13.02.2009

Testgelände für Monsanto

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Testgelände für Monsanto

Burkina Faso hat gegen den Willen der Baumwollproduzenten genmanipuliertes Saatgut bestellt von Françoise Gérard

Seit dem Jahr 2001 werden in Burkina Faso Freilandversuche mit gentechnisch veränderten Organismen gemacht, der sogenannten Bt-Baumwolle.1 Doch erst zwei Jahre später wurde bei einem Workshop des Verbraucherschutzbunds zur Biosicherheit öffentlich bekannt, dass die Regierung in Ouagadougou mit dem berüchtigten US-amerikanischen Saatguthersteller Monsanto vertraglich eine Partnerschaft zum Anbau genetisch veränderter Organismen (GVO) eingegangen war. Monsanto behauptete zwar, die GVO-Versuche seien auf „gesonderten Feldern“ durchgeführt worden, tatsächlich waren es aber nur Parzellen, über die man ein paar zerfledderte Netze geworfen hatte.

Diese Nachricht löste bei den burkinischen Bauern wie zu erwarten heftige Proteste aus. Burkina Faso hatte außerdem gegen zwei internationale Abkommen verstoßen, die es selbst unterzeichnet hat: das Biodiversitätsabkommen (Convention on Biological Diversity/CBD), das 1992 in Rio de Janeiro ausgehandelt wurde, und das Cartagena-Protokoll, ein völkerrechtlich bindendes internationales Abkommen, das am 11. September 2003 in Kraft getreten war und den grenzüberschreitenden Transport und die Handhabung von gentechnisch veränderten Organismen regelt.

Mit ihrer Unterschrift unter diese beiden Verträge hatten sich alle Mitgliedstaaten – nur die USA, Somalia und der Irak haben das Cartagena-Protokoll von vornherein nicht unterzeichnet – dazu verpflichtet, dessen Vorgaben in ihrer jeweiligen nationalen Gesetzgebung umzusetzen und äußerste Vorsichtsmaßnahmen zu treffen, bevor mit dem Anbau genetisch veränderter Organismen begonnen würde. Die Bevölkerung sollte über mögliche Gefahren aufgeklärt und keine Entscheidung sollte ohne eine breitestmögliche Bürgerbeteiligung getroffen werden.

Burkina Faso verabschiedete sein nationales Biosicherheitsgesetz erst im April 2006. Eigentlich hätte das Gesetz mit seinen 75 Artikeln die GVO-Gegner beruhigen können. In Artikel 22 wurde festgeschrieben, dass „die Sicherheit von Menschen, Tieren und Pflanzen und der Schutz von biologischer Vielfalt und Umwelt zu gewährleisten“ und eine Nationale Biosicherheitsbehörde (ANB) zur GVO-Risikobewertung zu schaffen sei. Es sind ja gerade die unkontrollierbaren Risiken, die den GVO-Gegnern Sorgen machen.

Man fragt sich, warum die Regierung von Burkina Faso sich ausgerechnet mit dem Chemiekonzern Monsanto, dem Hersteller von Agent Orange und Roundup2 , zusammengetan hat. Burkina Faso ist eines der sieben ärmsten Länder der Welt. Langfristig, so hofft die Regierung, wird die gentechnisch veränderte Baumwolle die burkinische Landwirtschaft ankurbeln und damit der vielbeschworenen Armutsbekämpfung dienen. Für Monsanto war Burkina Faso als Testgebiet für die Verbreitung von GVO in ganz Westafrika besonders attraktiv, weil das Land der größte Baumwollproduzent in der Region ist, noch vor Mali, Benin und der Elfenbeinküste.

Aufgrund seiner geografischen Mittellage spielt es für die Verbreitung von Biotechnologien für Monsanto gewissermaßen die Rolle eines Trojanischen Pferds. Denn über die Baumwollentkernungsfabriken in den Grenzgebieten kommt es „unbeabsichtigt“ zur GVO-Kontaminierung benachbarter Baumwollplantagen. Und eine einmal kontaminierte Pflanze, die man mit bloßem Auge sowieso nicht als solche erkennen kann, lässt sich nicht mehr in ihren ursprünglichen Zustand zurückversetzen. Und weil sich die ländlichen Gemeinden technisch aufwendige Kontrollen nicht leisten können, setzen sich die gentechnisch veränderten Pflanzen allmählich immer mehr durch, ohne dass die Bevölkerung etwas davon mitbekommt. Benin will den Anbau von GVO noch weitere fünf Jahre aufschieben. Mali dagegen hat dem Druck nachgegeben und Feldversuchen mit Bt-Baumwolle zugestimmt.

