunternehmens Elpa (Ellinika Petrailia) mit seinem lukrativen Tankstellennetz aneignen. Das bedeutete damals die staatlich subventionierte Rettung des Latsis-Unternehmens Petrola, das kurz vor dem Bankrott stand (EfSyn vom 21. September 2019).

Auch seine erste Mall verdankt Lamda Development den guten Beziehungen von Spyros Latsis zur ND-Regierung Karamanlis, die Lamda Development 2005 den Erwerb des Olympischen Pressezentrums im reichen Athener Norden ermöglichte. Der Fall ist einer der großen Skandale der Karamanlis-Ära, weil Latsis das olympische Objekt zu äußerst komfortablen Konditionen erwerben konnte und bei der Umwandlung in „The Mall Athens“ gegen fundamentale Raumordnungs- und Umweltschutzgesetze verstoßen wurde.(50)

Elisa Simantke kam in ihrem glänzenden „Europoly“-Report vom November 2014 zu dem Schluss, dass es Latsis und Lamda Development gelungen sei, im griechischen Immobilien-Monopoly so etwas wie die „Schlossallee“ zum Schleuderpreis zu kaufen. Fünf Jahre später ist das von Latsis erhoffte Riesengeschäft weitaus ungewisser geworden. Das Gelände „in kleine Stücke aufzuteilen und weiterzuverkaufen“ ist ein schönes Geschäftsmodell. Aber der Leuchtturm, der die Käufer anlocken soll, muss erst einmal finanziert werden. Das wird ohne weitere staatliche Beihilfe nicht möglich sein. Deshalb ist die entscheidende Frage, wieviel politisches Kapital die Regierung Mitstotakis noch in dieses spekulative Projekt investieren wird.

  

Anmerkungen

1) Siehe dazu meinen letzten Text in diesem Blog: „Moderne Zeiten“ vom 29. Oktober 2019.

2) Einen optischer Eindruck vermittelt ein Klick am Ende von „Moderne Zeiten“ (Anm. 1).

3) Dass der Minister dem EU-Kommissar dabei persönlichen „Profilierung“ als Motiv unterstellte, ist eine besonders ironische Pointe. Diese und viele andere Details habe ich aus einer sehr materialreichen Dissertation erfahren, die 2014 bei der University of Wisconsin eingereicht wurde: George Papakis, „The Elliniko Airport: Contested Politics and the Production of Urban Space in Athens, 1938-2014“ (zu finden über: https://dc.uwm.edu/etd)

4) Siehe die Darstellung der gesamten Privatisierungs-Problematik im ersten Text auf diesem Blog vom 9. März 2016.

5) Die Technikerkammer ist eine öffentliche Institution, die als offizielles Beratergremium des griechischen Staates fungiert. Über das Gutachten siehe auch: Greek Reporter vom 31.10. 2014.

6) Siehe Greek Reporter vom 31. Oktober 2014. Siehe auch die vorzügliche Analyse von Elisa Simantke: „Europoly“ in: Der Tagesspiegel vom 14. November 2014: http://europoly.tagesspiegel.de/)-

7) So Odysseas Athanasiou, CEO von Lamda Development, in einer (von der Syriza-Regierung bezahlten) PR-Beilage der Zeitschrift Foreign Policy vom Sommer 2017 (https://foreignpolicy.com/wp-content/uploads/2017/07/greece-the-odyssey-to-reinvention.pdf).

8) Siehe EfSyn vom 15. Juli 2019.

9) Siehe die beiden Blog-Texte über die griechische Wahlkampflandschaft vom 4. Juni und vom 16. Juli 2019.

10) Die griechische Zentralbank prognostiziert für 2020 ein Wachstum von 2,4 Prozent (Kathimerini vom 20. Dezember); das Wirtschaftsforschungsinstitut IOBE des griechischen Industriellenverbandes geht von 2,3 bis 2,5 Prozent aus, was aber nur durch einen „erheblichen Anstieg der Investitionen“ und durch höhere Exporte zu erzielen sei (Kathimerini vom 24. Oktober 2019).

11) Siehe auch die Analyse von Kostas Stoupas in capital.gr vom 25. November, der die griechische Volkswirtschaft auf absehbare Zeit im „Leerlauf“ sieht.

12) In einer Analyse der Alpha Bank wird diesen steuerpolitischen Maßnahmen zugunsten der Bauindustrie eine „herausragende Bedeutung“ zugeschrieben (Kathimerini vom 19. August 2019).

