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Ein Dollar am Tag und ein Handy

In Haiti ist der Staat eine bröckelnde Fassade von Christophe Wargny

René Préval, der 2006 wiedergewählt wurde, bezeichnet sich selbst als Übergangspräsident. Er ist ein bescheidener Mann, einfach und ehrlich. Ganz anders als seine Vorgänger. Manchmal chauffiert der Präsident sogar höchstpersönlich seine Besucher vom Nationalpalast nach Hause – ohne die Begleitung eines Bodyguards. Dabei blüht in Haiti das Geschäft mit privaten Wach- und Sicherheitsdiensten. Viele haben große Angst, überfallen zu werden.

Seit 2004 sind rund 9 000 Blauhelme der UN-Stabilisierungstruppe (Minustah) im Land stationiert. Auch wenn die Soldaten insgesamt wenig ausrichten können, ist es ihnen zu verdanken, dass die letzten Wahlen weitgehend friedlich verliefen. Der Staatspräsident sähe es gern, wenn die Soldaten auch beim Wiederaufbau mit anpacken würden. Aber das gehört nicht zu ihrer Mission. Préval wünschte sich außerdem, die Reichen wären nicht so überheblich und den Armen ginge es nicht so elend. Er träumt von einem ganz normalen Land. Ist diese Hoffnung für Haiti zu gewagt?

Beispiele für eine Normalisierung gibt es: Der internationale Flughafen Toussaint-Louverture in Port-au-Prince ist sauber und sicher. Zoll und Polizei halten sich im Hintergrund. Auch auf den frisch asphaltierten Straßen sieht es inzwischen besser aus: Der Müll wird regelmäßiger beseitigt, solarbetriebene Ampeln regeln an einigen Stellen den Verkehr, Verkehrssünder werden zur Ordnung gerufen. Und in manchen Vierteln wurden neue Plätze mit Springbrunnen angelegt. Direkt am Meer liegen die Elendsviertel Cité Soleil, La Saline, Bel Air und Martissant, in denen eine halbe Million Menschen hausen. Seit die Minustah und die haitianische Polizei 2007 die letzten No-go-Areas unter ihre Kontrolle brachten, gibt es viel weniger Verletzte durch Schusswaffen. Jetzt kann man sich sogar hier wieder zu Fuß auf die Straße trauen.

Im vergangenen Jahr kamen rund 80 000 neue Bewohner aus den Bergen in die Slums von Port-au-Prince. Marktfrauen hinter winzigen Ständen, Straßenhändler und Trauben von Kindern drängen sich in den Gassen. Überall herrscht ein geschäftiges Treiben. Es gibt keine Latrinen. Und der Dreck, den die tap-tap – die Kleinbusse für den Personentransport – und der Meereswind durch die Luft wirbeln, besteht zur Hälfte aus Fäkalien.

Außerdem stinkt es nach Abgasen, und aus allen Lautsprechern dröhnt laute Musik. Die vielen lokalen Radiostationen senden mehr auf Kreolisch als auf Französisch. Den ganzen Tag läuft Rap und Rasin (Kreolisch für Wurzel), ein beliebter haitianischer Musikstil.

Ununterbrochen klingeln Handys. Ihre Besitzer mögen zwar keiner wirklichen Beschäftigung nachgehen, doch während sie sich durch das Verkehrsgewühl kämpfen, haben sie immer eine Hand am Ohr. In einem Land wie Haiti, das vom Festland abgeschnitten ist, hat das Handy viel verändert. Im Jahr 2005 gab es noch 300 000 Vertragsabschlüsse, heute sind es 3,3 Millionen. Die ersten Anbieter hatten nur die kaufkräftigen Kunden im Blick gehabt, in der Hoffnung auf schnelle Gewinne. Doch die Konkurrenz setzte sich mit niedrigeren Preisen und einer landesweiten Versorgung durch. Die neuen Anbieter unterstützten sogar Sportvereine, um neue Vertragspartner zu gewinnen. Und sie führten ein Kartensystem ein, bei dem man das Guthaben von einer Karte auf die andere übertragen kann. Doch muss man überhaupt erst einmal eine Stromquelle finden, an der man den Akku aufladen kann.

Das Handy stellt hier Verbindungen her, während Festnetzzugänge immer ein Privileg gewesen sind. Die staatliche Telefongesellschaft Téléco hatte allen Regierungen als Melkkuh gedient und liegt heute darnieder. Für die Regierung ist die Expansion des Mobilfunkmarkts ein Zeichen von „Normalisierung“.

