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Dein Körper, dein Kapital

Wenn Gesundsein zur Bürgerpflicht wird von François Cusset

Hören Sie auf zu rauchen, erhalten Sie Ihr Gesundheitskapital! Diese Botschaft füllte kürzlich die Plakatwände aller französischen Städte und die Titelseiten der Tageszeitungen.1 Es scheint in Vergessenheit geraten zu sein, dass Gesundheit ein kulturelles Konstrukt ist, zu dem sich jeder individuell verschieden verhält. Stattdessen reduziert man Gesundheit auf ein Guthaben, dessen Ertrag von der Strategie jedes Einzelnen abhängt, der für seine Entscheidungen persönlich verantwortlich gemacht wird.

Bereits 1975 hatte Michel Foucault den „medizinischen Blick“ als wesentlichen Bestandteil unserer modernen „Kontrollgesellschaften“ beschrieben.2 Gut dreißig Jahre später gibt es kaum noch kritische Stimmen, die die zentrale Funktion des neuen Gesundheitsdiskurses in unseren demokratischen Marktwirtschaften beschreiben könnten. Wer würde es auch wagen, die herrschende Norm der Optimierung des Körpers und seiner Organe, der Risikoprävention und Selbstentfaltung infrage zu stellen? Sie wird als etwas ganz Natürliches dargestellt, als eine positive Neigung, die die neuen Gesundheitsexperten in uns wecken sollen.

Mit seiner vitalistischen Dynamik, seiner Aufforderung zur Mobilisierung des Körpers übertönt der fortgeschrittene Kapitalismus inzwischen alles. Zurzeit erklingt überall nur das Loblied der individuellen Gesundheitsvorsorge, ob es nun um Zigaretten, Alkohol, Umweltgifte oder UV-Strahlen geht. „Zwei von drei Franzosen gefährden ihre Gesundheit“, heißt es in einer Ende 2007 im Auftrag der Firmen Kiria und Philips erstellten Umfrage des Ifop-Instituts. „Eine Gedankenlosigkeit, die schon fast an Mutwillen grenzt“, kommentieren in paternalistischem Ton die Experten, und die Psychologen bemühen sich zu erklären, „warum die Menschen mit ihrem kostbarsten Gut so fahrlässig umgehen“ – besonders die Jugendlichen, der „Teil der Bevölkerung, der die meisten Blankoschecks auf seine gute Gesundheit ausstellt“.

Auf dass die Politik besser gegen eine derart kriminelle Inkonsequenz ankomme, hilft ihr die unselige „Soziotypisierung“ auf die Sprünge, die seit dreißig Jahren Klassenkonflikte hinter dem Begriff des Lebensstils verschleiert. Sie schlägt vor, die Franzosen in vier Gesundheitsgruppen einzuteilen: die „Unbekümmerten“ (27 Prozent), die „Traditionalisten“ (25 Prozent), die „Vorsorgenden“ (24 Prozent) und die „Fatalisten“ (24 Prozent) – wobei Letztere oft arm und/oder jung sind.

Gemäß der heute vorherrschenden Logik des „Risikos“, das jeder individuell zu tragen habe, wird die Gesundheit zur persönlichen Vorsorgeverpflichtung umdefiniert. Damit haben Versicherer, Industrie und Medien den Schlüsselbegriff der „Gesundheitsverpflichtung“ hoffähig gemacht. Ihr wagen sich nur noch unverbesserliche Raucher, Trinker, Unsportliche, Ernährungsbanausen und andere chronisch Depressive zu entziehen, und zwar sowohl auf ihre eigenen Kosten wie zu Lasten der Gemeinschaft. Ihnen selbst und niemand anderem seien sowohl ihre schwächlichen Vitalfunktionen anzulasten als auch die Schwäche der schon viel zu lange „umverteilenden“ Volkswirtschaft, das jedenfalls behaupten die neuen Gesundheitsökonomen. Beispielsweise der Universitätsprofessor Claude Le Pen, der das „klassische Dichotomiephänomen“ bei Patienten beklagt, die trotz ihrer Ängste nicht tun, „was man tun muss“, oder der sozialistische Abgeordnete Jean-Marie Le Guen, der sich beklagt, in Frankreich gebe es weder eine „Kultur der Volksgesundheit“ noch ein Bewusstsein der individuellen Verantwortung für das „Loch im Gesundheitssystem“.

