Griechenland, der Irankrieg und das Israel-Dilemma
von Niels Kadritzke | 11. Juni 2026
Der letzte Text auf diesem Blog liegt länger als ein Jahr zurück. Diese große Lücke bedarf einer Erklärung, die zugleich die Begründung dafür ist, dass der folgende Text der vorletzte in diesem Blog-Format sein wird. Zum Abschluss meiner zehn Jahre lang durchgehaltenen „Chronistenpflicht“ in Sachen Griechenland werde ich noch einmal die innenpolitische Szenerie vor den nächsten Parlamentswahlen ausleuchten, die aller Wahrscheinlichkeit im Oktober dieses Jahres stattfinden werden, also ein halbes Jahr vor dem regulären Wahltermin im Frühjahr 2027. Dabei werde ich versuchen, noch einmal auf alle wichtigen Aspekte und Facetten der griechischen Realität einzugehen, die ich seit März 2016 auf dieser Website dargestellt habe.
Die vorletzte Folge der Serie „Nachdenken über Griechenland“ hat einen sehr aktuellen Anlass. Der Irankrieg, der nach drei Monaten noch immer nicht zu Ende ist, hat für Griechenland eine besondere Bedeutung. Die Athener Regierung hat nicht nur seit der Ära Mitsotakis zu den beiden Angreiferstaaten Israel und USA ein besonders enges Verhältnis entwickelt, das sich auch auf die militärische Kooperation erstreckt. Was das für Griechenland angesichts des Krisenherds Nahost aktuelle und in Zukunft bedeutet, ist in zwei Texten abgehandelt, die in der Juni-Ausgabe von Le Monde diplomatique nachzulesen sind: "Hellas und Israel" sowie "Die US-Basis auf Kreta". In diesem Blog-Text wird den Interessierten eine detailliertere Analyse geboten, die weitere wichtige Informationen wie auch ausführliche Quellennachweise enthält.
Eine Insel wird aufgerüstet
Karpathos am 3. März 2026. An der Hafenbucht des Hauptorts Pighadi drängen sich die Menschen, um die Ankunft einer Batterie von Patriot-Raketen zu bestaunen. Ein Konvoi der griechischen Armee transportiert die Komponenten des bulligen Flugabwehrsystems in den Süden der Insel, wo der – auch militärisch genutzte – Flughafen der Insel liegt.

Benjamin Netanjahu und Kyriakos Mitsotakis in Jerusalem, 22. Dezember 2025
© Abir Sultan/picture alliance/ap
Die Aufrüstung einer Insel, die seit Jahren vorwiegend vom Tourismus lebt, ist Teil einer militärischen Kettenreaktion. Auslöser war der Angriff der USA und Israels auf Iran vom 28. Februar. Weder griechische noch andere Nato-Streitkräfte waren an den Luftschlägen direkt beteiligt. Allerdings ist Griechenland stärker als die anderen europäischen Bündnispartner von dem militärischen Geschehen im Nahen Osten betroffen.
Aber ist da noch mehr? Warum wurden vom ersten Kriegstag an Teile der griechischen Streitkräfte in erhöhte Alarmbereitschaft versetzt? Deutet das nicht auf eine – zumindest indirekte – Beteiligung Griechenlands am Irankrieg hin? Die Frage stellt sich nicht nur angesichts der geografischen Lage des Landes, sondern vor allem im Hinblick auf die engen Beziehungen Athens zu den beiden Angreifermächten USA und Israel.
Die erste Mobilisierung griechischen Militärs war die Reaktion auf einen Drohnenangriff, der aus Zypern gemeldet wurde. In der Nacht zum 1. März traf eine Drohne iranischer Produktion – vermutlich von der libanesischen Hisbollah im Süden Libanons abgefeuert – einen Hangar auf der britischen Luftwaffenbasis Akrotiri (westlich der Hafenstadt Limassol), in dem sich nach Medienberichten auch ein US-Spionageflugzeug befand. Daraufhin entsandte Griechenland zwei Fregatten nach Limassol und stationierte zwei F-16-Kampfjets auf der zyprischen Luftwaffenbasis bei Paphos. Die Aktion sollte Solidarität mit der Republik Zypern demonstrieren, deren Bevölkerung durch weitere Drohnenangriffe auf die Basis der Royal Air Force gefährdet gewesen wäre. Tatsächlich schoss eine griechische F-16 am 4. März zwei weitere Drohnen, die Richtung Zypern unterwegs waren, im libanesischem Luftraum ab.
Die britischen Militärbasen auf Zypern und der Irankrieg
Die Verlegung griechischen Militärs nach Zypern war kein Beitrag zum Schutz der britischen Militärbasis Akrotiri. Welche Rolle genau dieses „souveräne Territorium“ des Vereinigten Königreichs auf dem Boden der ehemaligen Kronkolonie Zypern im Irankrieg spielte, war von Anfang an undurchsichtig. Nachdem die Regierung Starmer die Nutzung sämtlicher britischer Basen für die Operationen der US-Air Force zunächst verweigert hatte, schwenkte sie am 2. März um und gab die Nutzung britischer Basen für „spezifische und begrenzte defensive Zwecke“ frei. Das schloss auch Schläge gegen iranische Militäranlagen ein, von denen Angriffe gegen die arabischen Golfstaaten ausgingen (The Guardian vom 2. März 2026).
Gegenüber der Republik Zypern versicherte Starmer allerdings, es werde „keinerlei offensive Operationen“ von der Basis Akrotiri aus geben. Dabei ließ Starmer unerwähnt, dass die beiden britischen Basen auf Zypern (außer Akrotiri die Basis Dhekelia östlich von Larnaka) für das US-Militär äußerst wichtige Funktionen erfüllen. In Akrotiri ist dauerhaft ein US-Spionageflugzeug vom Typ U-2 stationiert; die Nachrichtenagentur Reuters veröffentlicht ein Foto vom 3. März, das eine U-2 beim Abheben von der Piste der Royal Air Force zeigt.(1) Auf dem Territorium von Dhekelia sind modernste Radar- und Lauschanlagen installiert, die mit dem gemeinsamen „angelsächsischen“ Satellitenüberwachungssystem Echelon verknüpft sind.(2) Sowohl die U-2-Flüge als auch die kommunikationstechnischen Anlagen dienten dem US-Militär bei der Vorbereitung und Durchführung von „offensiven Operationen“ im Irankrieg.(3)
Griechische Patriots zum Schutz von US-Stützpunkten
Die Entsendung von griechischen Flugzeugen und Schiffen nach Zypern war vor allem eine symbolpolitische Aktion: Athen wollte die panhellenische Solidarität mit der griechischen Inselbevölkerung demonstrieren. Dagegen dient die Stationierung des Patriot-Systems auf Karpathos einem konkreten militärischen Zweck: dem Schutz von US-Militäranlagen auf griechischem Boden, die ein potentielles Ziel für iranische Angriffe darstellen. Das sind vor allem die Stützpunkte der US Navy und der US Air Force an der Souda Bay im Westen Kretas (nahe der Stadt Chania), für die das Pentagon schon vor dem 28. Februar die zweithöchste Alarmstufe angeordnet hatte.
Die Dodekanes-Insel Karpathos liegt 300 Kilometer östlich von Chania. Sie stellt für die US-Basen auf Kreta eine vorgeschobene Abwehrstellung dar, von der aus anfliegende Drohnen oder Raketen früher erkannt und abgefangen werden können. Ein auf Karpathos stationiertes Patriot-System kann „die US-Streitkräfte in der Region effektiver schützen“ und beseitigt einen „blinden Fleck in der Luftverteidigung“ der Militäranlagen auf Kreta (Zitate aus Kathimerini vom 4. und 8. März 2026).
An der Souda Bay und auf der angrenzenden Halbinsel Akrotiri (was Kap oder Halbinseln bedeutet, daher die Namensdoppelung), liegen nicht nur US-amerikanische Militäranlagen. Die Bucht beherbergt auch eine Basis der griechische Kriegsflotte; auf dem angrenzenden Militärflughafen ist ein Geschwader der griechischen Luftwaffe stationiert. Das war einer der Gründe, warum das Athener Verteidigungsministerium sofort den erhöhten Alarmstatus für die eigenen Streitkräfte ausrief. Hauptzweck der Mobilisierung war jedoch der Schutz der US-Militäranlagen in Souda Bay. Die wichtigste dieser Anlagen ist die US Navy Base von Marathi, deren Kai K-124 als „operatives Epizentrum“ der US Navy für die ganze Region dient.(4)
Dass die Anlagen um die Souda Bay in jeder nahöstlichen Krise besonders gefährdet sind, weiß man in Kreta und in Athen seit Langem. Die Basen haben für „jede Machtprojektion der USA im östlichen Mittelmeer und der Nahostregion eine strategische Rolle“, heißt es in einem Factsheet der US-Navy, denn sie bieten „Zugang zu einem Allwetterflugplatz, einem Tiefseehafen und Anlagen zum Betanken und zur Versorgung (der Kriegsschiffe)“.(5) Im US-Militärjargon gilt die Marinebasis Souda Bay als „Best in the Med“, ist sie doch die einzige im Mittelmeer, wo die atomgetriebenen Super-Flugzeugträger wie die USS Gerald Ford andocken können, um gewartet und proviantiert zu werden. Hier nehmen die US-Kriegsschiffe „wichtige Waffensysteme und Munition“ an Bord, die über die angrenzende Luftwaffenbasis herangeschafft werden. (Kathimerini vom 8. März 2026) In den Wochen vor dem 28. Februar hatten die US-Aktivitäten rund um Souda Bay deutlich zugenommen. Der Flugzeugträger Gerald Ford lag im Februar auf seinem Weg in Richtung Osten mehrere Tage lang in Marathi; weitere Schiffe der US-Navy wurden nach Kreta beordert, um mit Munition versorgt zu werden.
