Zum Arbeiten nach Japan

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Zum Arbeiten nach Japan

Die sogenannten Praktikanten aus China von Anne Roy

Sie wussten nicht, worauf sie sich einließen, als sie zum Arbeiten nach Japan gingen. Die Schneiderinnen Hu Hua-ju und Duan Yan-hong verbanden mit Japan vor allem „hochwertige und fantasievolle Mode und eine solide Wirtschaft mit gutem Ruf“. Als sie in ihrem Heimatort Huangshi in der südchinesischen Provinz Hubei gezielt angeworben wurden, wären die beiden Familienmütter gar nicht auf die Idee gekommen, mit ihrem zukünftigen Arbeitgeber über das Gehalt zu reden. Die Gelegenheit schien allzu günstig, und sie sprachen nicht gut genug Japanisch, um ein Thema anzuschneiden, das im Einstellungsgespräch sowieso nicht erwähnt wurde.

So kamen sie im Dezember 2005 mit vier weiteren Kolleginnen in eine Kleiderfabrik nach Showa, einer Kleinstadt in der Präfektur Yamanashi, zwei Stunden westlich von Tokio. Eingestellt wurden sie als Praktikantinnen. Japan hatte Anfang der 1990er-Jahre spezielle Visa eingeführt, um Arbeitssuchenden aus Entwicklungsländern die Chance zu geben, sich in japanischen Unternehmen anlernen zu lassen – im ersten Jahr als Trainees für das halbe Gehalt plus Unterkunft, in den folgenden zwei Jahren als Interns für ein etwas höheres Gehalt (meist jedoch ohne Unterkunft). Während der Wirtschaftskrise des letzten Jahrzehnts entpuppte sich diese Visumregelung als Glücksfall für kleine und mittlere Unternehmen.

Hu Hua-ju und Duan Yan-hong erlebten aber nichts als Enttäuschungen: Obgleich als Näherinnen eingestellt, mussten sie an sechs Tagen pro Woche zwölf Stunden Wäsche waschen; ihre Überstunden wurden mit einem Drittel des regulären Mindestlohns vergütet. „Im August 2008 wollten wir von unserem Chef endlich die Überstunden komplett bezahlt bekommen; da ließ er ein paar Kumpel kommen, die haben uns verprügelt“, berichten die Frauen. „Er wollte uns wohl Angst einjagen, damit wir nach China zurückgehen. Er konnte ja nicht ahnen, dass sich die ganze Geschichte so auswachsen und sogar in die Presse kommen würde.“

Die Näherinnen brachten ihren Arbeitgeber vor Gericht. Sie erzählen ihre Geschichte im Büro der Gewerkschaft Zentoitsu in Tokio, die ein Netzwerk zur Unterstützung ausländischer Praktikanten gegründet hat. Hier geben sich die Beschwerdeführer die Klinke in die Hand: Zwei Erntehelferinnen berichten, man habe sie vor die Tür gesetzt, weil sie mehr freie Wochenenden verlangten – als Ausgleich für ihre unfaire Bezahlung. „Unser Chef hat gesagt: ‚Wenn ihr Freizeit wollt, braucht ihr nur zu gehen.‘ “ Die Chinesinnen verloren auf einen Schlag Einkommen, Unterkunft und Aufenthaltsgenehmigung.

Bereits vor der offiziellen Einführung des Praktikantenprogramms der Japan International Trading Corporation (JITCO) im Jahre 1993 absolvierten Chinesen oder Philippiner gelegentlich ein Praktikum in großen Betrieben wie Toyota oder Panasonic, meist im Rahmen von Unternehmenskooperationen.

Als das Programm aufgelegt wurde, herrschte Arbeitskräftemangel, und es lebten eine Menge illegaler Arbeiter aus Asien und dem Nahen Osten in Japan. Eingeführt wurde es auf Druck der wichtigsten japanischen Arbeitgeberorganisation, der Keidanren (Japan Business Association), die bis heute fordert, dass die Regierung dem demografischen Wandel durch Geburtenrückgang und Überalterung Rechnung trägt und den Arbeitsmarkt für Ausländer öffnet.

Ein Flügel der regierenden Liberaldemokratischen Partei (LDP) hat dazu ein Gesetzesvorhaben eingebracht, das vom damaligen Ministerpräsidenten Yasuo Fukuda positiv aufgenommen wurde, aber seit dessen Rücktritt im September 2008 wieder auf Eis liegt. Danach sollten bis 2050 zehn Millionen ausländische Arbeitskräfte aufgenommen werden. „Der extrem rechte Flügel der LDP ist mit diesem Gesetz nicht einverstanden. Sie wollen Gastarbeiter höchstens für ein paar Jahre ins Land holen“, sagt der Migrationsforscher Wonsuk Sun.

