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Eine freie Stimme der Neuen Welt

Die alternative Radioproduktion Democracy Now! lebt vom Engagement ihrer Hörer von Danielle Follett und Thomas Boothe

Seit 1996 haben die progressiven politischen Kräfte in den USA eine Stimme im Rundfunk: das einstündige tägliche Nachrichtenmagazin bei Democracy Now!. Obwohl die Kommerzialisierung der US-Medien immer weiter fortschreitet, konnte Democracy Now! seinen Hörerkreis stetig ausweiten. Auch im Bergland im Nordosten des Bundesstaats Tennessee gelang es vor zwei Jahren einer kleinen Gruppe von Aktivisten, den Alternativsender im Programmschema der lokalen Station des National Public Radio zu verankern. Eine Petition von 70 Hörern gab den Ausschlag.

Auf den ersten Blick ist dieser abgelegene Winkel der Appalachen nicht das ideale Gebiet für ein so ungewöhnliches Unternehmen. Wirtschaftlich befindet sich die von Landwirtschaft und Kohlebergbau bestimmte Region in der Dauerkrise, politisch ist sie fest in der Hand der Republikaner: Für George W. Bush stimmten hier bei den letzten Präsidentschaftswahlen 75 Prozent. Joseph Fitsanakis meint: „In dieser Gegend hatte man noch vor 30 Jahren politisch nur etwas zu melden, wenn man zum Ku-Klux-Klan gehörte.“1

Fitsinakis hat vor kurzem mit Gleichgesinnten die Organisation Democracy Now Tri-Cities (DNTC) gegründet, die der Sendung neue Hörer erschließen und damit auch ihre ökonomische Basis stabilisieren soll. Zuvor hatten etliche kommerzielle Sponsoren des unter dem Kürzel WETS bekannten und überwiegend von Hörern finanzierten lokalen Senders ihre Spenden an die Bedingung geknüpft, dass das Democracy-Now!-Programm eingestellt wird. Wie Fitsanakis berichtet, kann man sich in diesem Landstrich mit progressiven politischen Aktivitäten zuweilen sehr persönliche Angriffe einhandeln: „Die Gewerkschafter, die sich um die Organisierung der Bergarbeiter bemühen, können dir so manche Geschichten erzählen – von Schüssen durchs Fenster, von einem vergifteten Hund und anderen Dingen.“2 Ein Hauptziel der DNTC-Leute ist der Aufbau eines Netzwerks von Unterstützern, die sich im Fall einer politische Kampagne gegen das Programm schnell mobilisieren lassen.

Doch Democracy Now!, der einzige öffentliche Sender in den USA, der sowohl über Radio, Satelliten- und Kabelfernsehen als auch via Internet sendet, hat offenbar gute Chancen, aus eigener Kraft zu überleben. Seit die Sendung 2005 erstmals bei WETS ausgestrahlt wurde, erzielt sie eine „überaus erfreuliche“ Resonanz, meint Wayne Winkler, der Leiter des kommunalen Senders: „Die positiven Reaktionen überwiegen die negativen bei weitem.“ Obwohl es auch Proteste gab, „können wir gar nicht mehr mitzählen, wie viele Leute anrufen und erklären, dass sie uns wegen Democracy Now! zum ersten Mal Geld spenden wollen.“ Heute ist das Programm für den Sender einer der erfolgreichsten Spendenbeschaffer.

Dank Basisorganisationen wie DNTC findet die wichtigste Sendung auf Democracy Now!, der montags bis freitags ausgestrahlte „War and Peace Report“, einen stetig wachsenden Hörerkreis. Pro Woche wird er von durchschnittlich zwei Radio- oder Fernsehstationen neu ins Programm aufgenommen. Zudem umfasst sein informelles Netz Universitätssender, aber auch Stationen des National Public Radio (NPR) und natürlich das Internet, wo die Einstundensendung als Video-, Audio- und Textformat angeboten wird.

Als sie vor zwölf Jahren in New York vom linksalternativen Radionetzwerk Pacifica und ihrer Station WBAI zum ersten Mal ausgestrahlt wurde, hatte Democracy Now! im ganzen Land um die 30 Abnehmer – heute sind es fast 700. Ein Teil der Sendung wird ins Spanische übersetzt und von 150 Radiostationen übernommen, die meisten davon in Lateinamerika.

