Fortis auf Jersey

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Fortis auf Jersey

Nach der Pleite des Finanzkonzerns Fortis Anfang Oktober bleibt von dem belgisch-niederländischen Unternehmen nicht nur die flüchtige Erinnerung an einen Banken- und Versicherungsriesen, den die Finanzkrise kalt erwischt hat: Fortis hinterlässt seinen neuen Eignern auch eine stattliche Zahl von Filialen in diversen Steuerparadiesen.

Das Center for Research on Multinational Corporations listet sage und schreibe 300 Unternehmen an den besten Offshore-Finanzplätzen der Welt auf.1 Einige machen keinen Hehl aus ihrer Verbindung zum Mutterkonzern, so etwa Fortis Intertrust (Britische Jungferninseln), Fortis Investment Management (Kaiman-Inseln), Fortis Commercial Finance (Luxemburg), Fortis Private Wealth Management (Niederländische Antillen) und Fortis Foreign Fund Service (Schweiz). Bei den meisten ist die Verbindung allerdings nicht so offenkundig. Die Liste der Filialen mit exotischen Adressen ist zehn Seiten lang. Auf ihr stehen unter anderem Jeb Ltd. (Liberia), Comanche Ltd. (Bahamas), Jasmette Valley Inc. (Liechtenstein), Swilken Holdings (Panama).

Ein solches Finanzimperium ist an sich nichts Besonderes. „In den letzten zehn Jahren haben alle großen Banken ein unübersichtliches Filialnetzwerk in den Steuerparadiesen aufgebaut. Damit können sie einen Teil ihrer Geschäfte verschleiern, Kontrollen umgehen und viele Aktiva verstecken“, schreibt die schottische Zeitung Sunday Herald.2 Geht es hier nur um Lappalien, oder weshalb haben sich die Behörden bislang nicht mit diesen Firmenkonstruktionen beschäftigt?

Nur eine Woche bevor Fortis für 9,4 Milliarden Euro an die französische Bankengruppe BNP-Paribas verkauft wurde, erhielt der Konzern von den Regierungen der Benelux-Staaten eine 11,2 Milliarden schwere Finanzspritze.

Die Umstände dieses Verkaufs haben zwar in Belgien3 für einigen Unmut gesorgt; rund um die Offshore-Dependancen des Pleitekonzerns hat sich der Nebel allerdings nur noch mehr verdichtet. Wem sie heute gehören, ist unklar. BNP erklärt, nur die „gesunden Aktivitäten“ von Fortis übernommen zu haben.4 Gehören sie dann vielleicht den immer noch an einer Übernahme interessierten Minderheitseignern wie dem chinesischen Versicherungskonzern Ping An? Oder etwa den Benelux-Staaten, die Anteile des Konzerns halten?

Die Frage dürfte die belgischen, niederländischen und luxemburgischen Steuerzahler interessieren. Vielleicht auch die Kunden der BNP-Paribas, die durch steigende Gebühren die Zeche zahlen. Aber nicht zuletzt auch die Insel Jersey, wo Fortis einen überaus aktiven Ableger hat, nämlich die Scaldis Capital Ltd. Dieser 23 Milliarden Dollar5 (18 Milliarden Euro) schwere Fonds hat sich seit 1999 auf die Kunst der „Verbriefung“ spezialisiert. Dabei werden in einem ausgeklügelten Verfahren handelbare Wertpapiere aus Forderungen oder Eigentumsrechten geschaffen. Bei diesen Transaktionen ist der erzielbare Zins meist höher als bei anderen Wertpapieren, während das Risiko für den Investor relativ gering ist. Das Verfahren ist auch deshalb so attraktiv, weil es nach eigenen Angaben „eine vollkommen anonyme Finanzierung“ gewährleisten soll: „Nur Bank, Anwälte und Ratingagenturen kennen das Geschäft“, heißt es auf der Website6 .

Ob wenigstens diese gut informierten Leute wissen, wer ihr neuer Brötchengeber ist? Aber nein, keine Chance: Auch auf Jersey hält sich Scaldis bedeckt. Von dem Unternehmen ist vor Ort nicht mehr zu entdecken als ein Briefkasten bei einer Anwaltskanzlei und eine Website, die nur mit Passwort zugänglich ist.

Am 2. Oktober lüftete die niederländische Tageszeitung De Volkskrant das Geheimnis ein wenig: Sie deckte auf, dass die Bilanz von Scaldis im Jahresabschluss 2007 von Fortis nicht ausgewiesen ist. Auf diese Weise seien 500 Millionen Euro Verlust vertuscht worden.

„Das ist normal bei dieser Art von Refinanzierungsstruktur über sogenannte Conduits“, erklärte ein Konzernsprecher. Der niederländische Finanzminister Wouter Bos versicherte, es gebe „keinerlei Grund“, eine Bank zu verdächtigen, die stets ehrlich gewesen sei.7 Und überhaupt: Hätte man die Bank denn sonst gerettet? Eine Woche später bewirtete der Fortis-Vorstand rund fünfzig Börsenmakler im teuersten Restaurant von Monaco, dem Louis XV. In Gönnerlaune ob all der guten Neuigkeiten spendierte er ein Kaviarmenü, das 3 000 Euro pro Person kostete – getreu dem Firmenmotto: „So kommen Sie ans Ziel.“ O. M.-C.

Fußnoten: 1 Das unabhängige Center for Research on Multinational Corporations erforscht Finanzpraktiken. Eine beeindruckende Dokumentation findet sich unter: http://somo.nl/. 2 „Time for Government to Insist that Loopholes are Closed“, Sunday Herald, Glasgow, 26. Oktober 2008. 3 Nach den Protesten mehrerer Minderheitseigner, die BNP Paribas vorwarfen, sich am Ausverkauf von Fortis bereichert zu haben, forderte die Staatsanwaltschaft in Brüssel am 5. November die Einberufung einer Generalversammlung, auf der die Transaktion abgesegnet werden solle. In Belgien wurden im übrigen Zweifel laut, ob es rechtmäßig gewesen sei, staatliche Finanzhilfen zu einem Zeitpunkt zu leisten, da Übernahmeverhandlungen liefen. 4 Auf unsere Nachfrage, ob diese „gesunden Aktivitäten“ auch die Offshore-Gesellschaften umfassten, war von der Direktion von BNP-Paribas keine Antwort zu erhalten. 5 Genau genommen 23 873 885 835 Dollar, wie der Konzernbilanz von Scaldis zu entnehmen ist. Diese wurde am 3. Dezember 2007 von den internationalen Wirtschaftsprüfungsgesellschaften Deloitte und PricewaterhouseCoopers bestätigt. 6 www.fortisbusiness.com. 7 „Bos: Fortis has always been honest“, De Volkskrant, Amsterdam, 2. Oktober 2008.

Le Monde diplomatique vom 12.12.2008, von O. M.-C.

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