Artikel

Artikel drucken zurück

Der talentierte Mister McCain

Vom Kriegshelden zum republikanischen Präsidentschaftskandidaten von Michael Tomasky

Kaum jemand weiß heute noch, dass die politische Karriere des John Sidney McCain III mit einer Reihe glücklicher Zufälle begonnen hat. Nach seiner fünfeinhalbjährigen Gefangenschaft in Nordvietnam war McCain 1973 nach Washington, genauer nach Arlington, Virginia, zurückgekehrt, wo er seine Kindheit und damit mehr Jahre verbracht hat als an irgendeinem anderen Ort der Welt. In Washington trat er in die Fußstapfen seines Vaters, der hohe Positionen in der US-Marine bekleidet und es zum gefeierten Vier-Sterne-Admiral gebracht hatte.

McCain war einer der 591 Kriegsgefangenen, die Anfang 1973 aus Vietnam heimkehrten.1 Berühmtheit erlangte er dank der Wochenzeitschrift U.S. News & World Report, die ihn bat, auf 13 Seiten seine Leidensgeschichte aufzuschreiben (ein berühmter Vater kann nie schaden). 1977 gelangte McCain auf den Posten, den schon sein Vater innegehabt hatte: Er wurde Verbindungsoffizier der US-Marine zum Kongress. Bald darauf wurde er zum Captain befördert. Auf dem Kapitol freundete er sich mit wichtigen Senatoren an: mit Gary Hart aus Colorado, mit William Cohen aus Maine und vor allem mit dem Texaner John Tower, der sich als sein bester Kumpel bewährte, als er Alkoholprobleme bekam und die Ehe mit seiner ersten Frau Carol in die Brüche ging.

Dann kam der erste große Glücksfall. McCain verliebte sich über beide Ohren in Cindy Hensley, eine siebzehn Jahre jüngere Frau aus Arizona, die er im Urlaub in Honolulu kennengelernt hatte. Ihre Heirat im Mai 1980 erwies sich als Zeitzünder für weitere glückliche Zufälle. Da seine neue Frau in Arizona lebte, konnte er in einen Staat umziehen, dem laut Volkszählung von 1980 ein zusätzlicher Sitz im Repräsentantenhaus zustand – eine günstige Fügung, die er fest einkalkuliert hatte.

Cindys familiärer Hintergrund – ihr Vater Jim Hensley besaß den größten Vertrieb in den USA für Anheuser Busch (Budweiser) – verschaffte ihm sowohl das Geld als auch die Verbindungen für eine politische Karriere. Und eben die strebte er an, seit er auf dem Kapitol wichtige Politiker kennengelernt hatte. Bereits 1981, als er in Arizona noch kaum jemanden kannte, erzählte er Freunden, bei den Kongresswahlen von 1982 werde er sich den neuen Abgeordnetensitz krallen, um anschließend Barry Goldwater zu beerben, wenn der seinen Senatorensitz aufgeben würde.

Günstling des Schicksals und versierter Postenjäger

Aber der Plan ging nicht auf: Der neue Abgeordnetensitz von Arizona wurde nicht der Hauptstadt Phoenix, sondern dem südlichen Bezirk von Tucson zugeteilt. Das Glück ließ McCain aber nicht im Stich: John Rhodes, der republikanische Abgeordnete für Phoenix und Vorsitzende der Minderheitsfraktion im Repräsentantenhaus, gab seinen Rückzug bekannt. Damit wurde sein Sitz frei. Die McCains wohnten zwar knapp jenseits der Grenzen von Rhodes’ Wahlkreis, aber mit Cindys Geld konnten sie ein neues Haus im richtigen Bezirk kaufen und flugs umziehen.

