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Verflucht sei das Erdöl

Nigeria ist verschmutzt, korrupt und zersplittert von Nicholas Shaxson

Ältere Nigerianer erinnern sich noch an die ersten Jahre nach der Unabhängigkeit 1960. „Damals hatten wir noch einen anständigen öffentlichen Dienst, den hatten wir von den Briten geerbt“, erzählt Philip Asiodu, der lange Jahre der höchste Beamte im Ölministerium war. „Es funktionierte alles ganz gut. Die Spielregeln wurden eingehalten, die schamlose Korruption und Zerstörung von heute gab es nicht. Klar, man wusste auch von Leuten, die 5 oder 10 Prozent kassierten, zwei, drei Minister in jeder Partei: die Geldbeschaffer, die aber in der Regel nicht in die eigene Tasche wirtschafteten. Auch sie wollten, dass Nigeria ordentlich regiert wird. Und die 5 oder 10 Prozent waren für die Programme nicht entscheidend, die Autorität der Beamten hat darunter nicht gelitten.“

Solche Rückblicke mögen zu rosig gefärbt sein, und dennoch: Von einem Autor wie Karl Maier erfahren wir, wie tief Nigeria seit den 1960er-Jahren gefallen ist – 40 Jahre und 400 Milliarden Dollar Öleinnahmen später. In seinem Buch „This House has Fallen“ schrieb Maier bereits 1999: „Die Nigerianer leben wie in einem kriminell geführten Unternehmen, dessen Bosse sich mitsamt Knarren im Firmensafe verschanzt haben.“1 Heute würden viele Nigerianer sagen, dass es in den letzten zehn Jahren weiter bergab gegangen ist.

In Nigeria werden unglaubliche Mengen Rohöl unterschlagen: in einer Größenordnung von 100 000 Barrel pro Tag, hört man häufig, aber die meisten Experten halten das noch für untertrieben. Ein Teil der Erlöse aus dem abgezweigten Öl landet bei den militanten Gruppen, die mit ihren Anschlägen im Nigerdelta jedes Mal den Nachschub für den Weltmarkt ins Stocken bringen. Ein weit größerer Teil dürfte in das politische System des Landes fließen – und die dominierenden Parteien und Fraktionen schmieren – sowie in den Steueroasen dieser Welt und in der Londoner City versickern.

Wie konnte es so weit kommen? Um das zu verstehen, müssen wir uns genauer ansehen, was das heutige Nigeria vor allem kennzeichnet: das Erdöl. Das schwarze Gold macht 95 Prozent der nigerianischen Exporte aus. 2008 kamen 10 Prozent des in die USA importierten Öls aus Nigeria. Konservativen Schätzungen zufolge verfügt das Land über Rohölreserven von 35 Milliarden Barrel. Rechnet man das mit dem aktuellen Barrelpreis von knapp 45 Dollar hoch, begreift man schnell, warum Politiker, Thinktanks und Militärs in aller Welt diesem unruhigen Staat so viel Aufmerksamkeit schenken. Zumal dort auch noch größere Erdgasvorkommen vermutet werden.

Nigeria hat 200 bis 300 ethnische Gruppen und an die 130 Millionen Einwohner, was einem Sechstel der afrikanischen Bevölkerung entspricht. Etwa 50 Prozent sind Muslime (ihre Zahl ist damit größer als in jedem arabischen Land außer Ägypten), die anderen 50 Prozent setzen sich zu etwa gleichen Teilen aus Christen und Anhängern afrikanischer Religionen zusammen. Der in Kenia geborene Professor Ali Mazrui2 schildert Nigeria als ein riesiges Laboratorium, einen Schmelztiegel dreier großer Traditionen: der westlichen, der islamischen und der afrikanischen Kultur.

