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Albanien in wechselnden Grenzen

Auf dem Berliner Kongress von 1878 erklärte Reichskanzler Otto von Bismarck, Albanien sei nur „eine geografische Bezeichnung“. Doch im selben Jahr fanden sich Vertreter aller albanischen Regionen des Osmanischen Reichs in der Liga von Prizren zusammen, um erstmals für eine Art moderner Nationalität einzutreten. Die albanischen Forderungen wurden in den darauffolgenden Jahren von Österreich-Ungarn unterstützt – in erster Linie mit Stoßrichtung gegen Serbien und Griechenland, die Verbündeten Frankreichs, Großbritanniens und Russlands.1

1912 proklamierte der Nationalistenführer Ismail Qemali in Vlora (Vlorë) eine Republik Albanien, die allerdings nicht lange Bestand hatte. Ein Jahr später einigte sich die Botschafterkonferenz von London auf die Schaffung eines „erblichen Fürstentums Albanien“, das allerdings der Garantie der sechs Mächte Großbritannien, Frankreich, Russland, Italien, Österreich-Ungarn und Deutschland unterstand. Diese bestellten als Regenten des neuen Staates den deutschen Prinzen Wilhelm zu Wied. Die Grenzen dieses Staates schlossen allerdings nur etwa die Hälfte der von Albanern bewohnten Gebiete ein. Das schon damals überwiegend albanische besiedelte Kosovo wurde zwischen Serbien und Montenegro aufgeteilt.

Die Albaner sahen sich ungerecht behandelt, und die damaligen Nationalisten waren entschlossen, dieses „historische Unrecht“ aufzuheben. Einen albanischen Staat zu behaupten war nicht einfach. In den Wirren des Ersten Weltkriegs ging er fast unter. Erst 1926 wurden die Staatsgrenzen durch Beschluss des Völkerbundes endgültig festgelegt, allerdings nach recht zweifelhaften Kriterien. So fiel die Stadt Djakovica (Gjakove) an das Königreich der Serben, Kroaten und Slowenen, obwohl in ihr kaum Serben lebten. Das geschichtlich bedeutsame Gebiet um die Stadt Debar (Dibra) wurde zwischen Albanien und dem südslawischen Königreich aufgeteilt; heute gehört der größte Teil zu Mazedonien, das Hinterland um den Marktflecken Peshkopi zu Albanien.

In die territorialen Fragen spielten zwei Probleme hinein. Zum einen wurde die Definition eines albanischen Territoriums durch die Kräfteverhältnisse zwischen den Nachbarstaaten (Montenegro, Serbien und Griechenland) und ihren Schutzmächten beeinflusst, während Albanien lange Zeit auf die Unterstützung von Italien baute.

Zum anderen erwiesen sich Begriffe wie „albanische Regionen“ oder „albanische Siedlungsgebiete“ als nicht sehr hilfreich, denn in diesen Gebieten lebten und leben die Albaner mit anderen nationalen Gemeinschaften zusammen. So stellte sich immer wieder die Frage, ab welchem Bevölkerungsanteil eine bestimmte Stadt zu Albanien zu rechnen ist – ab 50, 60 oder 80 Prozent? Welcher Prozentsatz soll gelten, und nach welchen Kriterien soll man diese Anteile ermitteln?

Fußnote: 1 Siehe Nathalie Clayer, „Aux origines du nationalisme albanais. La naissance d’une nation majoritairement musulmane en Europe“, Paris (Karthala) 2007.

Le Monde diplomatique vom 11.01.2008,