Die unvermeidliche Folge war allerdings, dass McCain sich im Vorwahlkampf gegen drei andere Republikaner einen Opportunisten und Postenjäger nennen lassen musste. Dieser Vorwurf kam auch bei einer öffentlichen Veranstaltung mit den Kandidaten zur Sprache. McCain konterte mit einem Argument, die als frühes Beispiel für sein eindrucksvolles rhetorisches Geschick dienen kann: „Hör zu, mein Junge. Ich war 22 Jahre bei der Marine. Mein Vater war bei der Marine. Mein Großvater war bei der Marine. Wir Militärs ziehen nun mal häufig um. Wir müssen in allen Teilen des Landes leben, überall in der Welt … Und jetzt, wo ich darüber nachdenke, muss ich sagen: Der Ort, an dem ich am längsten gelebt habe, ist eigentlich Hanoi.“ Das stimmte zwar nicht ganz, aber mit Nordvirginia, wo er tatsächlich insgesamt zehn oder mehr Jahre verbracht hatte, wäre die Pointe bestimmt nicht so wirkungsvoll rübergekommen. Auch im weiteren Verlauf der Karriere des John McCain hat sich gezeigt, dass seine Selbstdarstellung bisweilen imposanter ist als die schlichten Fakten.

26 Jahre später tritt nun der Abgeordnete aus Arizona als Präsidentschaftskandidat der Republikaner an. Und auch das verdankt er einer Kette glücklicher Zufälle. Man denke nur an die unerklärliche Entscheidung des New Yorker Exbürgermeisters Rudy Giuliani, auf die Teilnahme an den ersten republikanischen Primaries zu verzichten; an das uneinheitliche Abschneiden seines Konkurrenten Mitt Romney; an die Tatsache, dass sich die Republikaner nicht auf einen „echten konservativen“ Kandidaten einigen konnten; oder auch an die optimistischere Berichterstattung über die zunächst sehr unpopuläre Truppenverstärkung im Irak, auf die er von Anfang an gesetzt hatte und die auf einmal erste Erfolge zu zeitigen schien.

Der Golfprofi Arnold Palmer soll einmal gesagt haben: „Komisch, je mehr ich übe, desto öfter habe ich Glück.“ McCains Karriere basiert unzweifelhaft auch auf einer selten geworden politischen Geschicklichkeit und Cleverness. Dabei hat er sich im Kongress nicht eben durch viele Gesetzesinitiativen hervorgetan, auch wenn er nach jahrelangem Einsatz schließlich den McCain-Feingold Bipartisan Campain Reform Act („Bickra“) durchgebracht hat, ein von Republikanern und Demokraten getragenes Gesetz zur Reform der Wahlkampffinanzierung.2 Auch für seine Wähler in Arizona hat er sich bislang nicht sonderlich ins Zeug gelegt. In seinem Heimatstaat gilt er allgemein als jemand, der „eifrig bemüht ist, sich möglichst wenig mit kleinen Leuten abzugeben“.3

Auf der Washingtoner Bühne und vor allem auch gegenüber den Meinungsmachern in den großen US-Medien ist McCain seit jeher als ein glänzender Stratege aufgefallen. „Die Presse liebt McCain“, bekannte vor zwei Jahren der MSNBC-Talkmaster Chris Matthews, „wir sind seine eigentliche Basis.“ In der Tat weiß John McCain intuitiv, wie man sich als Politiker eine Reputation aufbaut. Zwei Autoren der NGO Media Matters for America drücken es so aus: McCain habe den „Mediencode geknackt“ und herausgefunden, wie er diese angeblichen Gegenspieler zu seinen Verbündeten, ja sogar Fürsprechern machen kann.

Zum Darling der Presse wurde er schon in den Jahren 1999 und 2000, als er zum ersten Mal als Präsidentschaftskandidat antrat. Damals tourte er mit seinem berühmten „Straight Talk Express“ durchs Land, um seine unkonventionellen Meinungen unters Volk zu bringen. Seitdem hat er sich zwar zu einem deutlich konventionelleren Konservativen gewandelt, aber das hat sich noch nicht so recht herumgesprochen. Deshalb dominiert heute die Erwartung – und bei Demokraten die Befürchtung –, dass die Massenmedien sich bei der bevorstehenden Wahl eher auf die Seite von McCain schlagen werden.4