Während des ersten Ölbooms der 1970er-Jahre boomte in Nigeria auch der Optimismus. Damals prophezeite Präsident Olusegun Obasanjo – ein Generalstabsoffizier, der später noch einmal für zwei Amtszeiten (1999 bis 2007) wiedergewählt wurde –, Nigeria werde „bis zum Ende des Jahrhunderts zu den zehn führenden Staaten der Welt gehören“. Daraus wurde natürlich nichts. 2002 begann ein zweiter Ölboom, der Mitte 2008 seinen Höhepunkt erreichte, als der Barrelpreis vorübergehend auf knapp 150 Dollar kletterte, um dann jäh in den Keller zu stürzen.

Der Musiker Fela Kuti hat in meinen Augen die beste Seite dieses Landes verkörpert: den unbedingten Durchhaltewillen, obwohl man von einer Krise in die nächste schliddert. Die Nigerianer kommen mir manchmal vor wie die Yankees von Afrika. Sie sind massiger und lauter, und sie treten protziger auf als andere Afrikaner (auch die Reichen sind hier ganz besonders reich). Genauso laut und protzig war auch Fela. Außerdem war er ein Sex-Maniac, der behauptete, er brauche mindestens zwei Frauen am Tag. Irgendwann hat er in einer einzigen Hochzeitszeremonie alle seine 27 Tänzerinnen geheiratet. „Kokain ich aufgehört, als ich höre, man sagt, dass danach Schwanz tot“, meinte er einmal im Pidgin-Englisch seiner Heimatstadt Lagos.

Natürlich waren nicht alle begeistert von Fela. Frauen bezeichnete er als „Matratzen“, Kondome lehnte er als unafrikanisch ab. Aber er legte sich auch mit der Obrigkeit an und wurde unzählige Male verprügelt, schikaniert, ins Gefängnis geworfen. Ein paar Tage nachdem Fela bei einem Musikfestival über Präsident Obasanjo hergezogen war, tauchten hunderte von Soldaten auf seinem Anwesen auf, schlugen mit Gewehrkolben den Männern zwischen die Beine, zerrten die Frauen nackt in Armeebaracken, wo sie mit Flaschen vergewaltigt wurden. Anschließend wurde das ganze Gelände niedergebrannt. Fela selbst wurde von den Soldaten an den Genitalien herausgezerrt und erlitt einen Schädelbruch. Sein Bruder Beko saß danach monatelang im Rollstuhl. Felas 78-jährige Mutter wurde aus dem Fenster gestoßen und so schwer verletzt, dass sie wenig später starb. In seinem Song „Coffin for Head of State“ beschreibt Fela, wie er den Sarg seiner Mutter zur Kaserne von Dodan brachte und versuchte, ihn Obasanjo zu übergeben: „Wir kommen ans Tor, wir setzen den Sarg ab. Obasanjo ist da, mit seinem dicken fetten Bauch, aber er will ihn nicht nehmen.“

Als Fela 1997 an Aids starb, trauerten auf den Straßen von Lagos eine Million Menschen. Sie alle verehrten seinen unbeugsamen Willen, auch in den schwierigsten Situationen nicht aufzugeben. Das ist der Geist, der Nigeria unzählige Krisen überstehen ließ.

Wie der Fluss der Petrodollars zum Strom wurde

Seit dem Biafrakrieg (1967 bis 1970), in dem mindestens eine Million Menschen starben, haben Beobachter immer wieder das Auseinanderbrechen dieses widerborstigen Landes prophezeit. Tatsächlich taumelt Nigeria seit langem ständig am Rand des Abgrunds entlang, aber zerbrochen ist es nicht – noch nicht. Eine entscheidende Rolle spielt dabei das Öl mit seiner unseligen Doppelwirkung: Einerseits treibt es die Nigerianer auseinander, weil sie sich um die Erträge streiten. Andererseits hält es sie zusammen, weil sie alle versuchen, ihre Verbindung zu der im Öl schwimmende Zentralregierung aufrechtzuerhalten.