Dieser Erfolg zeugt von einem großen Bedürfnis nach kritischem Journalismus, nach ernsthaften Debatten und progressiven Inhalten. All das bietet Democracy Now!, neben dem soliden Überblick über das Tagesgeschehen. Die Themen werden allerdings mit kritischem Abstand behandelt, die politischen Maßnahmen und Verlautbarungen der Mächtigen hinterfragt. Die preisgekrönte Journalistin und Autorin Amy Goodman, die das Programm produziert und meist auch moderiert, zitiert als ihr Motto den Rat, den der große investigative Journalist I. F. Stone einmal einer Gruppe von Journalistikstudenten auf den Weg gegeben hat: „Vergesst nie: Regierungen lügen.“

Angesichts der großen Vielfalt von Sendern, die das Programm übernehmen, ist Democracy Now! ein überzeugendes Modell für ein weit gefächertes unabhängiges Mediennetzwerk. Und im Gegensatz zu vielen anderen Initiativen für unabhängige Medien handelt es sich hier nicht um ein „virtuelles“ Netzwerk, das sich aufs Internet beschränkt. Robert McChesney, Medienwissenschaftler und Gründer von Free Press, die sich für eine Medienreform einsetzt, hebt hervor: „Democracy Now! hat in den letzten zehn Jahren eine enorme Entwicklung durchgemacht: von einem Programm, das lediglich von ein paar kommunalen Stationen ausgestrahlt wurde, zu einem selbst gewebten Netz, das einen riesigen Hörerkreis erreicht.“

Dennoch gilt das Programm nach wie vor als bloße Randerscheinung in der US-Medienlandschaft, auch weil der politische Mainstream es als parteiisch abqualifiziert. Dabei wird Democracy Now! von einer Nonprofitorganisation getragen, die mit keiner politischen Partei oder Organisation verbandelt ist und weder Werbeeinnahmen erzielt noch Gelder von Firmen oder von der Regierung bezieht.3 Bevor Fitsanakis in den Nordosten von Tennessee zog, lebte er in Nashville und versuchte zusammen mit anderen Leuten, das Programm dort auf einen Sender zu bringen. „Wir sammelten mehrere tausend Unterschriften für eine Petition, aber dann teilte ihnen der Sender schlicht mit: Es ist uns völlig egal, wie viele Unterschriften ihr habt, dieses Projekt ist für unsere Gegend zu einseitig. Und das war’s dann.“

Den Vorwurf der Einseitigkeit gegen Democracy Now! versteht man nur vor dem Hintergrund des massiven Konzentrationsprozesses der US-Medien. Inzwischen befinden sich die meisten Print- und elektronischen Medien in den Händen weniger Großkonzerne, die Millionen Dollar für Lobbyarbeit ausgeben. Dieser Konzentrationsprozess hat sich unter Präsident Clinton stark beschleunigt. Wie der Soziologe Eric Klinenberg von der New York University bemerkt, wurde der Markt damals weniger „dereguliert“ als vielmehr „re-reguliert“: Den Medienkonzernen wurde gestattet, „ihren Besitz mittels Abnehmerstationen abzurunden und auf diese Weise zu expandieren“.4 Für den Rundfunkbereich war das Telekommunikationsgesetz von 1996 besonders gravierend, denn es erlaubte einem einzigen Medienunternehmen den Besitz von acht oder noch mehr Rundfunkstationen am selben Ort.5

Diese Reformen hatten zur Folge, dass erstens die redaktionelle Vielfalt stromlinienförmig beschnitten wurde und dass zweitens viele Nachrichtenredakteure im ganzen Land ihren Job verloren. Angesichts dieser Entwicklung tun die führenden Medienkonzerne einiges, um die Illusion einer neutralen Berichterstattung aufrechtzuerhalten – und stellen eben auch mal eine unabhängige Nachrichtenquelle als „parteiisch“ dar.