Das Fundament, auf dem der McCain-Mythos aufbaut, ist bekanntlich seine fünfeinhalbjährige Gefangenschaft im Hoa-Lo-Gefängnis, dem berühmten „Hanoi Hilton“. Der Langstreckenbomber des jungen McCain war im Oktober 1967 bei einem Angriff auf Nordvietnam abgeschossen worden. Er landete mit seinem Fallschirm im Truc-Bach-See mitten in Hanoi, schwamm mit zwei gebrochenen Armen und einem gebrochenen Knie an Land, wo ihn eine aufgebrachte Menge in Empfang nahm und verprügelte. Jemand stieß ihm sogar ein Bajonett in den Leib.

Im Hoa-Lo-Gefängnis wurden seine Knochenbrüche nicht behandelt, stattdessen wurde er regelmäßig gefoltert, um ihm falsche Geständnisse abzupressen. Als die Vietnamesen herausfanden, dass er einen berühmten Vater hatte, der überdies seit 1968 Oberkommandierender der US-Kriegsflotte im Pazifik war, boten sie ihm – mit propagandistischen Hintergedanken – eine rasche Entlassung an. McCain lehnte die Bevorzugung mit dem Argument ab, dass Kriegsgefangene gemäß der militärischen Vorschriften in der Reihenfolge zu entlassen sind, in der sie gefangen genommen wurden.5 Den Rest seiner Gefangenschaft verbrachte er vorwiegend in Einzelhaft.

Der Stoff, aus dem ein Held gemacht wird

Das Ganze ist eine atemberaubende Geschichte, genau die richtige Heldenstory für einem Krieg, den keiner wollte. Tatsächlich muss man fragen, wer McCain heute feiern würde, wenn er dafür bekannt wäre, die meisten Nordvietnamesen abgeschossen zu haben. Hätte er damals einen großen Bomberangriff kommandiert, wäre er heute den meisten Leuten egal. Oder schlimmer noch: Ein investigativer Journalist wie Seymour Hersh hätte womöglich längst herausgefunden, dass dabei unschuldige Frauen und Kinder niedergemetzelt wurden.

Nein, zum Helden der Nation konnte McCain nur werden, weil das, was er in seiner Zelle erlitten hat, zur Metapher wurde. Und die stand für das Leiden der Amerikaner in einem Krieg, den die meisten US-Bürger schon bald nach McCains Gefangennahme verloren gegeben hatten. McCain hingegen harrte unter unvorstellbaren Bedingungen aus und hielt an seinen Prinzipien fest – er hat in einer nicht gerade ehrenhaften Situation eine – wenn auch vage – Vorstellung von „amerikanischer Ehre“ aufrechterhalten.

McCains Foltergeschichte war auch dazu angetan, linke Vietnamkriegsgegner, die von der brutalen Repression des Regimes in Hanoi oft nichts wissen wollten, moralisch in die Defensive zu drängen. Besonders magisch wirkt diese Geschichte auf Journalisten der Babyboomer-Generation, von denen sich wahrscheinlich viele in ihrer Jugend gegen den Vietnamkrieg engagiert oder keinen Militärdienst geleistet haben (oder beides) und die McCain deshalb unwillkürlich eine große moralische Autorität zugestehen. Viele Journalisten gehen nicht nur davon aus, dass sein Vietnamerlebnis die Essenz seines Charakters ausmacht, sie übernehmen diesen Maßstab auch für die Bewertung von „Charakter“ schlechthin.6

Gleichwohl dauerte es eine Weile, bis John McCain zur politischen Ikone wurde. In den US-Medien kam er erstmals Ende der 1980er-Jahre groß heraus. Damals gehörte er zu den „Keating Five“. So hießen seinerzeit die fünf Senatoren, die sich als Lobbyisten für das pleite gegangene Kreditunternehmen Keating eingesetzt hatten. Dessen Eigentümer Charles Keating hatte einigen Republikanern großzügige Wahlspenden gewährt, darunter auch McCain. Aber andere Senatoren waren stärker mit Keating verbandelt, und McCain bekam nur einen Rüffel vom Ethikausschuss des Senats, der sein Verhalten als „fragwürdig“ bezeichnete.