Zu Beginn der 1970er-Jahre kamen mehrere Faktoren zusammen, die Nigerias Öleinnahmen in ungeahnte Höhen katapultierten. Im Gefühl ihres militärischen Siegs im Biafrakrieg, erbittert über die Unterstützung des Westens für das südafrikanische Apartheid-Regime, verblüfft über die Demütigung der Supermacht USA in Vietnam und beeindruckt vom Beispiel Iran, der den ausländischen Konzernen die Kontrolle über seine Ölindustrie entwinden konnte, gewann die nigerianische Führung immer mehr an Selbstbewusstsein. Sie sah die Zeit gekommen, sich gegen die „Seven Sisters“ aufzulehnen, die arroganten, im Hintergrund agierenden Ölmultis, die damals den Weltenergiemarkt kontrollierten.

Nigeria trieb den Ölpreis für die Sisters in die Höhe und setzte auch die Steuern herauf. Dann mussten sich die westlichen Konzerne als nigerianische Unternehmen registrieren lassen, womit sie der einheimischen Rechtsprechung unterworfen waren. Der nigerianische Staat verschaffte sich einen 60-prozentigen Anteil an mehreren großen Explorations- und Fördervorhaben. Die Ölproduktion ging steil in die Höhe. Von 1968 bis 1971 verzehnfachte sich die Tagesförderung von 150 000 auf 1,5 Millionen Barrel, 1973 war sie bei den auch derzeit üblichen 2 Millionen Barrel täglich angelangt. Der Petrodollar-Fluss wurde zum Strom. Und mit dem Jom-Kippur-Krieg und dem Opec-Embargo, das den ersten Ölpreisschock auslöste, wuchs der Strom zur Flut. Zwischen 1970 und 1980 stiegen die jährlichen Exporteinnahmen des Landes von einer auf 26 Milliarden Dollar. Seitdem ist nichts, wie es war.

Viele Leute, vor allem auf der Linken, sehen die westlichen Ölkonzerne als Agenten des Imperialismus, deren Zentralen in London, Paris oder Washington den schwachen afrikanischen Staaten ihre Bedingungen diktieren. Vor einiger Zeit war das auch der Fall, und bis heute gilt, dass kleinere und weniger erfahrene Ölförderländer wie Tschad oder São Tomé und Príncipe den Ölmultis stärker ausgeliefert sind. Nigeria jedoch hat seit der Zeit, als die Opec die Muskeln spielen ließ, die Machtverhältnisse umgedreht (wie übrigens auch Angola). Ich habe vor neun Jahren mit eigenen Augen gesehen, wie einem westlichen Ölmanager vor Angst die Hände zitterten, als er den Bossen der angolanischen Sonangol transparentere Zahlen zu entlocken versuchte.

Der Machtpoker um das nigerianische Öl spielt für drei Gruppen eine wichtige Rolle: die Regierungen, die Ölkonzerne und die einfachen Bürger. Dass Letztere von dem Geldsegen profitiert hätten, lässt sich bislang kaum behaupten. Nach den Zahlen der Weltbank liegt das Pro-Kopf-Einkommen Nigerias unter dem Durchschnitt der afrikanischen Länder.

Der große nigerianische Autor Chinua Achebe hat eine Metapher geprägt, die Nigerias Probleme ziemlich gut veranschaulicht. Das Land, sein Klima, der Charakter seiner Menschen – das alles sei keine Besonderheit, aber dann benennt er den Kern der Misere. Das sei wie bei einer Warteschlange am Schalter: „Ein normaler, vernünftiger Mensch wartet, bis er drankommt, wenn er sicher sein kann, dass für jeden was da ist; andernfalls wird er versuchen, sich vorzudrängeln.“3

Nigeria ist so etwas wie diese Warteschlange. Eine funktionierende Schlange besteht im Grunde aus zwei Schlangen: Die eine existiert real, die andere im Kopf. Wenn die wirkliche Schlange sich auflöst (sagen wir beim Einsatz eines Wasserwerfers), die im Kopf aber bestehen bleibt, wird sich die Ordnung bald wieder herstellen. Auf diese Weise können sich stabile Länder von einem ökonomischen Schock oder von terroristischen Attentaten erholen. Wenn hingegen die Schlange im Kopf sich auflöst, wenn also zum Beispiel jemand sich massiv vordrängelt, wird damit das Vertrauen in die Ordnung untergraben. Wenn dieses Vertrauen einmal gänzlich zerstört und zugleich die Menge groß genug ist, lässt sich die Warteschlange nur sehr schwer wieder aufbauen, selbst wenn man die Leute anschreit oder ihnen mit der Peitsche droht. Hinzu kommt, dass in Nigeria diejenigen, die für die Wiederherstellung der Ordnung verantwortlich sind – Polizei, Justiz et cetera – selbst um ihren Platz in der Schlange kämpfen.

