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Der Fall Zongo

Am Nachmittag des 13. Dezember 1998 wurden der Journalist Norbert Zongo, sein jüngerer Bruder Ernest Yembi Zongo, sein Chauffeur Abdoulaye Nikièma, genannt Ablassé, und sein Angestellter Blaise Ilboudo in Sapouy, rund 100 Kilometer südlich von Ouagadougou bei einem Anschlag getötet. Dieser gewaltsame Tod erschütterte Burkina Faso nachhaltig.1

Drei Tage später forderte ein Kollektiv demokratischer Organisationen und politischer Parteien die Bildung einer unabhängigen Untersuchungskommission, die tatsächlich am 18. Dezember zustande kam. Drei der insgesamt elf Kommissionsmitglieder benannte die Regierung, die übrigen waren unabhängige Persönlichkeiten und Vertreter burkinischer NGOs.

Am 7. Mai 1999 bestätigte die Untersuchungskommission, dass der Mord an Norbert Zongo eindeutig politisch motiviert war und im Zusammenhang mit seinen Recherchen über den Mord an David Ouédrago stand. Ouédrago war der Chauffeur von François Compaoré gewesen, Bruder des Staatspräsidenten Blaise Compaoré. Ouédrago war von seinem Chef des Diebstahls bezichtigt und den Soldaten der Präsidentengarde übergeben worden. Diese folterten ihn zu Tode. Der Untersuchungsbericht benannte sechs Verdächtige und empfahl die Einleitung eines Strafverfahrens. Zwei der Regierungsvertreter im Untersuchungsausschuss distanzierten sich jedoch von den Schlussfolgerungen und Empfehlungen des Berichts.

Viele Bürger gingen auf die Straße und forderten Gerechtigkeit. Präsident Compaoré gab schließlich nach. Die Akten wurden einem Untersuchungsrichter übergeben, die Präsidentengarde reformiert, und die Familien von Zongo und seinen Mitstreitern bekamen finanzielle Unterstützung. Doch damit war der Fall noch lange nicht abgeschlossen.

Im August 2000 wurden schließlich fünf Mitglieder der Präsidentengarde angeklagt und für schuldig befunden. Wegen Folter und Mordes an David Ouédrago wurden sie zu zwanzig Jahren Haft verurteilt. Drei der Verurteilten, Marcel Kafando, Edmond Koama und Ousseini Yaro, stehen im Verdacht, auch an dem Anschlag gegen Norbert Zongo und seine Begleiter beteiligt gewesen zu sein.

Marcel Kafando erkrankte im August 2001 schwer und wurde aus der Haft nach Hause entlassen. Es wurde erwartet, dass er nach seiner Genesung im Prozess wegen des Anschlags auf Zongo verurteilt würde. Doch zur allgemeinen Überraschung sprach ihn Richter Wenceslas Ilboudo am 19. Juli 2006 frei. Er begründete diesen Freispruch damit, dass ein Belastungszeuge seine Aussage zurückgezogen habe. Am 16. August bestätigte der Oberste Gerichtshof von Ouagadougou das Urteil. Eine Wiederaufnahme des Verfahrens war nur möglich, sollte neues Belastungsmaterial gegen den Angeklagten auftauchen.

Die Tatsache, dass ein Ermittlungsbericht gefälscht war, hätte einen solchen Wiederaufnahmegrund darstellen können. Ganze Passagen sollen gelöscht worden sein, insbesondere solche, in denen Widersprüche in den Aussagen von François Compaoré offenbar wurden. Auch die ungeklärte Rolle des superreichen Geschäftsmanns Oumarou Kanazoé, der von der Regierung gedeckt wurde, hätte untersucht werden müssen. Am 18. Juli 2006 lehnte die Staatsanwaltschaft jedoch einen Antrag auf Wiederaufnahme des Verfahrens ab.

Anlässlich des zehnten Jahrestages der Pressefreiheit startete das „Nationale Pressezentrum Norbert Zongo“ am 20. Oktober 2008 eine Unterschriftenkampagne. Und am zehnten Todestag von Zongo gingen tausende Menschen auf die Straßen und forderten, dass die Akte Zongo wieder geöffnet würde. Im Laufe des Jahres 2008 fanden fünfzehn Versammlungen statt, drei jeweils eintägige Generalstreiks und zwei Tage der Trauer.

