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Das bessere Imperium ist möglich

Überlegungen zu Obama nach der Lektüre von Zakaria von Hubert Védrine

Unzählige Betrachtungen der heutigen Weltlage reiten auf dem Vorurteil herum, der Westen sei nur schwer imstande, seine engstirnige und kurzsichtige Sicht der übrigen Welt zu überwinden und damit auch die Furcht vor dem anderen. Nun hat Fareed Zakaria, der brillante Chefredakteur von Newsweek International, ein Buch über diese „übrige Welt“ verfasst, genauer: über den Aufstieg der Schwellenländer und was er für die USA bedeutet.

Zwar sind die Macht und der Gestaltungsspielraum, den die Europäer seit dem 16. Jahrhundert und die Amerikaner seit dem 20. Jahrhundert hatten, großenteils noch heute vorhanden. Von einer „Post American World“1 – so der Titel des Buchs – sind wir noch ein gutes Stück entfernt. Aber sein Monopol der Geschichte hat der Westen bereits eingebüßt, und so stellt der US-Bürger Zakaria aus amerikanischer Sicht die Frage, wie man mit dieser tektonischen Kräfteverschiebung sinnvoll umgehen kann. Denn wenn die USA keine klügeren Antworten als bisher finden, werden sie auch nach dem Abgang der Regierung Bush weiterhin, von ihren Ängsten getrieben, eine aussichtslose Politik der rohen Gewalt betreiben.

In den Szenarien der wichtigsten außenpolitischen Strategen der USA kommt der „Rest der Welt“ und die Frage des Umgangs mit diesem Rest nur am Rande vor. Die meisten Autoren begnügen sich damit, auf der Notwendigkeit einer Führungsrolle zu beharren.2 Dabei bleibt Fareed Zakaria, der 2003 den Irakkrieg befürwortet hat, nicht stehen. Er untersucht vielmehr, wie die Reaktion der USA auf den „rise of the rest“ heute aussehen könnte. Er sieht diesen Aufstieg als „Reaktion auf 60 Jahre außenpolitisches Handeln der Vereinigten Staaten“, auf die Öffnung und Amerikanisierung der Welt. Zakarias Analyse der globalen wirtschaftlichen Triebkräfte – freie Zirkulation und exponentielles Wachstum des Kapitals, Entwicklung neuer Technologien, drastisch gesunkene Transportkosten – ist zutiefst liberal und optimistisch. Vor diesem Hintergrund stellt er auch die gefühlte Bedrohung der USA durch den Islam und die sogenannten Schurkenstaaten sachlich und angemessen dar.

Natürlich sieht auch Fareed Zakaria die Verschwendung und Zerstörung natürlicher Ressourcen, das Wiederaufleben und die Feindseligkeit der neuen Nationalismen gegenüber einem Land, das immer noch glaubt, im Interesse der gesamten Menschheit zu handeln. Er untersucht den politischen Widerstand der aufstrebenden BRIC-Staaten (Brasilien, Russland, Indien, China) und Mexikos und gelangt dabei zu der etwas polemischen oder zumindest weit vorgreifenden Hypothese einer Welt, die zum ersten Mal seit 500 Jahren – seit der Kaiser von China seinem Admiral Zheng He die weitere Erkundung der Meere untersagte – nicht mehr nur vom Westen geprägt sein wird.

Dieses Szenario begründet bei Zakaria aber nicht die Vorstellung einer generell antiamerikanischen, sondern einer „postamerikanischen“ Welt. Die Frage, ob es überhaupt eine nichtwestliche oder eine nichtamerikanische Moderne geben kann, beantwortet Zakaria differenziert: Die westliche Moderne habe die Welt so sehr geprägt, dass das Ende des US-Machtmonopols nicht das Ende dieser Moderne bedeuten werde. Wenn die USA eines Tages von anderen überflügelt würden, dann als Opfer ihres eigenen Erfolgs.