Man kann das Bild noch ausbauen. Nehmen wir an, die Schlange bestünde aus Amerikanern, Franzosen, Briten, Chinesen usw., so wie Nigeria aus Yoruba, Hausa, Igbo, Ijaw und vielen anderen Ethnien besteht. Das Drängeln wird dann noch schlimmere Formen annehmen, vor allem aber werden alle denken, dass die meisten Drängler zu der Gruppe gehören, die sie sowieso nicht leiden können. Somit wird das Vertrauen in die Schlange noch schneller untergraben und der Hass auf die andere Gruppe noch ein bisschen größer. Nehmen wir weiter an, dass einer für die ganze Familie ansteht und dass knappe Nahrungsmittel verteilt werden. Der wird dann noch aggressiver drängeln.

Und natürlich haben die stärksten und gerissensten Typen die beste Chance, ganz vorn zu landen. Am Ende haben wir das, was der Schriftsteller Wole Soyinka einmal – nach den Wahlen von 1999 – als „pandemische Prostitution“ bezeichnet hat. Ein Taxifahrer hat mir einmal gesagt: „Der Dreck setzt sich oben ab.“ Wo ungeregeltes Gedränge herrscht, schaffen es oft die korruptesten und brutalsten Elemente nach ganz oben.

Die Analogie zu einer Warteschlange erklärt und erhellt den Gegensatz zwischen der außergewöhnlichen Gastfreundlichkeit und überwältigenden, oft fast beschämenden Großzügigkeit, die einem so häufig in afrikanischen Häusern begegnet, und der unfassbaren, egoistischen Bestechlichkeit vieler afrikanischer Politiker.

Wenn dann noch das Öl hinzukommt und 95 Prozent der Exporte sowie mindestens 80 Prozent der Staatseinnahmen ausmacht, dann setzt sich in der Politik unweigerlich die Logik der chaotischen Schlange durch: Um an die Fleischtöpfe zu kommen, kämpft jeder gegen jeden. Die Ordnung bricht in sich zusammen, und die Herrschenden verteilen die Ressourcen nach unten – im Tausch gegen politische Unterstützung. Damit entstehen vertikale Loyalitätsbeziehungen, während die Untertanen – unter Einsatz der Ellbogen und allerlei anderer Beeinflussungsmethoden – um den Zugang zu den Ressourcen konkurrieren.

Doch dieser Kampf ist ein Nullsummenspiel. Was die eine Fraktion oder Region gewinnt, verliert die andere. Hier liegt – wenn ich mir diese schematische Vereinfachung erlauben darf – ein Unterschied zu mehr oder weniger „normalen“ Industrieländern wie Schweden oder Taiwan, oder zu vorwiegend agrarischen Staaten, in denen die Güter weitgehend dezentral erzeugt werden und wo die Bürger vor allem über den Handel miteinander kooperieren und dadurch so etwas wie „Wohlstand für alle“ entsteht. Solche horizontalen Kooperationsbeziehungen sorgen in der Regel dafür, dass der politische und gesellschaftliche Zerfall nicht verschärft, sondern ein sozialer Zusammenhalt bewahrt wird.

Chaos und Gedrängel kann man in Nigeria überall beobachten. In Warteschlangen kommt es regelmäßig zu Raufereien; Autofahrer erzwingen sich die Vorfahrt und blockieren die anderen Verkehrsteilnehmer; dieselben Leute, die ihren eigenen Haushalt peinlich sauber halten, werfen ihren Müll einfach auf die Straße – der Mangel an gegenseitigem Respekt und Vertrauen in die Gesellschaft als Ganze kommt in vielen Verhaltensweisen zum Ausdruck. Und die Politiker gehen davon aus, dass alles, was sie nicht selbst an sich raffen, übleren Burschen in die Hände fallen wird.

