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Dienstleistung Gentest

Was Sie noch nie über Ihre Krankheiten wissen wollten von Catherine Bourgain

Die amerikanische Fachzeitschrift Science kürte Ende 2007 die „Genetische Variabilität beim Menschen“ zu einem der Topthemen des zurückliegenden Jahres.1 Nach einer langen Phase ergebnisloser Forschungen und immenser Investitionen belegen nun zahlreiche wissenschaftliche Ergebnisse den Zusammenhang zwischen Genvariationen und relativ häufig auftretenden Krankheiten wie Brustkrebs, Multiple Sklerose, Alzheimer, primäre Varikosis (Krampfadern), rheumatoide Arthritis oder Diabetes. Das lässt einerseits auf neue Ansätze in der Therapieforschung hoffen – und ruft zugleich Biotechfirmen auf den Plan, die nach neuen Märkten hungern.

So sind im Jahr 2007 mindestens drei Unternehmen – 23andMe, DecodeMe und Navigenics – neu in das Geschäft mit individuellen Gentests eingestiegen. Rund zwanzig Firmen sollen sich bereits auf diesem vielversprechenden Markt tummeln. Bei der „personalisierten Genomik“ handelt es sich in erster Linie um eine personenbezogene Dienstleistung. 23andMe will mit seinem Angebot „die Potenziale von Internet und Genetik verknüpfen“ und es so jedem Einzelnen ermöglichen, „seine Gesundheit selbst in die Hand zu nehmen“. Für Navigenics geht es darum, „von der Krankheitsbehandlung zur Krankheitsvermeidung zu kommen, indem genetisch bedingte Risiken frühzeitig erkannt werden“.2

Die Unternehmen bieten ihren Kundinnen und Kunden eine Untersuchung ihres Genoms an. Aus dem Resultat soll dann das persönliche Krankheitsrisiko für rund zwanzig häufige, genetisch bedingte Krankheiten abgeleitet werden. Daneben zählt für Navigenics, 23andMe und DecodeMe bei der DNA-Analyse aber auch der Spaßfaktor: Auf Wunsch kann man mit den Daten Ahnenforschung betreiben und die eigene genetische Information mit der von Angehörigen, Freunden oder VIPs vergleichen. Im Internet sollen neuartige soziale Netzwerke zwischen Menschen ähnlicher DNA entstehen. „Wir denken an ganz neue Communitys, in denen sich die Menschen nach Genotypen zusammenfinden. Künstliche Barrieren wie Länder und Herkunft spielen dann keine Rolle mehr“, meint Anne Wojcicki, Mitbegründerin von 23andMe.3

Die vollständige DNA Baustein für Baustein zu sequenzieren, ist heute noch viel zu aufwendig und teuer. Deshalb wird an bestimmten Stellen entlang der DNA nach charakteristischen Veränderungen geschaut. Bei zwei zufällig ausgewählten Personen stimmen im Schnitt 99,9 Prozent der Erbinformationen überein.

Ein Großteil der übrigen 0,1 Prozent, auf denen überhaupt Genvariationen vorkommen, befindet sich an bestimmten Stellen auf der Erbsubstanz, den sogenannten Snips (Single Nucleotid Polymorphisms). Diese kommen in nur jeweils zwei Variationen beim Menschen vor. Und genau für diese Punktmutationen interessieren sich die Forscher.

Es lassen sich tatsächlich genetische Eigenschaften identifizieren, die bei bestimmten Erkrankungen eine Rolle spielen. Dafür werden die Snips einer Gruppe von Probanden, die unter derselben Krankheit leiden, untersucht. Danach werden die Ergebnisse mit denen einer Kontrollgruppe von Gesunden verglichen. Wenn Variationen reproduzierbar nachgewiesen werden können, schließt man daraus, dass der Snip bei der Krankheit eine Rolle spielt. Im nächsten Schritt kann dann untersucht werden, in welcher Weise die genetische Disposition zum Krankheitsverlauf beiträgt und wie sie bei der Entwicklung neuer Behandlungsmethoden berücksichtigt werden könnte.