Der ehemals maoistische Philosoph François Ewald konzipierte vor einigen Jahren gemeinsam mit dem damaligen Vizepräsidenten des französischen Arbeitgeberverbands Medef, Denis Kessler3 , die volltönenden Begriffe der „Risikologie“ (die Theorie vom Risiko als „letztem gesellschaftlichen Kitt“) und des „Vorsorgeprinzips“ für das systematische Aufspüren jedes risikoreichen Verhaltens.

Unterstützt von einer Haltung der Selbstmaximierung und -rentabilisierung, hat diese Vorgehensweise nach und nach sämtliche bislang unberührten Lebensbereiche erobert: Jetzt muss der sexuellen Fehlfunktion eines Paares mit Kind(ern) vorgebeugt werden. Jeder Urlaub muss optimale Regeneration ermöglichen. Man muss sich an die Grundsätze einer gesunden Ernährung halten oder an die neue Biopolitik der schlanken Linie. Man muss Sport treiben, um länger zu leben oder um sich einen Vorzeigekörper, einen „Körper für draußen“ (Georges Vigarello) zulegen.

Man kann sich natürlich auch in Extremsportarten versuchen – für den richtigen Schuss Adrenalin, oder seinen persönlichen Beitrag zum großen Fernseh-Benefizprogramm „Téléthon“ leisten, schließlich erfordert auch jede Muskelerkrankung eine kleinere Anstrengung. Im Grunde ist jeder von uns dafür verantwortlich, wenn uns im Jahre 2008 immer noch so anachronistische Unglücke wie Krankheiten oder körperlicher Verfall zustoßen.

Gesundheit wird neuerdings zumeist nicht mehr als Widerstandsfähigkeit gegen Krankheiten verstanden, sondern als Vorsorge gegen jedes Lebensrisiko sowie faktisch als Optimierungsziel jedes Individuums, vor allem jeder Arbeitskraft. Gesundheit ist nicht länger ein Gleichgewichtszustand, sondern ein Ideal persönlicher und beruflicher Selbstverwirklichung. Die französische Monatszeitschrift Vital (gegründet 1980) brachte diese Verbindung von Gesundheit, Selbstmobilisierung und der Aufforderung, „ein Individuum zu werden“, sich selbst voll zu verwirklichen, mit der Formel auf den Punkt: „Es lohnt sich schon, den eigenen Bauchnabel etwas näher zu betrachten.“

Auch „die Unternehmen wünschen sich Mitarbeiter, die in Form sind“, wie die Zeitung Les Echos erklärt: Es gibt neue Gesundheitsprogramme mit Anreizen zur Vorsorge (bei PepsiCo oder Unilever), Sensibilisierung für gesunde Ernährung (bei Crédit Agricole), die angestrebte Verbesserung der persönlichen Gesundheitsbilanz (bei Kraft Foods), einen Wettbewerb unter den Angestellten darum, wer am meisten auf seine Gesundheit achtet (der Große AXA-Gesundheitspreis), oder wie in den USA – die uns wieder einmal eine Nasenlänge voraus sind – Geldbußen für widerspenstige Mitarbeiter, „wenn ihr Gewichtsziel nicht erreicht ist“ (bei Clarian Health Partners).4

So machen sich die innovativsten Betriebe zu effizienten Vermittlern der neuen staatlichen Biopolitik, die Körper und Leben der staatlichen Verwaltung unterstellt. Auch diese Funktion (und ihre Entstehung) hat Michel Foucault damals herausgearbeitet. Seit einigen Jahrzehnten hat sie eine neue Wendung genommen: die Ausdehnung der Vorsorgepolitik, die Verurteilung bestimmter Verhaltensweisen, die Kontrolle der Lebensführung und der Gesundheitsrisiken. Mit anderen Worten: In dem Augenblick, in dem sich der alte Vorsorgestaat zurückzieht, präsentiert sich die Macht über die Körper der Bürger nicht repressiv, sondern setzt Anreize, sie agiert nicht hoheitlich, sondern appelliert an das Verantwortungsbewusstsein, sie schreibt nicht mehr direkt etwas vor, sondern fördert die Verinnerlichung der Kontrollmechanismen.