Wirklich zur Kenntnis genommen und untersucht wurde das nigerianische Paradox von Armut inmitten großen Reichtums erstmals Mitte der 1990er-Jahre, als der Ölboom der 1970er-Jahre und die anschließende Ernüchterung das Problem auf neue Weise sichtbar gemacht hatte. Auf der ökonomischen Ebene haben wir das Phänomen der „holländischen Krankheit“: Der enorme Geldzufluss aus den Ölexporten treibt die lokalen Preise in die Höhe, was die Folge einer härteren Währung oder einer Binneninflation oder von beidem ist. Angesichts der steigenden Preise wird es für die Landwirtschaft oder auch die Industrie schwerer, sich gegen Importprodukte zu behaupten, die wegen des höheren Wechselkurses immer billiger werden.

Diese Krankheit traf Nigeria mit voller Wucht. Bis zum Ölboom war das Land der weltweit zweitgrößte Kakaoproduzent und bestritt drei Viertel seiner Exporte mit Agrarprodukten. Zwischen 1975 und 1978 schrumpfte die landwirtschaftlich genutzte Fläche um 60 Prozent. Fast genauso stark sank die Produktion der wichtigsten Nahrungsmittelpflanzen, was zig Millionen Menschen in Armut versinken ließ – ein klassischer Beweis für den „missgünstigen“ Charakter des Erdöls, das andere Sektoren verdrängt und vernichtet.

Das zweite Problem liegt darin, dass die volatilen Ölpreise die öffentlichen Haushalte und die gesamte Wirtschaftsentwicklung unberechenbar machen. In guten Zeiten die Staatsausgaben zu erhöhen, ist einfach, viel schwerer hingegen, sie in schlechten Zeiten wieder zurückzufahren. Während des Ölbooms hatte Nigeria riesige Kreditsummen aufgenommen, die das Land dann, als der Crash kam, nicht mehr zurückzahlen konnte. Die Schulden und mit ihnen der Schuldendienst wuchsen immer weiter. In dem Maße, in dem die Staatsausgaben zurückgingen, gerieten die rivalisierenden Fraktionen aneinander, weil jede sich auf Kosten der anderen – und der langfristigen gesamtwirtschaftlichen Entwicklung – bereichern wollte. Dabei konnten sich die mächtigsten Gruppen ihre Einkommensquellen erhalten, während die Bevölkerung das Nachsehen hatte. Es war eine schreckliche Zeit.

Jede ethnische Enklave fordert ihren Anteil an den Öleinnahmen

Man hat aus den Fehlern offenbar gelernt. Präsident Obasanjo übernahm ein Prinzip, das die Technokraten des Internationalen Währungsfonds (IWF) ein „auf Öl basierendes Haushaltsregime“ (oil-based fiscal rule) nennen: Jeder Dollar, den der Staat einnimmt, weil der Ölpreis höher ist als in der Budgetplanung angenommen, soll nicht ausgegeben, sondern zurückgelegt werden. Nach dieser Regelung, für deren Einhaltung ein starkes wirtschaftspolitisches Team sorgte, konnte Nigeria einen Großteil seiner Auslandsschulden zurückzahlen4 und die dank hoher Ölpreise erzielten Extraprofite ansparen.

Das schwierigste Problem ist jedoch der berühmte „Fluch der Ressourcen“ und damit die Tatsache, dass sich Rohstoffressourcen auf die politischen Verhältnisse, auf das Regierungssystem und auf die Korruption auswirken. Bislang gibt es dafür zwar keine gute Lösung, wohl aber ein modisches Zauberwort: Transparenz. Die von Obasanjo einberufene Reformergruppe versuchte immerhin, das Problem anzugehen, insbesondere indem sie den Anstoß zu der weltweiten „Extractive Industries Transparency Initiative“ gab. Diese Initiative soll speziell im Bereich der Ölförderung für mehr Transparenz sorgen und – theoretisch – den Bürgern ermöglichen, „ihre Regierungen zur Rechenschaft zu ziehen“. In Nigeria führte die Initiative zu einer intensiven Durchleuchtung des Ölsektors, bei der mehr Details denn je sichtbar wurden. Doch selbst das lässt sich kaum als Erfolg bezeichnen.

