Artikel drucken zurück

Projekt Stammbaum

Genografen kartieren die Wege der Menschheit von Pierre Darlu

Längst sind die Zeiten vorbei, da Ahnenforschung vornehmlich von älteren Herrschaften betrieben wurde, die sich in verstaubte Archive von Pfarreien und Gemeinden eingruben. Mittlerweile ist das ehemalige Hobby fest im Griff der Biotechnologie und der Informatik. Beide Disziplinen bieten einem Publikum, das Antworten auf Fragen nach dem Ursprung der Menschheit oder nach Abstammungs- und Verwandtschaftsverhältnissen sucht, eine breite Produktpalette an. Von den Genetikern wird erwartet, derart unterschiedliche Erwartungen – hinter denen handfeste Motive wie heimliche Vaterschaftsnachweise oder Zuwanderungsbeschränkungen stecken können– mit wissenschaftlichem Anspruch zu bedienen.

Einen weitaus höheren Anspruch hat das Genographic Project (GP). Diese weltweit angelegte anthropologische Studie verspricht den Lesern der Zeitschrift National Geographic „eine einzigartige Erbgutstudie zur Erforschung der Verbreitungsgeschichte des Menschen“. Sie will nicht weniger als eine Kartierung der historischen Wanderungsbewegungen der Menschen. Finanziert wird das Projekt durch die privaten Geldgeber National Geographic Society (NGS), IBM und WWF (Waitt Family Foundation, eine Stiftung des Computerherstellers Gateway Inc.). Über fünf Jahre soll „die weltweit umfassendste Sammlung von DNA-Proben“ angelegt werden, unter anderem mit dem Ziel, „die Gemeinsamkeiten und Unterschiede der menschlichen Gattung besser zu verstehen“.1

Das Genographic Project, das von den Fortschritten bei der Sequenzierung des Genoms, der Verfügbarkeit von Daten und ihrer elektronischen Verarbeitung profitiert, gibt sich als glanzvolles Resultat hundertjähriger Forschung. Doch es wirft auch einige gravierende Fragen auf: Wie steht es um die wissenschaftlichen Originalität des Verfahrens? Was sind die Beweggründen seiner Initiatoren? Wie werden die Teilnehmer – die breite Öffentlichkeit und die viel zitierten „indigenen Völker“ – zur Teilnahme bewogen?

Die Tatsache, dass bereits etliche Internetseiten eine genetische Genealogie und Herkunftsbestimmung mittels DNA-Probe verheißen (siehe S. 17), belegt das wachsende öffentliche Interesse für dieses Thema. Solche Internetseiten bieten den Benutzern und potenziellen Kunden vielfältige Materialien (von Völkerwanderungsdiagrammen bis zu personenbezogenen Aussagen), die es ihnen ermöglichen, ihre Herkunft in den Kontext der Menschheitsgeschichte zu stellen.

In Abgrenzung von solchen Internetseiten begnügt sich das viel ambitioniertere Genographic Project nicht damit, Fragen einzelner Menschen nach ihrer Herkunft zu beantworten, vielmehr hat es den Ehrgeiz, die Entwicklungsgeschichte des Menschen aufzuklären. Insofern handelt es sich um eine Abwandlung des in den 1990er-Jahren gescheiterten Human Genome Diversity Project (HGDP).2

Vertreter der indigenen Völker hatten dieses HGDP als Vampirprojekt bezeichnet, weil es die Möglichkeit eröffnet hätte, wirtschaftlich interessante Gene oder Gensequenzen patentieren zu lassen. Die Einwände bezogen sich auf die Verfahren zur Gewinnung von DNA-Proben, Fragen des geistigen Eigentums, die Aufteilung des potenziell kommerziellen Nutzens oder gar auf eine denkbare Zweckentfremdung. Denn wenn etwa die Genetiker im Rahmen dieses Projekts die „gebietsfremde“ Herkunft bestimmter Völker nachweisen sollten, ließe sich daraus das Argument ableiten, dass man das betreffende Volk vertreiben oder sein Gebiet reduzieren kann. Deshalb fragt sich Debra Harry, Vorsitzende des Indigenous Peoples Council on Biocolonialism (IPCB, Rat der Ureinwohner gegen Biokolonialisierung): „Wieso dieses starke Interesse am Erhalt der Gene indigener Völker, nicht aber an der Rettung der Völker selbst?“3