Man fragt sich schon, wie sich die Leute noch Handys leisten können, wenn die Lebensmittelpreise ständig steigen. Der Mindestlohn wurde zwar gerade von vier Dollar am Tag auf acht angehoben. Doch davon profitieren nur die Beschäftigten in den großen Unternehmen, also 3 bis 5 Prozent der Erwerbsbevölkerung. Außerdem sieht das Gesetz keinerlei Sanktionen vor, wenn sich der Arbeitgeber nicht dran hält. Wird also das Geld von der Verwandtschaft im Ausland in Handys investiert? Spart man bei der Kirchenkollekte? Oder am Essen?

Und was ist mit dem „Land außerhalb des Landes“1 , zu dem drei Viertel der Bevölkerung Haitis gehören, die nichts haben, noch nicht einmal eine tägliche, geschweige denn nahrhafte Mahlzeit? Hat also nur die neue Mittelklasse etwas von der sich bessernden Lage? In Port-au-Prince werden überall neue, mehr oder weniger professionell ausgeführte Dienstleistungen angeboten, vom Computerservice – der Anteil der Internetnutzer liegt zurzeit schätzungsweise schon bei 10 Prozent – bis zur Reparaturwerkstatt. Als Gewerbe angemeldet sind die wenigsten.

Ein positives Beispiel, wenn auch nicht das einzige, ist das von der George Soros Foundation gestiftete Zentrum für Kultur, Bildung und Umwelt, Fondasyon Konesans Ak Libète (Fokal), das 2003 eingerichtet wurde. Fokal ist ein richtiges Unternehmen, das hunderte von Angestellten beschäftigt, 40 Bibliotheken aufgebaut hat und sich unter anderem der Pflege des haitianischen Kulturerbes widmet – lauter Aufgaben, die andernorts staatliche Institutionen erfüllen. Michèle Pierre-Louis, Direktorin von Fokal, erklärt: „Es ist unvorstellbar, wie der Staatsapparat dieses Land innerhalb von 20 Jahren heruntergewirtschaftet hat. Die Institutionen sind nichts als Fassade, daran ändert auch das demokratische Erscheinungsbild mit Abgeordneten und Regierung nichts. So etwas wie eine öffentliche Hand gibt es hier nicht. Eine Gesellschaftspolitik oder gar politische Prioritäten sind in keiner Weise erkennbar, ebenso wenig eine Förderpolitik oder irgendwelche Sanktionsmittel. Ein großer Dealer, der heute gefasst wird, wird morgen schon wieder freigelassen!“

Auch die Aktivistinnen von der NGO Solidarité Fanm Ayisyen (Solidarität mit Haitis Frauen, Sofa) bezeichnen die Regierung als „Bettler ohne Rückgrat“. Sie fordern einen starken Staat, „der sich dem Lateinamerika des Umbruchs“ anschließt.

Michèle Pierre-Louis hat das Angebot eines Ministeramts unter Préval lange abgelehnt: Weil die Politiker keine Visionen haben. Weil die Abgeordneten mehr Talent darin hätten, sich mit Dienstwagen zu versorgen, als Gesetze zu verabschieden. Weil die Schulbildung und die politische Bildung zu kurz kommen. Und weil die Politik gegenüber den Geberländern undurchsichtig sei. Doch angesichts der Regierungskrise, ausgelöst durch die Hungerunruhen im Frühjahr, gab sie Anfang Juli Prévals Drängen schließlich doch nach. Am 19. Juli billigte Haitis Abgeordnetenhaus mit 60 von 82 Stimmen ihre Kandidatur, und am 31. Juli wurde die 61-jährige Wirtschaftsexpertin, die in den USA studiert hat, mit keiner Gegenstimme auch vom Senat als neue Regierungschefin von Haiti bestätigt.

Acht Prozent des Staatshaushalts flossen bisher in die Bildung, und nur jedes sechste Kind besucht eine Schule2 , während doppelt so viel für die Rückzahlung der Staatsschulden bereitgestellt wird. Haitis Staatshaushalt wird zu mehr als der Hälfte durch Auslandshilfen gedeckt: Kuba schickt Ärzte und Fördermittel für die x-te Alphabetisierungskampagne, und Venezuela liefert Erdöl im Rahmen des Petrocaribe-Abkommens.3 Brasilien hat die Führung der Minustah-Truppe übernommen; das beugt Konflikten mit den USA vor. Die Vereinigten Staaten finanzieren gemeinsam mit der Europäischen Union den gesamten Rest, allerdings nach Spielregeln, die dem Nehmerland wenig Handlungsspielraum lassen.