Die US-Basis Ramstein: Souda Bay in Rheinland-Pfalz?
Für den Irankrieg hat Souda Bay eine ähnlich zentrale Bedeutung wie die US-Basis Ramstein in Rheinland-Pfalz. Ob Deutschland die Nutzung von Ramstein für einen völkerrechtswidrigen Angriffskrieg der USA untersagen oder gar unterbinden könnte, ist eine strittige Frage, die das Bundesverfassungsgericht (BVerfG) in seinem Urteil vom 15. Juli 2025 weniger entschieden als vielmehr umgangen hat.(6) In diesem Urteil ging es um die gezielte Tötung von Zivilpersonen im Jemen (im August 2012) durch US-Kampfdrohnen, wobei die Datenkommunikation zwischen der Steuerungszentrale in den USA und dem Einsatzort in Jemen über die US-Basis Ramstein verlief.
Das höchste deutsche Gericht ging in seinem Urteil davon aus, dass die Bundesrepublik die Einhaltung von völkerrechtlichen Prinzipien lediglich anmahnen, nicht aber die US-Streitkräfte „der deutschen Hoheitsgewalt unterwerfen“ könne (Zff. 21). Diese Position ist höchst widersprüchlich: Einerseits verweist das BVerfG explizit auf die „Völkerrechtsfreundlichkeit“ des Grundgesetzes (Artikel 25), andererseits verneint es ein Einspruchsrecht der Bundesregierung gegen die Nutzung von Ramstein – als Relaisstation für tödliche Drohneneinsätze – mit dem Argument, man könne den USA angesichts ihrer langen rechtsstaatlichen Tradition – und ihrer Versicherungen gegenüber der deutschen Regierung – keine „systematische“ Verletzung des Völkerrechts unterstellen. Deshalb könne sich der „Schutzauftrag“ aus Art. 25 des GG in diesem Fall nicht zu einer „Schutzpflicht“ verdichten (Zff. 120). Allerdings bezieht sich dieses Urteil auf US-Praktiken unter der Obama-Administration; heute wäre diese Argumentation angesichts der klaren und offen bekannten völkerrechtswidrigen Aktionen der Trump-II-Administration nicht mehr haltbar.
Athen war über den Beginn des Irankriegs informiert
Die Frage, ob US-Militärbasen auf fremdem Territorium einer „völkerrechtlichen Zensur“ durch die host nation unterliegen, stellt sich auch für die Anlagen in Souda Bay. Auf der juristischen Ebene hängt die Antwort von der Ausgestaltung der bilateralen Nutzungsabkommen ab; auf der politischen Ebene von der Macht – und dem Selbstbewusstsein – des „Gastgeberlands“.(7) Im Fall des aktuellen Irankriegs haben weder die Berliner noch die Athener Regierung eine völkerrechtliche Bewertung der US-Militäraktionen vorgenommen – sieht man von der bemerkenswerten Rede von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier ab, der mit der Qualifizierung des Irankriegs als „völkerrechswidrig“ (vor dem versammelten Personal des Auswärtigen Amts) allerdings nicht für die Regierung gesprochen, sondern eher deren Schweigen gerügt hat.
Zwischen den US-Basen in Rheinland-Pfalz und in Kreta gibt es jedoch – jenseits der verschiedenartigen Funktionen – zwei wichtige Unterschiede. Erstens liegt Kreta innerhalb der Reichweite möglicher iranischer Gegenangriffe und gehört deshalb aus Sicht Teherans zu den „legitimen Zielen“, denen die Revolutionsgarden mit Vergeltungsschlägen gedroht haben. Zweitens aber geht der militärische Beitrag Griechenlands zum Schutz der US-Basis ein erhebliches Stück weiter.
In diesen Unterschieden liegt auch der Grund dafür, dass Athen über den Irankrieg vorab informiert war. Dafür gibt es starke Indizien: Mitte Februar konferierte der griechische Verteidigungsminister Nikos Dendias in Washington mit US-"Kriegsminister" Pete Hegseth; am 27. Februar, einen Tag vor dem Angriff, traf sich Außenminister Giorgos Gerapetritis im Weißen Haus mit seinem Kollegen Marco Rubio. Laut Protokoll waren in beiden Gesprächen „die Spannungen mit Iran“ ein Thema. Allerdings sei ein „operational timetable“ nicht besprochen worden, ließ das griechische Außenministerium am. 3. März erklären. Dem steht entgegen, dass die Patriot-Batterie der griechischen Luftwaffe, die in Souda Bay stationiert ist, bereits vor Beginn der israelisch-amerikanischen Luftangriffe vom 28. Februar aktiviert wurde, und zwar in Koordination mit dem dort stationierten US-Luftabwehrsystem. (Kathimerini vom 8. März 2026)
Ein Schutzschirm als Beitrag zum Kriegsgeschehen
Diese Einbindung in das Alarmsystem strapaziert die Behauptung der Mitsotakis-Regierung, Griechenland sei in die Operationen gegen Iran nicht beteiligt und „in keinerlei anderer Weise involviert“. Der griechische Beitrag zu einem „Schutzschirm“ für Souda Bay dient der Operationsfähigkeit einer Militäreinrichtung, die für die Kriegsführung gegen Iran eine wichtige Rolle spielte. Zu dieser Kriegsführung gehört auch die Abwehr iranischer Gegenangriffe, zum Beispiel durch SM-3-Abfangraketen, abgefeuert von drei Zerstörern der US Navy, die seit Beginn des Irankriegs im östlichen Mittelmeer operieren.(8) Das versuchte der griechische Außenminister Gerapetritis durch die Erklärung zu verschleiern, die US-Basis Souda Bay habe eine „vorwiegend logistische“ Funktion und sei „für offensive Operationen eher ungeeignet“. Dazu stellt der Militärexperte Ilias Mitrousis fest: „Die Unterscheidung zwischen logistischer Unterstützung und operativer Beteiligung ist eine, die ein Gegner eher ignorieren wird.“(9)
Letzteres gilt auch für eine Patriot-Batterie der griechischen Luftwaffe, die seit November 2021 auf saudischem Boden installiert ist, betreut von der rund 100 Mann starken Hellenic Force Saudi Arabia (ELDYSA). Konkret soll die ELDYSA die Ölanlagen des staatlichen Konzerns Saudi Aramco – im Hafen von Yanbu am Roten Meer – gegen Angriffe der jemenitischen Huthis schützen. Zu einem Einsatz der Patriot-Batterie kam es aber erst im Kontext des Irankriegs, als die griechische Einheit am 19. März zwei iranische Raketen abschoss. Die Athener Regierung feierte dies als großen „Erfolg“. Zugleich ließ sie erklären, eine solche „defensive“ Aktion stelle keine „Beteiligung“ am Irankrieg dar, leiste jedoch „indirekt“ einen Beitrag zum Schutz des „Lebensstandards der griechischen und europäischen Bürger“. (News 24/7 vom 19. März 2026)
Sicherheitspartnerschaft außerhalb der Nato
Wie steht es um die Rechtsgrundlage für die Nutzung von Souda Bay durch die USA für ihren Angriff auf Iran? Um einen Nato-Bündnisfall handelt es sich jedenfalls nicht. Aber Griechenland unterhält seit 1990 ein bilaterales „Mutual Defense Cooperation Agreement“ (MDCA) mit den USA, das die militärische Kooperation jenseits der Nato-Strukturen regelt. Dieses MDCA wurde 2019 von der frisch gewählten Mitsotakis-Regierung durch ein Zusatzprotokoll ergänzt, das dem Pentagon „eine aktivere Nutzung der Luftwaffenbasis und Hafenanlagen in Souda Bay“ einräumt.