Robert McChesney hält diesen Vorwurf für ungenau und propagandistisch: „Democracy Now! legt auf die Präzision der berichteten Fakten genauso großen Wert wie die kommerziellen Nachrichtenmedien. Der sonst übliche politische Journalismus passt sich weitgehend und völlig unkritisch der politischen Agenda der Mächtigen an. Anders Democracy Now!, wo man gegenüber allen Machthabern – und das sind nicht nur die Republikaner und die Demokraten – eine tiefe Skepsis hegt.“

Wie Bill Clinton ein nicht ganz freiwilliges Interview gab

Amy Goodman erklärt den Erfolg ihres Programms zum Teil damit, dass die Mainstream-Medien immer nur „die paar Aufschneider anzapfen, die über so viele Themen so wenig wissen“. Sie selbst hält sich dagegen an den Grundsatz, „dass man mit den Leuten spricht, die letzten Endes von den politische Entscheidungen am stärksten betroffen sind“.6

Angesichts knapper Ressourcen kann sich Democracy Now! keinen Stab von investigativen Reportern leisten und auch keine „Insider“-Informanten pflegen. Viele der 25 Mitarbeiter sind zwar gestandene Journalisten, aber sie sind mit der Produktion einer hochwertigen täglichen Nachrichtensendung so ausgelastet, dass sie nicht noch als Reporter arbeiten können. Das Programm lebt mehr von der Auswahl der Studiogäste und davon, dass in seiner Darstellung von Ereignissen und Zusammenhängen andere Prioritäten zum Ausdruck kommen. Dabei nutzen die Produzenten des Magazins höchst fantasievoll einen Informationspool, der theoretisch allen zur Verfügung steht. Klinenberg findet, dass die Arbeit von Redakteuren gerade angesichts der Fülle von Online-Informationen immer wichtiger wird: „Sie filtern aus dem Material ganz andere Geschichten heraus als die üblichen Nachrichtenredaktionen.“

Die zehn bis fünfzehn Minuten mit schlagzeilenartigen Nachrichten, die in den USA wie in Lateinamerika bei einem großen Publikum sehr gut ankommen, produziert an einem langen Arbeitstag ein einziger Redakteur auf seinem Laptop. Democracy Now! greift auf Agenturmeldungen zurück, durchstöbert aber auch dutzende von internationalen (meist englischsprachigen) Online-Informationsquellen, linke Blogs und Berichte von wichtigen NGOs. Drei oder vier der etwa fünfzehn täglichen Hauptmeldungen stammen aus Quellen, auf die die Mainstream-Programme nicht zurückgreifen.

Aber auch Meldungen, die alle bringen, werden häufig auf überraschend andere Weise präsentiert. Als 2006 der ehemalige US-Präsident Gerald Ford starb, priesen ihn die großen US-Medien als den Mann, der nach dem Watergate-Skandal die Nation wieder „geheilt“ habe. Allein Democracy Now! erinnerte an die Rolle des Verstorbenen bei den Massakern in Osttimor: „Ford gab dem indonesischen Diktator General Suharto seine ausdrückliche Zustimmung zum Beginn der Invasion.“

Fester Bestandteil der einstündigen täglichen Sendung ist ein Interview, das ganz ohne die gängigen Talkshow-Witzeleien auskommt. Und anders als in den meisten Nachrichtenprogrammen der USA werden die Gäste angehalten, ihre Sache ausführlich darzustellen. Interviewt werden investigative Journalisten, normale Leute, Intellektuelle, Behördenvertreter, Aktivisten, politisch engagierte Künstler und NGO-Vertreter, die kaum ein Mainstream-Sender einladen würde. Aber es gab und gibt auch prominentere Gesprächspartner wie etwa Hugo Chávez, Evo Morales, Noam Chomsky, Naomi Klein, Ralph Nader, Robert Fisk, Edward Said, Arundhati Roy und der kubanische Parlamentspräsident Ricardo Alarcón.

Obwohl Democracy Now! progressiven Stimmen mehr Gehör verschaffen will, sieht man sich doch nicht als selbstbezügliche linke Diskursmaschine und lädt regelmäßig auch Regierungsvertreter oder Sprecher von Firmen ein, die gerade in den Schlagzeilen sind. Die lehnen jedoch ihrerseits häufig ab. Immerhin konnte man in jüngster Zeit den ehemaligen US-Notenbankchef Alan Greenspan und den Vorsitzenden eines Verbands privater Söldnerfirmen als Gesprächspartner präsentieren.