Hier hilft wieder das Bild von der Warteschlange. Transparenz des Ölsektors bedeutet, dass die Millionen machtlosen Bürger am Ende der Schlange erkennen können, was die Leute an der Spitze tun und bekommen. Aber mehr Einfluss haben sie damit noch längst nicht.

Als die amerikanischen Revolutionäre sich gegen die Kolonialmacht England erhoben, lautete ihre wichtigste Parole: „No taxation without representation“ – Steuern werden nur bezahlt, wenn die Leute das Gefühl haben, dass sie dafür politische Mitspracherechte bekommen. Doch in Nigeria sind die Herrscher nicht mehr auf Steuergelder angewiesen, sie haben ja die Ölmilliarden. Die Folge ist, dass Millionen Nigerianer politisch nicht vorkommen.

Auf einer meiner Reisen durch das Nigerdelta kam ich einmal in einen Ort namens Imiringi, dessen Bewohner mehrheitlich zum Volk der Ijaw gehören. Ein älterer Mann mit weißen Stoppelhaaren und triefenden Augen, der mit zerlumpten Hosen und Plastiklatschen an den Füßen unter einem Wellblechdach saß, bot mir einen alten Holzstuhl an. Neben mir saß ein örtlicher Ijaw-Häuptling, auf dem Kopf eine Baseballmütze, um den Hals eine Perlenkette. Kaum saß ich, begannen die beiden mir ihre Klagen vorzutragen: „Es gibt hier keine Nacht mehr. Nie wird es dunkel. Das ständig flackernde Licht vertreibt die Tiere.“

In dieser Gegend wird bei der Ölförderung mehr Gas abgefackelt als irgendwo sonst in der Welt. Das Nigerdelta produziert mehr Treibhausemissionen als alle Länder des subsaharischen Afrika zusammen. „Unsere Ernten verdorren“, klagte der Häuptling weiter, „unsere Bananen und unsere Yamswurzeln werden nicht richtig groß; die Palmkerne geben kein Öl mehr her. Junge Leute werden schon ganz früh blind oder bekommen Hautkrankheiten. Seit zehn Jahren gibt es in unseren Flüssen keine Fische mehr.“

Dann erzählte er eine lange, verwickelte Geschichte von einem Streit mit einem Nachbardorf über ein Stück Land, auf dem die Shell-Leute Öl gefunden hatten. Er erzählte von allen möglichen Konflikten: über die Arbeitsplätze, die Shell versprochen, aber nicht geschaffen hat; über ein Bauvorhaben, das Shell einem verhassten Major der Armee verschafft hat, der zwei Jahre zuvor einen mörderischen Überfall auf mehrere Dörfer im Delta angeführt hatte.

In einem Wohnzimmer mit schäbigem Sofa, kleinem Fernseher und einer Vitrine voller Bücher saßen mehrere Typen mit muskulösen Nacken und löchrigen T-Shirts, die Beine über die Stuhllehnen gehängt. Sie boten mir Schnaps und eine weitere bittere Geschichte: Shell hatte versprochen, 51 von ihnen als Wachpersonal einzustellen und drei umliegenden Dörfern Bargeld zu geben, plus ein bisschen Extra für die Häuptlinge. Als die jungen Leute zu ihrer Arbeit antraten, tauchte plötzlich ein verrufener lokaler Häuptling mit seinen eigenen Wächtern auf und eröffnete das Feuer. Drei Männer wurden verwundet, aber die Gerichte tun nichts. Und heute hat dieser Häuptling das protzigste Haus im ganzen Dorf. Die Typen gerieten sich in die Haare über die Frage, wer was hätte bekommen sollen; sie wollten, dass Shell mehr Jobs in Imiringi schafft als in den Nachbardörfern; es passte ihnen nicht, dass Shell Igbo und Yoruba einstellte; sie wollten sauberes Wasser und ordentliche Straßen.

