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Reich und heilig in Uganda

Evangelikale Kirchen missionieren in die eigene Tasche von Anouk Batard

Juni 2007, im Stadion von Ugandas Hauptstadt Kampala: „Mit Gottes Hilfe bin ich der Armut entronnen und besitze jetzt ein Privatflugzeug“, rief der US-amerikanische Fernsehprediger Creflo A. Dollar der Menge zu, die sich dort versammelt hatte. „Um Erfolg zu haben, muss man am besten Evangelist werden … Ihr müsst aber auch Gott vertrauen … sparen, Zukunftspläne machen und auf den Heiligen Geist hören“, fügte der Millionär hinzu, und die Tausendschaften seiner Gläubigen quittierten es spontan mit: „Amen!“

Die von Musik und Tanz begleitete Show fand im Rahmen eines „Kreuzzugs gegen die Armut“ statt, allenthalben angekündigt mit Werbeplakaten und Basecaps, auf denen sein Bild oder „I love Jesus“ in Samtbuchstaben prangten. Einige Stunden vorher war der Prediger mit großem Pomp von Pastor Robert Kayanja und Nsaba Buturo, dem Minister für Ethik und moralische Integrität, am Flughafen empfangen worden. Er nutzte seinen Aufenthalt in Uganda, um mehrere hundert einheimische Pastoren, zahlreiche Parlamentarier und Regierungsmitglieder sowie Angehörige der Präsidentenfamilie zu treffen. Ihm zu Ehren wurde ein Geschäftsessen im größten Hotel von Kampala ausgerichtet.

Creflo A. Dollars medienwirksame Reise ist symptomatisch für die Entwicklung des evangelikalen Christentums in Ostafrika: Dort entfaltet sich diese spirituelle Richtung zwischen hemmungsloser Geschäftemacherei und politischem Lobbyismus vor dem Hintergrund sozialer Verzweiflung – insbesondere ihr auffallendster Zweig, die Pfingstkirche. Die sogenannte Erweckungsbewegung, im Wesentlichen Pfingstler und Charismatiker1, hat sich innerhalb von 20 Jahren explosionsartig verbreitet. Bei der Volkszählung von 2002 in Uganda wurde sie zum ersten Mal als eigene, vom traditionellen Protestantismus getrennte Kategorie erfasst und machte 4,6 Prozent der Bevölkerung aus.

Aber in Wirklichkeit gibt es viel mehr Evangelikale, zu welcher genauen Glaubensrichtung sie auch gezählt werden mögen. Einerseits gehören viele offiziell noch der anglikanischen Kirche an: Ein Drittel der 35,9 Prozent Protestanten bezeichnen sich selbst als „Wiedergeborene“.2 Andererseits hat die katholische Kirche3 , auf die 41,9 Prozent der Bevölkerung entfallen, einen Teil der Charismatischen Bewegung integriert, um den Schwund an Gläubigen zu bremsen. Insgesamt sind heute schätzungsweise 5 Millionen Ugander – das wäre jeder sechste Einwohner – evangelikale Christen.4

Die Pfingstbewegung wurde in den 1960er-Jahren von angelsächsischen Evangelisten nach Uganda gebracht. Dieser gefühlsbetonte und auf Wunderglauben beruhende Kult fand, ebenso wie einst die ostafrikanische „Erweckung“ der 1930er-Jahre, großen Zuspruch. Das Ende der in Religionsfragen restriktiven Herrschaft Idi Amin Dadas löste 1979 einen weiteren Schub aus.5 Seither folgt in den Stadien Ugandas ein selbst erklärter „Kreuzzug“ auf den anderen, und immer neue Glaubensgemeinschaften mit den absonderlichsten Namen sprießen wie Pilze aus dem Boden: Versammlung Gottes, Kirche des Lebens, Kirche des Sieges, Palast des Gebets, Internationale Kirche des Schicksals, Amt für geistlichen Kampf, Evangelisches Zentrum das Heils …

Die seit den 1990er-Jahren sprunghafte Verbreitung der Evangelikalen ist ein vorwiegend urbanes Phänomen. Die Gemeinden verwandeln Schuppen, Garagen, Läden, Schulen, ehemalige Kinosäle und Diskotheken in Gebetsstätten, wo die Ärmsten der Armen in Schmutz und Staub massenhaft zusammenströmen. Neuerdings gibt es auch Bethäuser für den Mittelstand: Hier sind es Akademiker, Geschäftsleute, Führungskräfte, hohe Beamte und Politiker, die in die Hände klatschen. Eine Tochter des Präsidenten, Patience Rwabwogo, hat sogar ihre eigene Kirche eröffnet. Und die Bewegung breitet sich langsam auch auf ländliche Gebiete aus.