Die Genanalyse-Händler gehen genau umgekehrt vor. Sie assoziieren mit beiden möglichen Snip-Variationen ein Krankheitsrisiko. Wer diejenige Snip-Variation aufweist, die am häufigsten bei der Fallgruppe der Kranken nachgewiesen wurde, hat demnach ein erhöhtes Krankheitsrisiko. Wenn sich an anderen Stellen des Genoms weitere Snips finden, die mit der Krankheit assoziiert werden, kann das Risiko noch genauer bestimmt werden.

Ein genbedingt erhöhtes Krankheitsrisiko zu haben, ist eine Sache; tatsächlich zu erkranken, eine andere. Bei diesem Verfahren wird nämlich erstens nicht die gesamte DNA untersucht. Und zweitens spielen bei der Entstehung von Krankheiten bekanntlich auch noch andere Faktoren eine wichtige Rolle: Ernährungsgewohnheiten, Rauchen, Asbestbelastung, Hormonbehandlungen etc. Diese werden in der Risikoberechnung jedoch nicht berücksichtigt. In einem Webvideo4 erklärt Jeff Gulcher, Mitbegründer von DecodeMe, dass er mit 61,75-prozentiger Wahrscheinlichkeit im Laufe seines Lebens an Diabetes Mellitus erkranken werde (gegenüber 25 Prozent im europäischen Durchschnitt). Sein Herzinfarktrisiko liege bei 42 Prozent (gegenüber 49 Prozent). Er vergisst dabei jedoch geflissentlich zu erwähnen, dass bei diesen „Vorhersagen“ Faktoren wie Sport, Rauchen oder Ernährung ausgeklammert wurden. Gulcher bleibt den vermeintlichen Beweis für die Richtigkeit seiner Berechnungen – und deren praktischen Nutzen – nicht schuldig. Seine persönliche Genom-Analyse brachte an den Tag, dass er mit 92-prozentiger Wahrscheinlichkeit braune Haare haben müsse: Stimmt! Außerdem müsste er laut DNA überwiegend europäische Vorfahren haben, und zwar sowohl britische als auch kontinentaleuropäische. Volltreffer: Seine Mutter ist Britin, sein Vater Deutscher.

Die drei Unternehmen arbeiten nach demselben Geschäftsmodell. Mit verheißungsvollen Internetauftritten locken sie Kunden an und schmücken sich mit großen Namen in ihren wissenschaftlichen Beiräten. Ist der Kunde (oder im Falle von Navigenics: das „Mitglied“) an der Angel, heißt es erst einmal bezahlen. Für einen Betrag zwischen 985 und 2 500 Dollar, je nach Anbieter, erhält er ein DNA-Kit, entnimmt eine Speichelprobe und schickt sie zurück. Die Informationen aus der Genom-Analyse werden dann in einer „garantiert“ sicheren Webdatenbank eingestellt. Einen Monat später erhält er Zugriff auf seine persönlichen Daten. Diese werden nach dem jeweiligen Stand der Wissenschaft aktualisiert.

Der Kunde selbst erteilt also den Auftrag. Der Zwischenschritt über den Arzt entfällt, weil der Nutzer so „seine Gesundheit selbst in die Hand nehmen kann“, wie die Unternehmen betonen. Aber auch, weil damit „der skeptisch gestimmten Ärzteschaft ein Schnippchen geschlagen wird“. Nach Ansicht von Navigenics resultiert diese Skepsis daraus, dass viele Mediziner über die Chancen der Genetik zu wenig wissen. Das Unternehmen hat deshalb auch ein Fortbildungspaket für Ärzte im Programm.

Die Frage, wie „revolutionär“ die neuen Entwicklungen tatsächlich sind, beschäftigt allerdings nicht nur die Ärzte, sondern auch die Genforscher selbst. Und diesen kann man sicherlich keine Unkenntnis in der Sache unterstellen.

Die neuen Untersuchungsergebnisse zur genetischen Variabilität mögen in der Tat neue Forschungswege eröffnen. Welchen Beitrag zur Krankheitsvermeidung sie leisten können, bleibt jedoch abzuwarten. So feierten die Medien im April 2008 zwar die Entdeckung eines Gens, das für Lungenkrebs anfällig macht.5 Was diese Entdeckung im Einzelfall bedeutet, weiß man nicht. Das Krebsrisiko bei einem europäischen Nichtraucher unter 75 Jahren wird heute auf 1 Prozent geschätzt; bei einem Raucher liegt es bei 16 Prozent.