Zwei Dinge scheint McCain aus dieser Episode gelernt zu haben. Erstens entdeckte er die Reform der Wahlkampffinanzierung als sein Thema – auch um seinen angeschlagenen Ruf wiederherzustellen. Und zweitens gingen ihm die praktischen Vorteile einer erhöhten Medienpräsenz auf. „In einem knapp zweistündigen Interview ging er auf feindselige Fragen ein – und wurde hinterher in der Lokalzeitung seiner Heimatstadt dafür gelobt, dass er wie ein Mann zu seinen Fehlern gestanden habe. Nachdem er sich von fast jedem Reporter zu fast jeder Tageszeit hatte befragen lassen, stellte er fest, dass die Berichterstattung über ihn von mehr Verständnis und einem durchaus nützlichen Wohlwollen geprägt war.“7 Es war der Anfang seines Dauerbalzens um die Gunst der Medien.

Mit seinem Engagement für eine Reform der Wahlkampffinanzierung besetzte McCain ein Thema, das linksliberale Redaktionen lieben. Damit konnte er sich auch von seinen republikanischen Kollegen abgrenzen. Damals begann auch die Rede von McCain als „maverick“8 – zu dem er nicht zuletzt wegen seines Eintretens für die Anhebung der Tabaksteuer wurde.

Noch intensiver wurde McCains Beziehung zu den Medien, als er sich im Jahr 2000 zum ersten Mal um die Präsidentschaftskandidatur der Republikaner bemühte. Damals verblüffte er Journalisten mit Einladungen in sein Privatdomizil, wo er ihnen offen sagte, was er dachte.9 Noch mehr Sympathien brachte ihm die bösartige Vorwahlkampagne ein, die George W. Bush in South Carolina gegen ihn führte und die McCain aus dem Rennen warf, nachdem er zuvor sieben Vorwahlen gewonnen hatte. Zu diesem Zeitpunkt galt er – selbst für viele Linke – als einer der Helden in der US-Politik, für manche war er sogar der größte seit Bobby Kennedy.

In den Jahren der Bush-Regierung erstrahlte sein Heiligenschein noch heller. Nach dem 11. September 2001 wurde er zum begehrten TV-Gast, und für Bushs „Krieg gegen den Terror“ spielte seine Zustimmung eine wichtige Rolle. Aber auch jetzt verfolgte McCain bisweilen noch eine unabhängige Linie. 2002 verabschiedete der Kongress die Reform der Wahlkampffinanzierung, gegen den erbitterten Protest konservativer Republikaner. Für sie blieb der notorisch Abtrünnige McCain ein Hassobjekt, einer, mit dem schon allein deshalb etwas nicht stimmen konnte, weil ihn viele Linke und Journalisten gut fanden. 2004 erwog er kurz das Angebot des Demokraten John Kerry, als dessen Vizepräsident mit anzutreten. In dieser Zeit wurde seine Liebesaffäre mit den Medien immer inniger.

Als sich McCain im Verlauf der Bush-Ära für die Präsidentschaftskandidatur 2008 warmlief, entdeckten die wenigen Beobachter, die sich die Mühe machten, hinter die Fassade zu blicken, an seiner Persönlichkeit und in seiner Karriere gewisse Aspekte, die zu dem McCain-Mythos nicht recht passen wollten. Drei davon sind besonders wichtig.