Bibeln und Decken im Doppelpack

Seit dem Waffenstillstand im Norden Ugandas6 sind die „Kreuzzüge“ einheimischer oder westlicher Pastoren dort fast allwöchentliche Ereignisse geworden. Evangelikale Missionen dringen in Schulen, Krankenhäuser, Schlafstätten für Nachtpendler7 , Wiedereingliederungszentren und Vertriebenenlager vor und verbinden geistliche Aktivitäten mit materieller und psychologischer Hilfeleistung, indem sie Bibeln und Decken im Doppelpack verteilen. „Die Flüchtlingslager mit ihren zwei Millionen geschwächter und verzweifelter Menschen sind ein besonders ergiebiges Revier für diese neuen Kirchen“, meint Pater Luis Domingo von der katholischen Mission in Kitgum. „Aber wird diese Bewegung noch so viele Anhänger finden, wenn die Leute erst einmal in ihre Dörfer zurückgekehrt sind und wieder für sich selbst sorgen können?“

In dieser Region, die besonders unter dem Krieg gelitten hat, gibt es nur zwei Radiostationen, eine davon ist freikirchlich-evangelikal. Außer den BBC-Nachrichten verbreitet Peace Radio christliche Musik sowie Erziehungs- und Predigtprogramme. Finanziert wird der Sender von einer Pfingstkirche und Childcare, einer freikirchlichen NGO, die unter der Leitung einer Australierin 350 ugandische „Wiedergeborene“ zu ihren Mitarbeitern zählt, bereits fünf Schulen mit insgesamt 6 500 Kindern betreibt und die Gründung einer TV-Station plant. Durch den Einsatz im sozialen und humanitären Bereich wird das Versagen des Staates aufgefangen, und mit den Spenden mehren sich die Bekehrten. Jeden Monat lassen sich an die 50 neue, auf den Glauben gegründete Organisationen als NGOs registrieren. Mindestens 3 000 sind im ganzen Land aktiv.8 Die meisten stehen unter der Obhut angelsächsischer Kirchen und haben Waisenhäuser aufgebaut.

Der Mann an der Spitze der Gemeinschaft „Back to the Bible“, Apostel Alex Mitala, tritt gern wie eine Art Moses in Cowboystiefeln auf: „Bekehrungseifer ist eine wunderbare Sache! Die Leute brauchen Erneuerung“, ruft er. Er bildet Pastoren aus, die Bibel ist sein einziges Lehrbuch. Außerdem steht er einer „Bewegung zum Ruhm der Jungfräulichkeit“ vor und bietet fast 1 500 mittellosen Kindern einen Platz in Schulen oder Waisenhäusern. Ein so vielfältiges Engagement ist keine Ausnahme. Im Jahr 2006 hat das African Evangelistic Enterprise Uganda fast sein gesamtes Budget von 3 Milliarden Schilling (1,5 Millionen Euro) in die Wohlfahrt gesteckt. „Das ist eine andere Art der Evangeliumsverkündung. Wer Hunger leidet, ist nicht in der Lage, die frohe Botschaft zu hören“, sagt Teamchef Geffrey Byarubaga. Auch Gary Skinner, der kanadische Pastor der Pfingstkirche von Kampala, hat seine eigene NGO mit dem Namen Watoto9 gegründet. Derzeit kümmert sich diese Organisation um 1 500 Kinder, möchte es aber auf 10 000 bringen. Das erklärte Ziel: „Die nächste Generation der Führungskräfte zu erziehen … damit jedes Kind ein verantwortlicher Christ und ein leistungsfähiger ugandischer Bürger werde.“