Angesichts solcher Einwände bemühten sich die Initiatoren sehr, ihr Datenerhebungsprotokoll zu formalisieren und strenge ethische Richtlinien auszuarbeiten. Die beziehen sich zum Beispiel auf die Verfügbarkeit und Auswertung der Daten, aber auch auf eine pädagogische Umsetzung der Ergebnisse, etwa im Rahmen von Antirassismusprojekten.4

Die Befürworter des HGDP hatten aber auch den einen oder anderen medizinischen Nebeneffekt im Auge, etwa mit simultanen Studien über die Krankheitsanfälligkeit einzelner Populationen. Im Rahmen des Projekts wollte man zudem auch DNA-Proben von bestimmten indigenen Völkern gewinnen, um – für den Fall ihres Aussterbens – ihre Zelllinien zu erhalten und ihre DNA für die Wissenschaft zu erhalten.

In den Medienberichten über das GP stehen zumeist zwei spezielle Bestandteile der menschlichen Erbinformation im Vordergrund:

– die mitochondriale DNA (mtDNA), die nur die Mutter an ihre Kinder weitergibt – und die folglich Rückschlüsse auf die Mutter, Großmutter mütterlicherseits etc. jedes Individuums erlaubt;

– ein Teil des Y-Chromosoms, das der Vater an den Sohn weitergibt – und das folglich auch auf den Großvater väterlicherseits etc. schließen lässt.

Varianten des genetischen Materials innerhalb einer Bevölkerung – „Polymorphismus“ genannt – werden in eine chronologische Beziehung gesetzt. Anhand solcher Abweichungen lassen sich sogenannte Haplogruppen definieren, die geografisch unterschiedlich verteilt sind. So definieren sechs bestimmte Mutationen die Haplogruppe L1, die vor allem in Afrika zu finden ist; drei weitere Mutationen definieren die besonders in Asien auftretende Haplogruppe M; und eine weitere Mutation definiert die in Europa häufigste Haplogruppe R.5

Auch beim genografischen Projekt besteht die kommerzielle Nutzung darin, dem „Kunden“ anhand der Geschichte seiner Haplogruppe und deren Variationen innerhalb der heute lebenden Populationen ein wahrscheinliches Szenario der Wanderungen seiner Vorfahren zu liefern. Wie genau dieses Szenario ist, hängt stark von der Definition der jeweiligen Haplogruppen ab.

Dies zeigt eine jüngere Studie über die Haplogruppe K, die bei den aschkenasischen Juden und den übrigen Europäern gleich häufig ist. Die mögliche aschkenasische Besonderheit liegt also nicht einfach in dieser Haplogruppe. Bei vollständiger Auswertung der mtDNA-Sequenzen, die ausführlichere genetische Informationen liefert,6 lassen sich durch feinere Aufspaltung des Mutationsbaums vier mütterliche Linien erkennen, die ausschließlich bei aschkenasischen Juden auftreten – allerdings nur bei einem knappen Drittel von ihnen.

Mit der Analyse der Genvariationen lassen sich also Schlüssel zur Identifikation der genetischen Zugehörigkeit konstruieren. Allerdings nur mit einer relativen Effizienz, die sich in Wahrscheinlichkeiten bemisst. Aber eine strukturelle Ungewissheit bleibt, weil von den vier Großeltern, acht Urgroßeltern, sechzehn Ururgroßeltern und so weiter jeweils nur zwei Vorfahren anhand der mtDNA und des Y-Chromosoms erfasst werden, der eine in mütterlicher, der andere in väterlicher Linie. Angesichts dessen stellt sich die berechtigte Frage, welcher Art das Interesse an Herkunftsnachweise ist, die einer „ethnischen“ Kennzeichnung gleichkommen.

