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Instant-Info und Mitmach-Presse

In Frankreich erobern kommerzielle Websites den Nachrichtenmarkt von Marie Bénilde

Kürzlich beschwerte sich der Sprecher der konservativen französischen Regierungspartei UMP darüber, dass die Presseagentur Agence France Presse (AFP) sich geweigert hatte, eine Verlautbarung seiner Partei zu veröffentlichen. Es ging um einen Arbeitsgerichtsprozess gegen Ségolène Royal, den die ehemalige Präsidentschaftskandidatin der Sozialisten am 10. April 2008 verloren hatte und über den die Agentur am selben Tag berichtete. Dass AFP die zwei der UMP-Mitteilungen nicht publizieren wollte, bezeichnet der UMP-Sprecher als Zensur: „AFP bestimmt das Redaktionskonzept bei Yahoo und Orange, wo sich alle Franzosen informieren, die ins Internet gehen.“1

In Frankreich gehören die Nachrichtenportale von Yahoo, orange.fr und Google, neben lemonde.fr und lefigaro.fr, zwar zu den meistbesuchten Websites. Doch die Portale kaufen ihre Nachrichtenfeeds bei Zeitungen und Agenturen nur ein. Und sie haben kein Redaktionsstatut wie die Onlineausgaben von Printmedien, für die das Statut der gedruckten Ausgabe gilt.

Zurzeit versucht sich vor allem der große Telekommunikationsanbieter Orange als Informationsportal zu positionieren: Seit Anfang Juni überlässt der Figaro (im Besitz des UMP-Abgordneten Serge Dassault) orange.fr täglich ein politisches Interview; Radio Classique (des LVMH-Konzernchefs Bernard Arnault) liefert O-Töne führender Wirtschaftsvertreter. Während auf der Startseite von orange.fr allerlei Dienstleistungen angeboten werden, erscheinen auf der Nachrichtenseite von AFP gelieferte Kurzanalysen; gleich daneben werden die Leser aufgefordert, Kommentare zu verfassen.

Mit dem mächtigen Mutterkonzern France Télécom (Umsatz 54 Millarden Euro) im Rücken kann die Gruppe kräftig einkaufen. So hat sie etwa Wiederholungsrechte für die französische Fußballmeisterschaft erworben. Auch Spielfilme und Serien der Konzerne Gaumont, Warner und des Pay-TV-Senders Home Box Office (HBO) werden von diesem Herbst an auf sechs Kanälen wiederholt. Seit dem 2. Juli verbreitet orange.fr außerdem insgesamt 60 Fernsehprogramme per Satellit und macht so dem von Canal+ betriebenen Canalsat Konkurrenz.

Eine neue Informationsfabrik für alle Zwecke

Der Auftritt des Mediengiganten Orange, der sich über Werbeeinnahmen und „Triple Play“-Abonnements (Fernsehen, Internet, IP-Telefonie) finanzieren will, illustriert den Wandel der Information im digitalen Zeitalter. Die alten Medien versuchen sich so zu retten. Im Juni 2008 legte der private Fernsehsender TF1 seine Redaktionen mit denen des Kabel-Nachrichtenkanals La Chaîne Info (LCI) und dessen Internetportal LCI.fr zusammen. Die neue Plattform ist auf allen Kanälen präsent. Die Lagardère-Gruppe gründete Lagardère News, eine „neue Informationsfabrik“ für Redaktionen und Websites. Die Journalistenverbände der Lagardère-Medien Europe 1, Paris Match, Journal du dimanche und Elle warnen bereits, die einzelnen Titel könnten an Profil wie an Qualität verlieren.

Solange die Werbeeinnahmen im Internet die Verluste der Printmedien noch nicht abdecken, soll die Bündelung von Inhalten, vor allem über Fotostrecken, für maximale Zugriffszahlen sorgen. Aber um welchen Preis? Längst ist ein neuer Journalistentypus entstanden. Der Informationsprofi ist heute Multitasker. Auf dem Papier und auf dem Bildschirm, mit Mikro oder Kamera liefert er als Content Provider Inhalte aller Art, eine ganze Palette von „Produkten“, von denen immer mehr gratis verfügbar sind. Darüber hinaus soll der Onliner die zahlreichen Internetbeiträge von Lesern anregen und überprüfen.

Viele Redaktionen verlangen von ihren Mitarbeitern, dass sie den Onlineauftritt für eine bescheidene Pauschale (48 bis 68 Euro im Monat bei Parisien-Aujourd’hui) oder gar umsonst (wie bei Ouest France) mit O-Tönen, Videos oder exklusiven Informationen bespielen.

Ist der Journalistenberuf im Wandel begriffen? Im Netz versucht man offenbar, zu den Leserinnen und Lesern eine Art Leserblattbindung aufzubauen. An die Stelle hierarchischer Wissensvermittlung mit fast exklusivem Zugang zu den Quellen (Presseagenturen, Institutionen) tritt ein „Konversationsjournalismus“, meint Pascal Riché, Chefredakteur des unabhängigen Nachrichtenportals Rue89.2

Der neuen Generation von Onlinern mag das zwar gelingen, doch es könnte in den Redaktionen der Printmedien auch zu Spannungen kommen zwischen den Orchesterjournalisten, die die Partitur der neuen Technologie perfekt beherrschen, und den (selten gewordenen) Solisten, die in der Recherche und im Überprüfen von Fakten erfahrener sind als in der Zubereitung von Informationshäppchen. Natürlich kommen Printmedien heute ohne Internetpräsenz nicht aus. Doch der Kampf um die Aufmerksamkeit des Publikums treibt auch hier seltsame Blüten.