„Die Revolution ist nicht zu Ende“, skandierten sie und reckten die Fäuste, „wir verlangen Selbstbestimmung für die Ijaws und volle Kontrolle über die Bodenschätze.“ Doch wussten sie gar nicht genau, wie die Einnahmen zwischen den Einzelstaaten und der Zentralregierung verteilt sind oder was man wie am besten aufteilen sollte. „Shell muss mit den Ijaw verhandeln“, meinte einer, „sie sollen eine Entwicklungskommission für die Ijaw bilden, mit einem Ijaw an der Spitze.“ Wieder das alte Nullsummenspiel: Die einen wollen mehr, damit kriegen die anderen weniger ab.

Je erbitterter die Bürger dieses ethnisch und religiös zerrissenen Landes um ihren Anteil aus den Öleinnahmen kämpfen, desto stärker ziehen sie sich auf ihre ethnischen Enklaven zurück. Dieselbe Zersplitterung der Ansprüche findet auch in der Regierung statt – und ist der eigentliche Kern der Korruption. Natürlich ist das Öl nicht die einzige Ursache für den Zerfall Nigerias, aber es treibt diesen Prozess an. Im Kampf um die Öleinnahmen verschärfen sich die ethnischen, religiösen und sonstigen Spannungen, womit der soziale Kitt, der die Nigerianer zusammenhält, seine Bindungskraft verliert.

Unter diesem Druck zerfallen die politischen Einheiten immer weiter. Nigeria hatte 1960, zum Zeitpunkt seiner Unabhängigkeit, drei Bundesstaaten, aus denen zunächst vier und bis 1967 zwölf wurden. Heute sind es 36 Bundesstaaten. In jedem neu gebildeten Teilstaat gab es wiederum Minderheiten, die das Gefühl hatten, dass die herrschende Gruppe sich das Geld unter den Nagel riss, weshalb sie ihren eigenen Staat forderten. Jede neugezogene Grenze schuf neue Konstellationen von Minderheiten, so dass die Auseinandersetzungen weitergingen, nur eben jeweils mit noch mehr und noch kleineren Konfliktparteien. Wenn man in einem politischen System alte Hassgefühle anheizen will, gibt es kaum eine bessere Methode, als große Mengen Petrodollars hineinzuschütten.

Anders als etwa in Angola oder Gabun, wo das Öl vor allem off-shore gefördert wird und die Korruption sich – öffentlich unsichtbar – innerhalb des jeweiligen Ölministeriums abspielt, sprudeln die Ölquellen im Nigerdelta in der Nähe von Städten und Dörfern, in denen fast 20 Millionen Menschen leben – und diese erfassen die Dynamik der Ölstreitigkeiten intuitiv viel besser als in anderen afrikanischen Ölförderländern. Im malariaverseuchten Nigerdelta lässt sich vermutlich besser als irgendwo sonst auf der Welt studieren, wie das Öl die Grundlagen des Zusammenlebens in einer Gesellschaft zersetzt und zerstört.

„Shell ist inzwischen ein wesentlicher Faktor des Konflikts im Nigerdelta“, wird in dem Bericht eingeräumt, den ein Berater des Ölkonzerns im Dezember 2003 abgeliefert hat. Die Gewalt habe bereits Ausmaße wie etwa in Kolumbien oder Tschetschenien erreicht. Und auch der Ölmulti Chevron gibt zu, dass seine Finanzhilfen für die lokalen Gemeinschaften nicht nur „unangemessen und teuer“ sind, sondern auch die Streitigkeiten anheizen: „Es gibt viele Belege dafür, dass die Verteilung von mehr Geld an die Gemeinschaften den Konflikt verschärfen dürfte.“