Der erste betrifft seine berühmten Wutausbrüche, über die ab und zu berichtet wurde. Das hat ihm nicht wirklich geschadet, weil es nur zu einfach ist, „ein hitziges Temperament“ als Ausdruck „leidenschaftlicher Überzeugungen“ zu verkaufen und so ins Positive zu wenden. Manche Journalisten gingen dabei so weit, einen Charakterzug, der manch anderem Politiker die Karriere vermasselt hätte, nachgerade als Stärke zu beschreiben.10

Der Politkommentator und Buchautor Cliff Schecter beschreibt eine Szene aus dem Jahr 1992: Als Cindy McCain ihren Gatten mit dem Hinweis auf seine dünner werdenden Haare aufzog, blaffte der (in Anwesenheit von drei Reportern und zwei Mitarbeitern) zurück: „Wenigstens kleistere ich mich nicht mit Make-up zu wie eine Nutte, du F…“11 Man fragt sich, ob Mrs McCain nach solchen Szenen ihren Gatten daran erinnert, wem er seine politische Karriere zu verdanken hat.

Der zweite kritische Punkt ist substanzieller und betrifft den Politiker McCain. Diese Bilanz fällt in vieler Hinsicht alles andere als konsistent aus. Nach Ansicht von Cliff Schecter, der sowohl McCains Abstimmungsverhalten im Senat als auch seine Aussagen als Präsidentschaftskandidat unter die Lupe genommen hat, zeugen diese häufig nur von Heuchelei, opportunistischer Wendigkeit und purer Berechnung – und keinesfalls von der politischen Courage, die McCain immer nachgesagt wird. Die Art, wie er sich ausgerechnet aus dem Thema hinausmanövriert hat, das ihm zu Beginn seiner Karriere so viel Sympathie und Wohlwollen eingebracht hatte, besagt einiges. Nachdem das McCain-Feingold-Gesetz im Kongress durchgekommen war, unterstützte er zunächst noch weitergehende Reformschritte – bis im Juli 2006 seine alten Verbündeten (der demokratische Senator Russ Feingold, der republikanische Abgeordnete Chris Shay und der demokratische Abgeordnete Marty Meehan) eine Gesetzesvorlage einbrachten, die eine öffentliche Finanzierung von Präsidentschaftswahlen sicherstellen sollte. 2003 hatte McCain noch eine Gesetzesvorlage unterschrieben, die im Kern dasselbe wollte. Drei Jahre später fehlte seine Unterschrift.

Schon einige Monate zuvor hatte McCain der Nationalen Wahlkommission mitgeteilt, dass er sich nicht an die für Vorwahlkämpfe festgelegte Ausgabengrenze halten werde, die er zuvor akzeptiert hatte (nach Gesetzeslage hätte er bei der Kommission um eine Ausnahme ersuchen müssen).

Überhaupt redet McCain heute kaum noch über die Reform der Wahlkampffinanzierung. Seine bevorzugten Themen sind vielmehr Reformen, die den Konservativen besonders am Herzen liegen, wie die Begrenzung der Staatsausgaben. Folglich verspricht er eine stärkere Ausgabendisziplin und will vor allem gegen solche Gesetzesvorhaben vorgehen, die von Kongressmitgliedern auf den Weg gebracht werden, um ihrer speziellen Klientel Vorteile zu verschaffen und um für sich selbst die Wiederwahl zu sichern.

Ähnliche Beispiele gibt es zuhauf. Zweimal (2001 und 2003) hatte McCain gegen Bushs Steuersenkungsprogramm gestimmt, weil es die Reichen begünstigt, heute tritt er dafür ein, weitere Steuern zu senken. Bei der Einwanderungspolitik – McCains Haltung zu diesem Thema nahmen die Presse und viele Linke positiv auf – spricht er mittlerweile nicht mehr von einer „umfassenden“ Reform, die Illegalen den Weg zur Einbürgerung ebnen sollte, sondern lieber über den Grenzzaun im Süden der USA.

Zum Thema Abtreibung hatte er noch 1999 gesagt, er sei nicht für die Anfechtung des einschlägigen Supreme-Court-Urteils (Roe vs. Wade),12 weil sonst viele Frauen gezwungen wären, „sich illegalen und gefährlichen Operationen zu unterziehen“. 2006 meinte er dagegen, dass er nichts gegen eine Anfechtung dieses Urteils hat. Und im Mai dieses Jahres verlautete aus seinem Wahlkampfstab, er halte nicht einmal an seiner früher vertretenen Forderung fest, dass die Anti-Abtreibungs-Aussage im Wahlprogramm der Republikaner durch einen Passus zu ergänzen sei, der Vergewaltigungs- und Inzestopfer vom Abtreibungsverbot ausnimmt. Das ist die extremste Position, die ein Kandidat in diesem Wahlkampf zu diesem Thema bezogen hat.