Berücksichtigt man jetzt noch die genetischen Voraussetzungen, muss man zwei Gruppen von Rauchern – ohne und mit „Raucher-Gen“ – unterscheiden: Bei der einen liegt das Krankheitsrisiko bei „nur noch“ 14 Prozent und bei der anderen bei 23 Prozent.6 Der genetische Faktor fällt also deutlich weniger ins Gewicht bei der Unterscheidung der statistischen Risiken als die Gefahr durch Tabakkonsum.

Hier teilen sich die Wissenschaftler in zwei Lager: Für die einen ist die personalisierte Genomik ein „riskantes Geschäft“7 , die anderen bescheinigen ihr, „konstruktive Unruhestiftung“ zu betreiben.8 Die Skeptiker sind der Meinung, dass ohnehin niemand aufhören wird zu rauchen, nur weil er erfährt, dass sein Krebsrisiko jetzt nicht mehr bei 16, sondern bei 23 Prozent liegt. Außerdem bezweifeln sie die Genauigkeit der Risikokalkulation, die auf noch unbestätigten Forschungsergebnissen beruhe. Die Befürworter gehen davon aus, dass die personalisierten genetischen Informationen das Gesundheitsverhalten von Menschen positiv beeinflussen und sie dazu bewegen könnten, die „Potenziale ihres Genoms“ auszuschöpfen.9

Um der Diskussion mehr Substanz zu verleihen, untersuchen Studien in den USA und England derzeit bei häufig auftretenden Krankheiten, welche gesundheitlichen Auswirkungen es hat, wenn Menschen über ihre individuelle genetische Information verfügen. Einige dieser Studien geben sich überzeugt von der Bedeutung dieses Wissens, so etwa die Studie Multiplex des Amerikanischen Instituts für Genomforschung. Diese hat zum Ziel, „besser zu verstehen, wie man die personalisierte Genomik am besten nutzen kann“.10

Frühere Ergebnisse einer britischen Studie11 über die Krankheit Morbus Crohn (chronisch-entzündliche Darmerkrankung mit eindeutig nachweisbarer genetischer Disposition) sollen dagegen darauf hinweisen, dass die genetische Information nur geringe Auswirkungen auf das Gesundheitsverhalten hat: So scheinen Raucher, die durch einen Gentest erfahren, dass ihr Krankheitsrisiko nicht bei 2, sondern bei 4 Prozent liegt, wenig geneigt zu sein, aufgrund dieser Erkenntnis ihren Zigarettenkonsum zu reduzieren.

Bei dieser Kontroverse geht es natürlich nicht nur um die reine Wissenschaft, sondern auch um eine Menge Geld. Im Jahr 2007 steckte Google 3,9 Millionen Dollar in die Gründung von 23andMe. Damals wurde noch gewitzelt, dass das Start-up nur ein Hochzeitsgeschenk des Google-Gründers Sergey Brin an seine Frau Ann Wojcicki sei. Spätestens seit sich Google im April 2008 in das Unternehmen Navigenics eingekauft hat, redet davon niemand mehr.

Beim letzten Weltwirtschaftsforum in Davos bekundete der Genomik-„Papst“ und Direktor des National Human Genome Research Institutes (NHGRI) Francis Collins seine Unterstützung für 23andMe. Damit wollte er offensichtlich Politikern und Investoren signalisieren, dass die Riesensummen, die in die genombasierte Gesundheitsforschung investiert wurden – rund 3 Milliarden Dollar allein für das Human-Genom-Projekt von 1989 bis 2003 –, nun endlich erste Früchte tragen würden.

Das Geschäftsmodell vermittelt in der Tat das Bild einer effizienten und rentablen Forschung: Es beinhaltet die Verheißung, dass neue Erkenntnisse gleich nach ihrer Veröffentlichung in Science oder Nature in die Neuberechnung des individuellen Krankheitsrisikos einfließen werden. Für manche Genforscher ist der Hype um die kommerziellen Risikoprofilanalysen durchaus positiv: Wenn sich nicht mehr nur die Betroffenen für alle möglichen Krankheiten interessieren, werde es künftig wohl einfacher, sehr große Fallgruppen für medizinische Studien zu bilden. Noch pragmatischer denken die Pharmazeuten: Auch sie träumen von einer Welt voller Risikogruppen, in der dann jeder Mensch zum potenziellen Kunden wird.