Rechnen mit Millionen ungelernter Gastarbeiter

Im Verlauf des japanischen Krisenjahrzehnts – von Mitte der 1990er- bis Mitte der 2000er-Jahre – ging die Zahl der Arbeitsvisa auch stetig zurück, während die Zahl der sogenannten Praktikantenvisa anstieg; heute sind150 000 Trainees und Interns im Land.1 67 Prozent von ihnen kommen aus China, der Rest aus Indonesien, Vietnam, Thailand oder den Philippinen. Sie arbeiten in verschiedenen Branchen, von der Landwirtschaft und Fischerei bis zur Textil- oder Automobilindustrie. Zwischen 1997 und 2006 ist der Frauenanteil von 33 auf 55 Prozent gestiegen.2

„Für die Unternehmensleiter, und das sind fast alles Männer, werden Reisen zur Anwerbung von Praktikanten organisiert, und die suchen dann vor allem Frauen aus“, erklärt der Generalsekretär der Gewerkschaft Zentoitsu, Ippei Torii. Er berichtet von Fällen sexueller Belästigung, die Praktikantinnen in seinem Büro angezeigt haben, und unwürdigen Arbeitsbedingungen: Sie müssen meist geringfügig oder gar nicht bezahlte Überstunden leisten, und die Bezahlung erfolgt manchmal erst am Ende des Jahres, damit niemand während der Vertragslaufzeit aussteigt. Manche Unternehmen nehmen ihren Praktikanten sogar die Pässe ab.

Meist schweigen die Praktikanten, oder sie suchen vorsichtig Unterstützung bei Hilfsorganisationen und Gewerkschaften, deren Telefonnummern sie untereinander weitergeben. Dazu gehört auch die Nummer von Saichi Kurematsu: Er ist Generalsekretär der Gewerkschaft Airoren, die zum Zenroren-Verband gehört, in der Präfektur Aichi. Hier ist der Industriegigant Toyota zu Hause. Und hier sowie in der Präfektur Hiroshima tauchten in den letzten Jahren die meisten Praktikanten auf. „Dieser Anstieg hat mit der Ankündigung von Toyota 2002 zu tun, die Produktionskosten künftig um 30 Prozent zu senken“, sagt der Gewerkschafter. Er hat gerade zwei Vietnamesen, Anh und Tam, 25 und 21 Jahre alt, in seinem Büro sitzen, die in einem Zulieferbetrieb für verschiedene Autobauer arbeiten.

Seit einem Jahr schuftet Tam für 65 000 Yen (600 Euro) im Monat sechs Tage pro Woche. Seine Überstunden jeden Samstag werden nicht bezahlt. Der vorgeschriebene Mindestlohn in Aichi liegt aber zwischen 731 und 820 Yen pro Stunde (bei einer 40-Stundenwoche). „Als ich deswegen zu meinem Chef gegangen bin, hat er gesagt, dafür hätte er kein Geld“, erzählt der junge Mann.

Das Problem ist, dass sie einen Vertrag mit einer Vermittlungsagentur in Vietnam geschlossen haben, erklärt Saichi Kurematsu. „Die Zahl der Arbeitsstunden in diesem Vertrag ist zwar nicht mit dem japanischen, wohl aber mit dem vietnamesischen Gesetz vereinbar – in einigen Verträgen ist eine Vergütung von 300 Yen (2,50 Euro) pro Überstunde vereinbart.“ Die Agentur verlangte zudem Bearbeitungsgebühren und eine Kaution, die höher ist als der gesamte Arbeitslohn der drei Praktikumsjahre: Tam musste sich dafür 10 000 Dollar leihen, die er erst nach Ablauf seines Visums zurückerhält – sofern er nicht gegen die Betriebsregeln verstoßen hat. „In dem Vertrag steht sogar, dass er nicht das Recht hat, sich an eventuell stattfindenden Streiks zu beteiligen“, fügt der Gewerkschafter hinzu.

„Ich habe natürlich Angst, meine Kaution zu verlieren“, sagt der junge Vietnamese. Er hatte gehofft, in der Freizeit neben dem Praktikum seine Judotechnik verbessern zu können. „Nichts war so, wie sie gesagt haben. In der Agentur in Vietnam hieß es, die Arbeit wäre einfach, ich könnte Geld zurücklegen und würde Japanischunterricht kriegen: Alles nicht wahr. Keinen Yen kann ich sparen.“

„Ehemalige Praktikanten aus Vietnam haben mich angerufen und berichtet, dass sie ihre Kaution zurückbekommen haben“, versucht ihn der Gewerkschafter zu beruhigen. Aber diese Kaution setzt die Gastarbeiter stark unter Druck, so dass sie nicht wagen, sich wegen ungerechter Löhne zu beschweren. Vor anderthalb Jahren hat Kurematsu eine Klage von 100 Vietnamesen gegen eine Firma unterstützt, die sie unterhalb des Mindestlohns bezahlt hatte. Es gelang ihnen, andere Arbeitgeber zu finden, sonst hätten sie nach dem Verlust ihrer Visa in ihr Heimatland zurückkehren müssen.