Die ugandischen Pastoren pflegen regelmäßigen Kontakt mit den politischen Führern, hüten sich aber tunlichst, die Inhalte dieses Austauschs öffentlich bekanntzugeben. Alex Mitala ist auch das Oberhaupt des Dachverbands der knapp 15 000 Freikirchen, die fast alle der Pfingstbewegung angehören, und er nimmt diesbezüglich kein Blatt vor den Mund: „Wir, die berufenen Pastoren, sind Propheten. Und als solche beraten wir die Regierung, aber privat. Für uns kommt es nicht infrage, bei Straßenkundgebungen oder in den Medien aufzutreten. Wir stehen in direkter Verbindung zu denen ganz oben an der Spitze.“ Bequem auf einem Ledersofa sitzend, unter dem ein rosafarbener Plüschteppich liegt, fährt Mitala fort, als wäre es das Selbstverständlichste der Welt: „Wir gehen nicht politisch vor, sondern prophetisch, wie Moses. Und Propheten legen nun einmal nicht öffentlich Rechenschaft darüber ab, was sie mit den Herrschenden verhandeln.“

Die Evangelikalen haben bereits zahlreiche Schlüsselpositionen an der Spitze des Staats inne, insbesondere in den Chefetagen der Steuer- und Investitionsbehörden, in der Armee, den Sicherheitsdiensten und in den Medien. Die Religion übernimmt den öffentlichen Raum. Die Grenzen zwischen Politik und Spiritualität verschwimmen zusehends. Seit Janet Museveni, die Ehefrau des Staatschefs und überzeugte „Wiedergeborene“, 2006 einen Abgeordnetensitz erhielt, hat das freikirchliche Lobbying eine wirksame Verbindung hinzugewonnen. Der Einfluss wächst, zumal seit 2006 sowieso ein Drittel aller Parlamentarier evangelikale Christen sind. In dieser Situation ist ihrer moralisierenden Ideologie breiter Rückhalt sicher: gegen Tabak, gegen Alkohol, gegen Homosexualität, gegen Verhütung. Doch je entschiedener sich die neuen Kräfte auf moralischer Ebene durchsetzen, desto auffallender wird ihr Schweigen zu sozialen Problemen oder Umweltthemen.

Verfechter der Menschenrechte, insbesondere solche, die im Gesundheitswesen arbeiten, sind beunruhigt. Nachdem Uganda in den 1990er-Jahren wegen der erfolgreichen Senkung der HIV-Infektionsrate zum afrikanischen Vorbild im Kampf gegen Aids geworden war, kehrt sich die Tendenz jetzt um. Viele machen den Notmaßnahmenplan des US-Präsidenten gegen Aids (President’s Emergency Plan for Aids Relief, Pepfar) von 2003 für diese Umkehrung verantwortlich, da er ausschließlich auf sexuelle Enthaltsamkeit setzt und Präservative ablehnt.10 Beatrice Were von ActionAid Uganda ist empört: „Seit wir das von den USA finanzierte Piascy-Programm (Presidential Initiative on Aids Strategy for Communication to Youth) haben, ist es aus mit der Sexualerziehung für die Jugend. In der Schule wird ihnen nur noch etwas von Abstinenz erzählt.“

Loblied auf die Keuschheit und das freie Unternehmertum

Jeden Samstagabend organisiert ein Pastor mit einigen Studenten eine Medienshow nach allen Regeln der Kunst, die sich „Prime Time“ nennt, aufgepeppt mit Hiphop und Rhythm ’n’ Blues zu Ehren Jesu. Am Ende der Show werden Sketche aufgeführt, in denen Pastor Martin Sempa, alias Dr. Love, den Studenten Ratschläge für ihr Sexualleben erteilt. Jeder Anlass ist willkommen, um Homosexuelle zu stigmatisieren, Abtreibungen zu verdammen und Loblieder auf die voreheliche Enthaltsamheit zu singen.

Zweifellos haben die Prediger der evangelikalen Kirchen mit der ugandischen Präsidentschaftswahl von 2006 eine neue Sichtbarkeit und Anerkennung erlangt. Während die traditionellen Christen Kritik an der Verfassungsänderung übten, mit deren Hilfe Yoweri Museveni sich die Möglichkeit einer dritten Amtszeit verschaffen wollte, organisierten die „Wiedergeborenen“ Versammlungen zur Unterstützung seiner Kandidatur. Der ugandische Staatschef, der seit 1986 an der Macht ist, zieht Nutzen aus der Popularität der fundamentalistischen Pastoren, ohne ihren Ideen wirklich beizupflichten. Doch genau wie er, wenn auch auf ihre Art, streiten sie für den Geist des freien Unternehmertums.