Michèle Pierre-Louis regt sich darüber auf, dass „die Politik sich der Verantwortung entzieht. So trägt sie dazu bei, dass sich wiederholt, worunter unser Land im Laufe seiner Geschichte immer gelitten hat. Da keine wertschaffenden Investitionen geleistet werden, richten sich alle Erwartungen an den Staat. Aber gerade der kann ja so gut wie nichts ausrichten. Die Bürger wollen die Wahrheit hören, sie wollen Alternativen, einen Zeitplan. Aus meiner Sicht muss in zwei Bereiche investiert werden, wobei der gesundete Staat das Heft des Handelns in der Hand behalten muss: erstens Bildung, und das heißt eine völlig neue Bildungspolitik, die Haiti aus der Barbarei holt; und zweitens ein Liegenschaftsplan für das ganze Land. Das gab es ja bisher noch gar nicht.“

Die Regierung kümmerte sich bisher primär um die wiedergewonnene Sicherheit und Stabilität. Von der Bevölkerung wurde erwartet, dass sie Geduld genug besaß, um auf bessere Zeiten zu warten. Doch die Protestbewegung gegen die immensen Preissteigerungen sah voraus, dass diese Politik unhaltbar sein würde, und erinnerte an eine Binsenweisheit: Wer hungern muss, kann mit der wiedergewonnenen Freiheit nicht viel anfangen.

Als die weltweite Lebensmittelkrise4 auch Haiti erreichte, stand das Land sofort in Flammen: Im April schnellte der Preis für den 23-Kilo-Sack Reis binnen wenigen Tagen von 35 auf 70 Dollar. Mais, Bohnen und Öl waren bereits in den vorangegangenen Monaten um 40 Prozent teurer geworden, und der Fahrpreis für die Kleinbusse stieg Monat für Monat um 10 Prozent.

Bei den Hungerrevolten im Frühjahr kamen sechs Menschen zu Tode (darunter ein UN-Polizist aus Nigeria), es gab 170 Verletzte, davon 44 mit Schusswunden. Die Krise erfasste die Politik: Am 12. April entschied der haitianische Senat, Ministerpräsident Jacques Edouard Alexis zu entlassen, weil „die Mehrheit der Bevölkerung das Vertrauen in die Regierung verloren“ habe.

Es wird noch lange dauern, bis es möglich sein wird, in Haiti ein normales Leben zu führen. Die Lage bleibt kritisch. Im Land herrscht noch immer der Klassenkampf: Die Oligarchie hat nie im eigenen Land investiert und finanzielle Risiken auf sich genommen. Stattdessen importiert sie die Waren, und die Leute zahlen mit dem Geld aus der Diaspora oder der Entwicklungshilfe. Die Reichen leben von den Erträgen ihres Kapitals, das sie auf Banken in den USA angelegt haben. Von den einfachen Arbeitern sind nur 3 bis 5 Prozent in einer Fabrik angestellt. Die meisten arbeiten in der Schattenwirtschaft, sowohl in den Städten als auch auf dem Land. Der Staat greift hier nicht ein, und die Vertreter der internationalen Gemeinschaft lassen sich vom Anschein demokratischer Verhältnisse täuschen.

Früher aßen die Haitianer ihren eigenen Reis

Die Nationalstraße 1 führt in eine der ärmsten Gegenden, in das Département Nord-West. Für die 300 Kilometer lange Strecke braucht man mehr als sieben Stunden. Die Elendsviertel an der Küste werden von Minustah-Posten bewacht. Hier scheint es ruhig zu sein. Auch an den Badestränden von Archaie ist nichts los. Die Straße wurde erneuert und höher gelegt, zum Schutz vor dem Hochwasser des Artibonite, der immer häufiger unerwartet über die Ufer tritt. Der größte Fluss Haitis nimmt das von den abgeholzten Hängen der Berge ins Tal gespülte Regenwasser aus einem Viertel des Landes auf. Als Sturzbäche lassen die tropischen Regengüsse den Fluss gefährlich anschwellen. Ein schweres Gewitter kann tödliche Folgen haben.