Am erstaunlichsten ist jedoch, dass der Mann, der als Kriegsgefangener von den Vietnamesen wiederholt gefoltert wurde, einen Rückzieher in der Frage macht, ob Angehörige der US-Armee und des Geheimdiensts foltern dürfen. Noch 2005 hatte er in das Gesetz über die Behandlung von Gefangenen – zum Missfallen der Bush-Regierung – Formulierungen hineingeschrieben, die dem US-Militär bestimmte Verhörmethoden untersagten. Als dann 2006 der Supreme Court mit seinem Urteil (im Fall Hamdan vs. Rumsfeld) die Haltung der Regierung zu den Guantánamo-Gefangenen verworfen hatte, betonte McCain seine Opposition gegen Bush lange genug, um sich ein günstiges Medienecho zu sichern.

Dann kam es jedoch zu einem breit diskutierten „Kompromiss“ mit der Regierung, in dem McCain seine Zustimmung zu dem berüchtigten „Military Commission Act“ erklärte. Dieser verwehrt den Betroffenen die Möglichkeit, gegen ihre Haft Widerspruch einzulegen, und ermächtigt das Weiße Haus, sich bei Bedarf über die Genfer Konventionen über die Rechte von Kriegsgefangenen hinwegzusetzen. Voll auf Bush-Linie begab sich McCain dann mit seiner Reaktion auf das Urteil des Supreme Court, das den Guantánamo-Häftlingen das Recht zuspricht, ihre Inhaftierung vor normalen Gerichten anzufechten. Er nannte die Entscheidung der Richtermehrheit „eines der schlimmsten Urteile in der Geschichte dieses Landes“, weil sie Terroristen die Rechte von US-Bürgern zugestehe.13

Diese Bilanz belegt einen bemerkenswerten Sinneswandel auf fünf Politikfeldern, von denen vier zu den umstrittensten im ganzen Land gehören, während das fünfte – die Wahlkampffinanzierung – ausgerechnet dasjenige ist, das von der Öffentlichkeit am stärksten mit McCain identifiziert wurde. Angesichts einer solchen Bilanz wäre jeder andere Politiker gewiss als opportunistischer „flip-flopper“ bezeichnet worden.14 McCains inkonsistentes Verhalten haben die Medien nur selten zur Kenntnis genommen und noch seltener kritisch kommentiert.

Ein letzter Punkt, der den neuen und neu erfundenen John McCain kennzeichnet, findet ebenfalls noch kaum öffentliche Erwähnung. Der McCain vom Jahr 2000 machte eine Wahlkampagne, die zugleich eine Bewegung war. Am meisten zitiert wurde damals der Satz, mit dem er die Idee eines Dienstes an der Allgemeinheit beschwor: „Wenn ihr euch für eine Sache aufopfert, die größer ist als euer Eigeninteresse, dann verleiht ihr eurem Leben die Würde dieser Sache und erhöht damit eure Selbstachtung.“15

Ein ehemaliger Fatalist will gewinnen

Solche Ideen haben wahrscheinlich viele Journalisten und Linke und vor allem junge Leute beeindruckt, obwohl Kritiker schon damals anmerkten, dass die Rede von „Opfern“, die man bringen müsse, zwar hübsch klinge, dahinter verberge sich aber die Vorstellung, dass das Volk über dem Individuum stehe und persönliche Freiheiten mit Füßen getreten werden dürfen.16

McCain greift bis heute gelegentlich auf diesen Satz zurück, und auf seiner Website gibt es ein Feld mit dem Titel „A Cause Greater“ mit Links zu Organisationen, die freiwillige Helfer für ihre Arbeit rekrutieren. Unübersehbar ist jedoch auch, dass er seine inspirierende, vor allem an Jugendliche appellierende Rhetorik zurückgefahren hat.

