11.06.2026

Hellas und Israel

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Hellas und Israel

Griechenland pflegt zu beiden Staaten, die den Iran bekriegen, eine „spezielle“ Partnerschaft. Insbesondere die Allianz mit Israel gilt in Athen als strategisch, denn im Rüstungswettlauf mit der Türkei setzt man auf israelische Militärtechnologie. Genau das könnte den Konflikt zwischen den Ägäis-Nachbarn weiter anheizen.

von Niels Kadritzke

Benjamin Netanjahu und Kyriakos Mitsotakis in Jerusalem, 22. Dezember 2025 ABIR SULTAN picture alliance/ap
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Es war eine wenig beachtete Episode im Vorfeld des Zwölftagekriegs, den Israel und die USA im Juni 2025 gegen Iran führten. Unmittelbar vor Beginn der Luftangriffe erlaubte die Athener Regierung die Nutzung griechischen Bodens für einen außergewöhnlichen Zweck: Das Verteidigungsministerium in Tel Aviv hatte angeordnet, die auf dem Ben-Gurion-Flughafen stationierte zivile Luftflotte Israels im Ausland zu parken, um sie vor iranischen Raketen in Sicherheit zu bringen.

Die meisten Maschinen wurden heimlich nach Larnaka (Zypern) und Athen geflogen. Israelischen Berichten zufolge wurden die Behörden in Griechenland – wie in Zypern – von der Ankunft so vieler israelischer Flugzeuge (samt Personal) überrascht. Doch es ist völlig undenkbar, dass Netanjahu die Erlaubnis zum Parken der israelischen zivilen Luftflotte (einschließlich seines Dienstflugzeugs „Wing of Zion“) auf dem Flughafen der griechischen Hauptstadt nicht bei Mitsotakis persönlich eingeholt hatte. Damit half die Athener Regierung, die Voraussetzungen für den Zwölftagekrieg zu schaffen.

Weniger offensichtlich ist die Rolle Griechenlands im Irankrieg von 2026, den wiederum die USA und Israel am 28. Februar begannen und der immer noch nicht beendet ist. Auch bei diesem völkerrechtswidrigen Angriff stellt sich die Frage nach einer – direkten oder indirekten – griechischen Beteiligung schon deshalb, weil Athen mit den USA wie mit Israel eine enge militärische Kooperation pflegt, die als unverzichtbar für die „nationale Sicherheit“ gilt.

Die griechische Gegenleistung zeigt sich im aktuellen Krieg auf unterschiedliche Weise. Für die Militäroperationen der USA ist speziell deren Militärbasis auf Kreta von größtem Wert, und zwar für die U. S. Navy wie für die Air Force (siehe nebenstehenden Text). Für Israel dagegen spielte der Bündnispartner Griechenland vor allem bei der langfristigen Vorbereitung beider Irankriege eine wichtige Rolle.

Das gilt speziell für die enge Kooperation zwischen der griechischen und der israelischen Luftwaffe. Letztere nutzt den griechischen Luftraum bereits seit 2016 für Trainingsflüge und großformatige Manöver. Im Juni 2018 konnten 40 israelische Kampfjets, unterstützt von Tankflugzeugen, „einen Krieg an mehreren Fronten simulieren, darunter größere Bombenangriffe gegen Ziele im Gazastreifen“.

Ein weiteres Großmanöver im griechischen Luftraum fand Mitte September 2023 statt. Dabei hatte die israelische Luftwaffe die Gelegenheit, einen „umfassenden Langstreckenangriff“ in Vorbereitung eines „potenziellen Luftschlags gegen Iran und seine Atomanlagen“ zu trainieren.1

Die bilaterale militärische Kooperation wurde durch ein „Status of Forces Agreement“ (SOFA) formalisiert, das kurz nach dem Zwölftagekrieg unterzeichnet wurde. Seitdem können beide Partner militärische Einheiten auf dem Territorium des anderen stationieren.