Der ehemals marxistische, nun zum Neoliberalismus konvertierte Präsident hat sein Land zum Musterschüler des Internationalen Währungsfonds gemacht. Private Investoren profitieren davon ebenso üppig wie die neuen Kirchen. Wo immer sich eine Gelegenheit bietet, ergreifen die Evangelikalen das Wort und verbreiten ihr – auch schon von frühen protestantischen Reformatoren verkündetes – Evangelium des Wohlstands, das im Reichtum ein Zeichen des göttlichen Segens sieht.

„Das ist eine Bewusstseinsmanipulation, um die Armen selbst für ihre Lage verantwortlich zu machen“, sagt Pater Carlos Rodriguez. „In diesem afrikanischen Land, wo der Kapitalismus fest verankert ist, wo die Arbeiter keinerlei Rechte haben und die Investoren tun und lassen können, was sie wollen, wird die Religion als Rechtfertigung für Armut und Ungerechtigkeit benutzt.“ Die Gläubigen erwarten in Trance das Wunder, das sie aus dem Elend führen wird. Das ist der Nährboden für die Geschäfte der Evangelisten, ganz nach dem Vorbild der US-amerikanischen Fernsehprediger. Einer davon ist Benny Hinn, der auf Einladung von Präsidentengattin Janet Museveni bei seinem jüngsten „Wunderkreuzzug“ von 100 000 Menschen bejubelt wurde. Die Veranstaltung wurde in Kampala organisiert und über den amerikanischen Fernsehkanal God TV weltweit live ausgestrahlt.

„Sät euren Samen, und Gott wird euch mit hundertfacher Frucht belohnen.“ Ein Spendenaufruf, wie er den Vertretern des Neoliberalismus wohl gefallen mag. Viele Pastoren verlassen ihre ursprünglichen Kirchen, um im eigenen Namen „Gotteshäuser“ zu eröffnen. Und genau wie die Unternehmen sich gegenseitig ihre Kundschaft streitig machen, stehen die Evangelisten miteinander in Konkurrenz. Jeder versucht, die meisten Gläubigen auf seine Seite zu bringen. Das Ziel: „Die Gewinne maximieren“, sagt David Kyeyuni von der ugandischen Bischofskonferenz.

Manche richten das „Angebot“ direkt nach der Höhe des gebotenen Betrags: Für 10 000 Schilling (5 Euro) gibt es nur ein Gemeinschaftsgebet von einem zweitrangigen Pastor; wenn der offizielle Prophet für einen persönlich betet, kostet das schon 50 000 Schilling (25 Euro), und für seinen direkten Rat muss man 100 0000 Schilling (50 Euro) berappen. Auf diese Weise ist ein richtiges Geschäft mit „Spenden“ entstanden.11 In Privatgesprächen vergleichen Vertreter traditioneller Religionsgemeinschaften und Menschenrechtsgruppen die neuen Kirchen mit Unternehmen, deren „Gewinne vom Eigentümer, das heißt dem Pastor, kassiert und nie an die Gemeinschaft weitergegeben werden. Es ist ein richtiges Business, das seinen Profit aus dem Elend und der Verzweiflung der Bevölkerung schlägt“: ein neuer Markt, der als umso unredlicher gilt, als Einkünfte aus Kollekten und Spenden ebenso steuerfrei sind wie die aus massenhaft verkauften Begleitprodukten wie CDs, DVDs und Büchern oder Kappen und T-Shirts.

Die Prediger wetteifern mit einander um die prunkvollste Luxusvilla, das teuerste Auto, die stattlichsten Leibwächter und die besten Beziehungen zu einflussreichen Persönlichkeiten in den USA. Denn die meisten Finanzierungshilfen kommen von dort, unter den Auspizien von Präsident George W. Bush, der sich ja offen als Evangelikaler bekennt. Viele ugandische Pastoren besuchen regelmäßig Kirchen des Bible Belt, jener ausgedehnten ländlichen Gebiete der USA, wo eine tief verwurzelte evangelikale Tradition vorherrscht. Zunehmend entwickeln sich auch Partnerschaften mit kanadischen, australischen, südafrikanischen oder britischen Gemeinden. Darüber hinaus werden manche evangelikalen Organisationen von ugandischen Regierungsvertretern und Firmen mit Spenden bedacht.