13) Der sogenannte „non-dom“-Status nach dem Vorbild von Portugal und Zypern ist aber nur für sehr reiche Kandidaten attraktiv, da es eine „flat tax“ von 100 000 Euro für das gesamte außerhalb Griechenlands erzielte Zins- und Anlageerträge vorsieht, siehe dazu: Greek Reporter vom 8. November 2019.

14) Siehe Kostas Stoupas in capital.gr vom 25. November, der die Aussicht auf nachhaltige Investitionen sehr skeptisch einschätzt.

15) So in: Kathimerini vom 10. November; selbst der Mitsotakis wohlgesonnene frühere Vize-Regierungschef-Evangelos Venizelos (Pasok) erinnert die Regierung daran, dass die riesige Investitionslücke der Krisenjahre nicht durch ein paar „emblematische Investitionen wie das Elliniko“ zu stopfen sei (Newsbeast 15. November 2019).

16) So die Regeln der internationalen Financial Action Task Force (FATF) und der „Staatengruppe gegen Korruption“ (Greco) des Europarats, der auch Griechenland angehört.

17) Wer Archäologen bei Ausgrabungen beobachtet, wird feststellen, dass die nicht mit dem Schlagbohrer, sondern mit Schaufeln, Besen und feinmaschigen Sieben arbeiten.

18) Die Polemik gegen den KAS widerlegt überzeugend ein Archäologe auf der Website Commonality vom Oktober 2017: Dedes Lionis, „Ti mas emathe to Elliniko“ (Was uns das Beispiel Elliniko lehrt) (https://commonality.gr/ti-mas-emathe-elliniko).

19) Siehe Kathimerini vom 29. September 2017. Einige Mitglieder des KAS fanden damals den Druck der Regierung ungebührlich, insbesondere die Erklärung, sie werde keine „vorsätzliche Obstruktion“ seitens des KAS akzeptieren, damit niemand ihre „Entschlossenheit zur erfolgreichen Vollendung der Investition in Zweifel ziehen“ könne. Siehe dazu: Orestis Athanasiou, „Poios embodizei tin Athina na jinei Dubai?“ (Wer verhindert, dass Athen zu einem Dubai wird?) (https://commonality.gr/pios-ebodizi-athina-gini-ntoubai).

20) In diesem Jahr bewarb sich Athen um die Austragung der Olympischen Sommerspiele von 1996; allerdings scheiterte diese Bewerbung, weshalb Athen erst 2004 zum Zuge kam.

21) So Papakis in seiner Dissertation (Anm. 3) auf die sich meine Darstellung im folgenden weitgehend stützt (hier Seite 192).

22) So der Ökonom Yiannis Spraos, den Simitis zum Chef eines Beraterkomitees gemacht hatte, siehe Papakis (Anm.3), S.197.

23) Neben den Sportstätten für Fechten, Hockey, Basketball, Handball und Softball entstand als teuerstes Bauwerk die absurde Betonrinne, in der 2004 die Wildwasserdisziplinen (Kanu und Kajak) ausgetragen wurden.

24) In ganz Griechenland hinterließen die mehr als tausend Waldbrände rund 2700 Quadratkilometer verbrannter Erde.

25) So Mistotakis selbst 2011 gegenüber Papakis (siehe dort, S. 239 f.).

26) Nach Papakis (S. 268) wollten die Kataris die Befreiung nicht nur von Gewinn- und Besitzsteuern, sondern auch von jeglicher Mehrwertsteuer durchsetzen, womit das Gebiet zu einem Einkaufsparadies auch für die reichen Athener geworden wäre.

27) Kathimerini vom 20. Januar 2013; ein früherer Bericht über das Projekt eines katarischen Monaco in Kathimerini vom 9. Oktober 2011.

28) Das Angebot an Katar hat erheblich zum Verfall der Popularität von Papandreou und seiner Pasok beigetragen, die Anfang 2012 in den Umfragen auf das Rekordtief von 12 Prozent absank.

29) Eine Liste der frühen „Interessenten“ in Kathimerini vom 12. April 2012, und auf der Website capital.gr vom 1. Dezember 2017.

30) Siehe die detaillierte Analyse von Chara Tsanavara in EfSyn vom 14. September 2016.

31) Dabei stehen dem HRADF lediglich 30 Prozent des Gewinnanteils jenseits der 15 Prozent zu; all diese Details sind dem aktuellen Informationsblatt von Lamda Development S.A. entnommen, hier auf S. 150 f.