Der diskreditierte Präsident als Musterschüler

Burkina Faso ist das schwächste Glied in der Kette: Sein langjähriger Staatspräsident Blaise Compaoré war zudem bemüht, seinen internationalen Ruf wiederherzustellen, der durch die Unterstützung des 2003 gestürzten liberianischen Präsidenten Charles Taylor gelitten hatte.3 So wurde Burkina Faso binnen weniger Jahre zum Musterschüler der Welthandelsorganisation (WTO). Der Abschluss mit Monsanto ist auch als politische Geste gegenüber den USA zu verstehen, und seit 2003 steht die Förderung von Bt-Baumwolle ganz oben auf der Agenda von Landwirtschaftsminister Salif Diallo.

Die Nationale Union der Baumwollproduzenten (UNPCB) war zunächst skeptisch, gab diese Haltung jedoch alsbald wieder auf, nachdem die Union mit 30 Prozent an der Firma Sofitex beteiligt wurde, der größten burkinischen Gesellschaft zu Baumwollverarbeitung. GVO-kritische Baumwollbauern gründeten daraufhin im Jahr 2003 die Nationale Gewerkschaft für Landwirtschaft und Viehhaltung (Syntap). „Wir haben nichts anderes als die Landwirtschaft“, sagt Ousmane Tiendrébéogo, einer ihrer Sprecher. „Niemand hat das Recht, russisches Roulette mit unserer Zukunft zu spielen.“

Es gibt in Burkina Faso drei baumwollverarbeitende Gesellschaften: die Sofitex im Westen, die Socoma im Osten und Faso Coton in der Landesmitte. Zu dritt bilden sie ein Monopol, das gemeinsam mit der UNPCB jedes Jahr den Baumwollpreis festlegt. Im Jahr 2008 lag der Kilopreis für Baumwolle erster Güteklasse bei 165 Francs CFA, das entspricht 0,25 Euro. Sie beliefern die Bauern auf Kredit mit Düngemitteln, Insektiziden und Herbiziden und holen die geerntete Baumwolle zur Verarbeitung in die Entkernungsfabrik ab.

Dieses aus der Kolonialzeit übernommene Betreuungssystem ist eine zweischneidige Sache, denn es lässt den Erzeugern kaum Entscheidungsfreiheit. Den Bauern gehören zwar die Parzellen, sie könnten also ohne Weiteres, wenn es sich nicht lohnt, den Anbau von Baumwolle zugunsten einer anderen Exportpflanze, zum Beispiel von Sesam4 , aufgeben. Tatsächlich aber sind sie Abhängige – weil sie sich verschulden müssen und weil sie von den Baumwollgesellschaften direkt beliefert werden.

Yezuma Do ist Baumwollproduzent: „Sie sind mit Leuten von den Behörden gekommen. Polizisten waren auch dabei. Und sie haben uns erzählt, dass wir nächstes Jahr alle Bt anbauen müssten. Das soll angeblich besser für uns sein. Was das Saatgut kosten wird, haben sie aber nicht gesagt. Die UNPCB hat klargemacht, dass wir unsere normale Baumwolle nirgends mehr in der Gegend entkernen lassen können, wenn wir nicht mitmachen.“ Yezuma Do ist das Kämpfen leid, und wie viele seiner Nachbarn überlegt er jetzt, den Baumwollanbau ganz aufzugeben.

Die UNPCB und die Baumwollgesellschaften haben sich inzwischen zu einem großen Berufsverband zusammengeschlossen (Association interprofessionnelle du coton au Burkina/AICB). In Kooperation mit den Wissenschaftlern überwacht der Verband die Ausbildung der Facharbeiter und Produzenten. Und er wird den Saatgutpreis für Bt-Baumwolle festlegen. Damit schließt sich der Kreis. Im Jahr 2008 wurde Bt-Baumwolle vom Typ Bollgard II auf einer Fläche von 12 000 Hektar angebaut. Nachdem die Nationale Biosicherheitsbehörde ANB deren kommerzielle Erzeugung für 2009 genehmigt hat, wurde daraus das Saatgut für 300 000 bis 400 000 Hektar Baumwolle gewonnen.

Die Produzenten bezahlten für das konventionelle Saatgut nur 900 Francs CFA (1,37 Euro) pro Hektar. Die Saatgut-Lizenzgebühren dagegen, die sie an Monsanto abführen müssen, werden vermutlich mehr als 30 000 Francs CFA (45 Euro) pro Hektar kosten.5 Doch ihnen wird versichert, dass der Saatgutpreis auch in Zukunft erschwinglich bleiben wird.

