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Pierre-Joseph Proudhon, Anarchist

Hommage an einen radikalen Denker zu seinem 200. Geburtstag von Edward Castleton

Was ist vom Denken Pierre-Joseph Proudhons geblieben, zweihundert Jahre nach seiner Geburt am 15. Januar 1809? Der Satz „Eigentum ist Diebstahl“, aber das war es dann auch schon. Proudhon, von Sainte-Beuve als bedeutendster Prosaist seiner Zeit bezeichnet, fristet heute ein kümmerliches Dasein in anarchistischen Buchläden und auf dem ein oder anderen Bücherregal eines Gelehrten. Während sein Werk von den großen Verlagen in Frankreich und Deutschland nicht beachtet wird, sind seine intellektuellen und literarischen Zeitgenossen wie Karl Marx, Auguste Comte, Jules Michelet, Victor Hugo oder Alexis de Tocqueville auf dem Buchmarkt sehr wohl präsent.

Sein hundertster Geburtstag im Jahr 1909 verstrich nicht so unbemerkt. In Besançon, Proudhons Geburtsstadt, enthüllte der damalige Präsident der Republik, Armand Fallières, eine Bronzestatue zu Ehren des „Vaters des Anarchismus“. Vertreter der von Emile Durkheim begründeten neuen Disziplin, der Soziologie, sowie Juristen, Theoretiker des Anarchosyndikalismus und sogar antiparlamentaristische Monarchisten bezogen sich damals auf ihn.

Doch die anarchosyndikalistische Welle ebbte bald ab. Die Intellektuellen und Arbeiter, die Proudhon vor dem Ersten Weltkrieg noch schätzten, erklärten ihn nach der Oktoberrevolution zum Anti-Marx. Die radikalen Pazifisten, die für eine „Gesellschaft der Nationen“ eintraten, bedienten sich bei seinen föderalistischen Ideen. Die Anhänger der nazifreundlichen Vichy-Regierung dagegen griffen auf der Suche nach Legitimationsquellen gewisse ständische Elemente seines Denkens auf. Proudhons Statue in Besançon half da nicht: Während der Besatzung ließen die Nazis sie einschmelzen.

Das Ansehen, das der Denker in fortschrittlichen Kreisen einst genoss, hat sich von seiner Inanspruchnahme durch das Vichy-Regime nicht wieder erholt. Zudem war die Linke im Frankreich der Nachkriegszeit intellektuell gänzlich vom Marxismus in Beschlag genommen; andere Quellen der reichen sozialen Reflexion des 19. Jahrhunderts blieben außen vor. Damit war auch Proudhon, der einen Mittelweg zwischen Privateigentum (der exklusiven Aneignung von Gütern durch Privatpersonen) und Kommunismus (Aneignung und egalitäre Verteilung der Güter der Privatpersonen durch den Staat) gesucht hatte, der Vergessenheit anheim gegeben.

Pierre-Joseph Proudhon, Vordenker eines anarchistischen „dritten Wegs“, war der Sohn eines Brauereiküfers und einer Köchin. Als Schüler zeigte er sich äußerst begabt für alte Sprachen und Literatur, musste aber aufgrund der wirtschaftlichen Not der Eltern seine Studien abbrechen und als Drucker arbeiten. Dank der Unterstützung einiger Landsleute aus der Franche-Comté erhielt Proudhon ein dreijähriges Stipendium für die Akademie von Besançon und nahm seine sprachwissenschaftlichen und philologischen Studien wieder auf. Hier nahm er das Ausmaß des Unterschieds in Herkunft und Erfahrung wahr, die ihn von den Mitgliedern des Instituts trennten; seine Ausbildung setzte er in Paris fort. Und registrierte, wie begrenzt die Versuche der liberalen Theoretiker der Restauration und der Julimonarchie waren, die aktuelle Herrschaft mit den höheren „Fähigkeiten“ der Besitzenden zu begründen.