23. März 2026, Flugzeugträger USS Gerald R. Ford in Souda Bay, Kreta
© Stefanos Rapanis/picture alliance/anadolu
Im jüngsten Report über die „Sicherheitspartnerschaft zwischen den USA und der Hellenischen Republik“, die das US-Verteidigungsministerium (wie es damals noch hieß) am 10. Juli 2025 dem US-Repräsentantenhaus zukommen ließ, heißt es prägnant: „Das MDCA zeugt von der immer engeren Verteidigungspartnerschaft zwischen beiden Ländern und verbessert die Fähigkeit der Vereinigten Staaten, im gesamten Östlichen Mittelmeer, in Südosteuropa, in Osteuropa und im Nahen Osten zu operieren“.
Ein griechisches Veto gegen die Nutzung der Anlagen zu offensiven Zwecken ist in dem Abkommen nicht vorgesehen. In der Präambel wird zwar “die Respektierung des Völkerrechts bekräftigt“ und die Verpflichtung beschworen, „von Handlungen abzusehen, die den Frieden bedrohen“. Doch ist es politisch undenkbar, dass die Athener Regierung unter Berufung auf das Völkerrecht die Nutzung der US-Militärbasen auf griechischem Boden verweigern könnte. Vor diesem Hintergrund hat die Regierung Mitsotakis den Angriffskrieg der USA und Israels denn auch mit keinem Wort problematisiert, geschweige denn verurteilt. Der einziger Kommentar aus dem Außenministerium war der Allgemeinplatz: „Griechenland ist für die universale Respektierung des Völkerrechts“ – eine minimalistische Aussage für ein Land, das derzeit dem UN-Sicherheitsrat als eines von zehn nicht-ständigen Mitgliedern angehört.
Ähnlich ausflüchtend haben sich bekanntlich fast alle EU-Länder – mit Ausnahme Spaniens – geäußert. Doch die Athener Regierung hat ganz besondere Gründe, eine völkerrechtliche Bewertung zum Angriffskrieg der USA und Israels zu vermeiden. Die beiden kriegführenden Staaten sind Verbündete, deren Dienste für die „nationale Sicherheit“ Griechenlands als unentbehrlich gelten. Die "special relationship“, die Athen mit den beiden Partnern pflegt, nötigen Griechenland zu militärischer Kooperation, ohne nach der völkerrechtlichen Legitimation zu fragen.
Griechenlands Beitrag zum Irankrieg von 2025
Das hat sich bereits im “Zwölftagekrieg“ im vorigen Sommer gezeigt. Bei den Luftangriffen vom 13. bis 25. Juni 2025, die von Israel begonnen und mit Unterstützung der US Air Force zu Ende geführt wurden, fungierte die US-Basis in Kreta als „logistischer Knotenpunkt für die Operationen gegen Iran“ (Kathimerini vom 1. Juli 2025). Sechs Wochen nach diesem Luftkrieg konstatierte der Militärkorrespondent Vassilis Nedos (der über ausgezeichnete Kontakte in Washington und Tel Aviv verfügt): „Die Einrichtungen in Marathi sind für das Pentagon nach wie vor von größter operativer Bedeutung, wie die jüngste Nutzung von Souda Bay durch die im Nahen Osten und im Iran operierende Streitkräfte gezeigt hat.“ (Kathimerini vom 3. August 2025)
Von operativem Nutzen war Griechenland in diesem Krieg von 2025 aber auch für den speziellen Partner Israel, und das zu einem höchst außergewöhnlichen Zweck: Unmittelbar vor den Luftangriffen auf Iran hatte das Verteidigungsministerium in Tel Aviv angeordnet, alle auf dem Ben-Gurion-Flughafen stationierten israelischen Zivilflugzeuge im Ausland zu parken, um sie vor möglichen iranischen Raketen in Sicherheit zu bringen. Die gesamte Flotte wurde nächtens nach Larnaka (Zypern) und Athen geflogen. Israelischen Berichten zufolge wurden die Behörden in Zypern wie in Griechenland von der Ankunft so vieler israelischer Flugzeuge (samt Personal) überrascht. Doch das Märchen glaubt niemand. Es ist absolut undenkbar, dass Netanjahu die Erlaubnis zum Parken eines Teils der israelischen zivilen Luftflotte (darunter sein Dienstflugzeug „Wing of Zion“) auf dem Flughafen der griechischen Hauptstadt nicht bei Mitsotakis persönlich eingeholt hat.
Auch der US-Militärflughafen von Souda Bay war in das Kriegsgeschehen von 2025 involviert. Hier wurden zu Beginn der Luftangriffe auf Iran mehrere Tankflugzeuge vom Typ KC-135 stationiert, die während der zwölftägigen Operationen dazu dienten, die über den Atlantik einfliegenden B-2-Bomber über dem zentralen Mittelmeer aufzutanken.(10) Insgesamt spielte die militärische Infrastruktur Griechenlands und Zyperns während des ganzen Kriegs „eine bedeutende ermöglichende Rolle“, resümiert der griechische Militärexperte Spyros Katsoulas in einer Studie für das israelische Moshe-Dayan-Forschungszentrum.(11)
Übungsraum für Israels Luftwaffe
„How Close is too Close?“ Unter dieser Fragestellung hat der griechische Nahostexperte Ilias Mitrousis diese Episode der griechisch-israelischen Beziehungen analysiert.(12) Die Frage stellt sich speziell im Hinblick auf die enge Kooperation zwischen der griechischen und der israelischen Luftwaffe (IAF).(13) Die IAF nutzt den griechischen Luftraum seit 2016 für Trainingsflüge wie auch für großformatige Manöver. Im Juni 2018 konnten 40 israelische Kampfflugzeuge, unterstützt von Tankflugzeugen, „einen Krieg an mehreren Fronten simulieren, darunter größere Bombenangriffe gegen Ziele im Gazastreifen“.(14)
Ein weiteres Großmanöver im griechischen Luftraum fand Mitte September 2023 statt, drei Wochen vor dem Hamas-Überfall vom 7. Oktober. Laut Times of Israel trainierten die israelischen Piloten einen „umfassende Langstreckenangriff“, in Vorbereitung für „einen potentiellen Luftschlag gegen Iran und seine Atomanlagen“. Die IAF benannte als Ziel des Manövers, „die operative und mentale Fähigkeit zu Langstreckeneinsätzen zu verbessern“, und speziell „das Betanken in der Luft und Angriffe in die Tiefe (des feindlichen Territoriums) zu üben“.
Im Juli 2025 wurde die militärische Zusammenarbeit zwischen Griechenland und Israel durch ein "Status of Forces Agreement" (SOFA) formalisiert und erweitert. Seitdem ist Griechenland eines von drei Ländern, mit denen Israel durch ein solches Abkommen verbunden ist (neben den USA und Zypern). Das griechisch-israelische SOFA wurde eine Woche nach dem Ende des Zwölftagekrieg gegen Iran unterzeichnet. Es gestattet beiden Partnern, eigene militärische Einheiten auf dem Territorium des anderen zu stationieren, also etwa israelische Soldaten auf griechischem Boden.
Über die bilaterale Zusammenarbeit hinaus hat sich ein trilaterales Format zwischen Israel, Griechenland und Zypern entwickelt. Das Etikett „3+1 cooperation mechanism“ (das +1 steht für die Schirmherrschaft der USA) stand ursprünglich für die Koordination gemeinsamer Energie- und anderer ziviler Projekte. Dieses Format wurde im Dezember 2025 um eine militärische Dimension erweitert, als die Partner in Nikosia einen Kooperationsplan unterzeichneten, der für das zweite Halbjahr 2026 gemeinsame Luft- und Seemanöver im östlichen Mittelmeer vorsieht. Laut Jerusalem Post (28. Dezember 2025) ist zudem eine gemeinsame Kampfgruppe von 2500 Mann geplant, die in Krisensituationen schnell mobilisiert werden kann. Ob und wie weit dieser Plan nach dem Irankrieg umgesetzt wird, bleibt abzuwarten.
