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Herren der Bit-Wolke

Cloud Computing befreit die Programme von den Festplatten von Hervé Le Crosnier

Digitale Information ist die kosmische Energie der Weltgesellschaft. Sie fließt durch die Netze, erscheint auf unseren Bildschirmen und tönt aus dem Mobiltelefon. Sämtliche materiellen Träger, die einst untrennbar mit unserem Zugang zu Wissen verbunden waren – Bücher, Zeitungen, Platten, Plakate, Gemälde, Fotoalben – überlassen dem Computer das Feld. Auch die meisten Unternehmen haben nahezu ihren gesamten Schriftverkehr digitalisiert; selbst die Beratung von Kunden wurde auf papierlosen Betrieb umgestellt.

Die Loslösung der Inhalte von ihren physischen Trägermedien bezeichnet man oft als „Virtualisierung“. Dieser Begriff suggeriert allerdings eine komplette Entmaterialisierung der verwalteten Welt. Selbstverständlich müssen jedoch all die Daten irgendwo gespeichert werden. Und es müssen natürlich Kabel verlegt werden – so transportieren unterseeische Kabel aus haarfeinen Glasfasern 95 Prozent des globalen Telefon- und Datenverkehrs. Wir haben es also nicht mit dem Verschwinden physischer Trägermedien zu tun, sondern mit der Umstellung von einer alten auf eine neue Dateninfrastruktur.

Die Giganten des Internet liefern sich gegenwärtig eine Schlacht um die Vorherrschaft auf diesem Gebiet. Wer wird sich auf dem entstehenden Markt der Datenspeicherung und Bearbeitung von digitalisierten Informationen im Auftrag von Privatpersonen und Unternehmen durchsetzen? Wer wird die Rechenkapazität für all diese Prozesse liefern?

Im digitalen Zeitalter interessiert sich kaum ein Nutzer dafür, wo die Daten verwahrt werden. Niemand kann zum Beispiel sagen, auf welcher Festplatte sich die Fotos oder Videos befinden, die man bei Flickr oder YouTube herunterladen kann. Wir haben auch keine Ahnung, welche Mikroprozessoren im Netz für uns arbeiten. Die Datenbearbeitung wandert immer häufiger vom heimischen Rechner zu weit entfernten Systemen, auf welche die User über ihren jeweiligen Webbrowser Zugriff haben.

Dieses Verfahren nennt man „Cloud Computing“, weil die Daten wie in einer Wolke über hunderttausende Betriebssysteme verbreitet werden, die von den weltgrößten Unternehmen zur Verfügung gestellt werden. Sie werden mehrfach abgespeichert, um Rechenvorgänge aufzuspalten und Engpässe zu umgehen.

In der Bit-Wolke kann jeder Programmierer auf eine Prozessorleistung zugreifen, die nicht nur weit über die seines eigenen Computers, sondern auch über die Möglichkeiten herkömmlicher Rechenzentren von Unternehmen und Institutionen hinausgeht. So können pro Monat mehrere Milliarden Zugriffe auf die Videos bei YouTube verarbeitet werden.1 Auch hinter Google Mail und anderen Anwendungen, wie das Erstellen von Texten und Tabellen, steckt diese Technik.

Der Onlinehändler Amazon bietet mittlerweile eine breite Skala von Dienstleistungen an: Man kann hier für eine bestimmte Zeit Rechenkapazitäten mieten, online Daten abspeichern, Verkaufsstatistiken einsehen und spezialisierte Suchmaschinen ansteuern. Die New York Times hat auf diese Weise ihre gesamten Archivbestände seit 1851 digitalisiert und im PDF-Format von der Homepage aus abrufbar gemacht.2 Mit den hauseigenen Servern wäre das nicht machbar gewesen.

Noch ist das Verfahren nicht wirklich ausgereift, da tobt bereits der Kampf um den Titel des Beherrschers der Wolke. Google, Yahoo und die wenigen übrigen Giganten des Internets verfügen über hunderttausende schnelle Rechner, die sie entweder selbst betreiben oder an spezialisierte Dienstleister abgegeben haben. Sie beginnen nun damit, die freien Kapazitäten ihrer Infrastruktur einzelnen Kunden und Firmen zur Verfügung zu stellen. So kann jeder die Datenverarbeitung vom eigenen Rechner ganz oder teilweise auslagern und unter Umständen viel Geld sparen.

Es entsteht eine komplizierter werdende Kette von ineinandergreifenden Spezialisierungen, wie sie auch in hoch entwickelten traditionelleren Industriezweigen existieren. Die neue Architektur der Datenverarbeitung erfordert aber auch qualifizierte Arbeitskräfte und entsprechende Geräte. Das ist der Hintergrund für die Zusammenarbeit einiger Großkonzerne des Internets mit Universitäten und Forschungseinrichtungen. Denn noch fehlen geeignete Programme, die mit den riesigen Serverparks umgehen können. Es wird außerdem notwendig sein, die Rechenabläufe insgesamt anders zu gestalten.

Am Ende braucht der Nutzer nur noch einen Bildschirm

IBM und Google haben in den USA gemeinsam einigen Universitäten eine ganze Wolke an Servern in Aussicht gestellt. Als Gegenleistung sollen die Forscher verfeinerte Techniken zur Aufspaltung der Rechenvorgänge entwickeln.3 IBM bringt Spezialrechner und seine Marktkenntnisse mit. Google kann breitenwirksame Anwendungen, technisches Wissen und die mit Sicherheit größte Serverwolke der Welt beisteuern. Diese Partnerschaft erklärt auch, warum der IBM-Konkurrent Hewlett Packard den IT-Dienstleister EDS für 13,9 Milliarden Dollar gekauft hat, auch wenn es eine teure Angelegenheit ist, die 172 000 Mitarbeiter von HP mit den 140 000 von EDS zusammenzuführen. Die Zukunft gehört den Dienstleistungen und nicht dem Verkauf von Hardware.