Über die bilaterale Zusammenarbeit hinaus hat sich ein trilaterales Format zwischen Israel, Griechenland und Zypern entwickelt. Das Etikett „3+1 cooperation mechanism“ (das +1 steht für die Schirmherrschaft der USA) sah ursprünglich die Koordination gemeinsamer Energie- und anderer ziviler Projekte vor. Im Dezember 2025 wurde das Format um eine militärische Dimen­sion erweitert; für das zweite Halbjahr 2026 sind gemeinsame Luft- und Seemanöver im östlichen Mittelmeer geplant. Laut Jerusalem Post (28. Dezember 2025) soll eine gemeinsame Kampfgruppe von 2500 Mann entstehen, die in Krisensituationen schnell mobilisiert werden kann. Ob und wie weit dieser Plan nach dem Irankrieg umgesetzt wird, bleibt abzuwarten.

Auf bilateraler Ebene konkretisiert sich die militärische Kooperation unter anderem in einem Projekt, das im Oktober 2022 angelaufen ist. Seitdem wird das internationale Ausbildungszentrum der griechischen Luftwaffe in Kalamata (Südpeloponnes) von dem israelischen Luft- und Raumfahrtkonzern Elbit Systems betrieben, der auch die Luftkampfsimulatoren stellt. Der Vertrag mit Elbit läuft über 20 Jahre und belastet den griechischen Verteidigungshaushalt mit insgesamt 1,5 Milliarden Euro.

Der Eckstein für das Bündnis ist jedoch eine militärtechnologische Kooperation auf drei Ebenen. Erstens kauft das griechische Militär immer mehr israelische Waffensysteme, deren Wert bereits in die Milliarden Euro geht. Zweitens erwerben israelische Rüstungsunternehmen griechische Firmen. So hat die SK Group das griechische Unternehmen ELVO gekauft und mit dem griechischen Etikett zugleich eine Art EU-Pass erworben, der den Export israelischer Rüstungsgüter erleichtern soll. Drittens werden gemeinsame Rüstungsprojekte entwickelt, etwa Drohnenabwehrsysteme, Kriegsschiffe und Unterwasserdrohnen.

Im April wurde bekannt, dass Griechenland das israelische Mehrfachraketenwerfer-System PULS kauft, das von Elbit Systems entwickelt wurde. Das 690 Millionen Euro teure Gerät gilt als erster Schritt zur Realisierung des ambitioniertesten – und teuersten – Projekts, mit dem sich das griechische Militär an die israelische Rüstungsindustrie bindet.

Nach dem Vorbild des israelischen „Iron Dome“ will Griechenland einen mehrschichtigen Abwehrschirm über der Ägäis errichten. Das Projekt mit dem stolzen Namen „Schild des Achilles“ („Aspída tou Achilléa“) basiert in seinen Kernfunktionen vollständig auf israelischer Militärtechnologie.

Dieser Schild soll vor allen denkbaren Bedrohungen schützen – vor Flugzeugen, Mittelstreckenraketen, Cruise-Missiles, Angriffsdrohnen, Kriegsschiffen und U-Booten. Die wichtigsten Komponenten sind die israelischen Abwehrraketensysteme Spyder, Barak MX und David’s Sling, die Flugzeuge und Raketen aller Reichweiten abfangen können. Der gesamte Schutzschirm soll noch 2027 voll funktionsfähig sein und wird mindestens 3 Milliarden Euro kosten.

Als erster Schritt wird das PULS-System (Reichweite 300 Kilometer) auf den griechischen Inseln im Osten der Ägäis installiert – also auf Inseln nahe der türkischen Küste. Damit trägt der „Schild des Achilles“ zur Eskalation des griechisch-türkischen Rüstungswettlaufs bei. Aus Athener Sicht bietet der Hightechschild dauerhaften Schutz vor dem östlichen Ägäisanrainer, dem man expansive Absichten auf Kosten Griechenlands unterstellt. Dass dies mittels israelischer Militärtechnik ­realisiert werden soll, ist für die Türkei allerdings ein rotes Tuch.