McCains literarische Lieblingsfigur ist Robert Jordan, der Amerikaner, der in Hemingways „Wem die Stunde schlägt“ im spanischen Bürgerkrieg an der Seite der antifaschistischen Republikaner kämpft. Und sein bevorzugter Filmheld ist Emiliano Zapata, gespielt von Marlon Brando, der am Ende allein auf den Dorfplatz und damit seinem sicheren Tod entgegentritt. McCain sagt, er glaube an den „schönen Fatalismus“ einer edlen, aber verlorenen Sache. 2000 registrierten die Journalisten verblüfft, dass er sich nach seinem Sieg bei den Vorwahlen in New Hampshire in düsteren Vorahnungen erging, nach seiner Niederlage in South Carolina dagegen Erleichterung äußerte. Solche Reaktionen haben damals viele Menschen für ihn eingenommen. Irgendwo, wenn auch tief verborgen, gibt es diesen McCain wahrscheinlich immer noch. Aber der McCain, den wir heute bei seinen öffentlichen Auftritten erleben, ist fest entschlossen, alles zu tun, um am Ende zu gewinnen.

Es ist eher unwahrscheinlich, dass die großen US-Zeitungen und -Fernsehsender bis zum 4. November ihr Bild des republikanischen Kandidaten korrigieren werden. Zu fest eingebrannt ist das Image des Einzelgängers, der kein Blatt vor den Mund nimmt und der in einer vietnamesischen Zelle darbte, während sich die Babyboomer einen lauen Lenz machten. Außerdem kann McCain – ein Meister der selbstironischen Sprüche, der Journalisten um den Finger zu wickeln versteht – seinen ausgeprägten Ehrgeiz besser verbergen als Hillary Clinton.

Ebenso offensichtlich sind allerdings auch seine Nachteile. Als Bewerber um das Präsidentenamt schleppt er die Last eines Amtsvorgängers mit, der extrem unpopulär ist, den er aber dennoch einbinden muss, weil er jede Stimme aus dem Wählerreservoir der 29 Prozent braucht, die Bush noch immer schätzen. Die jüngsten Verluste der Republikaner in lokalen Nachwahlen zum Repräsentantenhaus (in Illinois und Louisiana) zeigen, wie schwer das Ansehen der Partei gelitten hat. McCain hat sich bislang jedenfalls nicht als der politische Führer erwiesen, der den Republikanern ein vollkommen neues Profil zu geben vermag. Schließlich spielt auch sein Alter eine Rolle – er wird Ende August 72 Jahre alt. Und der eine oder andere altersbedingte Aussetzer wäre – nachdem er in Interviews schon zweimal Sunniten und Schiiten verwechselt hat – für seine Gegner ein gefundenes Fressen.

Doch die Demokraten werden McCain vor allem bei den Sachthemen schlagen müssen, zuallererst beim Thema Irak. Nach der heftigen Kritik an einer früheren Äußerung, wonach er nichts dagegen habe, wenn die USA noch hundert Jahre im Irak blieben, hat er sich der politischen Realität gebeugt. Am 15. Mai erklärte er in einer Rede, er strebe bis 2013 einen Sieg im Irak an und wolle bis dahin auch „die meisten US-Militärangehörigen“ nach Hause holen. Aber er präsentierte keinerlei analytische Vision, wie er diese Ziele erreichen will. Und sollte er versuchen, sich nach so langer Zeit von Bushs Kriegspolitik zu distanzieren, würde er damit wahrscheinlich die Neokonservativen mehr ärgern, als er seine gemäßigten Wähler besänftigen könnte.