Hier agieren Pharmariesen und staatliche Experten, Minister und Privatmedien, Auftraggeber für Werbung und Ethikräte Seite an Seite, nicht in Form einer Verschwörung der Mächtigen hinter dem Rücken des Bürgers, sondern vielmehr im tiefsten Sinne der neoliberalen Logik, für die Foucault seinerzeit ebenfalls eine historische Genealogie vorgeschlagen hatte.5

Foucault definierte den Neoliberalismus zum einen als Selbstbegrenzung der Politik, mit einer den Marktkräften unterworfenen, sich auf das Nötigste beschränkenden Regierung, und zum anderen als neuen Modus der Politik. Biopolitik zielt darauf ab, die Lebensproduktion zu organisieren und zu fördern und den atomisierten Individuen (Wählern und/oder Verbrauchern) zu diesem Zweck die entscheidende Aufgabe der Selbstkontrolle und -maximierung zu übertragen. Sie legt Regeln fest, denen sie das Verhältnis zwischen den Körpern unterwirft, auch das von jedem Körper zu seinem (Über-)Leben sowie das Verhältnis zwischen dem Leben selbst und seiner vollen Entfaltung.

Wenn uns nicht nur die Umweltingenieure und Bioernährungsforscher sagen, wie wir zu unserem eigenen Wohl und zum Wohle des Kollektivkörpers leben sollen, sondern auch die Risikologen, die Ökonomen, die Talkshow-Therapeuten, die Fitnesstrainer und die alternativen Sexologen, die Pharmariesen und die Politiker jeglicher Partei, bis hin zur eigenen Familie oder Personalabteilung, die unser Gesundheitskapital optimieren will, dann ist dieser Körper, den man uns zuschreibt, definitiv nicht mehr der unsrige.

Dieser utopische, in der Werbung allgegenwärtige Körper, stets mit einem triumphierenden Possessivpronomen herausgeputzt, wird im Gegenteil zum Schauplatz der heimtückischsten aller Enteignungen: Er ist überhaupt nicht mehr mein Körper, falls er das je war. Er ist noch weniger mein Eigentum als zu der Zeit, in der der Körper von allerlei Verboten eingeengt war und ein weltlicher Herrscher über Leben und Tod befand, und noch viel weniger als in jener vergessenen Zeit, als dieser Lust empfindende und sterbliche, kranke und spontan agierende Körper noch nicht bis in sein tiefstes Inneres von den heutigen Mächten besetzt war.

Fußnoten: 1 Siehe das Spezialthema Gesundheit in Le Figaro, 26. November 2007, und „La santé à l’épreuve des modes de vie“, in Les Echos, 3. Oktober 2007 (aus diesen Artikeln stammen die Zitate im Text). 2 Siehe vor allem „Überwachen und Strafen. Die Geburt des Gefängnisses“, Frankfurt am Main (Suhrkamp) 1994. 3 François Ewald und Denis Kessler, „Les noces du risque et de la politique“, in: Le Débat Nr. 109, März/April 2000. 4 „Les entreprises veulent des salariés en forme“, in: Les Echos, 3. Oktober 2007. 5 Michel Foucault, „Die Geburt der Biopolitik. Geschichte der Gouvernementalität II“ (Vorlesung am Collège de France 1978/79, II), Frankfurt am Main (Suhrkamp) 2006.

Aus dem Französischen von Sabine Jainski François Cusset ist Professor für Soziologie und Autor von „La Décennie. Le grand cauchemar des années 1980“, Paris (La Découverte) 2008.

Le Monde diplomatique vom 11.01.2008,