Da sich die Weltgeschichte aber bis auf weiteres in Form eines Konkurrenzkampfs zwischen den großen Ländern und Nationen entfaltet, untersucht der Autor in zwei temperamentvoll und präzise argumentierenden Kapiteln die jeweiligen Stärken und Schwächen von China, dem „Herausforderer“, und Indien, dem „Verbündeten“ sowie deren Beziehungen zu den USA.

Seinem Herkunftsland Indien attestiert Zakaria, dass dieses „amerikafreundlichste Land der Welt“ gute Aussichten auf eine Verständigung, ja sogar auf ein enges Bündnis mit den USA hat. Zakaria erkennt andererseits, dass Indien erst in ferner Zukunft eine Weltmacht sein wird. Ein Wettstreit mit China würde derzeit in allen wesentlichen Belangen zugunsten des Reichs der Mitte ausfallen.

Die Politik Chinas gegenüber dem Rest der Welt sieht Zakaria – meines Erachtens zu Recht – als ziemlich offen und dialogbereit, insofern sie bei ihrem Handeln die Reaktionen der anderen Mächte im Rahmen des internationalen Kräftespiels berücksichtigt. Diese Analyse ist ein wohltuender Kontrast zu der Schwarzweißmalerei und dem ideologischen Stumpfsinn der scheidenden US-Regierung wie auch dem Standardjargon der Globalisierungsideologen.

Das eigentlich Originelle und Überzeugende an diesem Buch sind die letzten beiden Kapitel „American Power“ und „American Purpose“. Washington, sagt er dort, müsse den Fehler vermeiden, die eigene globale Vorherrschaft um jeden Preis mit militärischen Mitteln erhalten zu wollen. Diesen Fehler bescheinigt er der britischen Politik am Ende des 19. Jahrhunderts und besonders nach den Burenkriegen (1880–1881, 1899–1902), die nicht zuletzt durch den damaligen Isolationismus der aufstrebenden USA begünstigt wurde. Aber da Großbritannien damals wirtschaftlich längst zu schwach für diese Aufgabe war, konnte es den ökonomischen Verfall des Imperiums nicht aufhalten. Für Zakarias ist dabei nicht so sehr erstaunlich, dass der Niedergang des britischen Weltreichs bereits nach einer ökonomischen Dominanz von nur zwei Jahrzehnten einsetzte. Erstaunlich sei vielmehr, wie lange sich dieser Niedergang hinzog – dass also Churchill 1945 noch an der Jalta-Konferenz teilnehmen durfte, die im Grunde bereits ein amerikanisch-sowjetisches Gipfeltreffen war.

Ganz anders die USA, deren heutige Lage – trotz oberflächlicher Analogien – grundsätzlich anders ist als die Großbritanniens zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Denn trotz einiger Schwächen (Verschuldung, Handelsbilanzdefizit) und trotz der hohen Kosten des Kriegs im Irak ist die Wirtschaft der USA immer noch höchst dynamisch. Vor allem bei Zukunftsindustrien wie der Nano- und der Biotechnologie ist sie führend. Im Vergleich zu Europa entwickelt sich die Bevölkerung in den USA dank hoher Einwanderung wesentlich dynamischer. Auch deshalb wird der Irakkrieg für die USA nicht der historische Wendepunkt sein wie die Burenkriege für das britische Empire.

Was in den USA laut Zakaria aber gar nicht funktioniert, ist die Politik. So müsse das Land unbedingt den Zugang zu seinen Schulen wie auch seine gesamten Infrastrukturen verbessern. Es müsse lernen, sich für die Welt „dort draußen“ zu interessieren, also für andere Sprachen und Kulturen. „Die Amerikaner haben nie die Fähigkeit entwickelt“, formuliert Zakaria eher beschönigend, „sich in den Innenwelten anderer Völker zurechtzufinden.“

Angesichts einer Welt, in der alle Länder – und nicht nur die kommenden Großmächte – in die Weltpolitik eintreten oder zurückkehren, hat die US-Außenpolitik jede Orientierung verloren, und das schon zum vierten Mal seit Ende des Zweiten Weltkriegs (nach dem Ende der 1950er-, dem Anfang der 1970er- und der Mitte der 1980er-Jahre). Heute konstatiert Zakaria eine „do nothing politics“, also eine Politik des Nichtstuns, die sich auf die simple Formel reduziert: „Unipolare Welt + 9/11 + Afghanistan = Unilateralismus + Irak“.