Die begehrteste Zielgruppe der christlichen Marketingstrategen ist die Jugend. Diese Bevölkerungsgruppe mit exponentiellem Wachstum und der höchsten Arbeitslosigkeit – in Kampala sind es fast 40 Prozent – fühlt sich angezogen von Kirchen, die tun, als wären sie Diskotheken, wo man umsonst tanzen, seine Talente als Musiker erproben, Mann oder Frau finden kann und wo zudem der Erfolg winkt: Stipendien für Studierende, Visa für den Westen und Stellenangebote. Die Bekehrung kann übrigens auch dabei helfen, dass man einen Job bei einem der zahlreichen freikirchlichen Ämter bekommt, die ein von einem Pastor unterzeichnetes Empfehlungsschreiben verlangen.

„Die religiöse Begeisterung hängt mit zwei Problemen zusammen“, erklärt Sallie Kayunga Simba, Professorin für Politikwissenschaften an der Makerere-Universität in Kampala. „Das eine ist gesundheitlicher, das andere ökonomischer Natur. Es kann nicht überraschen, dass verzweifelte Leute sich Gott zuwenden, wenn sie sehen, wie der Abstand zwischen Arm und Reich immer größer wird. Früher war die Armut gleich verteilt, jetzt gibt es tiefe Gräben. Das schafft natürlich Spannungen. Außerdem ist in den 1980er-Jahren die Aids-Epidemie über die Menschen hereingebrochen, ohne dass irgendjemand in der Lage war, eine Erklärung dafür zu liefern, geschweige denn eine Lösung anzubieten.“ Aids ist den Evangelisten wie Manna in den Schoß gefallen. Ihre frohe Botschaft, zu der der Glaube an göttliche Heilung gehört, findet ein unmittelbares Echo.

Dennoch scheint es durchaus möglich, dass die Evangelisten selbst Opfer des Systems werden, von dem sie so gut leben. „Jeder x-Beliebige kann eines Morgens aufwachen, eine Kirche oder einen karitativen Verein gründen und entsprechend dem ugandischen Gesetz den Status einer NGO erlangen“, stellt ein Mitarbeiter der für die Zulassung der NGOs zuständigen Behörde fest. „Obwohl viele im Verdacht stehen, sektiererische und/oder gewinnträchtige Absichten zu hegen, haben wir keinerlei Mittel, sie zu kontrollieren.“ Da gibt es wohlgehütete Geheimnisse: Pastor Kayanja beispielsweise erklärt die Höhe des Budgets der Miracle Center Cathedral zur „internen Information“. Für die evangelikalen Gemeinden ist es nicht schwer, sich mit einer geheimnisvollen Aura zu umgeben, da sie keiner zentralen Autorität unterstehen und niemandem Rechenschaft schuldig sind.

Die lokale Presse berichtet regelmäßig über Machtmissbrauch durch bestimmte Pastoren: mysteriöse Todesfälle, Menschenopfer, sexuelle Gewalt, Menschenhandel, Entführungen, Erpressung, Vertrauensbruch und Ähnliches mehr. Die Tageszeitung Monitor brachte unter der Schlagzeile „Braucht Gott dein Auto?“ die Geschichte einer Frau, die ihrem Pastor für das Versprechen, von Aids geheilt zu werden, ihr Auto überlassen hatte. Als ihr Gesundheitszustand sich jedoch nicht besserte, wollte sie es wiederhaben. Woraufhin der Pastor erwiderte, sie habe es Gott geopfert, und ihr dann anbot, es gegen die bescheidene Summe von 2 Millionen Schilling (knapp 500 Euro) zurückzugeben. Sie lehnte ab.12

Die Skandale häufen sich und zeigen, dass es einen Glaubensmarkt mit mafiosen Praktiken gibt. Die Bevölkerung wird langsam misstrauisch. Pastor Moses Solomon Male, selbst ein Evangelikaler, zeigt sich äußerst beunruhigt. Seiner Ansicht nach betreiben viele Pastoren der Pfingstkirche Zauberei und seien inspiriert von dem selbst ernannten Propheten John Obiri Yeboah aus Ghana, der in den 1970er- und 1980er-Jahren in Uganda gewirkt hatte. Male fordert deshalb die Regierung auf, die Straflosigkeit für diese Gemeinden, die er als Sekten qualifiziert, aufzuheben13 – zumal nach dem kollektiven Selbstmord von über 500 Menschen unter dem Einfluss einer millenaristischen Gruppe zum Ende des zweiten Jahrtausends.