Wenn man nur noch Bilder anhäuft und Gerüchte verbreitet – wie geschehen, als Jean-Pierre Elkabbach auf der Nachrichtensite von Europe 1 den Tod des Fernsehmoderators Pascal Sevran zwei Wochen zu früh meldete –, beugen sich die Medien dem, was ironischerweise Elkabbach selbst (inzwischen Chef von „Lagardère News“) als „Diktatur der Emotion“ bezeichnete.

Weil die meisten Infowebseiten fürchten, dass ihre Besucher durch das Virale Marketing3 abgelenkt werden, versuchen sie die kommerzielle Nutzung ihrer Seiten zu maximieren, was nur die Vulgarisierung der Politik und den Hype für Politstars begünstigt, die sie zugleich lautstark anprangern.

Die Schwächen des Onlinejournalismus, der vor allem auf Zugriffszahlen schielt, lassen sich auch an der totalen Deregulierung des Berufs ablesen. Der Profi, den man wegen seiner Reaktionsfähigkeit eingestellt hat, teilt im Grunde nur mit, was man schon weiß, zeigt, was man ohnehin sieht, reagiert auf das, was Reaktionen provoziert. Wie man an der ununterbrochenen Flut mehr oder weniger anekdotischer Nachrichten und Videos auf der von Le Monde betriebenen Website lepost.fr sehen kann, kümmert sich in einer Cyberwelt, wo es stets um die allerneuesten Nachrichten geht, niemand mehr um die Hierarchisierung der Informationen.

Worauf kommt es in diesem mechanischen Informationsfluss an? Das ist die letzte Frage, die sich ein Journalist im digitalen Zeitalter stellen darf. Dabei preisen die Chefs gern die Tugenden eines Berufs, der die Fähigkeit erfordere, auszuwählen und verschiedene Inhalte auf den Weg zu schicken. Allerdings eher in der Rolle des Bahnhofsvorstehers als des Lokomotivführers. Der Internetzug ist ständig unterwegs, aber niemand weiß, wohin er fährt.

Der Onlinejournalismus hat aber auch sehr viele unabhängige Websites hervorgebracht, die etwa in Frankreich im Sommer 2005 bei der Kampagne gegen den neuen EU-Vertrag eine wichtige Rolle spielten. Er ermöglichte zudem die Öffnung neuer Informationskanäle, über die alternative, von der kapitalistischen Ideologie abweichende Meinungen verbreitet werden können. Die Krise der Printmedien und ihr Ansehensverlust in der Öffentlichkeit lassen sich in Frankreich mit dem Aufkommen der freien und kritischen Rede im Internet erklären.

Aber könnte nicht der emanzipatorische Funke auf die Massenmedien überspringen und die Redakteure kecker machen? Wohl eher nicht, denn der von den Aktionären vorgegebene Rahmen ist sehr eng.4

Und denen geht es nur um hohe Zugriffszahlen. Deshalb flimmern auf den Webseiten in allen Ecken Videos, die angeblich eine „neue journalistische Handschrift“ repräsentieren. Tatsächlich soll damit die Nachfrage nach mehr Multimediainhalten für Computer mit Breitbandanschlüssen befriedigt werden. Eine nach solchen Kriterien konfigurierte Webseite vernachlässigt journalistische Inhalte um so eher, je mehr das Management auf Kostensenkung drängt. Das ist der Preis, den man zahlen muss, solange die Werbeeinnahmen im Netz die Verluste bei den Printmedien nicht aufwiegen: So beschloss im Mai 2007 das US-Medienunternehmen Hearst Corporation die Streichung von etwa hundert Journalistenstellen beim San Francisco Chronicle und gründete sechs Monate später auf der Homepage einen werbefinanzierten Videoservice.

„Sie entlassen kompetente Journalisten, die sich unabhängig und wagemutig der Recherche und der Suche nach der Wahrheit widmen“, erklärt Neil Henry, Journalistikdozent an der Universität Berkely. In vielen Redaktionen werden Stellen abgebaut: 200 Redakteure beim Mercury News in San José, 100 bei der New York Times, 100 bei der Union Tribune in San Diego. Seit dem Jahr 2000 ist die Redaktion der Los Angeles Times von 1 200 auf 700 Journalisten geschrumpft. Heutzutage bevorzugen die Chefs Mitarbeiter, die wissen, wie man die Besucherzahlen auf der Website steigern kann.

Fußnoten: 1 „Questions d’info“, LCP-AN, 18. Mai 2008. 2 Le Monde, 24. Juni 2008. Rue89 wurde von Exredakteuren der linken Libération gegründet. 3 Virales Marketing, auch Buzz genannt, erreicht kostengünstig einen breiten Werbeeffekt. Filme, Spiele usw. können kostenlos heruntergeladen werden. Virales Marketing betreiben große Unternehmen wie auch NGOs oder Low-Budget-Projekte. 4 Das jüngste unabhängige Onlinemagazin in Frankreich ist das unabhängige Portal Mediapart, www.mediapart.fr, gegründet von früheren Redakteuren von Le Monde, La Tribune und Marianne.

Aus dem Französischen von Claudia Steinitz

Marie Bénilde ist Journalistin und Autorin von „On achète bien les cerveaux. La publicité et les médias“, Paris (Raisons d’Agir) 2007.

Le Monde diplomatique vom 08.08.2008,