Nach Zakaria sollte eine neue Politik der USA genau das Gegenteil dessen anstreben, was das britische Kolonialreich in seiner Schwäche getan hat – und eben auch Bush, indem er die Gegner Amerikas zusammenführte, statt sie auseinanderzudividieren. Washington müsse sich stattdessen an der Politik Otto von Bismarcks am Ende des 19. Jahrhunderts orientieren. Der habe es verstanden, sich zum „ehrlichen Makler“ und das kurz zuvor geeinte Deutschland zur „Achse“ des europäischen Staatensystem zu machen. Dasselbe sollten die USA heute in globalen Dimensionen anstreben: mit jedem einzelnen Land bessere Beziehungen entwickeln, als dieses selbst mit anderen unterhält, und auf diese Weise zum „Dreh- und Angelpunkt der Weltpolitik“ werden. Zakaria bringt es auf die Formel „Be Bismarck, not Britain“.

Genau dieses Ziel hatte schon James Baker, der Außenminister von Bush Senior, seit 1991 verfolgt. Baker sprach damals von einem „Achsen- und Speichensystem“, bei dem jedes Land all seine internationalen Beziehungen unter Einschaltung der USA regeln müsse. Auch ich habe als französischer Außenminister den Vergleich mit einem Rad verwendet, bei dem die USA die Nabe und alle anderen Länder die Speichen bilden. Zakaria verweist in diesem Zusammenhang auf einen großen Vorteil, über den die Vereinigten Staaten noch heute verfügen: Fast überall in der Welt ist den meisten Länder eine globale Führungsrolle Washingtons lieber als die Vorherrschaft einer regionalen Großmacht. So wünschen sich etwa die Länder Asiens keine chinesische Hegemonie. Allerdings dürfen sich die USA nicht als herrische Supermacht aufspielen, wenn sie sich als Achse der Welt profilieren wollen. Sie werden lernen müssen, sich mit anderen abzustimmen, zusammenzuarbeiten und Koalitionen zu bilden.

Dieses Buch ist also unter anderem eine deutliche Abrechnung mit der Weltsicht, den Zielen und den Methoden der scheidenden US-Regierung. Doch Zakaria belässt es dabei nicht, denn das Urteil über diese Politik ist ohnehin längst gesprochen, und die Zeit zum Handeln drängt. Seine Empfehlungen richten sich bereits an den nächsten US-Präsidenten, und die Europäer täten gut daran, sie ebenfalls in Erwägung zu ziehen.

1. Im Gegensatz zur heutigen Politik muss man eine klare und konsistente Linie gegenüber China, Russland und den anderen Schwellenländern festlegen und durchhalten.

2. Nach dem Vorbild Franklin D. Roosevelts sind umfassende Institutionen und Regelwerke aufzubauen, ohne eine allzu enge Vision der eigenen Interessen zugrunde zu legen.

3. Man muss für eine Ad-hoc-Weltordnung eintreten und einen Multilateralismus à la carte pflegen, wobei Zakaria davon ausgeht, dass man auch mit politischen Gegnern verhandeln und Kompromisse schließen sollte.

4. Neu durchdenken muss man auch das Problem der asymmetrischen Kriegsführung, die von immer mehr militanten politische Gruppen praktiziert wird, und in der Folge eine intelligentere Politik entwickeln. Zakaria verweist insbesondere auf die Notwendigkeit, auf die Muslime der USA zuzugehen und sie einzubinden, statt sie unter Generalverdacht zu stellen.