Die enge politische und militärische Allianz Griechenlands mit Israel wie mit den USA erklärt sich – nicht ausschließlich, aber hauptsächlich – aus der „ewigen“ griechisch-türkischen Rivalität, die sich, meist latent und manchmal offen, vor allem in der ­Ägäis, aber inzwischen auch im östlichen Mittelmeer abspielt. Die innere Logik der griechischen Bündnispolitik erschließt sich nur, wenn man sie durch das Prisma der griechisch-türkischen und der türkisch-israelischen Beziehungen betrachtet.

Das Feindbild Türkei schmiedet zusammen

„Es gibt einen strategischen Grund, der Israel und Griechenland zusammenschmiedet, und dieser Grund heißt ‚Türkei‘ “, befindet Gallia Lindenstrauss vom Israelischen Institut für Nationale Sicherheitsstudien, die das gemeinsame Feindbild Türkei als „solide Interessenbasis“ der beiden Länder bezeichnet. Das gilt auch für das Dreier­bündnis Israel-Zypern-Griechenland, das die sicherheitspolitische Koordination „zwischen den Rivalen der Türkei in der östlichen Mittelmeerregion“ gewährleistet (Times of Israel, 28. Dezember 2025).

Warum die griechische Verteidigungspolitik speziell in der Ägäis auf die israelische Karte setzt, hat einen besonderen Grund. Obwohl die USA ihre militärische Präsenz in Griechenland ständig ausbauen, haben sie Athen einen erklärten Wunsch verwehrt: die Errichtung einer US-Basis auf einer Ägäis­insel. Washington verweigert dieses „geopolitische“ Signal, weil man im türkisch-griechischen Konflikt formell eine neutrale Position bezieht. Speziell Trump will auf keinen Fall Erdoğan vor den Kopf stoßen, der (unter anderem) als Vermittler zwischen Iran und den USA gefragt sein könnte.

Ein besonders brisanter Punkt im griechisch-türkischen Streit ist seit vier Jahren die Forderung Ankaras, die griechischen Inseln nahe der türkischen Küste müssten entmilitarisiert werden. Zur Begründung verweist man auf die Verträge von Lausanne (1923) und Paris (1947), die für die ostägäischen Inseln und den Dodekanes tatsächlich einen entmilitarisierten Status vorsehen. Diese Bestimmungen werden allerdings durch die UN-Charta überlagert, die in Artikel 51 das Recht auf Selbstverteidigung etabliert.

Solange Ankara die Zugehörigkeit mehrerer Inseln zu Griechenland anzweifelt und sogar mit militärischen Aktionen droht, kann Athen eine „Entmilitarisierung“ seiner Ostgrenze – von Lesbos bis Rhodos – mit Fug und Recht ablehnen und eine defensive Aufrüstung seiner Inseln rechtfertigen. In der Türkei sieht man das natürlich anders. Die AKP-nahe Zeitung Yeni Şafak bezeichnete Griechenland in einer Schlagzeile als „Israels trojanisches Pferd in Europa“, da es den Israelis gestatte, „ihre modernsten Verteidigungssysteme in die europäische Sicherheitsarchitektur zu integrieren“.