32) Die Luxemburger EFG-Filiale ist auf die Konstruktion von steuervermeidenden Geschäftswegen spezialisiert, wie die Recherchen des investigativen Press Project ergaben (siehe Mitteilung vom 6. November 2014).

33) Die drei profitabelsten Objekte von Lamda Development sind die drei größten griechischen Einkaufsmalls: die Mall Athens und die Golden Hall in Athen, sowie die Mall Mediterranean Cosmos in Thessaloniki, die zusammen laut Bilanz etwa 90 Prozent der Erträge ausmachen.

34) Zitiert nach: https://greekshippinghalloffame.org/myblog/?inductee=jlatsis-el&lang=el. Die folgenden Details zur Familiensaga folgen dieser Darstellung.

35) Telloglou in: https://insidestory.gr/files/ekelliniko4749427jpg, Siehe auch EfSyn vom 15. Juli 2019.

36) Der Kursverlust zwischen dem Wahltermin und dem 11. November addierte sich damit auf 28 Prozent (alle Kursdaten nach Bloomberg).

37) Lamda behauptete in einer Erklärung vom 18. September, das Ausscheiden der internationalen Partner sei eine Konsequenz des „nationalen Charakters des Bauprojekts“ – und nicht etwa umgekehrt (zitiert nach: capital.gr vom 18. September).

38) Kathimerini vom 16. Dezember 2019; die Familie Latsis hält 51 Prozent der Anteile über die Firma „Consolidated Lamda Holdings“, die übrigen Teilhaber halten nur niedrige Prozentanteile, mit Ausnahme des Unternehmens Voxcove, das 10 Prozent der Lamda-Aktien besitzt und zwei reichen griechischen Familien gehört.

39) Noch Ende November hatten Bankenkreise mit einem solchen Gemeinschaftskredit gerechnet, siehe Kathimerini vom 25. November 2019.

40) Die Anteile an der Eurobank wurden 2012 aus kartellrechtlichen Gründen aus dem EFG- Bankimperium herausgelöst und auf neun einzelne Mitglieder des Latsis-Clans übertragen.

41) Die Kennzahl für das Kriterium „Sicherheit“ ist in den letzten Jahren kontinuierlich abgesunken ist und hat 2019 (Stand Ende November) einen Tiefstand erreicht hat. (1 auf einer Skala von 100).

42) Die Lage und Ausdehnung des IRC-Geländes zeigt eine Karte des gesamten Elliniko-Komplexes in der Kathimerini vom 16. Dezember 2019 (https://www.kathimerini.gr/1056298/article/oikonomia/ellhnikh-oikonomia/h-telikh-moirasia-ths-ektashs-toy-ellhnikoy).

43) Siehe EfSyn vom 18. Januar 2018: Die neue Bestimmung war in der ursprünglichen Gesetzesvorlage nicht enthalten und wurde erst im letzten Moment hineingeschrieben; zu dieser Art von gesetzlichen Coup, der im parlamentarischen Betrieb Griechenlands üblich ist, siehe mein letzter Blog-Text vom 29. Oktober 2019.

44) 2006 kauften die Seminolen das britische Unternehmen Hardrock, das sich seitdem zu einem globalen Gaming-Konzern entwickelt hat. Das Geschäftsmodell eines der „Indianercasinos“ von Florida thematisiert John Grisham in seinem Roman „The Whistler“ (deutsch: Bestechung, 2017).

45) Siehe casino.org vom 10. Dezember und Indicador d’Economia vom 11. Dezember 2019 (die Übersetzung verdanke ich Thomas Schmid).

46) Alle Zitate aus einem Bericht auf der website TornosNews (englisch) vom 10. Oktober 2019.

47) Zitiert nach der Website von MEG („corporate news“ vom 8. Oktober 2019).

48) Ein kürzerer Bericht über dieses Thema findet sich auch in der englischen Kathimerini-Ausgabe vom 15. Dezember.

49) Nikos Belavilas, Epochi vom 3. Januar 2018 (digitale Fassung zu finden über: https://commonality.gr)

50) Der ganze Betrieb der Mall Athens wurde vom Obersten Gericht Griechenlands für illegal erklärt; die Auflagen, die mit dieser Entscheidung verbunden waren, hat Lamda Development erst in diesem Oktober erfüllt; siehe dazu: Kathimerini vom 10. Oktober; sowie: Papakis (Anm.3), S. 270 und Simantke (Anm. 6).

 


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