Vor Jahren war überraschend Bill Clinton einmal in der Sendung: Im November 2000, am Tag der Präsidentschaftswahlen, war der damalige Präsident plötzlich am Studiotelefon. Der Anruf war Teil einer landesweiten Kampagne, mit der Clinton das Radiopublikum zur Wahl des demokratischen Kandidaten Al Gore aufforderte. Amy Goodman ließ den Präsidenten ins Leere laufen und begann einfach ein Interview: „Sie rufen Radiostationen an, um den Leuten zu sagen, dass sie zur Wahl gehen sollen. Aber was sagen Sie zu Leuten, die das Gefühl haben, dass die beiden Parteien von Großkonzernen gekauft sind und dass es eigentlich egal ist, wem sie ihre Stimme geben?“ Danach wurde Clinton eine halbe Stunde lang in die Mangel genommen und musste sich zu den Sanktionen gegen den Irak ebenso äußern wie zu den Befürwortern der Todesstrafe im Lager der Demokraten. Am Ende beschwerte er sich über die „feindseligen und aggressiven Fragen“ der Interviewerin. „Kritisch, das waren sie“, erwiderte sie.

Tags darauf kam ein Anruf aus dem Pressebüro des Weißen Hauses. Ein Mitarbeiter Clintons warf Goodman vor, sie habe die Grundregeln des Interviews verletzt. „Welche Grundregeln?“, fragte sie zurück, schließlich sei Clintons Anruf unangemeldet gewesen, man habe also gar keine Regeln aushandeln können. Der Clinton-Mitarbeiter sah den Regelverstoß darin, dass die Moderatorin andere Themen als den Aufruf „Geht wählen“ angesprochen und Clinton am Telefon festgehalten habe. Worauf diese erwiderte: „Präsident Clinton ist der mächtigste Mann der Welt, er kann den Hörer auflegen, wann er will.“ Amy Goodman kommentierte die Episode später mit den Worten: „Ich behandle die Mächtigen nicht wie königliche Hoheiten. Sie sind Angestellte der Menschen dieses Landes.“7

Democracy Now! hält sich nicht an die Rolle, auf die sich die US-Medien normalerweise während des Präsidentschaftswahlkampfs beschränken. Die Wahlkampfmanager von Hillary Clinton konnten beispielsweise davon ausgehen, dass die großen Fernseh- und Rundfunksender ihr viel Sendezeit geben würden, um nach dem Absacken ihrer Umfragewerte im Dezember 2007 ihren neuen Kurs zu erläutern. Anders Democracy Now! – sie brachten nichts darüber.

Im Duell zwischen George W. Bush und John Kerry bei der Wahl von 2004 konzentrierte sich das Programm auf Informationen zu übergreifenden Problemen des politischen Systems. Statt den Kandidaten Sendezeit für ihre Imagepflege zu schenken, gab es Berichte über die Diskriminierung von unabhängigen Kandidaten, über Polizeiaktionen gegen Proteste, die mit den Wahlen zu tun hatten, und vor allem über die Wähler, die ihr Wahlrecht nicht wahrnehmen durften. Democracy Now! griff Themen auf, die bei den anderen Medien und den Politikern ausgespart blieben. So am 14. Oktober 2004, als es darum ging, dass ein „Marsch von einer Million Arbeitern“ stattfand, deren Forderungen von beiden Kandidaten der großen Parteien ignoriert wurden.

In Sachen Irak hatten viele der großen Nachrichtenmedien bereits im Herbst 2001 eifrig begonnen, die öffentliche Meinung auf den US-Angriff einzustimmen. Als diese Medien unter Berufung auf Regierungsquellen meldeten, dass hinter den Anthrax-Briefen an Journalisten und Politiker „Bin Ladens übler Kumpan Saddam“ stecke8 , wies Democracy Now! unbeirrt auf die Tatsache hin, dass Bush-Leute und Medien ständig versucht hatten, „eine Beziehung zwischen dem Irak und den Anschlägen vom 11. September, aber auch den Anthrax-Anschlägen herzustellen“ und dass das FBI in Wirklichkeit Spuren in ganz andere Richtung verfolge.