Im Grunde genommen werfen die Entwicklungen in der personalisierten Genomik zwei Kernfragen auf. Die erste betrifft das individuelle Gesundheitsverhalten. Der Wahlspruch von 23andMe und Konsorten – „Nehmen Sie Ihre Gesundheit selbst in die Hand!“ – erinnert an das Motto der Gesundheitsreform in Frankreich: „Die Eigenverantwortung der Bürger stärken“.12 Sollen sich ein paar reiche Amerikaner doch ein persönliches Genhoroskop leisten.

Wenn die genbasierte Risikobestimmung jedoch allgemein um sich greift, kann das weitreichende Folgen haben: Wer um bestimmte Risiken in seiner DNA weiß und sich trotzdem weiter etwa von Hamburgern und Pommes ernährt, könnte künftig dafür die Quittung bekommen. Einige Versicherer haben bereits angedeutet, dass die durch DNA-Tests ermittelten Risiken in die Preiskalkulation für Gesundheitsleistungen einfließen könnten. Die Kostenerstattung an den Versicherten werde sich dann daran orientieren, ob dieser ein seiner genetischen Veranlagung angepasstes Verhalten an den Tag legt.

So weit ist es noch nicht. Ein Europarats-Abkommen regelt bislang, dass die genetische Veranlagung allein aus medizinischen Gründen oder zu Forschungszwecken untersucht werden darf. Auch in den USA gelten zunehmend Einschränkungen.13

Andererseits betonen die DNA-Dienstleister, dass der Zugriff auf die Webdatenbank garantiert nur den Kunden bzw. Mitgliedern vorbehalten sei. Als Navigenics an den Start ging, erklärte Friedensnobelpreisträger Al Gore, dass das Unternehmen „sowohl ethisch als auch kulturell auf der richtigen Seite stehe und ihm ein großer Erfolg beschieden sein werde“. Al Gore ist Partner der Risikokapitalfirma Kleiner Perkins, die ihrerseits Hauptinvestor von Navigenics ist. Seit durch die Beteiligung von Google an Navigenics ein Internetgigant und ein Gendatenerzeuger zusammengerückt sind, stellt sich die Frage, ob Gendaten eigentlich wie alle anderen Daten zu behandeln sind.

Als die französische Regierung letztes Jahr plante, mithilfe von DNA-Tests die Verwandtschaftsverhältnisse bei nachziehenden Familienangehörigen von Migranten zu überprüfen, schlugen die Wogen noch hoch. Seither sind Gentests billiger geworden und zu einer durchaus salonfähigen Spielerei avanciert – wir sind auf dem besten Weg, die Gentechnik zu verharmlosen.

Fußnoten: 1 Science, Washington, 21. Dezember 2007. 2 www.23andme.com, www.navigenics.com, www.decodeme.com. 3 Washington Post, 25. März 2008. 4 www.decodeme.com/index/video_tour. 5 Siehe zum Beispiel Le Monde und Le Figaro vom 4. April 2008 und Libération, 8. April 2008. 6 Statistiken veröffentlicht von Rayjean J. Hung et al. in Nature, London, 3. April 2008. 7 Editorial von Nature Genetics, Dezember 2007. 8 Editorial von Nature Genetics, Februar 2008. 9 Ebd. 10 NIH News, 3. Mai 2007 11 Forschungsarbeit von Dr. Marteau für den Medical Research Council, vorgestellt bei der Konferenz „Genes, Environment, and Health Initiative: Translating Whole Genome Association Data into Clinical Practice“, Bethesda, 10./11. März 2008. 12 Vgl. François Cusset, „Dein Körper, dein Kapital“, Le Monde diplomatique, Januar 2008. 13 Frankreich: Bioethik-Gesetz vom 6. August 2004 (Art. 4); Europa: Menschenrechtsübereinkommen zur Biomedizin vom 4. April 1997 (Art. 12); USA: Genetic Information Non-Discrimination Act von 2007/2008 (über die Grenzen dieses Gesetzes siehe: The Economist, London, 1. Mai 2008).

Aus dem Französischen von Veronika Kabis Catherine Bourgain ist Forscherin im Bereich Statistische Genetik am Nationalen Institut für Gesundheit und Medizinforschung (Inserm), Paris.

Le Monde diplomatique vom 13.06.2008,