Die Wolken der Server und ihre Infrastruktur werden sich nur rechnen, wenn es gelingt, den größten Teil der Datenverwaltung von privaten Kunden und Unternehmen ins Netz zu locken. Heute muss man auf seinem Rechner noch umfangreiche Softwarepakete installieren, die Festplatte muss eine hohe Speicherkapazität haben und erhebliche Rechenleistungen bewältigen können. Werden diese drei Leistungen von spezialisierten Anbietern im Internet übernommen, wird der Rechner erheblich entlastet. Am Ende braucht man nur noch einen Bildschirm.

Auch Textverarbeitungsprogramme lassen sich von einem beliebigen Server in der Wolke abrufen. Diese „Software as a Service“ (SaaS) oder auch „Platform as a Service“ (PaaS) macht es möglich, dass wir beim Erledigen alltäglichen Verwaltungskrams oder beim Anlegen eines Fotoalbums direkt im Internet arbeiten. Voraussetzung für diesen komfortablen Service ist nur ein leistungsstarker Breitbandanschluss mit Flatrate.

In seiner Testphase wurde das Cloud Computing in erster Linie Einzelkunden angeboten. In einem zweiten Schritt will man Unternehmen dazu bringen, ihre Datenverarbeitung auszulagern. Zwar werden Firmen verständlicherweise zögern, hausinterne Daten zu externalisieren. Doch das Speichern, Verwalten und ständige Bereithalten von Daten auf eigenen Servern ist ein wichtiger Kostenfaktor. Zudem werden diese Aufgaben immer komplexer, so dass sie von kleineren Rechenzentren und deren technischem Personal kaum noch zu bewältigen sind.

Die Erfahrungen privater Nutzer haben allerdings gezeigt, dass das derzeitige Cloud Computing noch erhebliche Nachteile mit sich bringt. So versucht jeder Anbieter, „seine“ Kunden bei der Stange und von den Lockangeboten der Konkurrenz fernzuhalten. Wer etwa sein Fotoalbum oder seinen Mailverkehr verlagern will, dem werden viele Hindernisse in den Weg gelegt. Für die Anbieter zählt die Treue der Kunden und deren „Lifetime Value“ viel mehr als die Einnahmen durch Werbung oder Bezahldienste. Deshalb wird die Kundentreue wie ein heiliger Gral gehütet.

Genau wie bei den vielen „Gratisdiensten“ im Netz lauern auch bei den Programmen und Speichern verborgene Fallen. So muss man, wenn man ein Programm benutzen, Mails lesen oder das Fotoalbum ergänzen will, jedes Mal das entsprechende Onlineportal ansteuern. Der kostenlose Service geht mit dem Verlust an Autonomie einher.

Nutzt man in Zukunft beispielsweise eine externe Textverarbeitung, so muss man bereits für die Änderung eines Dokuments online gehen. Wenn die Verbindung gestört ist, ist man auf Kugelschreiber und Papier zurückgeworfen. Das Beispiel ist vielleicht übertrieben, aber es zeigt: Mit dem Cloud Computing wächst die Macht der Anbieter. Das weckt nicht nur Misstrauen bei den potenziellen Geschäftskunden, sondern auch bei Regierungen in aller Welt. Schließlich ist heute schon klar, dass der Markt der Serverwolken in Zukunft fast ausschließlich von US-amerikanischen Firmen beherrscht sein wird.

Die Unabhängigkeit von Einzelpersonen und Unternehmen bis hin zu staatlichen Institutionen lässt sich immer weniger anhand von Kriterien erfassen, die die Hoheitsrechte und die öffentlichen und geografischen Räume vorgeben. Sie wird auch vom Umgang mit einer neuen Industrie abhängen, die auf die Produktion des „Virtuellen“ spezialisiert ist. Diese Firmen haben es auf unsere ganz persönlichen Daten abgesehen. Sie werden jedem von uns ein Profil erstellen und nicht zögern, es der Werbeindustrie oder jedem anderen Interessenten zu verkaufen. Auf diese Weise hat sich etwa Google innerhalb weniger Jahre auf dem Werbemarkt etabliert.

Ein neuer Begriff von Gruppenzugehörigkeit ist im Entstehen begriffen: Die Debatten werden nicht mehr ausschließlich unter Bürgern einer „Schicksalsgemeinschaft“ geführt. Sie spielen sich künftig zwischen privaten oder kommerziellen Usern ab – als Mitgliedern einer „selbst gewählten Assoziation“, die sich entsprechend ihrer Konsummuster und informationellen Abhängigkeit von den Herren der Wolke gebildet hat.

Fußnoten: 1 Nach Angaben des Instituts ComScore wurden im März 2008 bei YouTube 4,27 Milliarden Videos allein in den USA abgerufen. 2 Derek Gottfrid, „Self-Service, Prorated Super Computing Fun!“, http://open.blogs.nytimes.com, 1. November 2007. 3 Dan Farber, „The IBM-Google Connection“, www.cnetnews.com, 1. Mai 2008.

Aus dem Französischen von Herwig Engelmann

Hervé Le Crosnier ist Forscher an der Universität Caen.

Le Monde diplomatique vom 08.08.2008,