Es war das Zeitalter des Zensuswahlrechts: Besitzende wählen andere, die noch mehr besitzen. Die Hoffnungen der Liberalen auf eine in den bürgerlichen Rechten der Privatpersonen verankerte Gesellschaftsordnung mit dem hochgehaltenen unverletzlichen und heiligen Recht auf Eigentum wurden von der Wirklichkeit des sozialen Elends eingeholt. Weil Proudhon überzeugt war, dass die gesellschaftliche Verteilung des Wohlstands wichtiger sei als die politische Repräsentation, sah er in der Ausweitung des Wahlrechts, wie sie in bestimmten republikanischen Kreisen befürwortet wurde, keine hinreichende Lösung für das Problem der sozialen Ungleichheit. Dieser Schluss führte ihn zur politischen Ökonomie.

Proudhon ging davon aus, dass sich der Wert einer Sache an ihrem „Nutzen“ bemisst, das heißt an ihren tatsächlichen materiellen und sozialen Folgen. Seine volkswirtschaftlichen Zeitgenossen, die auf den Umlauf der Reichtümer durch Handel bedacht waren, definierten den Wert der Dinge unabhängig von den elementaren Bedürfnissen derer, die sie herstellen. „Produkte werden gegen Produkte getauscht“, formulierte Jean-Baptiste Say (1767–1832). Was so viel bedeutet wie, dass der Verkauf von Waren durch den Handel mit anderen Waren gestützt wird und die Produkte im Endeffekt so viel Wert sind, wie sie kosten. Der Wert beruht also auf Konvention und hat keine feste Grundlage.

Vorwürfe an die sentimentalen Sozialisten

Nach Proudhon bemisst sich der Wert konsequenterweise am Maßstab der Nützlichkeit. Das Ideal des Gleichgewichts zwischen Produktion und Konsumtion ist dabei natürlich weiterhin wünschenswert; aber dafür müssen das verkaufte Produkt und die in diesem Produkt verkörperte Arbeit einander stets entsprechen. Nun verhindert aber der juristische Charakter des Eigentums einen adäquaten Tausch, weil der Wohlstand in den Händen der Eigentümer, Rentiers und Kapitalisten konzentriert bleibt. Folglich muss das Say’sche Theorem (demzufolge das Angebot sich seine Nachfrage selbst schafft) wesentlich radikaler interpretiert werden.

Ausgerechnet die liberalen Ökonomen unter seinen Zeitgenossen begannen sich für Proudhons Thesen zu interessieren. Mit ihrem bilderstürmerischen Elan schienen seine Ansichten eine Brücke zu bilden zwischen der Kritik an den Sozialisten (denen Proudhon vorwarf, ein neochristliches Kauderwelsch voller vager und spießbürgerlicher Sentimentalitäten zu verzapfen wie den Begriff Brüderlichkeit) und der Kritik an den Ökonomen, Juristen und Philosophen der etablierten Ordnung.

Es ist nicht unwahrscheinlich, dass selbst Marx die Theorie des Mehrwerts anerkannt hätte, die Proudhon in seiner Streitschrift „Was ist das Eigentum?“ von 1840 wie folgt formuliert: „Der Kapitalist, sagt man, hat den Arbeitern ihren Tagelohn bezahlt; um genau zu sein, muß man sagen, daß der Kapitalist ebenso oft einen Tagelohn bezahlt hat, als er Arbeiter täglich verwendet hat; denn das ist durchaus nicht dasselbe. Jene ungeheure Kraft nämlich, die aus der Vereinigung und der Harmonie der Arbeiter, aus der gleichen Richtung und Gleichzeitigkeit ihrer Anstrengungen entsteht, die hat er nicht bezahlt. Zweihundert Grenadiere haben in wenig Stunden den Obelisk von Luxor auf sein Postament gehoben; nimmt man wohl an, daß ein einzelner Mensch dies in zweihundert Tagen zustande brächte? Dennoch wäre für die Rechnung des Kapitalisten die Summe der Löhne die gleiche gewesen. Nun, eine Wüste fruchtbar zu machen, ein Haus zu erbauen, eine Manufaktur in einen Berg von seinem Platze zu rücken. Das kleinste Vermögen, die geringste Fabrik, das Ingangbringen der elendesten Industrie, erfordert ein Zusammenwirken von so verschiedenen Arbeiten und Talenten, daß ein einzelner Mensch nicht dafür genügen würde.“1