Aus Sicht Athens sind diese „modernsten“ Systeme das Mittel der Wahl, um die Verteidigungsfähigkeit ihres Inselterritoriums auf lange Sicht zu sichern. Doch aktuell könnte die Installation israelischer Militärtechnologie eher wie ein Brandbeschleuniger des ewigen Ägäiskonflikts wirken.2

Für die Regierung Mitsotakis hat der „Schild des Achilles“ noch eine weitere Funktion. Mit dem Verweis auf griechische „Sicherheitsinteressen“ rechtfertigt sie ihr Schweigen zur Politik ihres israelischen Bündnispartners, die von großen Teilen der eigenen Gesellschaft scharf verurteilt wird. In Griechenland dominiert seit Jahrzehnten eine propalästinensische und israelkritische Stimmung, die sich zum Teil aus alten antisemitischen Vorurteilen speist. Die konservative ND-Regierung hat trotz dieser Stimmung bislang weder die israelischen Kriegsverbrechen in Gaza noch die ethnischen Säuberungen in den besetzten Gebieten, noch die völkerrechtswidrigen Militäroperationen im Südlibanon und im Süden Syriens kritisiert. Und natürlich hat sie auch die beiden Irankriege weder pro­ble­ma­ti­siert noch verurteilt.

Damit verhielt sich Griechenland ähnlich ausweichend wie fast alle EU-Länder – mit Ausnahme Spaniens.3 Doch Mitsotakis hat für sein Schweigen einen besonderen Grund: Sein engster Bündnispartner ist zugleich sein wichtigster Waffenlieferant.Das erklärt auch die Nachsicht, mit der er auf einen Piratenakt reagierte, den israelische Kommandos am 30. April im Seegebiet südwestlich von Kreta vollführten, als sie 22 Boote der Global Sumud Flotilla auf ihrem Weg nach Gaza enterten und seeuntüchtig machten. Die 175 Aktivist:innen überließ man ihrem Schicksal. Sie wurden zwar von der griechische Küstenwache gerettet, in deren Search-and-Rescue-Zone (SAR) sich der Überfall abspielte. Doch die israelischen Kommandos wurden nur zum Verlassen der Gewässer aufgefordert. Von Ermittlungen oder gar einer Anklage sah die griechische Seite ab.

Diese Episode verdeutlicht die unbeirrbare Komplizenschaft mit einem Bündnispartner, der aus seinen expansionistischen Zielen keinen Hehl macht. Für die Regierung Mitsotakis kann sich das als gravierendes Problem erweisen – und zwar gerade im Konflikt mit der Türkei.

Darauf hat der Journalist Alexis Papachelas schon vor dem Irankrieg hingewiesen. Der Chefredakteur der konservativen Zeitung Kathimerini erläuterte am 5. Januar 2026, warum die „strategische Beziehung“ zu Israel die Athener Regierung vor „harte Entscheidungen“ stellen werde: Die israelische Wahrnehmung der Türkei habe sich unter der Regierung Netanjahu erheblich gewandelt; inzwischen betrachte das gesamte israelische Sicherheits­establishment das Erdoğan-Regime als „strategischen Rivalen Nr. 1 in der Region“. Griechische Regierungsvertreter hätten sogar den Eindruck gewonnen, dass ihre israelischen Partner die Türkei heute „in etwa wie Iran ansehen“.

Das ist eine überzogene Wahrnehmung, die sich in Israel allerdings verfestigen könnte, wenn die Türkei eine Atomwaffe anstreben sollte. Doch unabhängig von der A-Frage fällt das Bild, das im israelischen Diskurs von Erdoğans Türkei gemalt wird, immer feindlicher aus. Kurz vor dem neuen Irankrieg erklärte Ex-Ministerpräsident Naftali Bennett, Ankara schmiede – zusammen mit Katar – eine „neue monströse Achse der Muslimbruderschaft ähnlich der iranischen“. Und Yossi Kuperwasser vom Jerusalem Institute for Strategy and Security bezeichnet die Konfrontation mit der Türkei als „strukturell und langfristig“, weshalb die Kooperation mit anderen Gegnern der Türkei „nicht nur wichtig, sondern notwendig“ sei.

Zu diesen „notwendigen“ Verbündeten kann Israel heute die beiden „hellenischen Staaten“ Griechenland und Zypern zählen. Für die stellt sich allerdings die Frage, ob sich damit ihre eigene „Sicherheit“ gegenüber dem gemeinsamen Gegner Türkei tatsächlich erhöht.