Zum Thema Iran jedenfalls, das bei jeder Lösung des Irakproblems zwangsläufig zu berücksichtigen ist, äußert sich McCain eher bellizistisch. Er nennt den Iran einen „Schurkenstaat“. Und wenn er eine „Rollback“-Politik gegen die Schurkenstaaten fordert, greift er damit gezielt auf die Rhetorik der knallharten „Kalten Krieger“ zurück. Ende April meinte er in einer Rede über den Nahen Osten: „Die Leute sollten begreifen, dass ich für Hamas der schlimmste Albtraum bin.“

Fußnoten: 1 Im Rahmen der „Operation Homecoming“ ließ die Nixon-Regierung 1973 die POW (Prisoners of War) zurückholen. 2 Siehe Elizabeth Drew, „Citizen McCain“, New York (Simon & Schuster) 2008 (Neuauflage). 3 Siehe Matt Welch, „McCain: The Myth of a Maverick“, New York (Palgrave Macmillan) 2008. 4 Diese Tendenz zeigte sich beispielsweise an der Reaktion auf den Vorschlag, der Staat solle in den Sommermonaten auf die Benzinsteuer verzichten. Die Idee wurde zuerst von McCain und dann von Hillary Clinton befürwortet. Die New Yorker Senatorin wurde für ihren Wähleropportunismus allerdings viel häufiger kritisiert als McCain. 5 Nur einmal setzte McCain seinen Namen unter eine Propagandaerklärung, wofür er sich bis heute schämt. Siehe Andrian Kreye, „Die Wunden des Verrats“, in: Süddeutsche Zeitung, 18. Juni 2008, S. 11. Die beste Darstellung von McCains Leidensgeschichte schrieb schon vor acht Jahren der US-Literat David Foster Wallace mit seinem Essay „Up, Simba“, wieder abgedruckt in: „Consider the Lobster and Other Essays“, London (Little Brown) 2005. 6 Siehe David Brock und Paul Waldman, „Free Ride – John McCain and the Media“, New York (Anchor) 2008. 7 Siehe Matt Welch (Anm. 3). Laut Brock und Waldman (Anm. 6) spricht vieles dafür, dass McCain die Presse auch mit vertraulichen Informationen über die anderen Senatoren der „Keating Five“ versorgte. 8 Der Begriff „maverick“ leitet sich von dem Politiker und Rinderzüchter Samuel A. Maverick (1803 bis 1870) ab, der seinen Rindern kein Brandzeichen aufdrückte. Heute steht das Wort allgemein für „Außenseiter“ oder „Abtrünnige“. 9 Eindrucksvolle Beispiele dafür ebenfalls bei Brock und Waldman (Anm. 6). 10 In einem typischen Kommentar des Londoner Economist hieß es, „Wutausbrüche“ seien doch nur eine Kehrseite von „Lebendigkeit“. 11 Cliff Scheckter, „The Real McCain: Why Conservatives Don’t Trust Him – and Why Independents Shouldn’t“, Sausalito (PoliPointPress) 2008. 12 Roe vs. Wade ist die umstrittene Grundsatzentscheidung, die der US Supreme Court am 22. Januar 1973 mit einer Mehrheit von sieben zu zwei Richtern fällte und die den Schwangerschaftsabbruch unter das Recht auf Privatsphäre stellt. Die Rücknahme dieser Entscheidung fordern immer wieder insbesondere konservative und christlich-fundamentalistische Politiker sowie Aktivisten der Lebensrechtsbewegung. 13 Siehe International Herald Tribune, 13. Juni 2008, und CBS News, 13. Juni 2008. 14 Das einzige Politikfeld, bei dem McCain seiner alten Linie treu zu bleiben scheint, ist das Thema des weltweiten Klimawandels. 15 Rede vom 18. September 2006 am Boston College; siehe www.johnmccain.com, Suchwort: Boston convocation. 16 So die Kritik von Matt Welch (Anm 3).

Aus dem Englischen von Niels Kadritzke Michael Tomasky ist Autor des Buches „Hillary’s Turn: Inside Her Improbable, Victorious Senate Campaign“, New York (Free Press) 2001, und Redakteur bei The American Prospect. © The New York Review of Books, Juni 2008. Für die deutsche Übersetzung: Le Monde diplomatique, Berlin.

Le Monde diplomatique vom 11.07.2008,