Als die britische Presse kurz vor der Invasion berichtete, die US-Regierung lasse im UN-Gebäude die Telefone von Mitgliedern des Sicherheitsrats abhören, war Democracy Now! fast das einzige US-Medium, das diese Meldung aufgriff. Und als einziges Rundfunkprogramm mit nationaler Reichweite brachte es auch ausführliche Berichte über Aktionen der Kriegsgegner im eigenen Land. Zum Beispiel erfuhr das Publikum der Mainstream-Rundfunk- und Fernsehsender nichts über die Demonstranten, die das Büro von Hillary Clinton besetzten, nachdem diese im Senat der Resolution für den Irakkrieg zugestimmt hatte.9

Alles in allem hinterfragte Democracy Now! die offizielle Politik gründlich genug, dass eine zutreffendere Darstellung dessen entstand, was sich im Irak und in ihrer eigenen Heimat zusammenbraute. Eine solche kritische Haltung mag im Rückblick als selbstverständliche journalistische Pflicht erscheinen, aber damals war sie in den USA extrem selten. Ein Beispiel mag dies illustrieren: In den ersten drei Kriegswochen war auf keinem der sechs großen Fernsehnachrichtensender ein längeres Interview mit einem Gegner der US-Invasion zu sehen.10 Democracy Now! brachte 30 solcher Interviews.

Ab und zu gelang es der Sendung allerdings auch, die Berichterstattung der Großen zu beeinflussen. Nachdem im März 2004 die Mainstream-Presse den Staatsstreich in Haiti als Volksaufstand gegen einen korrupten Diktatur dargestellt hatte, wollte Democracy Now! es genauer wissen. Es brachte ein Exklusivinterview mit Jean-Bertrand Aristide in seinem Exil, in dem Haitis Expräsident erzählte, das US-Militär habe ihn praktisch mit vorgehaltener Waffe zum Rücktritt gezwungen und außer Landes gebracht. Auf diese Berichterstattung hin sahen sich die Mainstream-Medien gezwungen, neue Fragen über den Ablauf der Ereignisse in Haiti zu stellen. Für Amy Goodman ist dies ein Fall von „trickle-up journalism“ (in Anspielung auf die Trickle-down-Theorie der Entwicklungsökonomen).

In Tennessee schalten selbst Republikaner ein

Ein solches „Durchsickern nach oben“ kann zuweilen unmittelbare Wirkung erzielen: Im Februar 2007 interviewte Democracy Now! den BBC-Reporter Greg Palast über dessen Enthüllungen in Sachen „vulture funds“ (auf Deutsch „Heuschrecken-Investoren“). Dabei kam zur Sprache, wie das Weiße Haus Einfluss auf die Entscheidung genommen hatte, die dazu führt, dass im Zusammenhang mit dem Schuldenerlass für Entwicklungsländer die Kredite privater Gläubiger privilegiert bedient werden. Tags darauf forderten zwei Kongressmitglieder Präsident Bush auf, diese Frage auf dem G-8-Gipfel im Juni 2007 vernünftig zu regeln. Greg Palast meinte dazu in einem Interview, dass viele Kongressmitglieder erst durch Democracy Now! auf diesen Fall von präsidentiellem Lobbyismus aufmerksam geworden waren.

Weil das Programm über ein so vielfältiges Netzwerk verbreitet wird, lassen sich seine Reichweite wie auch die politische Einstellung seiner Zuhörer kaum ermitteln. Freilich ist ziemlich klar, dass das Kernpublikum politisch progressiv eingestellt ist. Der Medienwissenschaftler McChesney ist sich jedoch sicher, dass der typische Hörer nicht dem Stereotyp des „Latte trinkenden Linken aus Boston oder San Francisco“ entspricht: „Die Leute stammen aus ganz unterschiedlichen Schichten der Gesellschaft, viele bestimmt auch aus der amerikanischen Mittelschicht.“

Ein Grund für die erstaunliche Attraktivität von Democracy Now! im überwiegend republikanischen Nordosten von Tennessee dürfte darin liegen, dass auch innerhalb des republikanischen Lagers viele die Lügen und Skandale ebenso satt haben wie die militärischen Fehlschläge und die Vergeudung öffentlicher Gelder, eine Unzufriedenheit, die sich nicht selten als Ärger über die Nachrichtenmedien äußert.