Möglicherweise ist die evangelikale Welle ein vorübergehendes Phänomen. Die abgöttisch verehrten Prediger der 1990er-Jahre sind schon nicht mehr ganz nach heutigem Geschmack. Neue Stars, näher an der Macht, haben ihnen die Show gestohlen. „Der Kirchenbesuch hat seinen Sinn verloren. Man geht jetzt hin, um hochgestellte Persönlichkeiten zu treffen, die einem die Möglichkeit verschaffen, lukrative Geschäfte abzuschließen“, beklagt Joshua Kitakule vom Interreligiösen Rat Ugandas.

Die Christen des Landes wissen nicht mehr, welchem Heiligen sie dienen. „Die Leute gehen zur Kirche, als gingen sie einkaufen: Man betet bei diesem Pastor, weil er kein Schulgeld verlangt, sät ein Korn bei jenem wegen seines Rufs als großer Heiler und heiratet bei einem Dritten“, sagt Pastor Male, der fürchtet, die Erweckungsbewegung könne an diesem Durcheinander zugrunde gehen. „Ich kämpfe darum, dass es ein Ende nimmt mit den Exzessen der Pastoren. Sonst laufen die Menschen den Kirchen davon, entfernen sich von Gott, und Uganda wird atheistisch … wie es in Ihrem Land ist.“

Fußnoten: 1 Pfingstler, Charismatiker glauben an die biblischen „Gaben des Heiligen Geistes“ wie Prophetie, Wunderheilungen, Reden in „fremden Zungen“. 2 In der Umgangssprache ist selten von Evangelikalen die Rede, sondern meistens von den „Wiedergeborenen“ (born again). Der Begriff entstammt dem Neuen Testament und wird als bewusste Entscheidung für das Christentum und einen spirituellen Neuanfang gedeutet. 3 Uganda und das benachbarten Ruanda sind die einzigen Länder Afrikas, in denen Katholiken die größte Religionsgruppe sind. 4 Eine Schätzung ist umso schwieriger, als die Wachstumsrate der ugandischen Bevölkerung mit 3,7 Prozent weltweit eine der höchsten ist. Nach dem UNO-Bericht 2007 über die Entwicklung der Weltbevölkerung liegt die Einwohnerzahl Ugandas mittlerweile bei 30,9 Millionen. 5 Das Regime von Idi Amin Dada endete 1979. Der Diktator hatte neben dem Islam nur die drei traditionellen christlichen Bekenntnisse zugelassen: Katholizismus, Protestantismus und orthodoxes Christentum. Er fürchtete, die neuen Bewegungen könnten dem westlichen und insbesondere dem US-amerikanischen Imperialismus dienen. 6 Seit 1986 hat der Bürgerkrieg im Norden Ugandas mehrere zehntausend Tote gefordert und zur Vertreibung von 2 Millionen Menschen geführt. Im August 2006 wurde zwischen der Regierung und der aufständischen Lord’s Resistance Army (LRA) eine Waffenruhe vereinbart. Siehe André-Michel Essoungou: „Justiz oder Frieden“, Le Monde diplomatique, April 2007. 7 Diese Zentren wurden bis vor kurzem von zehntausenden Kindern aufgesucht, die aus Sicherheitsgründen zum Übernachten in die Stadt kamen. 8 Die evangelikalen Organisationen bilden fast die Hälfte der 7 000 in Uganda registrierten NGOs. 9 Watoto bedeutet „Kinder“ auf Suaheli. 10 Siehe Daniel Kalinaki, „The condom debate. Battle of sex versus morals“, in: The East African, Nairobi, 14. bis 20. Mai 2007. 11 Siehe M. Kavuma, „Prayers for sale“, in: The Weekly Observer, Kampala, 5. bis 11. April 2007. 12 Siehe Glenna Gordon, „Does God need your car?“, in: The Monitor, Kampala, 24. Mai 2007. 13 Diese Kampagne wird von dem Verein „Arising for Christ“ geführt, den Moses Solomon Male gegründet hat; vgl. www.arisingforchrist.org.

Aus dem Französischen von Grete Osterwald Anouk Batard ist Journalistin.

Le Monde diplomatique vom 11.01.2008,