2004 wurde Gonaïves, die Hauptstadt des Départements, von Hurrikan „Jeanne“ unter einer drei Meter hohen Schlammschicht begraben. Fast 3 000 Menschen kamen damals ums Leben. Derselbe Wirbelsturm hatte in anderen Gegenden nur wenige Opfer gefordert. Die damalige Übergangsregierung erwies sich der Situation in keiner Weise gewachsen: Manchmal mussten die Überlebenden sogar noch für die Ausweise zahlen, die ihnen ihre Hilfsbedürftigkeit bescheinigte. Die Bevölkerung war für ihre Versorgung auf Minustah, einige Staaten und NGOs angewiesen. Vier Jahre nach dem Sturm sieht die Gegend immer noch elend aus.

Vor 20 Jahren bewässerte der Artibonite die Reisfelder in der gleichnamigen Ebene. Damals deckte die Reisproduktion fast die Nachfrage im Lande ab. Heute müssen 80 Prozent des Grundnahrungsmittels importiert werden, was sich nur zum Teil durch das Bevölkerungswachstum und den gewaltsamen Kampf um Boden (in Haiti gibt es keine Grundbücher) erklären lässt. Dünger ist unerschwinglich, seit sich sein Preis verfünffacht hat, die Bewässerungssysteme sind in einem desolaten Zustand.

Doch vor allem der stark subventionierte aus den USA importierte Reis ruinierte die Hälfte der kleinen bäuerlichen Betriebe. In den Strukturanpassungsplänen der Geberländer wurde die Abschaffung der hohen Importzölle zur Bedingung gemacht. Man müsse nun zunächst an die Versorgung der Städte denken, hieß es daraufhin. Was am Anfang stimmte. Nur hatten die Importeure es dann eilig, ihre Gewinnmargen zu erhöhen. Und es fanden sich neue Kunden: die in den Ruin getriebenen Bauern, die wenig später in den Elendsvierteln von Port-au-Prince strandeten. Der lokale Anbau von Reis oder Getreide hat die Weltbank nie interessiert. In erster Linie sollten immer potenzielle Exportprodukte gefördert werden.

Hinter Gonaïves, das zum Teil wieder aufgebaut wurde, erblickt man linker Hand das smaragdgrüne Meer und eine menschenleere Küste, um die sich die Investoren andernorts reißen würden. Zur Rechten dagegen sieht man nichts als verbrannte rote Erde. Vor 300 Jahren stand hier dichter Wald. Aus dem ausgelaugten Boden lässt sich lediglich noch Holzkohle zum Kochen gewinnen: Verloren sprießen ein paar Sträucher mit drei Zentimeter dicken Stämmchen aus dem Geröll. In Säcken steht das Holz am Straßenrand, bis es von Lkws abtransportiert wird.

In den abgeschiedenen Weilern und Dörfern warten die Menschen auf den seltenen Regen. Die Männer vertreiben sich die Zeit mit Dominospielen, die Frauen schleppen Wassereimer. Die Landwirtschaft liegt darnieder. Es fehlt an Saatgut und an Möglichkeiten der Bewässerung. Und wie überall drücken die Importprodukte aus den USA die Preise der einheimischen Waren. Sie werden in den kleinen Läden angeboten, durch Gitter geschützt vor Hungerleidern und Spitzbuben.

Man sieht viele Kinder mit Hungerbäuchen und seltsam farblosem Haar, beides Zeichen von Mangelernährung, nicht unbedingt von Hunger. Mit den Mitteln des Welternährungsprogramms (WFP) wurden Schulkantinen eingerichtet. Und kinderreiche Familien bekommen eine zusätzliche Versorgung. Auch die im Ausland lebenden Haitianer helfen.5 Ihre Unterstützung ist umso wichtiger, als aus diesem Département die meisten Boat People kamen, die in Florida an Land gingen. Man sieht hier sogar fast wohlhabende Familien, die einen Lebensstil pflegen, den sie sich in Miami angewöhnt haben.

Nur wenige Kinder gehen zur Schule. Die obligatorische Uniform, die Bücher und das Schulgeld können sich die meisten Familien nicht leisten. Und die Institution ist hoffnungslos veraltet: Hier sollen die Schüler nur gehorchen und beten. Eigenverantwortung zu übernehmen und neue Lösungsansätze zu entwickeln, lernt man hier nicht. Der Glaube ist wichtig. Die Pfingstgemeinden oder die charismatischen Bewegungen der Katholiken sind richtig wohlhabend. Der größte Arbeitgeber im Lande sind die Kirchengemeinden.

