Tantalium und Niobium

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Tantalium und Niobium

Der blutige Krieg in Kivu ist genauso wenig wie die früheren Kriege von 1996/97 und 1998 bis 2003 ein „ethnischer“ Konflikt. Es geht um nichts anderes als um Bereicherung: Im Boden des östlichen Kongo lagern unermessliche Mengen seltener Erze. 60 Prozent der weltweiten Vorkommen an Tantalium, 10 Prozent des Kupfers, 30 bis 40 Prozent des Kobalts sollen es sein, aber auch 10 Prozent des Niobiums, 30 Prozent aller Diamanten (allein in der Region von Kasai) sowie eines der international vermutlich größten Goldvorkommen.

Seit internationale Umweltschutzbestimmungen das Verbot des Einsatzes von Blei beim Löten – etwa von Elektronikplatinen – verlangen und das Blei zunehmend durch Zinn ersetzt wird, ist der Abbau des Zinnerzes Cassiterit in Nord- und Süd-Kivu wichtiger geworden als sogar der von Coltan. Gold ist heiß begehrt. Und außer den Erzen gibt es Methan, das in großen Mengen unter dem Kivu-See an der Grenze zwischen der Demokratischen Republik Kongo und Ruanda lagert.

Die Erze werden von kleinen Schürfern auf eigene Rechnung aus dem Boden geholt. Den Gewinn streichen danach andere Leute ein: Lokale Geschäftsleute, Söldner, Transporteure und selbsternannte Zöllner bereichern sich an dieser Schattenwirtschaft. Aber erst die westlichen Rohstoffmakler am Ende der Zwischenhändlerkette machen den wahren Reibach. Die Kehrseite davon ist der Waffenhandel, der über dieselben Kanäle wie der Rohstoffhandel läuft, nur in umgekehrter Richtung.

Welche der ausländischen Unternehmen in der Region am meisten von der Plünderung des Kongo profitieren, lässt sich nur schwer feststellen. Die meisten agieren mit einem System verzweigter Tochterfirmen, die wiederum mit komplizierten Finanzkonstruktionen in den Steuerparadiesen verflochten sind. Dort scheitert jeder Nachforschungsversuch am Bankgeheimnis.

Lange Zeit spielte die südafrikanische Metal Processing Congo (MPC) eine führende Rolle beim Rohstoffschmuggel.1 Doch andere ausländische Unternehmen waren ebenfalls daran beteiligt – wie das kanadische Unternehmen Banro, das während des zweiten Kongokriegs (1993–2003) mit der kongolesischen Staatsfirma Sominki (Société minière et industrielle du Kivu)2 um die Schürfrechte für Gold und Zinn stritt. Sominki war damals gerade der Rebellenallianz von Laurent Kabila in die Hände gefallen. „Mindestens drei Parteien kämpften um die Bergbaukonzessionen, und jede hatte einen anderen politischen Verbündeten: Das war das Ergebnis früherer Entscheidungen über Eigentumsrechte, die die Übergangsregierung in Kinshasa im Sommer 2003 hinterlassen hatte. Auch zwei Jahre danach ist keine Klärung in Sicht. Im Gegenteil, der Krieg rund um die Bergbauregionen geht weiter.“3

Nördlich davon, in den Ostprovinzen des Kongo, hat Uganda schon während der beiden vorangegangenen Konflikte an der Destabilisierung des Nordostkongo mitgewirkt und „sich dabei an den Bodenschätzen in der Region bereichert“.4 Dazu gehört zum Beispiel der ertragreiche Kilo-Moto-Goldgürtel. Der kanadische Multi Barrick Gold, dem der südafrikanische Konzern AngloGold Ashanti half, erwarb während des ersten Kongokriegs (1996/97) die wichtigsten Bergbaukonzessionen. In der benachbarten Provinz Ituri hält das kanadische Unternehmen Heritage Oil eine Ölförderkonzession für ein Gebiet, das bis nach Uganda reicht. Im Oktober nahmen prougandische Rebellen der Lord’s Resistance Army (LRA) den Kampf gegen die reguläre Armee auf.

Die chinesischen Gesellschaften China Railway Group, Sinohydro oder Eximbank mischen im Südosten des Kongo, in Katanga, mit.5 Im April erwarben chinesische Investoren für 9 Milliarden Dollar Beteiligungen an mehreren Bergbauprojekten, die die staatliche kongolesische Gesellschaft Gécamines ins Auge gefasst hatte und die bis zu 80 Milliarden Dollar einbringen könnten. Der Vertrag ist umstritten. Nach Ansicht seiner Kritiker verstößt er gegen die Verfassung und bevorteilt unangemessen die Chinesen, während er hohe Risiken für die Staatsverschuldung berge und in Sachen Transparenz zu wünschen übrig lasse. Der Direktor von Gécamines, der Kanadier Paul Fortin, verteidigt ihn jedoch hartnäckig.

Mit dem Krieg steigen die Aktien

Dieser direkte oder indirekte Zugriff ausländischer Interessengruppen auf die Bodenschätze des Landes – durch den Kauf von Konzessionen oder die Gründung eigener Unternehmen – erklärt in vielen Fällen, auf welcher Seite die Kriegsparteien und Nachbarländer stehen: Sie sind es schließlich, die den Zugang zu den Bodenschätzen kontrollieren oder den ausländischen Unternehmen vor Ort bestimmte Konzessionen sichern können. Und dennoch reden viele Journalisten immer noch von „ethnischen Konflikten“ in der Region, ohne die wirtschaftlichen Interessen, um die es hier geht, auch nur wahrzunehmen.