Inzwischen haben sich einige Erzeugerverbände zu einem Anti-GVO-Bündnis zusammengeschlossen, der Vereinigung zum Schutz des genetischen Erbes Afrikas (Copagen). Auch Initiativen aus den Nachbarländern Benin, Mali, Elfenbeinküste, Niger, Togo und Senegal gehören dem Bündnis an. Trotz ihrer begrenzten Finanzmittel hat die Copagen im Februar 2007 eine Informationskampagne in der Region organisiert, um die Bevölkerung über die Risiken der GVOs aufzuklären. Die Aktion endete in einer Protestdemonstration gegen die Partnerschaftsabkommen mit der EU (WPA)6 und den Anbau transgener Pflanzen in Ouagadougou: „Nein zum Diktat der Multis“, „Nur Bio-Anbau ist echter Umweltschutz“.

„Die da oben arbeiten offensichtlich nicht in unserem Interesse“, brachte ein Teilnehmer sein Anliegen auf den Punkt: „Wir brauchen sofort und überall Aufklärung über die GVO-Risiken. In Afrika darf es keine GVO geben.“

Die GVO-Befürworter finanzieren mit Unterstützung der Regierung Studien, Vor-Ort-Besuche und sogenannte Aufklärungsfilme. In den Hochglanzbroschüren von Monsanto wird zudem eine tolle Zukunft in Aussicht gestellt: Das transgene Bollgard-II-Saatgut soll eine durchschnittliche Ertragssteigerung um 45 Prozent, eine Verringerung der Pestizideinsätze von sechs auf zwei pro Saison und eine Kostenreduzierung um 62 Prozent bringen. Das würde, nach den Zahlen des burkinischen Instituts für Umwelt und landwirtschaftliche Forschung, eine Einsparung um 12 525 Francs CFA (20 Euro) pro Hektar und einen verbesserten Schutz von Gesundheit und Umwelt bedeuten.

Pestizide in rauen Mengen

Nun ist aber nichts so ungewiss wie der „durchschnittliche Ertrag“ in einem Land mit äußerst wechselhaften Niederschlägen. Wenn es nicht regnet, müssen die Bauern bis zu zwei- oder dreimal hintereinander aussäen. Solange das Saatgut billig ist, bedeutet das nur mehr Arbeit. Wenn aber die GVO-Saatgutlizenzen hinzukommen, wird es wesentlich teurer. Außerdem hat sich gezeigt, dass die genmanipulierte Wunderpflanze besonders empfindlich auf Dürre reagiert und während des Wachstums eingehen kann. Bei einem von EU-Vertretern moderierten Workshop legte man den Baumwollproduzenten nahe, sich „für alle Fälle“ mit ausreichend Schädlingsbekämpfungsmitteln zu bevorraten. Demnach scheint es alles andere als sicher zu sein, dass am Ende weniger Chemie gebraucht wird.

Zwei weitere Szenarien sind denkbar: das Heranwachsen genresistenter Raupenstämme innerhalb der nächsten vier bis fünf Jahre und das vermehrte Auftreten nicht zu bekämpfender sekundärer Schädlinge – Probleme, die in den USA und Indien bereits aufgetreten sind. Und als der Internationale Beratende Baumwollausschuss (CCIC)7 vom 17. bis 21. November 2008 in Ouagadougou tagte, wurde interessanterweise zwar über den spektakulären Erfolg der Bt-Baumwolle in Indien berichtet – regelmäßige Ertragssteigerungen in den letzten sechs Jahren –, doch kein Wort über die Selbstmordwelle unter den Kleinerzeugern verloren. Ihnen hatte man hohe Ertragschancen vorgegaukelt; die wesentlich geringer ausfallenden Ernten hatten tatsächlich viele in den Ruin getrieben.8

Über eine mögliche Kostenreduzierung lässt sich nur spekulieren, solange sich Monsanto über die Höhe der Saatgutlizenzen ausschweigt, die künftig neben Düngemitteln und Herbiziden bezahlt werden müssen. Selbst wenn man von höheren Erträgen ausgeht,9 wird die Gewinnsteigerung kaum die Mehrkosten ausgleichen können.

Das Argument, das für die Baumwollproduzenten am meisten zählt, bleibt die von Monsanto in Aussicht gestellte Verminderung des Einsatzes von Pestiziden. Das ist nachvollziehbar, denn während der Ausbringung von Pestiziden übernachten die Bauern oft mit ihrer ganzen Familie auf dem Feld und sind daher den Giftstoffen unmittelbar ausgesetzt.

Dabei gäbe es eine gesunde Alternative: ein natürliches Insektizid, das aus dem in Westafrika weit verbreiteten Neembaum gewonnen werden kann. Um den Wirkstoff zu isolieren, ist lediglich ein einfaches technisches Verfahren erforderlich, wie Versuche der Malischen Gesellschaft für Textilentwicklung auf Baumwollfeldern in Mali gezeigt haben.