Nach Ansicht von Joseph Fitsanakis machen etliche republikanische Wähler bei der Unterstützergruppe DNTC mit, weil sie über die ständige Beschränkung der Bürgerrechte und der Rede- und Meinungsfreiheit beunruhigt sind – ein Thema, das in den Democracy-Now!-Sendungen regelmäßig angesprochen wird. Drei konservative Wähler begründeten ihre Unterstützung explizit mit ihrer tiefen Unzufriedenheit über die gegenwärtige Regierung. Obwohl für sie das Programm von Democracy Now! teils schwer erträglich sei, fänden sie doch nur hier eine „halbwegs vernünftige, kritische Haltung“ zur Bush-Regierung.

Die Differenzen zwischen Rechten und Linken würden von den Medien hochgespielt, meint Amy Goodman: „Auch die Konservativen sind gegen die Macht der Unternehmen und gegen die Verletzung der Privatsphäre. Die Eltern vieler Soldatinnen und Soldaten sind wütend über das, was man ihren Söhnen und Töchtern zumutet, während die Kinder der Mächtigen nicht in den Krieg geschickt werden.“ Fitsanakis sagt: „In einer ländlichen Gegend wie dieser hat das Internet als Informationsquelle weniger Bedeutung. Die Leute hören im Radio eine Sendung, in der über die Fragen gesprochen wird, die sie beschäftigen.“

Democracy Now! gibt sich mit passiven Fördermitgliedern nicht zufrieden und hat auch einige aktive Unterstützer, die regelmäßig als freiwillige Mitarbeiter bei der Produktion der Sendungen mithelfen. Das hat man von Pacifica Radio übernommen. Democracy Now! entstand 1996 auf Initiative von Amy Goodman und dem progressiven Pacifica Radio Network als ein Magazin, das über den Wahlkampf berichten sollte. Doch es entwickelte sich rasch zum wichtigsten Nachrichtenprogramm des Senders. 1999 brach bei Pacifica Radio ein interner, zwei Jahre andauernder Machtkampf aus, der das Weiterbestehen von Democracy Now! gefährdete.11 Obwohl die Fraktion, die das Programm bekämpfte, den Sender am Ende verlassen musste, entschlossen sich Goodman und ihre Kollegen 2002, eine unabhängige, Nonprofitorganisation anzumelden, um damit ihre politische Autonomie abzusichern. Aber die Zusammenarbeit blieb eng, und Democracy Now! wird nach wie vor über die Senderkette von Pacifica Radio ausgestrahlt.

Beide Institutionen könnten ein Sendernetz mit nationaler Reichweite nicht betreiben, wenn nicht die Zuhörerinnen und Zuschauer regelmäßig mit Geldspenden und Arbeitsstunden zum Erfolg beitragen würden. Ein Beispiel: Dass Democracy Now! auch über Video im Internet zu sehen oder auf CD zu kaufen ist, haben unbezahlte Mitarbeiter möglich gemacht. Und über viele Jahre wurden die schriftlichen Fassungen der Sendungen, die man auf der Website des Senders nachlesen kann, von Freiwilligen aus aller Welt erstellt. Die Organisation hat eine Liste von etwa 8 000 Freiwilligen – davon allein 1 700 in New York City –, die auf der Website als freiwillige Helfer registriert sind. Die Helfer außerhalb von New York organisieren zum Beispiel die Auftritte, die Amy Goodman regelmäßig im ganzen Land hat, oder sie verteilen Flyer und Autoaufkleber. An der Westküste hat eine Gruppe von Unterstützern Geld für ein Reklameschild gesammelt, auf dem jetzt steht: „In Sachen Irak lagen die Medienkonzerne falsch. Unterstützt den Sender, der richtig lag.“

Andere Helfer sorgen dafür, dass das Programm ein größeres Publikum erreicht. In Japan produziert eine Gruppe eine Website mit der täglichen Nachrichtenübersicht auf Japanisch.12 In Phoenix (Arizona) und in Buffalo (New York) haben Leute Geld gesammelt und Sendezeit bei kommerziellen Mittelwelle-Stationen gekauft, nachdem sie die Übernahme des Programms vergeblich gefordert hatten.