Einige Kommunalpolitiker und zwei NGOs haben die Initiative ergriffen und im Norden, in Jean-Rabel, ein Institut für Lehrerausbildung gegründet, vielleicht das beste im Lande.6 Ob ein paar hundert kritik- und innovationsfreudige Lehramtsanwärter allerdings reichen werden, um das erstarrte System aufzubrechen?

Trotz seiner 100 000 Einwohner hat Jean-Rabel nicht den Status einer Stadt, sondern den einer Gemeinde. Im Zentrum wohnen ein paar tausend Menschen, der Rest lebt verstreut auf den riesigen Bananenplantagen oder an den dürren Hängen. Die Kommune verfügt über keinerlei Eigenmittel. Die staatliche Zuwendung von ein paar tausend Euro muss für 45 Verwaltungsangestellte reichen. Die Straßenkehrerinnen erhalten weit weniger als den Mindestlohn. Das zuständige Ministerium hat eine Verdopplung des Gehalts in Aussicht gestellt – falls die Hälfte des Personals entlassen wird. Der Gemeinderat versucht dennoch, einen lokalen Entwicklungsplan auf die Beine zu stellen.

Keine einzige Straße in diesem Département ist asphaltiert. 30 Kilometer entfernt liegt die alte Hafenmole von Saint-Nicolas, einem verwunschenen Ort. Die Gebäude aus der Kolonialzeit, die Festungsanlage und die von Gestrüpp überwucherten Kanonen liegen an einem vollkommen unberührten Strand. Touristen sieht man hier keine. Nach langen basisdemokratischen Verhandlungen erklärte sich die Mehrheit der Gemeinde dazu bereit, eine Einwohnersteuer zu zahlen. Damit sollen die Müllentsorgung und später auch Sanierungsmaßnahmen finanziert werden.

Die Finanzmittel stehen zwar zur Verfügung, vor allem für Gemeinschaftsprojekte, doch die NGOs finden kaum einheimische Fachkräfte. Qualifiziertes Personal ist Mangelware, insbesondere in den abgelegenen Provinzen. Auch das Lehrerinstitut hat Mühe, erfahrene Pädagogen als Ausbilder zu gewinnen; dasselbe gilt für Programmierer und Techniker. Was soll man Millionen von Erwachsenen anbieten, die keinerlei Ausbildung haben? Ohne Arbeit sind sie auf materielle (oder spirituelle) Hilfen angewiesen. Oder sie üben den Aufstand.

Der Braindrain im Laufe der vergangenen 50 Jahre kommt Haiti heute teuer zu stehen. Drei Viertel der Hochqualifizierten sind nach Nordamerika ausgewandert. Québec zum Beispiel sucht über das Internet gezielt nach frankofonen Einwanderern. Hält man sich vor Augen, wie kostspielig die Ausbildung eines späteren Hochschulabsolventen für ein Land wie Haiti ist, wird klar, weshalb Kanada bereit ist, seine Entwicklungshilfezahlungen aufzustocken. Doch das ist eine völlig unzureichende Entschädigung. In Jean-Rabel und andernorts sieht man, wie die Dinge zusammenhängen: Entwicklungsrückstand und Mangelernährung im Entsendeland zeigen die Kehrseite einer „Steuerung“ der Einwanderung.

Fußnoten: 1 Siehe Gérard Barthélemy, „Le pays en dehors“, Quebec (Editions Cidhica) 1989. 2 Laut Bildungsministerium werden weniger als 20 Prozent der Kinder an öffentlichen Schulen unterrichtet und 50 Prozent an Privatschulen. 3 Petrocaribe ist ein Abkommen von Juni 2005 für Erdöllieferungen zum Vorzugspreis von Venezuela an einige Karibikstaaten. Über die Hälfte der Rechnung kann über 20 Jahre zum Zinssatz von einem Prozent geschuldet werden. 4 Vgl. Dominique Baillard, „Getreide wächst nicht an der Börse“, Le Monde diplomatique, Mai 2008. 5 Nach Angaben der Interamerikanischen Entwicklungsbank (IDB) beliefen sich die Überweisungen aus der Diaspora 2006 auf 1,7 Milliarden Dollar. 6 Initiative Développement (ID) mit Sitz in Poitiers und Adema (Ansanm pou yon demen miyò an Ayiti; Gemeinsam für eine bessere Zukunft in Haiti) in Port-au-Prince.

Aus dem Französischen von Veronika Kabis

Christophe Wargny ist Autor von „Haïti n’existe pas, deux cents ans de solitude“, Paris (Autrement) 2008.

Le Monde diplomatique vom 08.08.2008,