Ein Bündnis auf Basis der Militärtechnologie
Auf bilateraler Ebene konkretisiert sich die militärische Kooperation unter anderem in einem Projekt, das bereits im Oktober 2022 angelaufen ist. Seitdem wird das internationale Ausbildungszentrum der griechischen Luftwaffe in Kalamata (Süd-Peloponnes) von dem israelischen Luft- und Raumfahrtkonzern Elbit Systems betrieben. Das israelische Unternehmen stellt sowohl die Trainingsflugzeuge als auch die Luftkampf-Simulatoren, die für die Ausbildung israelischer Kampfpiloten entwickelt wurden. Der Vertrag über den Betrieb des Zentrums läuft über 20 Jahre und belastet den griechischen Verteidigunshaushalt mit insgesamt 1,5 Milliarden Euro. (Jerusalem Post vom 5. Januar 2021)
Der Eckstein für das Bündnis ist jedoch die militärtechnologische Kooperation, die auf drei Ebenen stattfindet.(15)
a) Das griechische Militär kauft immer mehr israelische Rüstungsgüter, deren Wert bereits in die Milliarden Euro geht; es handelt sich um komplette Waffensysteme (insbesondere Raketen und Drohnen), einschließlich entsprechender Radaranlagen und Cyber-Technologie;
b) Israelische Rüstungsunternehmen kaufen griechische Firmen auf; bereits 2021 stieg ein israelisches Konsortium als Hauptaktionär beim griechischen Unternehmen ELVO ein, das unter anderem Militärfahrzeuge herstellt. Seit Sommer 2025 befindet sich ELVO ganz im Besitz des israelischen Rüstungskonzerns SK Group, dessen Hauptkunde die israelischen Streitkräfte sind. Das private Unternehmen hat mit dem griechischen Etikett eine Art EU-Pass erworben, der den Export von israelischen Rüstungsgütern auf dem internationalen Markt erleichtern soll.
c) Langfristig angelegt ist die Entwicklung gemeinsamer Rüstungsprojekte. Geplant sind unter anderem:
- die Fusion des griechischen Drohnenabwehrsystems „Kentavros“ mit dem israelischen Raketenabwehrsystem Barak-MX (im Februar 2026 beschlossen);
- die Entwicklung eines neuen Korvetten-Typs auf der Basis der israelischen Saar S-72 Korvette;
- die Entwicklung einer Unterwasser-Drohne für die griechische Marine auf der Basis des unbemannten U-Boots „Blue Whale“ (eine gemeinsame Entwicklung des israelischen Unternehmens IAI ELTA Ltd. Und des deutschen Herstellers TKMS ATLAS Elektronik).
Ein „Iron Dome“ über der Ägäis
Eine bilaterale Kooperation wurde auch mit dem Kauf des Mehrfachraketenwerfer PULS verabredet, das vom israelischen Hightech-Konzern Elbit Systems entwickelt wurde. Das 690 Millionen Euro teure Gerät soll zum Teil in Griechenland hergestellt werden und zu 25 Prozent griechische Komponenten enthalten. Dieses PULS-System hat für die bilateralen Beziehungen eine besondere Bedeutung: Es gilt als erster Schritt zur Realisierung des ambitioniertesten – und teuersten – Projekts, mit dem sich das griechische Militär an die israelische Rüstungsindustrie bindet.
Nach dem Vorbild des israelischen „Iron Dome“ will Griechenland einen mehrschichtigen Abwehrschirm über der Ägäis errichten. Das Projekt läuft zwar unter dem stolzen griechischen Namen „Schild des Achilles“ (Aspida tou Achillea), basiert aber in seinen Kernfunktionen vollständig auf israelischer Militärtechnologie. Das Abwehrsystem soll vor allen denkbaren Bedrohungen schützen: durch Flugzeuge, Mittelstreckenraketen, Marschflugkörper, Angriffsdrohnen, Kriegsschiffe und sogar durch U-Boote. Die wichtigsten Komponenten sind die israelischen Abwehrraketen Spyder, Barak MX und David’s Sling, die Luftangriffe und Raketen aller Reichweiten abfangen können. Der gesamte Schutzschirm soll noch 2027 voll funktionsfähig sein und wird mindestens 3 Milliarden Euro kosten.
Das Raketenwerfersystem PULS, das eine Reichweite von 300 Kilometern hat, soll in allernächster Zeit, zusammen mit Batterien der israelischen Panzerabwehrrakete Spike NLOS (32 Kilometer Reichweite), auf den griechischen Inseln in der Ostägäis installiert werden – also auf Inseln, die nahe der türkischen Ägäisküste liegen. Die weiträumige Dislozierung zeigt an, dass der „Schild des Achilles“ eine weitere Etappe innerhalb des griechisch-türkischen Rüstungswettlaufs darstellt. In Athen verspricht man sich von diesem Hightech-Schild einen dauerhaften Schutz vor der Türkei, der man expansive Absichten auf Kosten Griechenlands unterstellt.
Stets im Hintergrund: die griechisch-türkische Rivalität
Damit sind wir beim zentralen Punkt dieser Analyse: Die enge politische und militärische Allianz Griechenlands mit Israel wie mit den USA erklärt sich – nicht ausschließlich, aber hauptsächlich – aus der „ewigen“ griechisch-türkischen Rivalität, die – mal latent, mal offen – vor allem in der Ägäis und seit einigen Jahren auch im östlichen Mittelmeer ausgetragen wird. Die innere Logik der von Athen gepflegten Allianzen erschließt sich nur, wenn man sie durch das Prisma der griechisch-türkischen und der türkisch-israelischen Beziehungen betrachtet.
Das zeigt bereits der Zeitpunkt, zu dem die Kooperation zwischen Athen und Jerusalem begonnen hat. Das türkisch-israelische Verhältnis, das in den ersten Jahren der Präsidentschaft Recep Tayyip Erdoğans zunächst kooperativ gewesen war, geriet mit dem ersten Gazakrieg (um die Jahreswende 2008/2009) in schwere Turbulenzen.(17) Zur endgültigen Havarie kam es Ende Mai 2010, als israelische Kriegsschiffe einen Solidaritätskonvoi mit Hilfsgütern für den Gazastreifen stoppten. Dabei wurden neun Aktivisten des türkischen Schiffs Mavi Marmara von israelischen Soldaten getötet. Als Antwort kündigte Erdoğan alle Vereinbarungen mit Israel auf. Damals suchten die Israelis, wie Ilias Mitrousis erläutert, „eine Alternative zu ihrer früheren strategischen Beziehung zur Türkei, die ihr wertvolle strategische Tiefe geboten hatte“.(18) Griechenland wiederum sah in einem Bündnis mit Israel die Chance, seine nationalen Interessen und seinen territorialen Besitzstand in der Ägäis angesichts drohender Worte und Aktivitäten Ankaras mit militärischen Mitteln zu sichern.
Israel und das Feindbild Türkei
„Es gibt einen strategischen Grund, der Israel und Griechenland zusammen schmiedet, und der Grund heißt ‚Türkei‘“, befindet Gallia Lindenstrauss vom Israelischen Institut für Nationale Sicherheitsstudien. Das gemeinsame Feindbild Türkei sei die „solide israelisch-griechische Interessenbasis“, die der politisch-militärischen Allianz eine langfristige Perspektive verleihe.(19)
Diese Allianz schließt auch den zweiten „hellenischen Staat“, die Republik Zypern ein. Die griechischen Zyprioten sehen ihre Sicherheit durch die Präsenz der türkischen Armee im Norden der Insel bedroht, wo Ankara in Form der „Türkischen Republik Nordzypern“ (TRNC) über eine Art Protektorat verfügt. Auf der geteilten Insel findet derzeit auf engstem Raum ein griechisch-türkischer Rüstungswettlauf statt, in dem auch die griechisch-zypriotische Seite verstärkt auf israelische Militärtechnologie setzt. Das weckt bei „regionalen und globalen Akteuren“ ein verstärktes Interesse für den „militärischen Nutzwert beider Teile der Insel“, wie Günter Seufert in seiner Analyse der Verwicklung Zyperns in den jüngsten Irankrieg diagnostiziert.(20) Allerdings zeigt der Drohnenangriff auf die britische Basis Akrotiri, dass die Entscheidung der Regierung in Nikosia, auf eine „Sicherheitspartnerschaft“ mit der Regierung Netanjahu zu setzen, mit erhöhten Risiken verbunden ist. Das gilt erst recht für den Bündnispartner Griechenland, der für die politische und militärische Führung in Tel Aviv den größeren Nutzwert hat.
Dreierallianz mit militärischer Agenda
Das Dreierbündnis Israel-Zypern-Griechenland, das 2012 als energiepolitisches Projekt (Energy Triangle) begonnen hatte, hat sich seitdem schrittweise „militarisiert“. Der letzte Schritt erfolgte im Dezember 2025 in Nikosia mit der Verabschiedung einer „trilateralen“ Agenda über die militärische Kooperation im Jahr 2026. Von israelischer Seite wird diese Vereinbarung als „weitere Vertiefung“ der sicherheitspolitischen Koordination „zwischen den Rivalen der Türkei in der östlichen Mittelmeerregion“ gewertet (Times of Israel, 28. Dezember 2025). In einer von dem Thinktank „Modern Diplomacy“ veröffentliche Analyse sieht Rameen Siddiqui bereits eine „Mittelmeer-Nato“ entstehen, sprich eine „prowestliche, auf Israel gestützte Sicherheitsarchitektur, die explizit darauf zielt, den türkischen Einfluss einzudämmen“.(21)
Die Koordination innerhalb des Dreierbunds erstreckt sich auch auf die Geheimdienste, was unter anderem bedeutet, dass der israelische Shin Bet in Griechenland – und noch mehr in Zypern – ungewöhnliche Freiheiten genießt. Während der schon erwähnten Auslagerung der israelischen zivilen Luftflotte nach Griechenland und Zypern im Juni 2025 hat der Shin Bet seine Präsenz in beiden Ländern noch erheblich verstärkt (Kathimerini vom 1. Juli 2025). Und in griechischen Häfen, in denen israelische Kreuzfahrtschiffe anlegen, überlassen die lokalen Behörden den israelischen Agenten, die jedes Schiff begleiten, faktisch die Kontrolle über die Kaianlagen.