Auch die Welternährungsorganisation FAO hat 2001 ein Projekt im Rahmen der „Förderung des Integrierten Pflanzenschutzes“ (IPM) gestartet, das den Einsatz von Pestiziden deutlich vermindern oder gänzlich vermeiden helfen sollte. Dieses IPM-Projekt ist allerdings über das Stadium von Pilotversuchen nie hinausgekommen. Außerdem, das erzählt der Baumwollproduzent Yezuma Do, führe sich die Nationale Union der Baumwollproduzenten bei den Bauern auf wie eine Miliz. „Sie steht auf der Seite der Sofitex, die uns die Düngemittel und Insektizide aufzwingt. Wir haben keine Chance, uns dagegen zu wehren.“

Eine Alternative zum GVO-Anbau ist zum Beispiel die biologische und fair gehandelte Baumwolle der privaten Entwicklungsorganisation Helvetas. In Mali hat Helvetas im Jahr 2002, in Burkina Faso 2004 mit dem Anbau begonnen. Kein Chemieeinsatz, kostenlose organische Düngung, beste Erntequalität. Der Boden wird nicht ausgelaugt, sondern kann sich regenerieren. Die Erzeuger erhalten 328 Francs CFA (0,50 Euro) pro Kilogramm Baumwolle gegenüber 165 Francs CFA (0,25 Euro) beim konventionellen Anbau.

Rund 5 000 burkinische Kleinproduzenten auf 7 000 Hektar Fläche in den drei Regionen West, Mitte und Ost gehören bereits zum Helvetas-Netzwerk. Doch Monsanto und die hinter dem Konzern stehenden internationalen Finanzinstitutionen behindern das Projekt mit allen Mitteln. Und dann gibt es noch ein sehr banales Transportproblem: Für die Ausbringung des organischen Düngers werden Esel und Karren benötigt. Die wenigsten Bauern besitzen diese Hilfsmittel.

Abdoulaye Ouedraogo, bei Helvetas-Burkina zuständig für den Bereich Baumwolle, erklärt: „Hier hat der GVO-Anbau keine Zukunft. Erstens wegen des Klimas. Und zweitens, weil die Kleinbauern die Auflagen niemals erfüllen können. Sie müssen zunächst einmal ihre Familien satt kriegen. Dann erst kommt die Baumwolle. Das ist nicht wie in den USA mit ihren Monokulturen, so weit das Auge reicht.“

Dass der GVO-Anbau so massiv vorangetrieben wird, kann allerdings nicht allein den multinationalen Konzernen in die Schuhe geschoben werden, sondern hat auch mit der Gier einer privilegierten Klasse zu tun, die in Kauf nimmt, dass ihr eigenes Land ruiniert wird.

Fußnoten: 1 Bt-Baumwolle ist durch ein Gen für das Gift der Bakterienart Bacillus thuringiensis (Bt) gegen verschiedene Schädlinge resistent. 2 Agent Orange ist ein dioxinhaltiges Herbizid, das die US-Armee im Vietnamkrieg zur Entlaubung einsetzte; Roundup ist eine Serienbezeichnung bei Monsanto für hochtoxische Totalherbizide. 3 Charles Taylor, Expräsident von Liberia, steht seit Juni 2007 in Den Haag wegen Kriegsverbrechen vor Gericht. Compaoré soll Taylor während des Bürgerkriegs mit Waffen- und Diamantenschmuggel unterstützt haben. 4 Eine italienische Firma hatte ein für die Erzeuger sehr günstiges Exportprogramm aufgelegt. Aus Angst vor der Konkurrenz sorgten die Behörden dafür, dass das Programm scheiterte. 5 Vgl. die Website der NGO Grain: www.grain.org. 6 Wirtschaftspartnerschaftsabkommen, mit denen die EU versucht, den Freihandel mit den Ländern des Südens weiterzuentwickeln. Wegen heftiger Proteste von Bürgerinitiativen und Verbänden wurden die im Jahr 2000 begonnenen Verhandlungen nicht in allen Ländern weitergeführt. Vgl. www.stopepa.de. 7 Jährliches Treffen der größten Baumwollproduzenten und ihrer Partner. Ihre Prognose für 2009 ist pessimistisch. 8 Siehe Palagummi Sainath, „Böse Saat in Andra Pradesh“, Le Monde diplomatique, Januar 2008. 9 Salif Diallo versprach Erträge von 3 bis 3,5 Tonnen pro Hektar. Die erfolgreichsten Versuche mit GVO-Baumwolle erbrachten im Schnitt nur 1,3 Tonnen.

Aus dem Französischen von Veronika Kabis

Françoise Gérard ist Journalistin in Ouagadougou.

Le Monde diplomatique vom 13.02.2009, von Françoise Gérard