5. Man muss sich daran erinnern, dass Legitimität die Macht begründet und nicht umgekehrt. Und dass die Vorstellung von Legitimität bei jedem Volk sehr stark durch die Wahrnehmung der eigenen Geschichte geprägt wird.

6. Man muss sich von den eigenen Ängsten befreien.

Zu diesem letzten – und wichtigsten – Punkt schreibt Zakaria: „Amerika ist zu einem von Ängsten besessenen Land geworden. Es fürchtet sich vor Terroristen und Schurkenstaaten, vor Muslimen und Mexikanern, vor ausländischen Unternehmen, vor dem Freihandel, vor Einwanderern und internationalen Organisationen. Das mächtigste Land der Erde fühlt sich als das Opfer von Gewalten, die sich seiner Kontrolle entziehen.“ Zakaria weist aber auch darauf hin, dass die Rhetorik der Furcht eine Konstante der amerikanischen Politik ist. Schon Roosevelt stellte 1933 fest: „Das Einzige, was wir wirklich fürchten sollten, ist die Furcht selbst.“

Dass ein Amerikaner zu solchen Überlegungen kommt, ist bemerkenswert. Und es ist gewiss kein Zufall, dass es sich um einen US-Bürger handelt, der als muslimischer Inder in seine neue Heimat eingewandert ist. Zakaria ist sich der Existenz der „übrigen Welt“ und ihrer Komplexitäten nur zu bewusst, wie es zweifellos auch Barack Obama ist. Zakaria fühlt sich gegenüber der amerikanischen Gesellschaft noch heute zu Dank verpflichtet, dass sie ihn 1982 so großzügig aufgenommen hat. Diese Offenheit ist ein wirksames Mittel gegen jenen Typ schlechter Politik, wie sie gelegentlich die Oberhand gewinnt.

Bei alledem geht es Zakaria zweifellos darum, dass die USA ihre vitalen Interessen wahren und ihre Führungsrolle behaupten können – nur eben auf intelligente Weise. Man könnte es auch „soft power“3 nach Art eines Bismarck und Roosevelt nennen. Das ist nicht besonders überraschend. Aus europäischer Sicht mag man dabei bedauern, dass Europa als solches in den Überlegungen von Fareed Zakaria gar nicht vorkommt. Aber das liegt letztlich nur an Europa selbst.

Wenn die USA nach der Wahl im November in diese neue Richtung gehen und wieder realistische Ambitionen für die Welt entwickeln, werden uns die vergangenen acht Jahre im Rückblick wie das letzte Aufbäumen einer einsamen Supermacht vorkommen, die über die Welt herrschen wollte, ohne sie zu begreifen und ohne sich in sie einzufügen. Die Europäer, deren Reflexionen über dieselbe Welt deprimierend nebulös und steril bleiben, und zumal die Politiker, die – auch in Frankreich – dem neokonservativen Freund-Feind-Denken des George W. Bush und der Neokonservativen erlegen sind, sollten sich von den scharfsinnigen Gedanken Fareed Zakaria inspirieren lassen. Andernfalls könnten sie das Rendezvous von 2009 verpassen.

Fußnoten: 1 Fareed Zakaria, „The Post-American World“, New York (W. W. Norton) 2008. 2 Siehe auch die Fukuyama-Rezension „Goodbye Neocons“, in: Le Monde diplomatique, September 2006. 3 Den Begriff „soft power“ prägte Joseph Nye, der in der Carter- und der ersten Clinton-Administration hohe Posten bekleidete und heute Professor in Harvard ist. Inzwischen spricht Nye von „smart power“ (intelligente Macht), die ein Gleichgewicht zwischen militärischer Dominanz und kulturell-wirtschaftlicher Anziehungskraft anstrebt. Siehe sein Buch „A Smarter, More Secure America“, Washington (Center for Strategic and International Studies) November 2007.

Aus dem Französischen von Herwig Engelmann

Hubert Védrine war von 1997 bis 2002 französischer Außenminister.

Le Monde diplomatique vom 08.08.2008,