Von strategischer Bedeutung ist auch die Kooperation im Energiesektor, materialisiert im Projekt eines unterseeischen Stromkabels, das Israel über Zypern mit Griechenland verbinden soll und das den Transfer von E-Energie in beide Richtungen ermöglichen würde. Auch dieses Projekt wird von Ankara zu einem griechisch-türkischen Streitthema gemacht, weil das Kabel durch ein Meeresgebiet verlaufen soll, das Ankara zur türkischen Ausschließlichen Wirtschaftszone (AWZ) zählt. Im Juli 2024 behinderten türkische Schiffe die Vorarbeiten für die Verlegung in der Nähe von Karpathos; seitdem sind die Arbeiten an dem Projekt stillgelegt. Auch in diesem Jahr haben türkische Kriegsschiffe ein Kabellegerschiff in internationalen Gewässern zwischen griechischen Inseln mehrfach belästigt.(22)
Athen umwirbt Washington
Die griechisch-türkische Rivalität ist auch das entscheidende Motiv, warum die Athener Regierung ihr „spezielles Verhältnis“ zu Washington noch intensiver pflegen will. Seit ihrem Amtsantritt im Sommer 2019 fordert die Mitsotakis-Regierung unablässig, die USA solle ihre Militärpräsenz auf griechischem Boden weiter ausbauen. Neben massiven Investitionen in die Basis von Souda Bay sollen – nach der jüngsten Fassung des MDCA-Abkommens – auch die US-Einrichtungen auf der Luftwaffenbasis Larissa und im Hafen von Alexandroupolis (nahe der Landgrenze zur Türkei) aufgewertet werden.(23)
Indem Athen dem Pentagon erweiterte Stationierungsrechte einräumt, verspricht man sich Gegenleistungen in Form von Rüstungslieferungen. Als erster großer Erfolg wurde der Erwerb von Kampfjets des Typs F-35 von Lockheed Martin gefeiert, womit die griechische Luftwaffe ab 2028 über modernste Allzweckkampfflugzeuge der 5. Generation (mit Tarnkappeneigenschaften) verfügen wird. Der Kaufvertrag im Juli 2024 (über 20 F-35 mit Option für weitere 20) löste in Griechenland – auch in der Bevölkerung – besondere Begeisterung aus, weil das Pentagon zuvor den Verkauf der F-35 an die Türkei rückgängig gemacht hatte.
Einfallstor für Flüssiggas aus den USA
Im zivilen Bereich dient Mitsotakis sein Land als „energy hub“ an, der für die LNG-Exporte der USA nach Südost- und Osteuropa unentbehrlich ist. Mit Erfolg: Künftig läuft über die LNG-Terminals von Alexandroupolis (zu denen eine schwimmende Umwandlungsanlage gehört) die Versorgung Osteuropas mit US-Frackinggas. Der sogenannte „Vertikale Korridor“ soll die Staaten von Bulgarien bis Polen – und letztlich auch die Ukraine – endgültig von russischem Gas unabhängig machen – und abhängig von LNG aus den USA.
Parallel zu dieser Süd-Nord-Leitung entsteht ein Liefernetz in Richtung Westbalkan, bei dessen Ausbau das Tochterunternehmen des griechischen Bau- und Infrastruktur-Konzerns Aktor Group führend ist. Anfang Mai hat sich Aktor LNG USA einen 6 Milliarden-Dollar-Vertrag für die Lieferung von US-Gas nach Albanien gesichert und strebt weitere Verträge mit Nordmazedonien und Serbien an.(24) Auch am Seetransport von Flüssiggas – von der Ostküste der USA zu den europäischen LNG-Terminals – sind griechische Unternehmen überproportional beteiligt. Gastankschiffe in griechischem Besitz machen über 23 Prozent der globalen LNG-Tankerflotte aus.
Die logistische Schlüsselrolle für die kontinentale Energieversorung ist aus Sicht Athens von strategischer Bedeutung; Energieminister Stavros Papastavrou spricht deshalb von einem „shield of energy protection“ – einem energiepolitischen Schutzschild analog zum militärischen Schild des Achilles (Kathimerini vom 6. Dezember 2025). Griechenland macht sich also zum unentbehrlichen Partner für die energiepolitische Offensive der USA in Richtung Europa, die Trump noch entschiedener betreibt als seine Vorgänger.(25)
Angesichts der „strategischen“ Bedeutung Griechenlands für die USA zeigt man sich in Athen selbstgewiss, dass die von Trump angekündigten Pläne, das US-Militär in Europa etappenweise auszudünnen, das eigene Land nicht betreffen werden. Ganz im Gegenteil, verbreiten die PR-Leute von Mitsotakis, indem sie auf die Verstärkung der US-Militärpräsenz auf griechischem Territorium verweisen. Doch bei allem Ehrgeiz hat die griechische Seite eines ihrer wichtigsten Ziele nicht erreicht: die Etablierung einer US-Basis auf einer Insel in der Ägäis.(26)
Ein so klares „geopolitisches“ Signal gilt in Washington als zu heikel, weil man im türkisch-griechischen Konflikt formell eine neutrale Haltung einnimmt. Zumal in der aktuellen Lage will Trump auf keinen Fall Erdoğan vor den Kopf stoßen, der (unter anderem) als Vermittler zwischen Iran und USA gefragt sein könnte. Dass Washington in dieser Frage auf den türkischen Nato-Partner Rücksicht nimmt, ist ein wichtiger Grund, warum die griechische Verteidigungspolitik in der Ägäis auf die israelische Karte setzt.
Griechenlands ostägäische Inseln: Verteidigung oder Militarisierung?
Der sensibelste Punkt im griechisch-türkischen Streit ist seit vier Jahren die Forderung Ankaras, die griechischen Inseln in der Nähe zur türkischen Küste müssten entmilitarisiert werden. Das Erdoğan-Regime verweist auf Klauseln in den Verträgen von Lausanne (1923) und Paris (1947), die für die ostägäischen Inseln und die Dodekanes tatsächlich einen entmilitarisierten Status vorsehen. Diese Bestimmungen werden allerdings durch die UN-Charta überlagert, die in Artikel 51 das Recht auf Selbstverteidigung etabliert. Auf dieses Recht kann sich Griechenland auch deshalb berufen, weil die Türkei die Zugehörigkeit mehrerer Inseln zu Griechenland anzweifelt und sogar – unter bestimmten Voraussetzungen – mit militärischen Aktionen droht.(27) Angesichts dessen, und insoweit die Türkei an ihrer Ägäis-Küste eine starke Militärpräsenz unterhält, kommt die Forderung nach einer „Entmilitarisierung“ griechischen Territoriums in der Ostägäis – von Lesbos bis Rhodos – einer Drohung gleich.
Damit hat Athen ein unbestreitbares Recht auf die Stationierung defensiver Waffensystemen auch auf den ostägäischen Inseln. Allerdings muss diese Aufrüstung mittels israelischer Militärtechnik auf die Türkei wie ein rotes Tuch wirken. Wenn auf allen griechischen Inseln vor der türkischen Küste israelische Waffensysteme – auch PULS-Raketen mit 320 Kilometer Reichweite – stationiert werden, ist dies aus Sicht Ankaras eine Provokation durch den „Hauptfeind“ Israel.(28) Die türkischen Medien präsentierten wiederholt strategische Karten, die den Ring der militarisierten griechischen Inseln als Umzingelung der westlichen Türkei darstellen. Die AKP-nahe Zeitung Yeni Şafak (vom 15. April 2026) bezeichnete Griechenland in einer Schlagzeile sogar als „Israels Trojanisches Pferd in Europa“, da Athen den Israelis die Möglichkeit gebe, „ihre modernsten Verteidigungssysteme in die europäische Sicherheitsarchitektur zu integrieren“.
Aus Athener Sicht sind diese „modernsten“ Systeme das effektivste Mittel, um die griechische Verteidigungsfähigkeit gegenüber der Türkei zu stärken. In der aktuellen Situation könnte die Installation israelischer Militärtechnologie jedoch wie ein Brandbeschleuniger des griechisch-türkischen Konflikt wirken. Seit Beginn des Irankriegs hat die türkische Luftwaffe – nach mehrjähriger Pause – wieder begonnen, den Luftraum über und um griechische Inseln zu verletzen. Mitte April erklärte Erdoğans Außenminister Hakan Fidan, Athen treibe eine hochriskante Politik, die enge Kooperation mit Israel bedeute „nicht mehr Vertrauen, sondern mehr Misstrauen; sie bringt mehr Probleme und Krieg“.(29)
Regierungspolitik und öffentliche Meinung
Auch die Rolle der US-Basen auf griechischem Territorium wird seit Beginn des Irankriegs von der türkischen Propaganda stärker thematisiert. Dabei wird insbesondere das Interesse des Pentagons am Hafen von Alexandroupolis – wegen der Nähe zur türkischen Grenze – als beunruhigend dargestellt. Diese Reaktion Ankaras ermöglicht es wiederum der Athener Regierung, die militärische Kooperation mit den den USA und Israel als „success story“ zu verkaufen.