Tatsächlich sind diese genetischen Forschungen auf zwei völlig verschiedenen Ebenen interessant: zum einen auf der Populationsebene, wo es darum geht, die genetische Vielfalt innerhalb einer Population und zwischen verschiedenen Populationen zu erfassen; zum anderen auf der individuellen Ebene, auf der mittels einer begrenzten Zahl von Genmarkern ein Herkunftsnachweis möglich wird. Das GP bewegt sich, was eine seiner Besonderheiten ist, auf beiden Ebenen: Es will sowohl die historischen Wanderungsbewegungen von Populationen beschreiben als auch den Projektteilnehmern Aufschluss über ihre Abstammung geben.

Zwischen Philanthropie und Kommerz

Weitergehende Methoden, wie sie andere Websites anbieten, erlauben es natürlich, durch Auswertung sämtlicher Chromosomen, also mit höherer Markerdichte, die individuelle genetische Nachforschung noch viel weiter zu treiben. Damit verändert sich die Problematik jedoch radikal, denn so lassen sich auch Verwandtschaftsbeziehungen bestätigen oder widerlegen, was ethische und juristische Fragen ganz anderer Natur aufwirft.

Das Genographic Projekt verfolgt eine „Beteiligungs“-Strategie, die eine Vielzahl von Akteuren voraussetzt. Zwar hat das Projekt durchaus eine wissenschaftliche Komponente, für die Genetiker und Migrationsexperten zuständig sind. Aber zugleich verfolgt es auch philanthropische und kommerzielle Zwecke, die mit den Intentionen der drei Träger durchaus im Einklang stehen: Die National Geographic Society pflegt eine Ästhetik des Exotischen und engagiert sich für den Erhalt der Natur und der Kulturen, betreibt aber auch kommerzielle Aktivitäten und ein ganzes Mediennetzwerk; die Waitt Family Foundation ist bekannt für ihre karitativen Aktionen („guten Menschen helfen, Großartiges zu tun“) und IBM für seine globalisierte Informatik.

Den Trägern geht es also darum, das Wissen über die Geschichte der Menschheit zu erweitern, aber auch um Bildung und humanitäres Engagement. „Je mehr wir über die gemeinsame Abstammung und die Wanderungsbewegungen der Menschheit wissen, desto eher ist es uns möglich, einander als Mitglieder ein und derselben Familie zu sehen“, sagte Ted Waitt, Begründer der Waitt Family Foundation. „Wenn uns das klar ist, werden wir Mittel und Wege finden, auf globaler Ebene zusammenzuleben und zusammenzuarbeiten.“7

Doch andererseits geht es auch darum, jedem, der es wünscht und es sich leisten kann, ein attraktives und personalisiertes „Produkt“ zu verkaufen: die Bestimmung der eigenen genetischen Herkunft. Beim GP gehen also kommerzielle Interessen, gute Absichten und Forschungsimpulse fast nahtlos ineinander über.

Um die breite Öffentlichkeit empfänglich zu stimmen, rühmt sich das Projekt als „beispiellos“, (das HDGP ist offenbar vergessen!), da es unter Mitwirkung hunderttausender Menschen darangehe, „die historischen Wanderungsbewegungen der Menschheit zu durchschauen“ und „die Gemeinsamkeiten und Unterschiede der menschlichen Spezies zu begreifen“.

Die gute Botschaft beeindruckt auch den Internetnutzer, der die WP-Website anklickt: Einerseits bietet ihm die Wissenschaft eine Antwort auf seine Anliegen oder Obsessionen hinsichtlich seiner Herkunft, andererseits darf er das Gefühl haben, damit einen persönlichen Beitrag zur Rettung der Kulturen der Ureinwohner zu leisten. Und wenn sich schon so viele beteiligen, warum nicht selber mitmachen?