Zweifellos teilte Marx die Kritik Proudhons an einem, wie Marx selbst in seinen ökonomisch-philosophischen Manuskripten aus dem Jahr 1844 sagt, „rohen und gedankenlosen Kommunismus“. Zum Bruch zwischen beiden Männern, die in Paris miteinander verkehrten, kam es 1846. Marx überhäufte Proudhon mit Sarkasmus – als einen Autor, der, wie er ihn brieflich wissen ließ, das Eigentum am liebsten „auf kleiner Flamme“ verbrennen würde. Proudhons Wunsch, das Proletariat mit dem Mittelstand zu versöhnen, um auf diese Weise den Kapitalismus zu stürzen, erscheint ihm als Neigung eines „Kleinbürger[s], der beständig zwischen dem Kapital und der Arbeit, zwischen der politischen Ökonomie und dem Kommunismus hin- und hergeworfen wird“.2

Nach der Revolution von 1848 und der Ausrufung der Zweiten Republik wurde Proudhon in die Nationalversammlung gewählt. Als Mitglied der Finanzkommission des Abgeordnetenhauses forderte er die Gründung einer Tauschbank, um das Finanzwesen zu zentralisieren und den damals durch Gold gedeckten Franc in eine durch die Produktion gedeckte Währung mit reinem Nominalwert umzuwandeln. Darüber hinaus setzte sich Proudhon dafür ein, Zinsen und Leitzins sowie Mieten und Pachtgelder zu senken. Nach dem Juniaufstand3 trugen ihm diese Vorschläge die Ehre ein, der von der bürgerlichen Presse am meisten karikierte und verteufelte Mann seiner Zeit zu sein.

Nachdem seine Reformprojekte fehlgeschlagen waren, wandte sich Proudhon dem Nachdenken über die Aporien der politischen Repräsentation zu. Seiner Ansicht nach bedeutete die Zweite Republik das Entstehen einer Wahloligarchie, in der die Abgeordneten nicht wirklich das Volk vertreten, da die Bürger ihre Zustimmung zu Gesetzen nur indirekt über Parlamentswahlen zum Ausdruck bringen konnten.

Die meiste Zeit bleibt das Volk also machtlos gegenüber den Delegierten, die es allein dadurch maßregeln konnte, dass es sie nicht wiederwählte. Tatsächlich wuchs die Kluft zwischen Gewählten und Wählern rasant. Proudhon selbst war dessen Zeuge: „Man muß in dieser Isolierung, welche man eine Nationalversammlung nennt, gelebt haben, um zu begreifen, wie die Menschen, welche absolut von dem Zustand des Landes nichts wissen, beinahe immer diejenigen sind, welche es vertreten.“4

Das Prinzip der Gegenseitigkeit

Doch Proudhons Analyse geht über diese simple Feststellung hinaus: Nach seiner Einschätzung räumte die Verfassung von 1848 dem Präsidenten der Republik zu viel Macht ein, weshalb die Entwicklung in Richtung einer Diktatur unausweichlich sei. Er wies auf die Schwäche der Nationalversammlung hin und prangerte die Machenschaften Louis-Napoléon Bonapartes an.5 Dafür wurde Proudhon zu einer Gefängnisstrafe verurteilt und beobachtete aus seiner Zelle heraus mit Bitterkeit die Feigheit des Bürgertums beim Staatsstreich vom 2. Dezember 1851, die Popularität des Kaisers beim Volk und die Installation des Zweiten Kaiserreichs.

Nach seiner Entlassung im Jahr 1852 empörte er sich gegen die Konzentration des auf Eisenbahnkonzessionen und Börsenspekulationen gegründeten Reichtums in den Händen einiger weniger. 1858 schließlich musste er ins belgische Exil fliehen, um einer weiteren Haftstrafe wegen seiner antiklerikalen Schrift „De la Justice dans la Révolution et dans l’Eglise“ (Die Gerechtigkeit in der Revolution und in der Kirche) zu entgehen. Erst gegen Ende seines Lebens kehrte er nach Paris zurück.