Der Verweis auf griechische „Sicherheitsinteressen“ ist das wichtigste Instrument, das der Regierung Mitsotakis hilft, ihr größtes PR-Problem wenn schon nicht zu lösen, so doch auszusteuern: die entschiedene Ablehnung der israelischen Politik – in Gaza und generell in der Palästinenserfrage – durch weite Teile der griechischen Gesellschaft. In diesem Punkt herrscht in keinem europäischen Land eine größere Diskrepanz zwischen der öffentlichen Meinung und der Regierungspolitik. In Griechenland dominiert seit vielen Jahrzehnten eine pro-palästinensische und israel-kritische Stimmung, die sich teilweise auch aus alten antisemitischen Vorurteilen speist. Die konservative ND-Regierung hat trotz dieser Stimmung (auch im eigenen Wählervolk), bislang weder die israelischen Kriegsverbrechen in Gaza noch die Welle ethnischer Säuberungen in den besetzten Gebieten noch die völkerrechtswidrigen Militäroperationen im Südlibanon und im Süden Syriens öffentlich kritisiert.(30)
Die einzige Ausnahme war bislang der explizite Protest gegen die Behandlung der griechischen Teilnehmer:innen an der Global Sumud Flotilla, die nach ihrer Festnahme durch die israelische Kriegsmarine am 18. Mai 2026 misshandelt und vom israelischen Minister für Nationale Sicherheit, Itamar Ben-Gvir, verhöhnt wurden. Das griechische Außenministerium bezeichnete insbesondere das Verhalten Ben-Gvirs als „unakzeptabl und absolut zu verurteilen“ und forderte von der Netanjahu-Regierung die „volle Respektierung des humanitären Völkerrechts und der Menschenrechte“. Klare Worte wie diese, die den Schutz griechischer Staatsbürger:innen einfordern, hat man im Hinblick auf israelische Kriegsverbrechen in Gaza und den Schutz der palästinensischen Bevölkerung nicht vernommen.

22. Mai 2026, Unterstützer:innen empfangen die freigelassenen Aktivist:innen der Global Sumud Flotilla am Athener Flughafen
© Elvis Takahashi Mantello/picture alliance/Middle East Images
Klare Worte aus Athen blieben auch nach einem früheren Vorfall aus: Am 30. April hatten israelische Kriegsschiffe südwestlich von Kreta 22 Boote der Global Sumud Flotilla aufgebracht. 175 Aktivist:innen wurden festgenommen und zwei von ihnen nach Israel entführt. Die Piratenaktion spielte sich zwar in internationalen Gewässern ab, doch innerhalb der griechischen Search-and-Rescue-Zone (SAR), in der die griechische Küstenwache (HCG) für die Seenotrettung zuständig ist. Doch die Regierung hat die HCG nicht mobilisiert, obwohl die israelischen Kommandos mehrere der Boote seeuntüchtig machten und damit Menschen in Gefahr brachten. Die Küstenwache beschränkte sich darauf, die israelischen Kommandos per Funk zum Verlassen der Gewässer aufzufordern.
Die israelisch-türkische Feindschaft stellt Athen vor ein Problem
Das Bündnis mit Israel begründet eine Komplizenschaft mit der Regierung Netanjahu, die aus ihren expansionistischen Zielen keinen Hehl macht. Für die Regierung Mitsotakis wird sich das noch als gravierendes Problem erweisen. Das gilt speziell im Hinblick auf den Konflikt mit der Türkei, worauf der Journalist Alexis Papachelas schon vor dem Irankrieg hingewiesen hat. Der bestens vernetzte Chefredakteur der konservativen Kathimerini erläuterte am 5. Januar 2026, warum die „strategische Beziehung“ zu Israel die Athener Regierung vor „harte Entscheidungen“ stellen werde: Die israelische Wahrnehmung der Türkei habe sich in den letzten Jahren erheblich gewandelt; inzwischen würde die Regierung Netanjahu, aber auch das israelische Sicherheits-Establishment, die Türkei als „strategischen Rivalen Nr. 1 in der Region“ betrachten. Griechische Regierungsvertreter, so Papachelas, hätten bei ihren Kontakten in Israel den Eindruck gewonnen, dass ihre Partner die Türkei heute „in etwa wie Iran ansehen“.
Ob das israelische Establishment tatsächlich von der Annahme „Türkei gleich Iran“ geleitet ist, sei dahingestellt. Die israelische Türkei-Expertin Gallia Lindenstrauss hält die Gleichsetzung für übertrieben, obwohl sie „im israelischen öffentlichen Diskurs immer üblicher geworden“ sei. Lindenstrauss weist darauf hin, dass Israel mit Ankara noch immer diplomatische Beziehungen unterhält und selbst die Geheimdienste noch eine (begrenzte) Zusammenarbeit pflegen. Die Türkei sei zudem Nato-Mitglied und baue keine „proxy“-Filialen gegen Israel auf. Nicht zu vergessen, dass die Israelis ihr aserbaidschanisches Öl, das 46 Prozent ihrer Ölimporte ausmacht, über die Pipeline Baku–Tbilisi–Ceyhan, also über türkisches Territorium und den türkischen Ölhafen Ceyhan beziehen.
Dass sich in Israel das Feindbild Türkei tatsächlich dem Feindbild Iran angleichen könnte, ist allerdings unter einer Voraussetzung denkbar: dann nämlich, wenn die Türkei auf die Entwicklung einer Atomwaffe hinarbeiten würde. Diese Möglichkeit sieht auch Lindenstrauss, die davon ausgeht, dass die Kräfte in Ankara, die von der türkischen Bombe träumen, durch den Irankrieg Auftrieb bekommen haben.(31)
Auch unabhängig von der A-Frage fällt das Bild, das im israelischen Diskurs von Erdoğans Türkei gemalt wird, immer feindlicher aus. Kurz vor dem neuen Irankrieg warf der frühere Ministerpräsident Naftali Bennett der Regierung in Ankara vor, sie wolle Israel einkreisen und schmiede – zusammen mit Katar – eine „neue monströse Achse der Muslimbruderschaft ähnlich der iranischen“.(32) Und Yossi Kuperwasser, ein Vertreter des israelischen Sicherheitsestablishments, erklärte: „Unsere Konfrontation mit der Türkei ist nicht kurzfristig, sondern strukturell und langfristig.“ Für den Leiter des Jerusalem Institute for Strategy and Security (JISS) folgt daraus: „Die Kooperation mit allen, die hinsichtlich des künftigen Kurses der Türkei dieselben Bedenken haben, ist nicht nur wichtig, sondern notwendig“.(33)
Ein gewisses Unbehagen in Athen
Zu diesen „notwendigen“ Verbündeten Israels zählen die beiden „hellenischen Staaten“ Griechenland und Zypern. Hat sich deren „Sicherheit“ gegenüber dem gemeinsamen Gegner Türkei damit erhöht? In seinem oben zitierten Leitartikel äußert Alexis Papachelas erhebliche Zweifel, die mit Sicherheit auch die Athener Regierung beschäftigen. Der Kathimerini-Chef, der ein sehr vertrautes Verhältnis zu Mitsotakis pflegt, wusste zu berichten, dass die anti-türkische Wendung der israelischen Politik auf griechischer Seite ein gewisses „Unbehagen“ auslöst. Der Grund: Offiziell betreibt die Mitsotakis-Regierung gegenüber der Türkei eine Politik der „ruhigen See“; aber was, fragt Papachelas, wenn Netanjahu beschließt, „mit Ankara ‚hard ball‘ zu spielen – und von Griechenland dasselbe verlangt?“ Für den Fall sei zu befürchten, dass die Israelis „wie immer, wenn sie sich ein Ziel setzen, ungeduldig und fordernd auftreten“. Das könnte für Griechenland unliebsame Überraschungen bringen: von terroristischen Attacken bis hin zu dem „Risiko einer zufälligen Kollision mit Ankara, verursacht durch einen äußeren Faktor“.
Papachelas formulierte diese Bedenken unter der Überschrift: „Dilemmata einer strategischen Beziehung“. Ein Dilemma ist eine Zwickmühle, in die man unfreiwillig gerät. Hier jedoch handelt es sich eher um eine selbst gestellte Falle. Griechenland hat sich militärstrategisch in zwei „special relationships“ verwickelt, die ein toxisches Dilemma beinhalten. Beide Sicherheitspartner kennen nur die Interessen ihres Landes, wobei einer von ihnen auch noch unberechenbar – bis zur Unzurechnungsfähigkeit – agiert. Und beide Partner haben ein zynisches Verhältnis zur internationalen Rechtsordnung nach dem Motto: Wenn das Völkerrecht meinen Interessen entgegen steht, umso schlimmer für das Völkerrecht.