Es bleibt allerdings nicht ohne Folgen, wenn wir unseren „Gemeinsamkeiten“ oder „Unterschieden“ eine derart große Bedeutung beimessen. Im Kontext des GP, das ja die historischen Völkerwanderungen in den Vordergrund rückt, erscheinen die „Gemeinsamkeiten“ mit den Angehörigen unseres eigenen Kulturkreises als eine Folge der gemeinsamen Migrationsgeschichte. Die „Unterschiede“ wären dann eine Begründung für den Status des Fremden, der eine andere Migrationsgeschichte hat: Das läuft darauf hinaus, mit der vom GP vermarkteten genetischen Herkunftsbestimmung den Käufer – auf wissenschaftlich dürftiger Grundlage – in seiner Zugehörigkeit zu einer Gruppe, mit der er sich identifiziert, zu bestärken und von anderen Gruppen abzugrenzen.

Ein weiterer heikler Punkt betrifft die Unterscheidung zwischen den „indigenen Völkern“ und dem „breiten Publikum“. Nach Auffassung des GP sind bestimmte Völker nicht einfach nur „indigen“ im Sinne von „eingeboren“, also Ureinwohner der Regionen, in denen sie leben (dann wäre schließlich auch die Mehrheit des „breiten Publikums“ eingeboren). Die Gründe für die Unterscheidung sind also andere. Der erste Grund liegt auf der Hand: Das „breite Publikum“ trägt finanziell und personell zum Projekt bei, die Mitwirkung der indigenen Völker ist dagegen subventioniert.

Der zweite Grund gibt sich wissenschaftlicher: Laut GP besitzen die indigenen Völker Gene, die „sich über hunderte Generationen hinweg kaum verändert“ haben und folglich „verlässliche Indikatoren der Migrationsbewegungen unserer Vorfahren“ sind.

Diese Behauptung ist allerdings keineswegs bewiesen. Erstens können auch „Ureinwohner“ über hunderte Generationen hinweg gewandert sein, weshalb ihre aktuelle „Georeferenz“ keinesfalls belegt, dass schon ihre Vorfahren an derselben Stelle lebten. Und zweitens steht gar nicht fest, dass die genetische Evolution bei den indigenen Völkern anders verlaufen ist als beim sogenannten breiten Publikum.

Und schließlich mögen diese Völker gegenwärtig zwar „isoliert“ erscheinen, doch es gibt keine Beweise dafür, dass sie sich in früheren Generationen nicht doch mit anderen Populationen gemischt haben. In der Behauptung, die indigenen Völker seien genetisch ursprünglicher und autochthoner, schwingt als gefährlicher Unterton die Annahme mit, sie könnten die letzten Überlebenden aus ferner Vorzeit sein.

Projektleiter Spencer Wells, der sich als „Genetiker, Anthropologe, Autor und Abenteurer“ darstellt, verspricht sich von GP wissenschaftliche Erkenntnisse über die Geschichte der menschlichen Gattung, ihre Abstammung und ihre Wanderungsbewegungen. Am Ende könne man gegenwärtige Unterschiede vermutlich besser erklären, das Schicksal der indigenen Völker bekannt machen und vielleicht sogar den Verlust ihrer kulturellen Identität aufhalten. Er gibt seiner Hoffnung Ausdruck, „dass sich etliche Vorurteile überwinden lassen, wenn erwiesen ist, dass alle Menschen in einer nicht allzu fernen Vergangenheit einen gemeinsamen Vorfahren hatten“.