Solange die Minengesellschaften aus ihren Abbaukonzessionen wegen des Kriegs keinen Gewinn schlagen konnten, nutzten sie die Konflikte aus, um die Spekulation mit ihren Wertpapieren zu fördern. Seit Beginn der Kongokrise 1996 schnellen die Aktienkurse dieser Gesellschaften bei bestimmten Kriegsmeldungen in die Höhe. Nachdem die Firmen, die am besten im Geschäft sind, wie First Quantum Minerals, Katanga Mining (früher: Balloch) oder die Lundin Group, in den 1990er-Jahren einseitige Verträge zu ihren Gunsten abschließen konnten, haben sie auf diese Weise ihren Börsenwert exorbitant gesteigert. „Es geht zu, als ob der Kongo als Ramschobjekt auf dem Flohmarkt gefunden worden wäre und jetzt in den teuersten Kunstgalerien zum wahren Preis angeboten wird“, schrieb der Wirtschaftsjournalist Nestor Kisenga.6

Die Börse von Toronto ist das Zentrum der Spekulationen mit den kongolesischen Rohstoffen. Rund 60 Prozent der Bergbaukonzerne der Erde sind hier notiert, auch wenn ihr Kapital nicht unbedingt aus Kanada stammt. Das Volumen der Aktientransaktionen im TSX-Venture-Index, in dem viele Rohstoffaktien notieren, stieg zwischen 2001 und September 2004 von 800 Millionen Dollar auf 4,4 Milliarden Dollar.7

Das kanadische Recht bildet einen optimalen Rahmen für diese Geschäfte. Die Steuervorteile sind beträchtlich, ein Anreizsystem macht Investitionen im Bergbausektor interessant. Die schwachen Transparenzauflagen kommen dem Spekulationsgeschäft entgegen. Außerdem sind die Unternehmen nicht ernsthaft verpflichtet, über die tatsächliche Herkunft ihres Reichtums Auskunft zu erteilen.

Die kanadische Regierung unterstützt ihre Minengesellschaften im Ausland um nahezu jeden Preis. Sie behauptet, damit im öffentlichen Interesse zu handeln: Schließlich sei die private Altersversorgung der Kanadier an die Kursentwicklung auch im Minensektor gekoppelt. Trotz zahlreicher und ernst zu nehmender Hinweise auf Missbrauch und Straftaten in der Region der Großen Seen8 wurde in jüngerer Zeit keine kanadische Minengesellschaft überprüft – weder auf politischer noch juristischer Ebene. Kanada scheint eine Art rechtsfreier Raum für diese Unternehmen zu sein.

Auf Initiative der Weltbank führten die Erzeugerstaaten in den letzten Jahren Bergbaugesetze mit günstigeren Konditionen für Privatunternehmen ein. Begründet wurde dies damit, dass die Wirtschaft der überschuldeten Länder frischen Wind durch internationale Konkurrenz brauche. Der übermäßige Konsum auf der Nordhalbkugel begünstigt so eine Politik, die den Ansturm auf die Rohstoffe und die damit verbundenen Kriege legitimiert. Die vielbeschworenen Konzepte von „good governance“ oder „sozialer Unternehmensverantwortung“ erscheinen vor diesem Hintergrund als leere Phrasen aus den Wortschmieden der internationalen Institutionen. Delphine Abadie Alain Deneault William Sacher

Fußnoten: 1 Global Witness, „Under-Mining Peace: Tin – the Explosive Trade in Cassiterite in Eastern DRC“, Washington 2005. 2 Der kongolesische Staat und der Konzern Banro sind Mehrheitseigner mit jeweils 36 Prozent der Anteile an Sominki. 3 Dominic Johnson und Aloys Tegera, „Les ressources minées. La faillite de la politique minière de la RDC“, Goma (Pole institut) 2005. 4 International Crisis Group, „Congo Crisis, Military Intervention in Ituri“, Africa Report Nr. 64, Nairobi, New York und Brüssel, 13. Juni 2003, S. 3. 5 Vgl. Colette Braeckman, „Der Katanga-Boom“, Le Monde diplomatique, Juli 2008 6 www.congolite.com, 25. Juli 2006. 7 Fodé-Moussa Keita, „Les sociétés minières canadiennes d’exploration et de développement du secteur de l’or: les impacts de leurs activités en Afrique de l’ouest“, Montréal (Université du Québec) 2007, S. 147, und: Elaine Ellingham, „Canada’s Equity Markets“, Toronto Stock Exchange, November 2004. 8 Vgl. zum Beispiel den Bericht des Menschenrechtsausschusses der Vereinten Nationen vom 27. März 2006: www.fidh.org/article.php3?id_article=3230. Aus dem Französischen von Veronika Kabis

Delphine Abadie, Alain Deneault und William Sacher gehören zum Autorenkollektiv Ressources d’Afrique. Gemeinsame Verfasser von: „Noir Canada, Pillage, corruption et criminalité en Afrique“, Montréal (Écosociété) 2008.

Le Monde diplomatique vom 12.12.2008, von Delphine Abadie und Alain Deneault / William Sacher

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