Papachelas meldet in seinem Leitartikel gewichtige Zweifel an, die mit Sicherheit auch die Athener Regierung beschäftigen. Der Kathimerini-Chef, der ein enger Vertrauter von Mitsotakis ist, registrierte auf griechischer Seite bereits vor dem Irankrieg ein gewisses „Unbehagen“ wegen der antitürkischen Wendung der israelischen Politik.

Der Grund: Offiziell betreibt die Mitsotakis-Regierung gegenüber der Türkei eine Politik der „ruhigen See“, will also den latenten Streit gerade in diesen unruhigen Zeiten nicht hochkochen. Was aber, wenn Netanjahu beschließt, „mit Ankara ‚hard ball‘ zu spielen – und von Griechenland dasselbe verlangt“? Für den Fall befürchtet Papachelas, dass die Israelis „wie immer, wenn sie sich etwas vornehmen, ungeduldig und fordernd auftreten“. Das könnte für Griechenland unliebsame Überraschungen bergen – von terroristischen Attacken bis hin zum „Risiko einer zufälligen Kollision mit Ankara, verursacht durch einen äußeren Faktor“.

Papachelas formulierte seine Bedenken unter der Überschrift „Dilemmata einer strategischen Beziehung“. Ein Dilemma ist eine Zwickmühle, in die man gerät. Hier jedoch handelt es sich eher um eine selbst gestellte Falle. Griechenland hat sich militärstrategisch in zwei toxische „special relationships“ verwickelt. Beide Sicherheitspartner kennen nur die Interessen ihres Landes, wobei einer von ihnen unberechenbar, wenn nicht unzurechnungsfähig ist. Und beide Partner haben ein zynisches Verhältnis zur internationalen Rechtsordnung nach dem Motto: Wenn das Völkerrecht meinen Interessen entgegensteht, umso schlimmer für das Völkerrecht.

Was bedeutet das für Griechenland und Zypern, die sich in ihrem Dauerkonflikt mit der Türkei ständig auf das Völkerrecht berufen? Athen und Nikosia hätten „null Einfluss auf die regionale Strategie ihrer neuen Sicherheitspartner“, aber beide „bekommen die ökonomischen Folgen und die politischen Rückwirkungen des Konflikts zu spüren“, stellt der Türkeiexperte Günter Seufert fest.4 Und beide stützen ihre Verteidigungspolitik bislang auf das Kalkül: Je größer ihre Bedeutung für die Militär-, Sicherheits- und Energiestrategien der USA und Israels, desto besser steht es um die eigene Sicherheit.

Mit dem Irankrieg hat sich offenbart, dass diese Rechnung nicht nur illusionär, sondern gefährlich ist. Die Sicherheitspartnerschaft mit den USA und Israel heizt die Spannungen mit der Türkei in der Ägäis wie auch in Zypern eher weiter an. Zudem könnte die Türkei, wie Seufert meint, nach dem Ende des Irankriegs gute Chancen haben, ihren ökonomischen und politischen Einfluss in der gesamten Nahostregion noch weiter auszubauen.

Wenn es so kommt, werden Politiker und Militärs in Athen noch mehr in die eigene „Sicherheit“ investieren, zuallererst in den wundertätigen „Schild des Achilles“. Doch der wird israelisch sein, und das hat Risiken und Nebenwirkungen.

Der Schild des griechischen Superhelden wurde von Hephaistos gefertigt, dem Gott des Feuers und der Waffenschmiede. Er sollte Achilles unverwundbar für die Waffen der Trojaner machen. Doch bekanntlich hatte der Halbgott eine Schwachstelle am Fuß. Die Achillesferse des israelischen Schutzschilds ist offensichtlich: Alle Daten, auf denen das Funktionieren des „Iron Dome“ über der Ägäis beruht, laufen nicht nur im Athener Verteidigungsministerium zusammen; sie landen auch in Tel Aviv. Damit verschafft sich Israel gegenüber Griechenland nicht nur ein politisches Druckmittel, sondern auch ein militärtechnologisches Potenzial, das zu Manipulation und Druck bis hin zur Erpressung genutzt werden kann.