Schwankende Gewissheiten
Was das für Griechenland und Zypern bedeutet, die sich in ihrem Dauerkonflikt mit der Türkei stets auf das Völkerrecht berufen, hat der Irankrieg klar gemacht. Athen und Nikosia hatten „null Einfluss auf die regionale Strategie ihrer neuen Sicherheitspartner“, konstatiert Günter Seufert. Aber beide „bekommen die ökonomischen Folgen und die politischen Rückwirkungen des Konflikts zu spüren“ (a.a.O, Anmerkung 2). Beide hellenischen Staaten gehen in ihrer Verteidigungspolitik von der Maxime aus: Je wichtiger ihre Rolle für die Militär-, Sicherheits- und Energie-Strategien der USA und Israels, desto besser steht es um ihre eigene Sicherheit.
Mit dem Irankrieg hat sich offenbart, dass diese Faustregel nicht nur illusionär, sondern gefährlich ist. Die Sicherheitspartnerschaft mit den USA und Israel ist dazu angetan, die Spannungen mit der Türkei sowohl in der Ägäis als auch in Zypern noch zu verschärfen. Zudem dürfte, wie Seufert aufzeigt, das Ende des Irankriegs der Türkei gute Chancen eröffnen, ihren ökonomischen und politischen Einfluss in der gesamten Nahostregion weiter auszubauen. So sieht es auch eine Analyse in der israelischen Zeitung Haaretz, die für die Zeit nach dem Irankrieg insbesondere für die Golfregion die Prognose „Less USA, More Turkey“ formuliert.(34)
Sollte es so kommen, wird man in Athen um so mehr auf die alte Formel setzen: je stärker die Türkei, desto größer die Gefahr für Griechenland, desto dringender die Investitionen in die eigene „Sicherheit“. Die Politiker und die Militärs in Athen versprechen sich die ultimative Sicherheit von dem wundertätigen „Schild des Achilles“. Doch der wird israelisch sein; un das hat Risiken und Nebenwirkungen.
Schutzschild mit Achillesferse
Der Schild des griechischen Superhelden wurde von Hephaistos – Gott des Feuers und der Waffenschmiede – höchstpersönlich fabriziert. Er sollte Achilles unverwundbar für die Waffen der Trojaner machen. Doch bekanntlich hatte der Halbgott eine Schwachstelle am Hinterbein. Die Achillesferse des israelischen Schutzschilds ist offensichtlich: Alle Daten, auf denen das Funktionieren des „Iron Dome“ über der Ägäis beruht, laufen nicht nur im Athener Pentagon zusammen, sondern werden auch nach Tel Aviv gelenkt. Damit verschafft sich Israel gegenüber Griechenland nicht nur ein politisches, sondern auch ein militärtechnologisches Druckmittel, mithin ein Potential, das zu Manipulation und Druck, bis hin zur Erpressung genutzt werden kann. Es ist nicht abwegig, dabei an das von Papachelas erwähnte „Risiko einer zufälligen Kollision mit Ankara“ zu denken – „verursacht durch einen äußeren Faktor“.
Auf dieses Risiko wird natürlich auch von türkischer Seite verwiesen. Unter dem Titel „Das griechische Achillesschild-Projekt im Schatten Israels“ verfasste der Militärexperte Murat Aslan eine ausführliche, überwiegend nüchterne Analyse für den AKP-nahen Thinktank SETA. Aslan kommt zu dem Ergebnis: Wenn Griechenland seine Luft- und Raketenabwehr faktisch an Israel abtrete, werde es „für israelische Aktionen und Provokationen anfällig“. Damit werde ein Staat, der die Türkei als Bedrohung ansieht, imstande sein, „Griechenland zu manipulieren und in in eine proxy-Kraft zu verwandeln“.(35)
Keine öffentliche Debatte, Zurückhaltung der Linken
In Griechenland findet eine öffentliche Diskussion über die Achillesferse des Achillesschilds praktisch nicht statt.(36) Und das obwohl die öffentliche Kritik am Irankrieg, an den israelischen Kriegsverbrechen und den Annexionsplänen in Gaza, im Westjordanland und im Südlibanon immer lauter wird.(36) Eine „Beendigung der militärischen Zusammenarbeit von Griechenland mit Israel“ haben bislang nur die KKE und drei kleinere Linksparteien in einer gemeinsamen Erklärung vom Mai 2025 gefordert. Und zu Demonstrationen gegen den Irankrieg von 2026 hat lediglich die KKE aufgerufen.
Bemerkenswert ist die Positionierung der frisch gegründeten Partei ELAS (Elliniki Aresteri Symparataxi), mit der Alexis Tsipras sein politisches Comeback anstrebt. Die ELAS hält sich nicht nur mit Kritik gegenüber Israel zurück, sondern spricht sich sogar für eine „stabile“ griechisch-israelische Allianz ausspricht (Efimerida ton Syntaktion vom 31. Mai 2026). Diese Haltung der neuen Linkspartei erklärt sich aus der Politik, die Tsipras als Syriza-Vorsitzender und Ministerpräsident (2015-2019) verfolgt hat. Denn es war der Verteidigungsminister der ersten Tsipras-Regierung, der das Militärbündnis mit Israel eingefädelt und ausgebaut hat. Die Syriza hatte das Verteidigungsressort damals Panos Kammenos, dem Parteichef ihres rechtspopulistischen Koalitionspartners ANEL überlassen, um das griechische Militär gegenüber der neuen Linksregierung neutral zu stimmen. Aber auch Tsipras selbst hat sich bei seinen Treffen mit Netanjahu wiederholt zu einer „strategischen Zusammenarbeit“ mit Israel bekannt.
Verzicht auf Gelder aus dem EU-Rüstungsprogramm SAFE
Auffällig ist weiterhin, dass die griechische Linke (wiederum mit Ausnahme der KKE) nicht einmal die enormen Kosten der Aufrüstung zu einem politischen Thema macht. Dabei bedeutet der Kauf von israelischer Militärtechnologie nicht nur eine Belastung des Staatshaushalts, sondern auch einen Verzicht auf europäische Gelder. Denn die langfristigen Kredite, die EU-Mitgliedsstaaten über das Programm „Safe Action for Europe“ (SAFE) beziehen können, kommen für die Finanzierung des teuren Achilles-Schilds nicht in Frage. Die 150 Milliarden Euro aus dem SAFE-Topf sollen nicht nur die „strategische Autonomie“ der Europäer gegenüber den USA stärken, sondern auch die europäische Rüstungsindustrie ankurbeln. Deshalb müssen die geförderten Projekte zu mindestens 65 Prozent aus Komponenten bestehen, die in EU-Ländern produziert wurden. Wobei zu den begünstigten Zulieferländern auch die EFTA-Staaten und die Ukraine gehören – nicht aber Israel.
Diese 65-Prozent-Klausel ist der Grund dafür, dass Griechenland aus dem SAFE-Programm lediglich 787 Millionen Euro in Anspruch nehmen will. Zum Vergleich: Polen bedient sich mit 28,4 Milliarden Euro, Frankreich mit 15,1 Milliarden Euro, Italien mit 14,9 und selbst Bulgarien noch mit 3,2 Milliarden Euro.(37) Die Athener Regierung verzichtet also auf EU- Finanzhilfen, während sie mit nationalen Steuergeldern dazu beiträgt, den militärisch-politischen Komplex des Rüstungspartners Israel zu finanzieren. Dieser Komplex ist mittlerweile eine echte Erfolgsgeschichte: Wie das Verteidigungsministerium in Tel Aviv melden konnte, haben israelische Rüstungsunternehmen im Jahr 2025 Liefervertrag in Höhe von 19,2 Milliarden Dollar abgeschlossen, ein Anstieg von fast 30 Prozent gegenüber dem Vorjahr (Haaretz vom 2. Juni 2026). Diese Exporterfolge sind vor allem darauf zurückzuführen, dass es sich um „battle-tested“ (kriegserprobte) Waffensysteme handelt, die ihre Wirksamkeit nicht nur beim Abfangen iranischer Raketen, sondern auch bei offensiven Operationen im Gazastreifen und im Libanon bewiesen haben.(38)
Auf der falschen Seite
Ministerpräsident Kyriakos Mitsotakis gefällt sich immer wieder in zwei Posen. Zum einen gibt er den „großen Europäer“, der durchblicken lässt, dass er sich für das Amt des nächsten EU-Kommissionspräsidenten geeignet hält. Zum anderen behauptet er gegenüber der Opposition, dass er auf der „richtigen Seite der Geschichte“ stehe. Doch in Wirklichkeit läuft Mitsotakis Gefahr, dass er sich mit seinem speziellen Verhältnis zu Trumps USA und zu Netanjahus Israel auf der falschen Seite der Realität wieder findet – und bald womöglich in einem weiteren Dilemma. Dann nämlich, wenn es in der Frage, wie der Irankrieg beendet werden kann, zu einem Zerwürfnis zwischen den beiden griechischen Wunschpartnern Trump und Netanjahu kommen sollte.