Beschlagnahmte Pässe und hohe Kautionen

Seitdem verbringt Saichi Kurematsu seine Sonntage damit, Beschwerden zu bearbeiten. „Ich habe als Bote angefangen und Essen ausgeliefert, bevor ich diesen Vollzeitjob bei der Gewerkschaft angefangen habe. Und jetzt habe ich mein erstes Buch geschrieben, über Toyota, es ist gerade erschienen.“ Er kann es selbst kaum glauben.3

Seit dem Gerichtsverfahren vor anderthalb Jahren hat sich die Lage deutlich verschlechtert. Die Zeiten sind unsicherer geworden, und Kurematsu zögert, gegen die Firma von Anh und Tam eine Klage anzustrengen. „Wenn ich das mache, kann ich nicht sicher sein, dass ich eine andere Stelle für sie finde“, meint er. „Sie könnten ihr Visum verlieren und müssten das Land verlassen.“

In den 1990er-Jahren blieb die Automobilindustrie von der allgemeinen Wirtschaftskrise noch weitgehend verschont. Damals zogen viele Arbeitssuchende aus anderen Präfekturen nach Aichi. „In diesem Jahr ist die Situation vollkommen anders, Toyota stellt keine neuen Arbeiter ein, die Zeitverträge werden nicht verlängert, die Leute landen auf der Straße. In den schlechtesten Jahren des ‚verlorenen Jahrzehnts‘ waren die Notunterkünfte zu 80 Prozent belegt, heute sind sie voll. Ein Japaner, der seine Arbeit verliert, steht eben auf der Straße, und ein ausländischer Praktikant wird nach Hause geschickt.“

Ein weiteres Symptom der Krise ist, dass mittelständische Unternehmen, die zuvor kaum Praktikanten beschäftigt haben, sie jetzt auf die Arbeitsplätze setzen, die eigentlich Leute mit Zeitverträgen innehatten. Die Situation für die ausländischen Praktikanten ist damit aber keineswegs besser geworden. Unter dem Abschnitt „Menschenhandel“ im Menschenrechtsbericht 2007 des State Department der USA über Japan werden NGOs und japanische Medien zitiert, die die Missbräuche im von der Regierung gesponserten „Praktikantenprogramm“ anprangern, wie eben erzwungene Kautionszahlungen auf Unternehmenskonten, Beschlagnahmung von Pässen und dergleichen.4

Seit japanische Journalisten über die Arbeitsbedingungen der Praktikanten berichten, kommt eine besonders empörende Praxis – die Beschlagnahmung von Pässen – allerdings kaum noch vor. Die JITCO hat eine Beratungshotline mit Übersetzern in drei Sprachen eingerichtet. Die Regierung bereitet eine Reform des Gesetzes für 2009 vor. „Aber die vorgesehenen Maßnahmen zielen lediglich auf die Kontrolle des Praktikums, dabei müsste man eigentlich das Programm an sich überprüfen“, sagt Wonsuk Sun, der an den einschlägigen Beratungen im Ministerium teilnimmt. Südkorea hat 2004 ein ähnliches Praktikantenprogramm durch ein System zur Vergabe regulärer Arbeitsgenehmigungen ersetzt.

„Theoretisch sind die Praktikanten keine Gastarbeiter. Juristisch haben sie den gleichen Status wie Studenten. Deshalb sehen sich weder die Agenturen in ihrem Heimatland noch die japanischen Firmen, die sie einstellen, an das Arbeitsrecht gebunden“, schrieb der Journalist Satoshi Kamata.5 Er wurde berühmt, als er 1973 die Arbeitsbedingungen von Toyota-Arbeitern beschrieb. Sein Buch wurde gerade unter dem Titel „Fabrik der Verzweiflung“ wieder aufgelegt.6 Verglichen mit der Situation der japanischen Saisonarbeiter damals bei Toyota scheint die der Praktikanten von heute ebenso prekär.

Fußnoten: 1 Schätzung der Gewerkschaften Airoren und Zentoitsu für 2005 bis 2007. In der Regel bleiben die Praktikanten drei Jahre, manche gehen schon früher wieder zurück. 2 „Migrant workers, we are partners and work together“, Broschüre der Gewerkschaft Zentoitsu, 26. Mai 2008. 3 Saichi Kurematsu, „Toyota no Ashi-moto de“ (Zu Füßen von Toyota), Nagoya (Fubaisha) Oktober 2008. 4 Japan, Country Report on Human Rights Practices 2007, Bureau of Democracy, Human Rights, and Labor, 11. März 2008; siehe www. state.gov/g/drl/rls/hrrpt/2007/100522.htm. 5 „Japanisches Trainee- und Internprogramm für Ausländer – Ausbildung oder Ausbeutung?“, in: Shûkan Kinyôbi, Tokio, 25. April 2008. 6 Satoshi Kamata, „Jidosha Zetsubo Kojyo“, Tokio (Kodansha) 1983 (1. Ausgabe 1973). Englische Ausgabe: „Japan in the Passing Lane. An Insider’s Account of Life in a Japanese Auto Factory“, New York (Pantheon Press) 1982.

Aus dem Französischen von Sabine Jainski

Anne Roy ist Journalistin in Tokio.

Le Monde diplomatique vom 12.12.2008, von Anne Roy

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