Frau X reicht hundert Dollar und eine Speichelprobe ein

Während wir auf die Resultate des Projekts, über das es längst wissenschaftliche Publikationen gibt, noch warten müssen, sind andere Angebote schon jetzt auf dem Markt: vor allem natürlich die personalisierten Produkte, die direkt über die NGS zu beziehen sind, sodann all die Bücher, DVDs und Zeitungsartikel, die ebenfalls auf das breite Publikum zielen, und schließlich jene Produkte, die für die indigenen Völker gedacht sind.

Die erste Gruppe können wir am Beispiel einer Klientin beschreiben: Nachdem Frau X zirka hundert Dollar überwiesen hat, schickt ihr die NGS ein Selbsttestpaket zur DNA-Entnahme mit dem dazugehörigen Rücksendeumschlag. Frau X reicht eine Speichelprobe ein und erhält einige Wochen später einen Identifikationscode, mit dem sie auf der GP-Internetseite die Ergebnisse ihrer DNA-Analyse samt Kommentar auffinden kann.

Hier erfährt sie, dass sie als Trägerin einer mtDNA-Mutation identifiziert wurde, die sie als Mitglied der Haplogruppe H ausweist. Auf einer Landkarte ist die Wanderung ihrer mütterlichen Vorfahren eingetragen, beginnend mit der aus Afrika stammenden Haplogruppe L bis hin zu der in Westeuropa mehrheitlich ansässigen Haplogruppe H. Schließlich wird Frau X gut zugeredet, sie möge der Aufnahme ihrer persönlichen Daten in die Datenbank des GP zustimmen. Da die Haplogruppe H 40 bis zu 50 Prozent des Genpools der meisten europäischen Völker ausmacht, ist Frau X allerdings nicht die Einzige, die genau diese „personalisierte“ Herkunftsbestimmung erhalten hat. Aber das überrascht sie nicht unbedingt, denn soweit sie weiß, stammen ihre Vorfahren aus der Auvergne.

Inwiefern die indigenen Völker von den an ihnen vorgenommenen Forschungen profitieren sollen, ist viel schwerer nachzuvollziehen. Das GP betont auf seiner Website: „Wir legen großen Wert darauf, den teilnehmenden Communitys greifbare Vorteile zukommen zu lassen.“ Doch was das bedeutet, bleibt eher vage: Man habe einen „Genographic Legacy Fund gegründet, in den ein Teil der Erlöse aus dem Verkauf der Genographic-Project-Teilnahmekits fließen und der Bildungsprogramme und Projekte zum Kulturerhalt finanzieren wird.“8

Mit dem Verkauf von über 200 000 Selbsttest-Kits hat das GP schon über 3,6 Millionen Euro eingenommen. Doch da es sich nicht nur als kommerzielles Projekt versteht, wüsste man ganz gern, wie solche Einnahmen verwandt werden. Ein Projekt mag noch so löbliche Ziele verfolgen – es braucht unabhängige Kontrollstrukturen, die sich nicht auf einen von den Projektinitiatoren eingesetzten Beratungsausschuss beschränken. Doch konkrete Pläne dieser Art scheint es nicht zu geben. Man sollte aber zumindest erwarten, dass alle beteiligten Wissenschaftler, die sich mit „indigenen“ Themen befassen, vorab die Zustimmung der jeweiligen Ethikräte einholen.

Alle zahlenden GP-Teilnehmer erhalten eine DVD, auf der die „große Reise“ der menschlichen Gattung vom Auszug aus Afrika bis zur Besiedlung der anderen Kontinente nachgezeichnet ist („Ihre DNA enthält das fantastischste Geschichtsbuch, das je geschrieben wurde“). Der Film auf dieser DVD schildert in eitler Manier die Reisen des Produzenten Spencer Wells durch die verschiedenen Kontinente: der klassische Typus des dynamischen US-Amerikaners als Indiana Jones der Wissenschaft, der in die Wildnis aufbricht, um die „exotischen“ Völker über ihre Herkunft aufzuklären.