Anmerkungen
1) Auch an den folgenden Tagen wurde die U-2 immer wieder fotografiert: reutersconnect.com
2) Genaue Angaben über das auf Akrotiri stationierte britische und US-Militär bei: Günter Seufert, „Caught Between Geopolitical Rivals“, CATS Network Paper Nr. 28 (13. Mai 2026), S.6f.
3) Laut dem Militärexperten Andreas Krieg ermöglicht die Infrastruktur der britischen Basen „sustained missions, large-scale intelligence coordination, and logistical continuity beyond what maritime platforms can match“. Zitiert nach: "Ghosts of empire: The role of Britain's Cyprus bases in a Middle East at war", The New Arab, 2. April 2026.
4) So Nick Kampouris, „Is Greece Replacing Turkey as the US’s Main Strategic Ally in the Region?“, Greek Reporter, 21. März 2026.
5) Die Beschreibung der Basis (mit genauer Karte) auf der Official U.S. Navy Website.
6) Das Ramstein-Urteil des BVerfGs vom 15. Juli 2025 unter: bundesverfassungsgericht.de
7) Eine genaue völkerrechtliche Bewertung der Nutzung von US-Basen auf europäischem Territorium (leider ohne den Fall Griechenland) liefert: Benjamin Meret, „Use of third-state air bases by the United States in the conflict with Iran“, European Journal of International Law (EJIL), 15. Mai 2026.
8) Nach einem Bericht der Washington Post haben die USA seit Beginn des Irankriegs mehr Abwehrraketen „verbraucht“ als die Israelis. Siehe: John Hudson, "U.S. bears brunt of Israel’s missile defense, Pentagon assessments show", Washington Post, 21. Mai 2026.
9) Ilias Mitrousis, „Greece’s Stance vis-à-vis the War in Iran: How Close Is Too Close?“, Cemmis (Centre for Mediterranean, Middle East & Islamic Studies), 26. April 2026.
10) Siehe den gut dokumentierten Bericht im Internet-Portal in.greece vom 23. Juni 2023.
11) Spyros Katsoulas, „How the Twelve-Days-War with Iran Tested the Strategic Alliance Between Israel, Greece, and Cyprus“, Turkeyscope 14. August 2025. Die spezielle Rolle Zyperns als „zentraler logistische Knotenpunkt für Israel“ untersuchen Gallia Lindenstrauss und Tami Goldenberg in: „How Long Can Cyprus Stay Out of the Fray?“, Post des Institute for National Security Studies (INSS), Tel Aviv, 23. Juni 2025.
12) Ilias Mitrousis, a.a.O. (Anmerkung 9)
13) Eine detaillierte Übersicht bietet: Eugene Kogan, „Israeli-Greek Naval, Air Force and Defence Industry Cooperation“, Austria Institut für Europa- und Sicherheitspolitik (AIES), Fokus 10/2021.
14) Judah Ari Gross, "With no landings, Israeli jets train for long-range missions in Greece", Times of Israel, 18. Juni 2018.
15) Die folgende Zusammenstellung stützt sich v.a. auf die israelische Quelle: “The Database of Israeli Military and Security Export: Section Greece", dimse.info; sowie den Text von Eugene Kogan (Anmerkung 13).
16) Global Defense News, 5. April 2025.
17) Zum Zerwürfnis zwischen der Türkei und Israel siehe: Hürcan Aslı Aksoy, „Türkei–Israel: Riskante Eskalation in einer fragmentierten Regionalordnung“, SWP-aktuell Nr. 7, Februar 2026.
18) Ilias Mitrousis, a.a.O. (Anmerkung 9)
19) zitiert nach: Seth J. Frantzman, "Increased Israel-Greek defense ties opening options for Israeli firms", Breaking Defense Europe, 12. Mai 2025.
20) Günter Seufert, a.a.O. (Anmerkung 2)
21) Rameen Siddiqui, „A Mediterranean NATO in the Making: The Israel-Greece-Cyprus Axis“, Modern Diplomacy (Plovdid, Bulgarien) 29. Dezember 2025.
22) Die AWZ-Ansprüche, die in eine türkisch-libyische Vereinbarung gegossen wurden, sind mit dem Seevölkerrecht unvereinbar. Siehe dazu meinen Blog-Text vom 11. September 2020: „Eskalation im östlichen Mittelmeer“. Die türkische Sicht der energiestrategischen Konkurrenz bietet Ozcan Akinci, „Israel, Greece, GCA defence pact: A challenge to NATO cohesion in Eastern Mediterranean“, TRT World, 27. Januar 2026.
23) Weitere Details in dem "United States-Greece Security Cooperation Reporting Act", der dem US-Repräsentantenhaus am 10. Juli 2025 zugeleitet wurde.
24) Siehe Igor Todorović, "Aktor LNG USA signs 20-year supply deal with Albania’s Albgaz", Balkan Green Energy News, 29. April 2026.
25) So soll ein neu gegründeter „National Energy Dominance Council“ (NEDC) den Übergang von der „Energieunabhängigkeit“ zur „Energiedominanz“ der USA organisieren. Vorsitzender des NEDC ist Innenminister Doug Burgum, der den weltweiten Vertrieb von Frackinggas auch als Waffe im Kampf gegen jene „ideologische Bewegung“ sieht, die einen „nicht belegbaren“ Klimawandel behauptet. Siehe dazu den Bericht über die NECD-Sitzung in: Kathimerini vom 13. Februar 2026.
26) Als mögliche US-Basis wird von Athen seit Jahren die Insel Skyros angepriesen. Die im westlichen Teil der Ägäis gelegene Insel verfügt bereits über einen Stützpunkt der griechischen Luftwaffe mit einer drei Kilometer langen Piste, die durch ein Patriot-Abwehrsystem und israelische Drohnen geschützt wird, siehe: To Vima, 15. August 2023.
27) Zu den manifesten Drohungen gehört die „Casus-Belli-Resolution“ der türkischen Nationalversammlung vom 8. Juni 1995. Eine detaillierte Analyse des vielschichtigen Ägäis-Konflikt bieten zwei frühere Texte auf diesem Griechenland-Blog: „Ägäis-Streit und kein Land in Sicht“, 21. Juli 2022; und „Kriegsgeheul in der Ägäis“, 7. April 2017.
28) Siehe etwa die Analyse von Ozcan Akinci, a.a.O. (Anmerkung 22)
29) zitiert nach: Anadolu Agency, 13. April 2026.
30) Eine Übersicht über die griechische Nachsicht gegenüber der Netanjahu-Regierung bietet: Tony Rigopoulos, „Greece’s risky Embrace of Israel“, Foreign Policy in Focus, 27. August 2025, siehe auch Mitrousis, a.a.O. (Anmerkung 9).
31) Gallia Lindenstrauss, „The War Turkey Did Not Want“, INSS Insight No. 2110, 12. März 2026.
32) zitiert nach: "Former Israeli PM Bennett warns Turkey poses a new threat", i24News (Tel Aviv), 17. Februar 2026.
33) Zitiert nach einem Bericht über die sogenannten „Historic Knesset Assembly“ am 11. Februar 2026, siehe: Lena Argiri, "Lawmakers from Greece, Cyprus, Israel and US say Turkey is key source of instability", Kathimerini, 11. Februar 2026.
34) Elad Giladi, „The Iran War May Produce a New Region Order – Less America, More Turkey", Haaretz, 3. April 2026.
35) Der Autor schildert das griechisch-israelische Projekt konsequent als defensiv und als Entwicklung von „countermeasures against Turkiye’s capabilities“, also als Maßnahmen gegen militärtechnologische Erungenschaften der türkischen Seite, siehe: Murat Aslan, "The Greek Achilles Shield Project in the Shadow of Israel", SETA, 19. März 2026.
36) Diese naheliegende Frage taucht auch im Kontext des Abhörskandals nicht auf, bei dem sich der griechische Geheimdienst mittels israelischer Spyware in die Telefone von Journalisten, Oppositionspolitikern und sogar Mitgliedern der Regierung Mitsotakis eingehackt hat. Diesen Abhörskandal und die Rolle von Mitsotakis untersucht mein Blog-Text „Predator über Griechenland“ vom 23. November 2022.
37) Zahlen der EU-Kommission, Stand: Ende Januar 2026.
38) Sina-Maria Schweikle verweist darauf, dass Deutschland 2025 das israelische Raketenabwehrsystem Arrows in Dienst gestellt hat, das etwa 4 Milliarden US-Dollar gekostet hat, siehe: "Wer Waffen aus Israel kauft, der hat politische Mitverantwortung", Süddeutsche Zeitung, 2. Juni 2026.