Was den demokratischen Charakter des allgemeinen Wahlrechts betraf, war Proudhon pessimistischer denn je. In den letzten Schriften vor seinem Tod am 19. Januar 1865 erklärte er selbst die Kandidatur proletarischer Abgeordneter für nutzlos. Die Arbeiterklasse müsse vielmehr mit den Institutionen der Bourgeoisie brechen und Genossenschaften gründen, die auf dem Prinzip der Gegenseitigkeit (Mutualismus) beruhen und diese Gegenseitigkeit institutionalisieren – kurz gesagt, sie müsse eine „Arbeiterdemokratie“ erfinden.

Lässt man manche seiner Vorstellungen außer Acht – wie antifeministische Positionen, offene Misogynie, einen gewissen Antisemitismus, die sich bei vielen Sozialisten des 19. Jahrhunderts finden, dann ist Proudhons Denken auch heute noch aktuell – zumal angesichts verbreiteter Zweifel am demokratischen System in den hoch entwickelten kapitalistischen Ländern. Denn dass die Interessen der unteren Schichten und der Arbeiter von den politischen Parteien heute besser repräsentiert würden als zu Proudhons Zeiten, kann man nicht ohne weiteres behaupten.

Die Frage lautet also: Gibt es zwischen all den aktuellen Versuchen, den Sozialismus zu „modernisieren“, Platz für ein Denken, das einen radikalen, aber friedfertigen Klassenkampf will; das für eine Gesellschaftsordnung auf der Grundlage einer Arbeitsteilung eintritt, die dem Prinzip der Gegenseitigkeit gehorcht und auf eine möglichst geringe Gehaltsspreizung abzielt; das Gerechtigkeit sucht und gleichzeitig ökonomisch sinnvoll ist; das anstelle des allgemeinen Wahlrechts, dem die Tendenz zur populistischen Degeneration innewohnt, eine Form der politischen Repräsentation in gesellschaftlichen und beruflichen Zusammenhängen vorzieht; das der Spekulation und den Riesenvermögen den Kampf ansagt; das einen radikal dezentralen, weder am Europa- noch am Freihandelsgedanken orientierten Föderalismus fordert?

Oder bleibt es das Schicksal Proudhons, nur von eher randständigen und medial kaum präsenten Gruppen geschätzt zu werden, denen der Anarchobuchladen lieber ist als der Auftritt im Fernsehen? Auf die Ankunft des Präsidenten der Republik an Proudhons zweihundertstem Geburtstag in Besançon braucht man wohl nicht zu warten. Aber es bleibt zu hoffen, dass dieser Denker wieder etwas von der Wertschätzung erfährt, die er vor hundert Jahren genoss.

Fußnoten: 1 Pierre-Joseph Proudhon, „Was ist das Eigentum? Erste Denkschrift“, Wien (Monte Verita) o. J. [1992], S. 91  f. 2 Karl Marx, „Das Elend der Philosophie. Antwort auf Proudhons ‚Philosophie des Elends‘ “, Berlin/Bonn (J. H. W. Dietz Nachf.) 1979, S. 92. 3 Die seit den Wahlen vom 23. April 1848 von den Konservativen dominierte Nationalversammlung schloss die Nationalwerkstätten und löste damit eine Revolte aus. Zwischen dem 22. und dem 26. Juni wurden fast 4 000 Aufständische getötet und ebenso viele deportiert. 4 Pierre-Joseph Proudhon, „Bekenntnisse eines Revolutionärs, um zur Geschichtsschreibung der Februarrevolution beizutragen“, Frankfurt am Main (Edition AV ’88) 2000, S. 102. 5 Der im Dezember 1848 triumphal zum Präsidenten gewählt wird.

Aus dem Französischen von Michael Adrian

Edward Castleton ist Herausgeber von Pierre-Joseph Proudhon, „Carnets inédits: Journal du Second Empire“, Paris (CNRS Editions), die im Februar erscheinen. Er forscht am Maison des Sciences de l’Homme et de l’Environnement an der Universität Franche-Comté in Besançon.

Le Monde diplomatique vom 16.01.2009,