In Griechenland gibt es keine echte Debatte über die Achillesferse des Raketenschilds – trotz wachsender Kritik am Irankrieg und der verbreiteten Empörung über israelische Kriegsverbrechen und Annexionspläne in Gaza, im Westjordanland und im Südlibanon.

Auch die enormen Kosten der Aufrüstung sind kein größeres Thema, nicht einmal für die griechische Linke. Dabei bedeutet der Kauf von israelischer Militärtechnologie nicht nur erhöhte Staatsausgaben, sondern auch einen Verzicht auf europäische Gelder: Langfristige Kredite, die EU-Mitgliedstaaten über das Programm „Safe Action for Europe“ (­SAFE) beziehen können, kommen für die Finanzierung des teuren Achilles­schilds nicht infrage. Die 150 Milliarden Euro aus dem SAFE-Topf sollen nicht nur die „strategische Autonomie“ der Europäer stärken, sondern auch die europäische Rüstungsindustrie ankurbeln. Deshalb müssen die geförderten Projekte zu mindestens 65 Prozent aus Komponenten bestehen, die in EU-Ländern produziert wurden. Wobei zu den begünstigten Zulieferländern auch die EFTA-Staaten und die Ukraine gehören – nicht aber Israel.

Die 65-Prozent-Klausel ist der Grund dafür, dass Griechenland aus dem SAFE-Programm lediglich 787 Millionen Euro in Anspruch nehmen will. Zum Vergleich: Polen bedient sich mit 28,4 Milliarden, Frankreich mit 15,1 Milliarden, Italien mit 14,9 Milliarden und selbst Bulgarien noch mit 3,2 Milliarden Euro. Die Athener Regierung verzichtet also auf EU-Finanzhilfen, während sie ­Steuergelder dafür verwendet, den militärisch-politischen Komplex des Rüstungspartners Israel zu finan­zieren. Dieser Komplex ist mittlerweile eine echte Erfolgsgeschichte: Anfang Juni meldete das Verteidigungsministerium in Tel Aviv, dass israelische Rüstungsunternehmen im Jahr 2025 Lieferverträge über 19,2 Milliarden Dollar abschließen konnten, was gegenüber dem Vorjahr einen Anstieg um knapp 30 Prozent bedeutet.

Ministerpräsident Kyriakos ­Mitsotakis stellt sich gerne das Zeugnis aus, dass er auf der „richtigen Seite der Geschichte“ stehe. Tatsächlich könnte es sein, dass sich seine Regierung, wenn sie ihre „speziellen“ Beziehungen zu Trumps USA und zu Netanjahus Israel nicht hinterfragt, am Ende auf der falschen Seite der künftigen Realität wiederfinden.

1 Times of Israel, 18. Juni 2018 und 14. September 2023. Für die Quellen der weiteren Zitate und faktischen Informationen siehe die ausführliche Analyse im Griechenlandblog des Autors: monde-diplomatique.de/blog.

2 Dazu ausführlich „Ägäis-Streit und kein Land in Sicht“, Griechenlandblog, 21. Juli 2022.

3 Siehe Pedro Sánchez, „Regeln halten die Welt zusammen“, LMd, April 2026.

4  Günter Seufert, „Caught Between Geopolitical Rivals“, CATS Network Paper Nr. 28, 13. Mai 2026.

Niels Kadritzke ist Redakteur bei LMd, Berlin.

© LMd, Berlinh

Le Monde diplomatique vom 11.06.2026, von Niels Kadritzke