Die alte Francis Crowe mit dem Piratensender

In Baltimore zeichnet ein Freiwilliger, der Zugang zu einem TV-Satellitensender hat, die Sendung jeden Tag auf Video auf, bringt sie mit dem Fahrrad zur örtlichen öffentlichen Rundfunkstation, und die strahlt sie dann aus. In Massachusetts machte die 80-jährige Frances Crowe, nachdem der lokale kommunale Rundfunk die Übernahme von Democracy Now! verweigert hatte, in ihrem Hinterhof einen Piratensender auf, der ihren Nachbarn das Programm ins Haus bringt. „Democracy Now! wird immer freiwillige Helfer haben“, meint die Managerin des Senders, Karen Ranucci: „Jetzt haben wir den Punkt erreicht, an dem wir auch ohne Freiwillige auskommen könnten, aber ohne sie hätten wir es nie so weit gebracht.“

Auf heimatlichem Terrain in Tennessee versuchen die DNTC-Leute inzwischen, Hörer für Democracy Now! zu mobilisieren. In den ersten sechs Monaten hat DNTC 150 Mitglieder gewonnen und mehrere Veranstaltungen und Aktionen organisiert. Am vierten Jahrestag der Irakinvasion brachte man mit acht zeitgleichen Antikriegsdemonstrationen hunderte von Menschen auf die Beine. Und mit einer Protestaktion vor einer Munitionsfabrik, die nukleare Artilleriegranaten herstellt, versuchte man, ein Bündnis mit den Aktivisten der Bergarbeitergewerkschaft herzustellen. Aber der Erfolg war begrenzt, muss Fitsanakis zugeben: „Ein paar Gewerkschafter haben bei unserem Protesten vor der Fabrik mitgemacht, aber unsere eigenen Leute waren ein bisschen ängstlich, als sie der Polizei gegenüberstanden.“

Fußnoten: 1 Über die Region siehe Serge Halimi, „Le petit peuple de Georges Bush“, Le Monde diplomatique, Oktober 2004. 2 Etwas weiter nordöstlich liegen die Bergbaugebiete von West Virginia, wo 1921 Kämpfe zwischen 15 000 bewaffneten Bergarbeitern und der Nationalgarde stattfanden, wobei am Ende die US-Luftwaffe gegen die eigenen Bürger eingesetzt wurde. 3 Democracy Now! finanziert sich ausschließlich durch direkte Spenden seiner Hörer, Zuwendungen von gemeinnützigen Stiftungen, bescheidenen Übertragungsgebühren von Rundfunkstationen und dem Verkauf von Videos und Fanartikeln wie T-Shirts und Kaffeebechern. 4 Eric Klinenberg, „Fighting for Air: the Battle to Control America’s Media“, New York (Metropolitan Books) 2007, S. 26. 5 Die nationale Medienregulierungsbehörde FCC (Federal Communications Commission) hat am 18. Dezember 2007 beschlossen, dass Medienunternehmer in den Ballungsräumen der USA sowohl Fernsehstationen als auch Printmedien betreiben dürfen. Damit wurde eine Bestimmung aufgehoben, die eine lokale Konzentration von Medienmacht verhindern sollte. Dieselbe FCC ermöglichte allerdings auch, dass sich seit 2003 lokale Organisationen um Radio- und Fernsehlizenzen für „nichtkommerzielle und erzieherische Programme“ bewerben können. 6 Zitiert nach: Lizzy Ratner, „Amy Goodman’s Empire“, The Nation, 9. Mai 2005. 7 Siehe ihr Interview in Buffalo News, 9. Mai 2004. 8 So Jeff Stein in der Washington Post vom 21. Oktober 2001. 9 Dem breiteren Publikum wurden auch Geschichten wie diese vom 6. März 2003 vorenthalten: „In einem Einkaufszentrum wurde ein Mann festgenommen, weil er ein T-Shirt mit dem Aufdruck ‚Give Peace a Chance‘ trug; kurz darauf tauchten 150 Demonstranten mit ähnlichen T-Shirts auf.“ 10 Siehe auch: „Amplifying Officials, Squelching Dissent“, eine Publikation der Organisation Fair (Fairness and Accuracy in Reporting), die sich die Beobachtung der Medien zur Aufgabe macht: www. fair.org/index.php?page=1145. 11 Siehe Barbara Epstein, „Démocratie et tradition militante: KPFA, la radio californienne qui résiste“, Le Monde diplomatique, Oktober 1999. 12 democracynow.jp.

Aus dem Englischen von Niels Kadritzke Danielle Follett ist Lehrbeauftrage an der Universität Paris VIII, Thomas Boothe ist Filmemacher und Fotograf.

Le Monde diplomatique vom 11.01.2008,