Um finanzielle Ansprüche bei den Ölgesellschaften anmelden zu können, müssen die einzelnen Gemeinschaften nachweisen, dass sie „echte Indigene“ sind. Aber wer ist Mitglied, und vor allem: Wer ist Anführer dieser „gastgebenden Gemeinschaften“, auf deren Gebiet Öl gefördert wird? Um diese Frage ging es auch, als in der Ölstadt Warri 1998 blutige Kämpfe ausbrachen. Damals erklärte ein Häuptling der Urhobo gegenüber Vertretern von Human Rights Watch: „Wenn das Land hier den Itsekiri gehört, dann werden wir damit auf einmal zu Sklaven auf unserem eigenen Land. Die Leute werden sich an den Rand gedrängt fühlen, und da greift eben zum Gewehr – nur um zu zeigen, dass man noch lebt.“

Das Gezerre um das Geld beginnt auf der Ebene der Provinzregierungen, aber der zersetzende Charakter des Öls frisst sich nach unten durch, bis zu den einzelnen ethnischen Gemeinschaften und weiter auf die Dorfebene, wo eine Gemeinde gegen die andere, eine Familie gegen die andere und sogar der Bruder gegen die Schwester kämpft. Der nächste Präsident muss aus dem Osten sein! heißt es dann. Der Finanzminister sollte aus dem Norden stammen! Der nächste Gouverneur muss ein Ijaw sein! Der Unternehmer, der diese Brücke baut, muss aus meinem Dorf sein! Es ist ein Kampf aller gegen alle um die Verteilung des Kuchens, der aus Öl gebacken ist. Wenn Ijaw, Ogoni, Itsekiri und all die anderen sich lauthals auf ihre ethnische Identität berufen, um ein Stück Land zu beanspruchen, verkümmert die Vorstellung, dass alle doch auch Nigerianer sind. „Wir sind keine Staatsbürger mehr“, lamentiert ein Journalist, der sich zu den Ogoni zählt, über einem Bier in einem Hotel in Port Harcourt. „Wir enden in der Anarchie, in der es keinen Staat mehr gibt.“

Der Rückzug ins Stammesdenken nährt die legendäre nigerianische Korruption. Als der Gouverneur des ölreichen Teilstaats Bayelsa 2005 in London unter dem Verdacht der Geldwäsche verhaftet wurde, hatten seine Anhänger gar nichts dagegen, dass er ihr Geld beiseite geschafft hatte, vielmehr bejubelten sie ihn als einen Sohn der Erde. „Sie setzen eben auf die ethnische Karte“, meinte damals Nkoyo Toyo, ein Aktivist aus Lagos, „aber wer das tut, setzt allzu oft zugleich auf die Korruption.“

Heute klagen viele, dass es keinen mehr wie Fela gibt: einen begeisternden Aktivisten, dessen Worte oder Lieder direkt aus dem Herzen kommen. Es gibt immer noch viele gute politische Köpfe in Nigeria, und man kann sie nur bewundern für ihren Mut und ihre Unbeugsamkeit. Aber am Ende sind auch sie verstrickt in ein durch und durch korruptes System, in dem die Politik zur Farce verkommen ist.

Fußnoten: 1 Karl Maier, „This House Has Fallen: Midnight in Nigeria“, New York (Basic Books) 2003. 2 Der in Oxford ausgebildete Ali Mazrui ist heute Direktor des Institute of Global Culture Studies an der State University of New York in Binghamton und lehrt auch an der University Jos in Nigeria. 3 Chinua Achebe, „The Trouble with Nigeria“, Oxford (Heinemann) 1983, S. 24. 4 Im Frühjahr 2005 wurde mit dem „Pariser Club“ der internationalen Gläubiger ein Erlass von rund 60 Prozent der 30 Milliarden Dollar Auslandsschulden ausgehandelt. Aus dem Englischen von Niels Kadritzke Nicholas Shaxson ist Wissenschaftler bei Chatham House in London und Autor des Buchs „Poisoned Wells: The Dirty Politics of African Oil“, New York und Houndmills (Palgrave Machmillan) 2007, an das sich dieser Text anlehnt. © Le Monde diplomatique, Berlin

Le Monde diplomatique vom 13.03.2009,