Der Protest äußert sich deshalb in solcher Entschiedenheit, weil in Burkina Faso seit Jahren Kapitalverbrechen unaufgeklärt zu den Akten gelegt werden. Gleichzeitig erntet die Regierung im Ausland viel Lob, der Präsident wird mit allerlei Ehrentiteln überhäuft. So verlieh die Pariser École des Hautes Études Internationales Compaoré am 1. Februar 1992 die Ehrendoktorwürde – zwei Monate nachdem mitten in der Stadt ein tödlicher Bombenanschlag auf den Universitätsprofessor Oumarou Clément Ouédraogo verübt worden war. Der burkinische Staatschef hat wichtige politische Unterstützer in Paris. Dort scheint man sogar mit dem Gedanken zu spielen, ihn für seine Vermittlerrolle beim Konflikt in der Elfenbeinküste für den Friedensnobelpreis vorzuschlagen.2

Wegen der anhaltenden gesellschaftlichen Unzufriedenheit entschloss sich die Regierung schließlich Anfang 2001, einen „Rat der Weisen“ ins Leben zu rufen, der den Ursachen auf den Grund gehen sollte. Die Weisen empfahlen: Wahrheit, Gerechtigkeit und nationale Versöhnung. Also setzte die Regierung eine Kommission ein, die diese Ziele ins Werk setzen sollte. Der 30. März 2001 wurde zum „Nationalen Tag der Vergebung“ erklärt. Die Amnestie betraf alle Verbrechen, die seit der Unabhängigkeit des Landes begangen worden waren. Als Bürgen traten die traditionellen und religiösen Führer des Landes auf. Nur der Mord an Zongo und seinen Begleitern blieb von der allgemeinen Amnestie ausgenommen. Das Kollektiv der demokratischen Organisationen und politischen Parteien weigerte sich jedoch, das Zeremoniell anzuerkennen, und versammelte sich stattdessen an den Gräbern der Opfer.

Seitdem der Prozess Zongo ausgesetzt wurde, trifft sich eine Gruppe von „schwarz gekleideten Frauen“ jeden ersten Sonntag im Monat auf dem Friedhof von Gounghin in Ouagadougou, wo Norbert und Ernest Yembi Zongo, Abdoulaye Nikièma und Blaise Ilboudo begraben liegen. Dort beten sie gemeinsam und fordern die Wiederaufnahme des Prozesses. Es gibt auch Veranstaltungen zum Gedenken an die Opfer, in ihrem Namen werden Auszeichnungen verliehen und anderes mehr.

Afrikanische Musiker unterstützen die Burkiner in ihrem Eintreten für Gerechtigkeit. Der ermordete Journalist taucht im Lied „Les martyres“ des ivorischen Sängers Tiken Jah Fakoly3 auf, und auch die Reggae-Ikone Alpha Blondy setzte ihm ein Denkmal mit dem Refrain: „Au clair de la lune, mon ami Zongo..“ Die Sänger und ihre Mitstreiter in verschiedenen Gruppen haben ein großes Anliegen: dass politische Verbrechen und die Straflosigkeit der Täter ein Ende haben – in Burkina Faso wie auf dem ganzen Kontinent.

Die Frage ist, ob die Regierung von Burkina Faso verstanden hat, was in ihrem Land vor sich geht. Ob sie verstanden hat, warum der Mord an dem Journalisten Zongo und seinen Begleitern überall in Afrika eine solche Empörung ausgelöst hat. Von den anderen Opfern, deren Gräber niemand kennt, ganz zu schweigen.

Vincent Ouattara

Fußnoten: 1 Vgl. Bruno Jaffré, „Burkina und der Schock der Zongo-Affäre“, Le Monde diplomatique, September 1999. 2 Vgl: Michel Galy, „Oh, wie süß ist Abidjan“, Le Monde diplomatique, Dezember 2007. Zu den einflussreichen politischen Unterstützern von Blaise Comparoé in Frankreich zählen etwa der Sozialist Guy Penne und die früheren Entwicklungshilfeminister Jacques Godefrain und Michel Roussin (heute zuständig für das Afrikageschäft der Unternehmensgruppe Bolloré). 3 „Cours d’histoire“,Justlady1, 2006. 4 In Anlehnung an das französiche Volkslied „Au clair de la lune, mon ami Pierrot“.

Aus dem Französischen von Veronika Kabis

Vincent Ouattara ist Dozent an der Universität Koudougou (Burkina Faso) und Autor von „L’ère Compaoré: crimes, politique et gestion de pouvoir“, Paris (Klanba Editions) 2006.

Le Monde diplomatique vom 13.02.2009,