Trotz des Bekenntnisses zur „echten Zusammenarbeit zwischen den indigenen Völkern und den Wissenschaftlern“9 zeigt sich gerade hier die Doppelnatur des GP: Einerseits legt es Wert darauf, die Kulturen der Ureinwohner zu respektieren und sich für ihren Schutz und Erhalt einzusetzen, andererseits aber will es diese Gruppen überreden, an der Erstellung einer wissenschaftlichen Erklärung ihrer Abstammung mitzuwirken, obwohl diese ihre eigene Version davon haben, auf der auch ihr Verhältnis zur Welt und ihre sozialen Beziehungen basieren.

Auf diesen Widerspruch verweist Debra Harry mit der Frage, warum eigentlich das eine Erkenntnissystem (die Wissenschaft) über das andere (die Tradition) triumphieren und Letzteres als Obskurantismus abgetan werden soll. „Unsere Rechte“, schrieb sie im Dezember 2005 in der Zeitschrift New Internationalist, „wurzeln darin, dass wir die Gebiete, in denen wir leben, ursprünglich besiedelt haben. Eine Aussage, die die Ureinwohnerschaft bestimmter indigener Völker infrage stellt, könnte eine ernste Bedrohung darstellen. So spekulativ diese Forschungsergebnisse auch sein mögen, sie würden über kurz oder lang doch als politische Waffe gegen uns eingesetzt werden.“

Scharfe Kritik am GP kam inzwischen von Anthropologen und Ethnologen10 . Sie verweisen auf die methodologischen Mängel und die Doppelbödigkeit des Projekts: auf die Widersprüche zwischen altruistischer Großzügigkeit gegenüber Völkern und latentem kulturellen Überlegenheitsgefühl, zwischen der behaupteten Einzigartigkeit der menschlichen Spezies und der Suche nach genetischen Unterscheidungsmerkmalen. Und nicht zuletzt kritisieren sie die Verflechtung von wissenschaftlichem Erkenntnisinteresse mit kommerziellen Zwecken.

In ihren ethischen Überlegungen räumen die Initiatoren des GP zwar ein, das Projekt könne „Anlass zu Erzählungen geben, die von den Volksmythen über die Entstehung des Kosmos abweichen“. Sie bestehen jedoch darauf, dass keine Vision gegenüber einer anderen Vorrang habe; das Urteil darüber, inwieweit die wissenschaftliche Sicht die eigene Auffassung ergänze, bleibe den Gemeinschaften der Ureinwohner überlassen. Ob das mehr als ein Lippenbekenntnis ist, wird sich zeigen.

Fußnoten: 1 Internetseite der NGS Frankreich am 13. Dezember 2006. 2 Begründer des HGDP ist der italienische Genetiker Luigi Luca Cavalli-Sforza, der bis 1992 an der kalifornischen Stanford University lehrte. 3 www.hartford-hwp.com/archives/41/024.html. 4 www.stanford.edu/group/morrinst/hgdp/protocoll.html. 5 www.mitomap.org. 6 Dron M. Behar und andere, „The Matrilineal Ancestry of Ashkenazi Jewry : Portrait of a Recent Founder Event“, in: American Journal of Human Genetics, 78 (März 2006), S. 487–497. 7 www.ibm.com (siehe Fußnote 2). 8 nationalgeographic.com/genographic. 9 http://www3.nationalgeographic.com/genogra phic/faqs_privacy.html#Q12. 10 Der Anthropologe Alan Swedlund von der University of Massachusetts spricht von einer „Technologie des 21. Jahrhunderts im Dienst einer Ideologie des 19. Jahrhunderts“, in: „Human Genome Diversity Project“, New Scientist, 29. Mai 1993.

Aus dem Französischen von Barbara Schaden Pierre Darlu ist Forschungsleiter am CNRS (Nationaler Forschungsrat) und am Nationalen Institut für Gesundheit und medizinische Forschung (Inserm), Villejuif.

Le Monde diplomatique vom 13.06.2008,